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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 15. April 2013


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Armut: Was sie ist und wie sie ideologisch verarbeitet wird

Armut – es gibt sie, und zwar in einem Umfang, der die Bundesregierung dazu bewegt, regelmäßig einen so genannten „Armutsbericht“ vorzulegen. Gleichzeitig brummt die schöne deutsche Marktwirtschaft und legt seit der Krise von neulich eine jährliche Steigerung der Exportüberschüsse, der Staatseinnahmen und des DAX nach der anderen hin. Es ist also offensichtlich: Die Nation ist reich – und das verträgt sich bestens mit massenhafter Armut in ihr. Aber nicht nur das. Es wird einem auch mitgeteilt, dass es für diesen Reichtum die Armut, sogar eine zunehmende, braucht:

–  Wenn nämlich immer wieder darauf verwiesen wird, dass Deutschland die Krise deswegen so prächtig überstanden hat, weil es sich früh eine Armuts-Verordnungs-Gesetzgebung, auch Hartz-Gesetze genannt, zugelegt hat, die zielstrebig zu einer Senkung des nationalen Lohnniveaus geführt hat;

–  wenn das den anderen Nationen als leuchtendes Vorbild vorgehalten wird, denen also ganz verblümt gesagt wird, dass sie ohne den Kampf gegen den Lebensunterhalt ihrer nationalen Arbeitermannschaft im Kampf gegen andere Nationen keine Chance haben,

dann ist das doch geradezu ein Bekenntnis dazu, dass Armut zu dieser Gesellschaft dazu gehört und Mittel erfolgreicher Reichtumsproduktion ist. Und nebenbei ist damit auch klargestellt, dass es nicht auf die Produktion nützlicher Güter für eine möglichst gelungene Versorgung aller ankommt. Dafür wäre das Lohnsenken wirklich ein schlechter Weg.

Dass der Kapitalismus zugleich eine Reichtums- und eine Armutsproduktionsmaschine ist und dass das untrennbar zusammengehört, dass Armut also das Allernormalste ist, das will diese Gesellschaft in Gestalt ihrer politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Anführer nicht auf sich sitzen lassen. Nicht zu Unrecht befürchten sie wohl, dass ein offenes „Ja klar, Armut braucht es, weil sonst der ganze Laden nicht geht“, nicht gerade motivierend wäre. Motivierend dafür, sich in der Marktwirtschaft, die doch angeblich für jeden eine einzigartige und unübertreffliche Voraussetzung und Möglichkeit ist, sein Leben zu gestalten, weiterhin bewähren zu wollen. Armut als vermeidbarer Unglücksfall – wenn's denn sein muss. Die ideologische Herausforderung, die es zu meistern gilt, lautet also: Wie kann man einerseits praktisch auf der ständigen Verarmung zugunsten der Reichtumsproduktion bestehen – betriebswirtschaftlich ausgedrückt: Senkung der Lohnstückkosten – und andererseits die systemeigene Notwendigkeit von Armut leugnen? Anders gesagt: Wie kann man die Normalität der Armut in lauter Probleme, Ausnahmen, nicht beabsichtigte und bedauerliche Betriebsunfälle verwandeln? Hierzu drei Beispiele, wie da argumentiert wird.

1. Die billigste Tour besteht darin, sich der Armut von der menschlichen Seite her anzunehmen und arme Leute aufwändig zu bedauern. Dann betont man, dass sich hinter den anonymen Zahlen der offensichtlich Armen doch „menschliche Schicksale“ verbergen. Mit dieser Mitleidstour ist man bei der individuellen Betroffenheit gelandet, und die Frage, warum das System der Marktwirtschaft diese Betroffenheit massenhaft produziert, verschwindet hinter dem Beglotzen der „vielen Einzelschicksale“. Die Logik geht so: Weil die Armut ein „Schicksal“ der Betroffenen ist, muss man sie gar nicht weiter erklären, geschweige denn mit der geltenden Wirtschaftsweise in Zusammenhang bringen. Und damit dann auch klar ist, dass es sich wirklich um „Einzelschicksale“ handelt, paart sich das Mitleid mit der gehässigen Nachfrage, ob der „Einzelne“ nicht an seinem „Schicksal“ selber schuld ist, umgekehrt muss er haarklein nachweisen, ob und wie er „unverschuldet in Not geraten“ ist, damit man ihm seine Armut nicht übel nimmt. Und den Nachweis führt er am besten, indem er jede Zumutung auf sich nimmt, aus dieser Not wieder herauszukommen.

2. Man kann aber auch von ganz oben in das Thema 'Armut' einsteigen, und zwar indem man Armut wissenschaftlich verrätselt. Armutsforscher teilen uns mit:

„Armut ist ein vielschichtiges und multidimensionales Problem, das viele Ursachen haben kann und zahlreiche Folgen... Armut ist in den seltensten Fällen monokausal, und meist bedingen und verstärken sich mehrere Faktoren gegenseitig.“ (armut.de)

Monokausal? Wäre zum Beispiel die Feststellung monokausal, dass die Unternehmer nicht nur immer weniger Geld herausrücken, sondern zugleich auch immer mehr Leistung verlangen und dass darüber die Leute immer mehr verarmen und schlechter drauf sind? Eindeutig monokausal! - wenn es doch „Ursachen“ und „Folgen“ gibt, die nicht nur „viel und zahlreich“ sind, sondern sich obendrein noch gegenseitig bedingen und verstärken – ein äußerst kompliziertes Geflecht. Und was wäre dann nicht Mono, sondern Stereo, also der Vielschichtigkeit des Problems angemessen? Angemessen ist zum Beispiel folgende Fragestellung:

„'Wer kein Geld hat, ist arm.' Oder ist es etwa umgekehrt: 'Wer arm ist, hat kein Geld'?“

Verdutzt fragt man sich: Wo ist der Unterschied, das ist doch beides mal dasselbe? Nicht so, wenn man die Wörter „Ursache“ und „Symptom“ kennt und damit jonglieren kann:

„Ob Geldmangel als Ursache zu gelten hat oder als Symptom der Armut, darüber kann man streiten.“

Jetzt haben die Armutsforscher zwar wieder dasselbe gesagt, dass nämlich, wer kein Geld hat, arm ist, und wer arm ist, kein Geld hat, aber sie hängen die Behauptung dran, darüber könne man streiten. Warum sie diesen Streit erfunden haben, sagen sie als nächstes:

„In gewisser Weise hängt die Beantwortung dieser Frage davon ab, wie man 'Armut' definiert.“

Aha, um die Definition von Armut geht es also. Armut ist also nicht bloß einfach: kein Geld haben. Jetzt haben sie sich die Freiheit zum Rumdefinieren an der Armut eröffnet, und siehe da: Sie stoßen doch glatt noch auf andere Formen der Armut: Unter der kann man sich alles Mögliche vorstellen!

„Existieren noch andere Formen der Armut, wie z.B. kulturelle, soziale oder auch emotionale Armut?“

Da kann man also stinkreich sein, zugleich aber auch Kulturbanause, sozial unverträglich und am Ende todunglücklich. Das ist die wissenschaftliche Fassung der populären Spruchweisheit „Geld allein macht nicht glücklich“. Damit ist schon mal klar, dass noch lange nicht feststeht, dass die, die unter Geldmangel leiden, auch wirklich arm sind – sie können ja trotz allem „kulturell, sozial und emotional“ gut ausgestattet sein. Schon hat sich das mit der Armut schwer relativiert. Oder anders ausgedrückt: Sie ist „wissenschaftlich umstritten“, und keiner darf sich einbilden, er hätte die Wahrheit über die Armut gepachtet.

3. Was man auch noch tun kann: Statt nach den Gründen der Armut kann man auch nach einem „Armutsrisiko“ fragen und die Millionen „lohnabhängig Beschäftigten“ daraufhin begutachten. Die sind, wie die Armutsforscher ermittelt haben, von so „Risiken“ bedroht wie: Kinder, Ausbildungsnachteile, Jugend, Krankheit, Scheidung, Alter usw. Das ist die Behauptung: Die Millionen, die von ihrem Lohn leben, sind nicht arm, arm sind sie erst dann, wenn das „Risiko“ eintritt. Lohnarbeit schützt also vor Armut, was man besonders am größten „Armutsrisiko“ sieht: der Arbeitslosigkeit. Das stimmt: Die Millionen „lohnabhängig Beschäftigten“ haben nur ein Mittel, von dem sie leben können: ihre Arbeitskraft – wenn die nicht nachgefragt wird, haben sie nichts, wovon sie leben können. Aber es ist gedanklich doch geradezu ein Verbrechen, ihnen daraus den Strick zu drehen, dass sie mit Lohnarbeit auf jeden Fall schon mal nicht arm sind, dass also also die Lohnarbeit ein für sie taugliches Mittel wäre. Dass es sich dabei um eine Lüge handelt, zeigen schließlich die ganzen anderen „Armutsrisiken“. Kinder, Krankheit, Scheidung usw. - das sind doch erstens lauter normale Ereignisse, die im Lohnarbeitsverhältnis ständig vorkommen, und das sind zweitens Ereignisse, die reiche Menschen nur in den extremsten Ausnahmesituationen in die Armut stürzen können. Wenn aber ein „Risiko“ schon reicht, einen „lohnabhängig Beschäftigten“ in die Armut zu stürzen, dann heißt das doch nur, dass seine gesamte Existenz grundsätzlich und immer gefährdet ist – und das deswegen, weil er einer ständigen Verarmung ausgesetzt oder zumindest davon bedroht ist. In der Rede von den „Armutsrisiken“ ist das aber alles auf den Kopf gestellt: Da darf sich der Mensch glücklich schätzen, wenn er seiner Lohnarbeit nachgehen kann, weil ja die noch größere Armut, die ihm in Form der „Armutsrisiken“ droht, noch nicht eingetreten ist. Tritt sie dann doch ein, darf man das auf keinen Fall so sehen, dass das seinen Grund in der gewöhnlichen Lohnarbeit hat – sehen soll man das als eine Ausnahme, als das ganz spezielle Unglück eines Einzelnen. Das lässt wiederum die normale Armut der Lohnarbeit in umso hellerem Licht erstrahlen.

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So geht die ideologische Verarbeitung der Armut. Dann wird sie aber auch „bekämpft“. Armen Leuten Geld zu geben, ist damit nicht gemeint, das höchste der Gefühle, ist die Forderung nach einem Mindestlohn. Den soll man als Schutz vor allzu großer Verarmung sehen – aber was ist die Forderung nach einer Lohnuntergrenze anderes als das Eingeständnis, dass diese Verarmung ständig passiert? Und was ist von der Forderung zu halten, der Staat solle die Armut bekämpfen, indem er „Beschäftigungspolitik“ betreibt? Gehe zurück zum Anfang: Mit seinen Gesetzen schafft er die Voraussetzungen für „Beschäftigung“. Die alufen immer nur auf eines hinaus: das Verhältnis von Lohn und Leistung für die kapitalistischen Unternehmen zu optimieren. Also immer mehr Leistung für immer weniger Lohn zu erbringen, was für die Arbeitenden heißt: Sie geraten immer mehr in die Armut, gegen die die Beschäftigung das Allheilmittel sein soll.

 


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