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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 18. Februar 2013


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Fair Trade:
Den Konsumenten bei der Moral gepackt

Immer wieder wird man von der Presse oder von humanitär engagierten Vereinen wie der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign) über ungeheuerliche Ausbeutungsverhältnisse informiert, unter denen unsere Konsumgüter von global agierenden Multis irgendwo produziert werden. So erfährt man, dass Näherinnen, die in Textilfabriken in Bangladesch einen Lohn bekommen, von dem sie nicht leben können. Deshalb müssen sie 10 Stunden und mehr am Tag arbeiten, bis sie einfach nicht mehr können – fürs Überleben schuften sie sich buchstäblich zu Tode.

Eigentlich kann jeder bemerken, warum das so ist: Das Kapital nutzt die Not der dortigen Bevölkerung gnadenlos aus. Es muss den Hungerleidern nicht mehr bezahlen; wer mehr verlangt, wird weggeschickt und durch den nächsten ersetzt – sein menschliches Material findet das Kapital ja überreichlich vor. Die Lebensnotwendigkeiten der Leute gehen die Unternehmen nichts an. Für diese Multis besteht die ganze Welt aus mehr oder weniger ertragreichen Standorten, und wenn der Kostenfaktor 'Lohn' irgendwo billiger ist, gehen sie dorthin – und Leute, die zuvor in Billiglohn-Paradiesen so wunderbar in die unternehmerische Kalkulation passten, stehen plötzlich vor leeren Fabrikhallen, weil sie vergleichsweise teurer geworden sind. Damit die Investition sich rentiert, wird nicht nur am Lohn gespart, was man an den übermittelten Bildern von den ausgebrannten Fabriken sieht: Die Arbeiterinnen arbeiten dort zusammengepfercht wie Hühner in einer Legebatterie. Aus einem einfachen Grund: Je mehr Arbeiter in einen Raum passen, um so weniger kostet die Miete der Fabrik pro Person. Gut für den Gewinn. Weiter wird einem mitgeteilt, dass Arbeitsschutzmaßnahmen weitgehend fehlen, so dass die Brände sich ungehindert ausbreiten können und es deshalb zu den vielen Toten und Verletzten kam. Am Arbeitsschutz sparen – auch gut für den Gewinn.

Es ist unübersehbar: Die Gewinnmacherei hat üble Folgen – und die werden angeprangert. Exemplarisch hierfür ein Aufruf von der Kampagne für Saubere Kleidung: „Firmen wie GAP und H&M müssen endlich öffentlich Rechenschaft ablegen, wieso sie jährlich Riesengewinne machen und dennoch den verarmten Beschäftigten ihrer Zulieferer keinen Existenzlohn bezahlen.“ Die Firmen machen Riesengewinne und zahlen „dennoch“ keinen Existenzlohn? Jetzt kriegen die Ankläger drastisch vorgeführt, wie Kapitalisten den Lohn als Mittel ihres Gewinnemachens einsetzen, und sie ignorieren das mit dem einfachen Wörtchen „dennoch“. Sie stellen sich dumm gegen die verheerende ökonomische Logik der kapitalistischen Rentabilitätsrechnung, indem sie sie nur von ihrer moralischen Warte aus betrachten und sagen: Das dürfen die nicht. Da Gewinn und Moral aber zwei verschiedene Welten sind, kümmert das die Unternehmen wenig und sie halten sich ungerührt an den für sie allein gültigen Maßstab: die Vermehrung ihres Profits. Die moralisch Empörten wollen den Gegensatz zwischen den Arbeitern und dem Geschäftsinteresse jedoch nicht wahrhaben und unterstellen dagegen den Unternehmen, sie seien doch eigentlich denen, die sie für ihren Gewinn be- und ausnutzen, verpflichtet und hätten deren Wohlergehen zu berücksichtigen.

Wie kommt man auf so eine Idee? Doch nur, wenn man – noch vor aller Empörung – den Unternehmen eine vornehme Aufgabe andichtet, der sie doch eigentlich verpflichtet wären: den Leuten Arbeit zu geben, was doch gerade im Fall Bangladesch ein wahrer Segen ist, denn wie sollen sonst die Leute an irgendein Geld kommen!? Daran stimmt eines: Wenn dort Unmassen von Leuten am Rande des Hungertodes leben, dann erscheint es ihnen geradezu wie ein Glück, wenn einer kommt und sie benutzt. Aber der benutzt sie nun mal nicht, um ihnen aus ihrer Not heraus zu helfen, sondern weil er mit der Ausnutzung ihrer Not seinen Nutzen steigert.

Bei der moralischen Anklage der kapitalistischen Übeltäter wollen es die Fair-Trade-Aktivisten nicht belassen, an den unmenschlichen Produktionsbedingungen soll sich etwas ändern. Doch wie geht das? Dadurch, dass sie selbst sich ändern. Sie selbst als Konsumenten seien nämlich schuld an dem Übel, weil sie egoistisch auf den Preis starren und der Billigware hinterherrennen. Stattdessen muss der Konsument es den Unternehmen unmöglich machen, zumindest erschweren, eine solch menschenunwürdige Produktion zu betreiben. Das tut er, indem er ihnen diese Produkte einfach nicht mehr abkauft. Klar: Diese „Macht“ kann man sich als „König Kunde“ einbilden. Aber wenn der „König“ die Billigklamotten verschmäht, wird er sich wohl teurere Kleidung kaufen müssen. Die Freiheit, sich aus moralischen Gründen dazu zu entscheiden, hat jeder. Die Kehrseite dieser Freiheit ist jedoch der Verzicht. Je weniger Geld man im Geldbeutel hat, umso schwerer fällt einem dieser Verzicht, der als Kampfmaßnahme gegen kapitalistische Übeltäter gemeint ist. Nun gut, sagen die Fair-Trade-Bewegten, dem einen wird der Verzicht wohl schwerer fallen als dem anderen, aber jeder kann doch im Rahmen seiner Möglichkeiten auf die dortigen Zustände Einfluss nehmen. Abgesehen davon, dass damit die Fair-Trade-Bewegung schon mal keine Massenbewegung werden kann – diese Menschen ignorieren mit ihrem gutmeinenden Kaufverhalten schlichtweg, warum es diese Billigproduktion überhaupt gibt.

Wie kommt denn die Kaufkraft, durch deren Verweigerung die kapitalistischen Übeltäter zur Räson gerufen werden sollen, überhaupt zustande? Sie besteht in dem Einkommen, dass die übergroße Mehrheit der Konsumenten als „lohnabhängig Beschäftigte“ bezieht. Die Löhne und Gehälter, die die Unternehmerschaft herausrücken, sind selbstverständlich auch in den so genannten „Hochlohn-Ländern“ sehr knapp kalkuliert. Übrigens mit der Tendenz, den Unterschied zu den so genannten „Billiglohn-Ländern“ einzuebnen – siehe nur den wachsenden Niedriglohnsektor in Deutschland und Europa überhaupt . Die Kaufkraft der Konsumenten ist also die abhängige Variable der unternehmerischen Gewinnkalkulation und zwingt eben deswegen jeden gewöhnlichen Konsumenten dazu, sich einzuteilen, also den ständigen Kampf mit sich auszutragen, wegen des Notwendigen auf das Wünschenswerte zu verzichten und umgekehrt beim Erwerb des Wünschenswerten Abstriche beim Notwendigen zu machen. Und eben wegen der unternehmerischen Gewinnkalkulation wird das Heer derer, die beim Sich-Einteilen immer weniger frei entscheiden können, dafür umso mehr zum Verzicht gezwungen sind, immer größer. Das ist das eine. Das andere ist: Wo landet diese Kaufkraft? Genau da, wo sie her kommt: bei den Unternehmen. Die konkurrieren um diese von ihnen selbst erzeugte beschränkte Kaufkraft, drücken deswegen ständig ihre Produktionskosten, machen deswegen Billigangebote. Sie machen – um mal auf eine Binsenweisheit zu deuten – diese Billigangebote nicht, damit auch arme Leute sich das Notwendige kaufen können, vielmehr machen sie diese Billigangebote, um auch an armen Leuten verdienen zu können. Diese Binsenweisheit noch mal anders: Wenn beim Verkauf einer Ware kein Profit herausspringt, kriegt kein Käufer sie in die Finger. Und genau deswegen gibt es die Billigstproduktion z.B. in Bangladesch: Um auch noch die beschränkteste Kaufkraft – mit Profit – an sich zu ziehen. Die, die Textilarbeiterinnen in Bangladesch ausbeuten, tun dies, um arme Käufer in der ganze Welt abgreifen zu können. Und so hat man zwei Entwicklungen, die Hand in Hand gehen: Eine ständig wachsende Armut in den „Hochlohn-Ländern“ und eine Discounter-Industrie, die eben wegen und mit dieser wachsenden Armut ständig wächst und die die noch Ärmeren der Welt für die Produktion ihrer Sonderangebote einspannt.

Der moralische Appell der Fair-Trade-Bewegung an die „Freiheit des Konsumenten“, ihr Aufruf zum „ethischen Kaufverhalten“, ist also in Wahrheit eine einzige Gemeinheit. Oder um es höflicher zu sagen: Damit wird die Welt auf den Kopf gestellt. Leute, die sowohl als Einkommensbezieher als auch als Einkommensausgeber nichts anderes sind als Rädchen im kapitalistischen Getriebe, werden zu Verantwortlichen dessen erklärt, was kapitalistisches Profitinteresse mit ihnen anstellt. Allen Ernstes wird ausgerechnet ihnen Verzicht gepredigt, und ausgerechnet damit sollen sie die Welt verbessern. Dass der Mensch mit seiner unermesslichen Gier an allen Übeln der Welt schuld sei, kriegt man schon bei jedem Kantinengespräch um die Ohren gehauen, Dass das jetzt auch noch als Bewegung daher kommt, hat es wirklich nicht gebraucht.

P.S.

Eine passende Ironie dazu ist, dass mit „Fair Trade“ nur ein weiteres Geschäftsfeld eröffnet wird. Wenn sich die bessergestellten Schichten ihre Moral unbedingt ein paar Euro kosten lassen wollen, dann finden sich natürlich Unternehmen, die die Gewinne, die mit diesem Nischengeschäft zu machen sind, mitnehmen. Dazu kriegen sie noch ein Label, das ihren angekratzten Ruf aufpoliert.


© GegenStandpunkt Verlag 2013