Übersicht

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 21. Mai 2012


Text im PDF-Format

Schon wieder ein Papst im sozialistischen Kuba
Was haben Päpste und die Castro-Brüder bloß miteinander?

Vor Ostern hat Papst Benedikt XVI. Kuba einen groß inszenierten Besuch abgestattet. Als der Vorgängerpapst Johannes Paul II. 1998 zum ersten Mal auf Staatsbesuch nach Kuba kam, fragte sich die Presse noch, wie das kubanische „Regime“ wohl auf die katholische Provokation reagieren würde. Diesmal zweifelte keiner daran, dass der Besuch in bestem Einvernehmen ablaufen würde. Schließlich hatte Fidel Castro die alte revolutionsbedingte Feindschaft gegenüber der Kirche schon vor einiger Zeit beendet. Kuba betrachtet sich schon seit 1991 nicht mehr als „atheistisches Land“. Und seit dem Antrittsbesuch von Johannes Paul will man gar nichts mehr davon wissen, dass der Marxismus die Religion grundsätzlich kritisiert als Volksbetörung und Ideologie zum Nutzen von Kapital und Herrschaft. Dem Besucher aus Rom hat man bei seiner Fahrt mit dem Papamobil auch demonstriert, dass katholische Kirchen im verfallenden Havanna bevorzugt renoviert wurden.

Da stellt sich die Frage, was jetzt schon wieder einen Papst nach Kuba getrieben und was auf der anderen Seite die kubanische Regierung sich von dieser Einladung versprochen hat.

Entgegen anderslautenden Gerüchten ging es dem Papst nicht um Demokratie und Menschenrechte. Was er wollte, hat er ziemlich penetrant zur Sprache gebracht: Die katholische Kirche behandelt die ganze Welt sowieso als Missionsgebiet, und Kuba hält sie für ein vielversprechendes Land, um ein sichtbares Zeichen für die geplanten Werbekampagnen in anderen lateinamerikanischen Ländern zu setzen. Einige beachtliche Erfolge sind schon eingefahren, die sich ausbauen lassen: Weihnachten ist 1998 wieder offizieller Feiertag auf Kuba geworden, jetzt hat der Papst als nächsten Schritt den Karfreitag von der Regierung geschenkt bekommen. Und seit einiger Zeit darf ein Priesterseminar kubanischen Nachwuchs ausbilden. Das will der Papst ausbauen und fordert noch mehr Freiheiten für seine Kirchenfunktionäre. Die aufgeschlossene Haltung der kubanischen Führung bringt also den obersten Katholiken aus Rom auf lauter Ideen, wie und wo seine Kirche sich überall einmischen soll, und das will er offiziell erlaubt bekommen.

Natürlich passt es der Kirche nicht, dass Kuba sich immer noch auf den Sozialismus als Staatsdoktrin beruft. Aber für die Mission heißt es pragmatisch sein und dem Líder Máximo Fidel Castro die publikumswirksame persönliche Audienz gewähren. 800 Journalisten sorgten dafür, dass die katholische Propaganda weltweit registriert wird, z. B. wenn der Papst den Gottesdienst als „Weg des echten Dienstes am Gemeinwohl der ganzen kubanischen Gesellschaft“ anpreist. Was den Kubanern all die Jahre gefehlt haben soll, verkündet ihnen der Katholikenchef: die staatliche Lizenz zum Kirchenbesuch. Und was der kubanischen Regierung abgeht, das weiß der „Heilige Vater“ auch, nämlich „die Hilfe der Kirche bei der Suche nach neuen Modellen“. Dass die Leute in Kuba sich mit massenhafter Armut herumschlagen, interessiert einen alten Dogmatiker auf Missionsreise wie Joseph Ratzinger natürlich nicht. Für ihn steht sowieso fest, dass das Streben nach materiellem Reichtum, wie bescheiden auch immer, Teufelszeug ist, das den Menschen vom einzig wahren Glauben abbringt, nämlich von der Einbildung eines allmächtigen Schöpfergottes, der über allen weltlichen Herrschern steht. Das ist seine Botschaft an das kubanische Volk: Gerade weil sein alltägliches Dasein unbefriedigend und enttäuschend ist, soll es den Sinn seines Lebens im Dienst an einem höheren Wesen suchen. Das Armsein ist dann sogar eine gute Bedingung für den echten Glauben.

Für die kubanische Regierung hat der Papst aber ein besonderes Angebot im Gepäck, das so nur die katholische Kirche machen kann. Ihr Chef ist nämlich Vorsitzender eines Vereins von über einer Milliarde Mitgliedern und zugleich Staatsoberhaupt des Vatikanstaates. Der ist ein leibhaftiges, weltweit anerkanntes Völkerrechtssubjekt, zu dem 180 Staaten diplomatische Beziehungen unterhalten. Seine Missionsreise kann er als Staatsbesuch zelebrieren und dabei einer Regierung, die wie die kubanische unter dem Druck internationaler Sanktionen steht, mit einem speziellen Vorteil winken: Als Staats- plus Kirchenchef erteilt der Papst der ansonsten als Revolutionsregime verrufenen kubanischen Staatsgewalt seinen moralischen Segen und zugleich seine politische Anerkennung, also ein schönes Stück internationaler Legitimation.

Und was denken sich die kubanischen Gastgeber bei diesem Gipfeltreffen? Die sind demonstrativ davon abgerückt, in der katholischen Kirche einen Gegner zu sehen, den man sich vom Hals halten sollte. Das Angebot, ihre internationale Reputation durch den päpstlichen Segen zu verbessern, wollen sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Vielleicht lassen sich ja doch einmal Regierungen oder die Öffentlichkeit in den Ländern des kapitalistischen Westens davon beeindrucken. So versucht die kubanische Regierung zumindest, die Kirche für sich einzuspannen, und dafür lässt sie sich die diplomatisch verpackten Frechheiten des alten Kommunistenfeindes bieten. Wenn es nur das wäre, könnte man die beschränkte Zulassung der Kirche als kubanischen Deal und die Komplimente an den Papst als Anbiederei dafür betrachten.

Es fällt aber auf, wie ungerührt sich die kubanische Regierung über die von der Amtskirche offensiv vorgetragene Ablehnung jeglicher Berufung auf den Sozialismus durch die „Kirche von unten“ hinwegsetzt. Wo immer – v. a. im Lateinamerika – katholische Basisbewegungen sich auf eine „Theologie der Revolution“ beriefen, wurden Priester gerade während Joseph Ratzingers Leitung der Glaubenskongregation, der modernen Fortführung der „Heiligen Inquisition“, abgesetzt. Die Castro-Brüder meinen offenbar davon unbeeindruckt, sie hätten Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten mit der Kirche entdeckt. Fidel Castro hatte sich schon 1998 vom Papst als einem Kämpfer für Ideale beeindruckt gezeigt und erklärte das seinem Volk so:

„Wir brauchen den Papst nicht zu fürchten, er ficht für die gleichen Werte wie wir.“

Ein erstaunliches Bekenntnis! Hatten die Revolutionäre um Castro doch nicht nur gegen das irdische Ausbeutungssystem des Kapitalismus gekämpft, sondern auch gegen die katholische Kirche als geistliche Instanz, die die Unterwerfung unter die „gottgewollte irdische Herrschaft“ der kubanischen Caudillos von Washingtons Gnaden als religiöse Pflicht gepredigt hatte. Die moralischen Prinzipien, die der Papst predigt, müssen den kubanischen Führern im Laufe der Entwicklung ihres revolutionären Aufbaus irgendwie sympathisch geworden sein, so dass sie ihre Gegnerschaft gegen die Kirche aufgeben konnten. Da bringen die allerdings ein paar Dinge durcheinander. Offenbar halten sie der Kirche zugute, dass sie mit ihrem Missionsanliegen außerhalb der kapitalistischen Geschäftswelt steht und sich gelegentlich davon distanziert, wie jetzt wieder der Papst in Mexiko, wenn er vor der „Vergötterung des Geldes“ warnt, das „die Menschen versklavt“. Aber bloß weil der Papst die „Nächstenliebe“ lobt, den „Egoismus“ tadelt und die Reichen auffordert, Gutes zu tun, ist er noch lange kein Gegner des kapitalistischen Wirtschaftssystems, sondern nicht mehr als ein „Fürsprecher der Armen. Denn die päpstliche „Fürsprache“ gilt nie dem Kampf gegen oder gar der Beseitigung der Gründe für die Armut, sondern immer nur der Berücksichtigung der Armen durch die Reichen und der Verheißung eines Gotteslohns in einem besseren Jenseits für diejenigen, die ihre Armut geduldig als ihr Kreuz tragen, also sich den irdischen Verhältnissen als dem von Gott verordneten Jammertal unterwerfen.

Und welche Rolle spielen in Kuba die eigenen Werte, sozialistische und vaterländische? Angetreten war das kubanische Regime früher einmal, um dem Volk und der Welt zu zeigen, dass eine sozialistische Volksgemeinschaft Unterdrückung und Armut abschaffen kann. Da ging es also um die materiellen Bedürfnisse der Leute, um ein besseres Leben. Geworben hat sie aber von Anfang an für die antiimperialistischen und sozialistischen Ideale der Revolution. Mit wachsenden ökonomischen Problemen setzte die Partei immer mehr auf die Opferbereitschaft und sozialistische Begeisterung ihres Volkes. An die Stelle einer vernünftigen Erklärung der widrigen Verhältnisse trat die moralische Agitation, das Hochhalten von Werten.

Das ist in der aktuellen politischen Lage in Kuba erst recht so, weil die Partei ziemlich einschneidende Änderungen durchführt. Die früheren Versuche einer Grundversorgung der Bevölkerung durch den Staat werden eingestellt, weil sie dem Staat zu teuer sind. Der Grund wird offen ausgesprochen: Seitdem Kuba auf dem Weltmarkt seinen Devisen- und Importbedarf zu decken versucht, befindet es sich ökonomisch in der Situation eines Drittweltlandes. Aus dem „Aufbau des Sozialismus“ wurde ein Notprogramm zur „Sicherung der nationalen Unabhängigkeit“. Jetzt wird nach einer neuen ökonomischen Grundlage gesucht, um wenigstens den Staat als Hort der Revolution zu bewahren. Damit der überlebt, werden die Kubaner beauftragt, sich künftig selbst zu versorgen – ohne allerdings über die nötigen Produktionsmittel zu verfügen. Die Partei opfert so den Inhalt ihrer sozialistischen Pläne in der Hoffnung, damit das Subjekt dieser Planung, die Staatsmacht, zu erhalten.

Deshalb sind die „Werte“ in den Reden und Schriften kubanischer Kommunisten allgegenwärtig. Die Politik weiß, dass sie im Volk neue Überlebensprobleme und Gegensätze stiftet. Das Volk soll die beschlossenen Zumutungen aushalten, soll weiterhin aktiv mitmachen und sich zu Solidarität verpflichten. Praktisch heißt das, die Staatsfürsorge durch privates Teilen und Helfen zu ersetzen und die ständigen Mängel und Lücken in der Versorgung gemeinschaftlich irgendwie zu kompensieren. Umso mehr braucht es den Appell an die Revolutionsideale und an die Loyalität zu Vaterland und Volksführern – „Vaterland oder Tod!“, wie die Castros immer noch jede ihrer Reden beenden –, um die Kubaner dazu zu verdonnern, dass sie unter Absehung von ihrem alltäglichen Elend und Durchwursteln im Überleben ihrer Staatsmacht ihre einzige Überlebensperspektive sehen.

Und auf diese elende Anmache sind Kubas Führer nicht nur stolz, sondern meinen glatt noch, ihre menschenfreundlichen Werte würden durch die angebliche Ähnlichkeit zu den vom Papst vertretenen Christenparolen geadelt. Deshalb stört es sie auch nicht, dass die kubanische Wertekampagne in einem Punkt mit der kirchlichen tatsächlich zusammenkommt: dem Antimaterialismus. Dem Volk wird von beiden Seiten nahegebracht, dass es seine materiellen Ambitionen, also sein Bedürfnis nach einem bescheidenen Wohlstand oder wenigstens gesicherten Überleben, fallen lassen muss. Beim Warum und Wozu – da unterscheiden sich die beiden Ideologien.


Lesetipp:

Kubas jüngster „Aufbruch zum Sozialismus“: Staatlich organisierter Drittweltkapitalismus.
In: GegenStandpunkt 1-12
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/12/1/inh121.htm


© GegenStandpunkt Verlag 2012