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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 26. September 2011


Nachrichten aus der Marktwirtschaft:
Was ist los, wenn die „Arbeitssucht“ grassiert?

Vor einiger Zeit macht die Illustrierte „Stern“ auf mit dem Titel: „Süchtig nach Arbeit“ (16/2011). Vorgestellt werden da Leute, die in und vor allem wegen ihrem aufreibenden Berufsleben irgendwann zusammenbrechen und dann von Psychologen als „arbeitssüchtig“ eingestuft werden. Dazu werden dem Leser eine Reihe von Symptomen dieser merkwürdigen Krankheit vorgestellt: Der arbeitssüchtige Angestellte oder Manager kennt nur noch seine Arbeit, macht haufenweise Überstunden, kennt kein Wochenende, kümmert sich um nichts anderes mehr, vernachlässigt die Familie und betrachtet jede Art von Freizeit als Ablenkung oder Störung. Es ist nicht zu bestreiten, dass es solche Figuren gibt, die bis zum Umfallen arbeiten und dabei ihren Körper und mindestens ebenso sehr ihren Geist übermäßig belasten. Aber: Wie kommen sie darauf, sich selbst so zu traktieren, dass ihnen am Ende nichts mehr einfällt als der Ruf nach dem Psychiater? Der Begriff „Arbeitssucht“ sagt: Mit, oder vielleicht besser: in diesen Leuten stimmt etwas nicht, ein psychischer Defekt treibt sie in ein krankhaftes, selbstzerstörerisches Verhalten. Wenn Psychologen mit dieser Diagnose anrücken, können sie das immer mit einem einfachen Hinweis plausibel machen: Da handelt es sich doch um „Einzelschicksale“, die große Mehrheit fällt dieser „Sucht“ nicht zum Opfer, die Normalität ist doch anders. Dagegen soll hier gesagt werden: Es ist gerade die Normalität, also das gewöhnliche Arbeitsleben, das Leute dazu bewegt, sich in einem Ausmaß in die Arbeit reinzuhängen, dass das bei dem einen oder anderen dazu führt, sich selbst eine „Sucht“ ausgerechnet nach Arbeit zuzulegen.

Dabei ist eines von vornherein klar: Es ist nicht die bestimmte, die konkrete Arbeit, die den „Süchtigen“ so fesselt. Bei Künstlern oder Leuten, die zufälligerweise ihre Liebhaberei zum Beruf machen können, mag es vorkommen, dass ihnen ihre Tätigkeit so gefällt, dass sie darüber die Zeit vergessen, aber der „Arbeitssüchtige“ ist garantiert nicht ins Telefonieren oder in Tabellenkalkulationen verliebt. Wie alle seine Kollegen hat er sich mit Anforderungen auseinanderzusetzen, die nicht er sich ausgesucht hat, sondern die der Betrieb ihm vorsetzt. Der Betrieb will diese Anforderungen auf eine Art und Weise erledigt sehen, die seinen Erfolg garantieren – das heißt: Mit einer einmal erbrachten Leistung ist er nie zufrieden, es kommt ihm auf eine ständige Steigerung des Leistungsniveaus an. Das lässt sich auf denkbar einfache Art erzwingen: Der Betrieb stellt die Leute gegeneinander auf, lässt sie gegeneinander konkurrieren. Damit sie das auch tun, setzt der Betrieb einen – wieder sehr einfachen – Hebel ein: Es wird eine Belohnung in Aussicht gestellt, die der eine kriegt und der andere eben nicht – der Erfolg des einen ist der Misserfolg des anderen. In solchen Betrieben steht ständig die Frage auf der Tagesordnung, wer von der Mannschaft weiter nach „oben“ kommt, wer sich für einen höheren Posten mit mehr Verdienst ins Gespräch bringen kann, das Ganze aber auch in die andere Richtung: Welche Mitarbeiter überleben die nächste Rationalisierungsmaßnahme? Heutzutage will sich jedes Unternehmen eine eigene „corporate identity“ und einen besonderen „team spirit“ zulegen – der banale und zugleich bedrohlich Gehalt dieser Begriffe, die nichts anderes beinhalten als eine Gemeinsamkeit aller, die der Betrieb erzwingt, ist immer derselbe : Häng dich rein, bei entsprechendem Einsatz für die vorgegebenen Zwecke des Unternehmens könnte was für dich drin sein!

Es ist zwar ganz normal, dass die Mitarbeiter die vom Betrieb angeordnete Konkurrenz annehmen und jeder schaut, wie er sich auszeichnen, d.h. die anderen ausstechen kann – richtig ist es trotzdem nicht. Nicht deswegen, weil das irgendwie – wie ja auch gerne beklagt wird – nach „Egoismus“ oder „Ellenbogen“ ausschaut, sondern weil man sich da eine „Chance“ ausrechnet, die sehr vergiftet ist und nur ein sicheres Resultat hat: den Erfolg des Betriebs. Klar: Jeder will „etwas aus sich machen“ und „im Leben weiterkommen“ und wie die Sprüche alle heißen, und jeder meint, es läge ganz an ihm, betrachtet sich also selbst als Mittel seines Erfolges. Heraus kommt, dass sich alle anstrengen, aber es liegt ganz und gar im Ermessen des Betriebs, was die Anstrengung wert ist. Der Betrieb zwingt allen einen Vergleich per Konkurrenz auf, und eben deswegen hat es keiner in der Hand, diesen Vergleich für sich zu entscheiden. Nicht nur legt der Betrieb alle Umstände fest, unter denen diese Konkurrenz abläuft, er entscheidet auch ganz frei darüber, wem er auf Basis seiner Berechnungen eine Belohnung zukommen lässt und wem er sie entsprechend verweigert. Die Botschaft, die beim Arbeitnehmer ankommt, ist: Dann muss ich mich eben noch mehr anstrengen. Er macht dem Betrieb das Angebot: Du kannst noch mehr über mich verfügen, noch mehr von mir verlangen. Das hat nach der menschlich-moralischen Seite hin zur Konsequenz, dass es genug Ekelbolzen gibt, die sich bei den Vorgesetzten einschleimen und versuchen, die werten Kollegen anzuschwärzen und – Stichwort „Mobbing“ - zu drangsalieren. Ansonsten bleibt bloß der dauernde Nachweis, dass man seinen eigentlichen Lebensinhalt in der Erfüllung der betrieblichen Anforderungen sieht. Die Mitarbeiter unterscheiden sich darin, wie weit sie dabei gehen wollen, grundsätzlich sind jedoch – fast – alle zur Anpassung an die Anforderungen bereit. Und der „Arbeitssüchtige“ ist dann nichts anderes und nicht mehr als die radikale Ausformung dieser Bereitschaft, ein Mensch, der sich ganz und gar der Möglichkeit seines Erfolges in der Konkurrenz verschrieben hat, nur für diese Hoffnung lebt und darüber alles andere zurückstellt.

Es stimmt also nicht, wenn die Psychologen behaupten, häufige Mehrarbeit, Wochenendeinsätze, ständig mit Handy und Computer herumlaufen etc. wären klare Indizien für ein individuelles Fehlverhalten, eine krankhafte Entgleisung, eben die Sucht. Im Gegenteil: Die Unterordnung unter die Anforderungen des Betriebs ist erst einmal die erwünschte und nach allgemeiner Meinung die normale Stellung dazu. Ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und alle Interessen, die man außerhalb der Arbeit hat, ist damit als selbstverständlich abgehakt, und die ferne Ahnung, dass es einen Gegensatz zwischen den eigenen Interessen und denen des Betriebe geben könnte, ist getilgt. Das ist der Grund für das, was der Psychologe dann „Arbeitssucht“ nennt, aber von dem will dieser fürsorgliche Mensch nichts wissen. Die Diagnose „Arbeitssucht“ stellt er nur dann und erst dann, wenn der Mensch durch den rücksichtslosen Umgang mit sich selbst aus seinen gewohnten Bahnen herausfällt, wenn ein komplettes Scheitern droht. Das ist störend, denn womöglich erbringt der Mitarbeiter gar keine Leistung mehr und fällt der Krankenkasse zur Last. So dumm und brutal ist das Kriterium, unter dem der Psychologe die konkurrenzlerischen Arbeitsgewohnheiten beurteilt: Die vom Arbeitsleben verlangten Funktionen müssen erfolgreich erfüllt werden, und dabei hält es der eine eben aus, der andere nicht! Dort, wo ein Mensch sich selbst zum Mittel für den angestrebten Erfolg macht und dabei um des Erfolgs willen alle anderen Zwecke und eigenen Bedürfnisse zurückstellt und als Störung betrachtet, ist der Psychologe sich ganz sicher, dass die Gründe für diese rätselhafte Entgleisung nicht in der Arbeitswelt liegen, sondern in der Person, die sich so benimmt. Der dichtet er ein unstillbares Verlangen nach Immer-mehr-Arbeiten an, das nennt er „Sucht“ und dieses zwanghafte Verhalten signalisiert ihm ganz klar „tiefere Probleme“ der Person mit sich selbst.

Und da setzt dann auch seine professionelle Hilfe an. Die radikale Bereitschaft seines Patienten zum Konkurrieren, seinen Ehrgeiz, seinen Willen zur Anpassung, womit er sich schließlich selbst kaputtmacht, verwandelt der Psychologe in einen unkontrollierten, krankhaften Zustand. Offensichtlich ist in dessen Inneren, in seinem Seelenleben was nicht in Ordnung. Das herauszufinden, dafür braucht es dann den Psychologen, der den Patienten dazu anhält, bei sich nachzuschauen. Wenn man da angelangt ist, nämlich bei der Befassung des „Arbeitssüchtigen“ mit sich und seinen inneren Geheimnissen, da findet dann als ein „Faktor“ unter anderen auch die Welt des Arbeits- und Konkurrenzzwanges Erwähnung, nämlich als ein Stress-Moment, das einem labilen Menschen schon zusetzen kann. Aber wie gesagt: Der eine hält's aus, der andere eben nicht... Wie wär's mit einem „Arbeitskreis der anonymen Arbeitssüchtigen“?


© GegenStandpunkt Verlag 2011