Die Analyse des
Lehren aus der Finanzkrise (1)
Lehren aus der Finanzkrise (2)
Vor etwa zwei Jahren sagte der damalige Finanzminister Peer Steinbrück, man habe „in den Abgrund geschaut“. Es schaudere ihn bei der Vorstellung, das ganze Geld der Gesellschaft könne in einem „schwarzen Loch“ verschwinden. Unrealistisch war das nicht, denn mit der Pleite der Lehman Brothers geriet ein Finanzinstitut nach dem andern ins Trudeln; in Deutschland mit einem besonders hohen Verlust die Hypo Real Estate. Das „schwarze Loch“ schütteten die Staaten mit Unsummen zu, weil sie um den Fortbestand des Geldvermögens und der Geldzirkulation überhaupt fürchteten. Sie fürchteten den GAU, weil den die Banken machen können.
Die heben das Geld ihrer Einleger bekanntlich nicht auf, um es auf Anforderung wieder auszuzahlen, sie erledigen vielmehr den allergrößten Teil ihres Verkehrs mit der Kundschaft über den „bargeldlosen Zahlungsverkehr“, geben also Gutschriften auf ein Konto oder buchen davon ab. Das sind stellvertretende Zeichen für das der Bank anvertraute Geldeigentum, das die Bank einer anderen Verwendung zuführt als bloß der Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Sie benutzt dieses Geld für ihre Kredit- und Kapitalanlagegeschäfte. Das Geld selber ist längst in kapitalistischer Mission unterwegs, als Betriebskapital der Finanzwelt für ihre ganz spezifischen Geschäfte. Für alles Geld, das durch die Hände des Kreditgewerbes geht – also für so gut wie alles Geld – gilt, dass es nach dem Maßstäben dieses Gewerbes überhaupt nur deswegen und so lange als Geld existiert, wie zwischen den Finanzinstituten die Geschäfte laufen, die auf ihrem Vertrauen untereinander beruhen. Da mag der Normalverdiener sich einbilden, er habe sein verdientes Geld sicher angelegt und bekomme fürs Sparen Zinsen als Belohnung: In der Krise kann er dann lernen, dass sein Geld längst zum Derivat einer erfolgreichen Schuldenwirtschaft geworden und schlichtweg nicht mehr da ist, wenn die Zweifel der Finanzunternehmen am Erfolg ihrer Kapitalanlagen überhandnehmen. Geld ist seine eigene Quelle. Darauf beruht das ganze Geschäft der Banken. Wenn das scheitert, ist es weg – auch das bisschen Geld, das die lohnabhängige Menschheit sich verdient hat und für ihren Lebensunterhalt braucht.
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Völlig daneben sind also die schönfärberischen Wortmeldungen aus der Politik oder der Öffentlichkeit zu Beginn der Krise: Es handle sich lediglich um „Verwerfungen“ im Finanzsektor, die „Realwirtschaft“ sei aber gesund, sprich: rentabel. So wollte man die heraufziehende Krise herunterspielen. Die „gesunde“ Realwirtschaft“ meldete aber sehr schnell, dass Rentabilität auf Sand gebaut ist, wenn nicht die „Versorgung mit Kredit“ gewährleistet ist. Diese Versorgung mit Kredit war gefährdet, weil die Banken auf einmal den zwischen ihnen zirkulierenden Ertragsversprechen misstrauten. Dadurch war eine überwältigende Masse an Papieren schlagartig nichts mehr wert oder wurde von der Entwertung bedroht. In der Zeitung las man, der „Interbankenhandel“ funktioniere nicht mehr, und das heißt: Weil sie sich nicht mehr wechselseitig finanzierten bzw. Kredit gaben, wackelte überhaupt alles, was sie als ihr Kapital verbucht und zu vermehren versprochen hatten. Mit einem Mal zog jede Bank das Kapital der anderen in Zweifel. Es war also nicht so, dass Banker plötzlich entdeckt hätten, ihre Kundschaft aus der „Realwirtschaft“ sei gar nicht solide oder könne ihre laufenden Kredite nicht mehr bedienen, vielmehr sahen sich die Banken wegen ihrer angeknacksten Kapitalmacht nicht mehr in der Lage, Kredite wie gewohnt zu vergeben, verloren also auch die daraus entspringende und schon eingeplante Kapitalvermehrung.
Darüber ging auch der Optimismus in Politik und Öffentlichkeit ganz schnell den Bach hinunter, denn die „Realwirtschaft“ meldete: ‚Das trifft unseren Lebensnerv!‘ Die Unternehmen der „Realwirtschaft“ müssen nämlich keineswegs bloß mal eine Liquiditätsklemme überbrücken, sondern sie stehen alle und permanent unter dem Zwang des marktwirtschaftlichen Grundprinzips: Ihr Kapital muss sich beständig vermehren, und dafür braucht es eines unbedingt – mehr Kapital. Diese Maxime befolgen die Unternehmen schon im alltäglichen Umschlag ihres Kapitals. Wenn sie ihre Waren zum Markt bringen, warten sie nicht, bis die Erlöse zu ihnen zurückfließen, mit denen sie dann wieder die Elemente des Produktionsprozesses einkaufen. Sie nehmen vielmehr ganz praktisch den Verkaufserlös ihrer Waren vorweg, indem sie sich wechselseitig Kredit einräumen, mit dem sie sofort weiterwirtschaften. Die Banken sind dabei unverzichtbar, weil sie die Zahlungsversprechen zwischen den Unternehmen annehmen und in sofort verwendbares Kapital verwandeln, wenn sie einen Kontokorrentkredit für das laufende Geschäft einrichten, wenn sie ein Exportgeschäft vorfinanzieren usw. Der Begriff ‚Spekulation‘ fällt zwar immer nur im Zusammenhang mit dem Finanzgewerbe, aber die Unternehmen der „Realwirtschaft“ spekulieren durchaus auch, nämlich auf die künftigen Erträge, die sie dauernd wie schon eingefahrene behandeln. So kriegen sie das Kunststück hin, mit noch nicht realisierten Erträgen ihr Geschäft zu erweitern und eben so die künftigen Erträge zu erzielen. Mehr Kapital beschaffen sich die Unternehmen auch, wenn sie ihre Gewinne für die Erweiterung des Vorschusses verwenden. Doch auch das reicht ihnen noch nicht, denn wenn man mit seiner Geldvermehrungsmaschine im Konkurrenzkampf überleben will, dann muss man schauen, wie man an Geldmittel auch über das Selbsterwirtschaftete hinaus heran kommt. Die Unternehmen wollen und müssen laufend Schulden machen, sie brauchen also einen beständigen Zustrom an Kredit, mit dem sie ihren Kapitalvorschuss erhöhen. Also nicht, um mit Schwierigkeiten fertig zu werden, sondern um ihre Geldvermehrungsmaschinen immer wuchtiger zu machen. Am Ende kommt es dann zu Fusionen, für die ganz besonders große Kreditmassen bewegt werden. Die Frage, ob die Schulden je zurückgezahlt werden können, ob es nicht zu riskant ist, ständig neuen Kredit aufzunehmen, stellt sich im florierenden Kapitalismus nicht. Da wird auf Gedeih und Verderb darauf gesetzt wird, dass aus einem immer größeren Kapital ein immer größerer Überschuss herausspringt. Dass das hin und wieder stockt und in eine Krise mündet, beweist nur diesen Wachstumszwang des Kapitals und die Krise korrigiert ihn auch nicht.
Die „Versorgung mit Kredit“ ist also unbedingt erforderlich, um dem Wachstumsdrang und -zwang nachzukommen, und diese „Versorgung“ liegt in der Hand der Banken. Große Unternehmen können auch eigene Anleihen herausgeben, aber dafür brauchen sie den Kapitalmarkt, und der ist wiederum die Domäne der Banken und von deren Funktionieren abhängig. Wenn in der Krise Banken diese schöne „Dienstleistung“ namens „Kreditversorgung“ aufkündigen, dann könnte man bemerken, dass es bloß Kredit also Schulden sind, die die Betriebe am Laufen halten. Schulden sind offenbar nicht bloß für die Finanzindustrie, sondern für das ganze marktwirtschaftliche Gewerbe das schlechthin unentbehrliche Produktionsmittel. Wenn das geliehene Geld nicht mehr fließt, verkommen die materiellen Produktionsmittel, Fabriken und Maschinen. Und erst recht die menschlichen Produktionsfaktoren, die die Anlagen, Computer und Fließbänder sachgerecht zu bedienen wissen, mögen überreichlich vorhanden sein, taugen aber für die Verwertung des geliehenen Geld überhaupt nichts mehr, werden daher zur Untätigkeit verdammt und verelenden.
Es ist also ein marktwirtschaftliches Märchen, dass der Kapitalismus ein sinnreicher Mechanismus zur „bestmöglichen Versorgung der Gesellschaft mit Gütern“ sei. Der Marktwirtschaft geht es nämlich gerade nicht um die Bereitstellung vieler nützlicher Produkte, mit deren Gebrauch die Menschheit ihr Leben fristet. Es kommt vielmehr auf die Vermehrung des vorgeschossenen Kapitals mittels Schulden an – deswegen sind die Kredite der Finanzwirtschaft eben nicht Hilfsmittel für Produktion und Konsum. Vielmehr gilt für die „Realwirtschaft“ dasselbe „Gesetz“, nämlich dasselbe zum Sachzwang versteinerte Interesse wie für das Finanzkapital mit seinem Wertpapierhandel: Hier werden Schulden zu Kapital gemacht, oder es findet gar nichts statt. Alles führt immer wieder zu derselben Klarstellung: Arbeit wird verrichtet, um Kredit programmgemäß als Kapital wirken zu lassen, d. h. um die Macht des investierten Geldes und dessen Recht auf Vermehrung zu betätigen, zu bestätigen und in wachsendem Umfang zu reproduzieren. Der materielle Lebensprozess der Gesellschaft ist Instrument der Herrschaft des Geldes über die Arbeit und findet nur statt, damit, und in dem Maße, wie die Herrschaft des Geldes dadurch wächst.
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Warum Politik, Unternehmerverbände und die Öffentlichkeit diese finanzkapitalistischen Berechnungen einfach nicht wahrhaben wollen, sondern auf deren „eigentlicher“ Aufgabe bestehen, das produzierende Gewerbe mit ausreichend Kredit zu versorgen, liegt daran, dass diese Instanzen von dem Imperativ ausgehen, kapitalistische Geschäfte hätten gefälligst erfolgreich zu sein. Die eine oder andere Pleite wg. Misswirtschaft wird noch in Kauf genommen; wenn aber die Banken mit ihrer Kreditvergabe so zögerlich werden, dass Fließbänder aller Orten stillzustehen drohen, dann setzt ein moralisches Unterscheidungsgewese an. Dann wird die „Realwirtschaft“ als Opfer der Finanzwirtschaft bemitleidet und als die „gute“ Abteilung im kapitalistischen Wirtschaftsgetriebe besprochen. Dann wird geflissentlich übersehen, dass die genau demselben Prinzip der Kapitalmehrung gehorcht und gerade deswegen vom Geschäftsgang und den Kalkulationen der Finanzwirtschaft abhängig ist.
Vor der Krise, als alle Geschäfte beim produzierenden wie dem Finanzkapital wunderbar aufgingen, kam niemand auf die Idee, die Kapitalisten in gut und böse zu scheiden. Eine Dienstpflicht der Kreditwirtschaft wird erst dann eingefordert,
wenn offensichtlich wird, dass die Wirtschaft flächendeckend und existenziell darauf angewiesen ist, dass sie ausreichend mit Kreditmitteln versorgt wird;
wenn der Zusammenbruch der Finanzwirtschaft mit dem Ruin der „Realwirtschaft“ den gesamten gesellschaftlichen Lebensprozess, also auch die Macht des Staates bedroht.
Lesetipp:
Anmerkungen zur Krise ’09: Lehren aus zwei Jahren Weltwirtschaftskrise
in
erhältlich im Buchhandel oder unter
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/09/3/gs20093041.html