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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 22. 2. 2010
GegenStandpunktKein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 24.02.2010


Die Steuer-CD kaufen oder nicht kaufen?
Eine extrem konstruktive Frage für Staat und Staatsbürger:
Vom moralischen und imperialistischen Nutzen
eines grenzüberschreitenden Steuerdatenklaus

Das Gros der Menschheit erlebt seinen „Steuerabzug an der Quelle“, bekommt also das vom Staat beanspruchte Geld nie in die Finger. Eine Minderheit von Besserverdienern genießt die Freiheit, dem Staat die Steuer „zu erklären“. Das beschäftigt Steueranwälte, die ihre betuchte Klientel legal arm rechnen, oder beschert Steueroasen wie Liechtenstein oder Schweiz das Geschäftsmodell „Schwarzgeld“. Kommt dann noch ein Gemobbter, der Rache will, oder ein Geschäftstüchtiger, der bloß aufs Geld aus ist, an die Bankdaten am deutschen Fiskus vorbei investierter Vermögen heran – dann ist die CD mit Steuersündern ein Angebot an den betrogenen Staat, für die er doch ein paar Millionen locker machen sollte, angesichts der dreistelligen Millionenbeträge, die ihr Besitz ihm einzuspielen verspricht.

Trotz gewisser rechtsstaatlicher Bedenken bezüglich eines Deals ist die öffentliche Empörung beträchtlich und richtet sich eindeutig gegen die zu enttarnenden Schwarzgelddeponierer. Steuerhinterziehung von Millionären in Milliardendimensionen, das kann nicht nur der Staat nicht leiden. Insbesondere in der Krise ist die Repatriierung solcher Summen ein dringendes Anliegen. Der kleine Mann ist sich mit den vielen Anständigen aus Kommerz und Politik – wie den Herren Ackermann und Geißler, sowie der Kanzlerin Merkel – schnell einig: Steuerhinterziehung ist „kein Kavaliersdelikt“ und muss geahndet werden. Wer dabei erwischt wird, ist kein lässlicher Sünder, sondern landet am Pranger der demokratischen Öffentlichkeit als Schwerstkrimineller. Es sei denn, er merkt rechtzeitig, dass er aufliegen könnte und schreitet zur Selbstanzeige. An dieser Besonderheit des Steuerrechts, gewissermaßen einer permanenten Amnestie für Reiche, die verspätet, dann aber doch noch dem Staat seinen Anteil an ihrem Reibach überweisen, könnte man schon bemerken, dass das Gut, das hier gedieh, dem Staat im Prinzip sehr recht ist.

Aber woher die Reichen eigentlich die Millionen haben, die sie anschließend forttragen, interessiert Leute, die in ihrem gesamten Lohnarbeitsleben gar nicht die Möglichkeit haben, irgendeine Steuer zu hinterziehen, einfach nicht. Sie sind zwar die Objekte der Ausbeutung, aus deren rentabel organisierter Arbeit sich die „großen Vermögen“ speisen, die dann vor dem steuerlichen Zugriff des Staates gerettet werden sollen. Dennoch ist ihnen die Gerechtigkeit beim Zugriff des Finanzministers auf alle Einkommen wichtiger als der Klassengegensatz, der den Grund für ihren Schaden darstellt. Arbeiter und Manager bilden in dieser Sichtweise eine sittliche Gemeinschaft der Steuerbürger, auch wenn zwischen den abgeführten Steuerbeträgen Welten liegen. „Wir alle“, so wird sich das vorgestellt, finanzieren ein Gemeinwesen, das dafür mit Gegenleistungen wie Straßen, Schulen und Golfplätzen wiederum „uns allen“ zu Diensten ist – übrigens aktuell auch mit der „Verteidigung unserer Freiheit“ am Hindukusch. So löscht die Figur des „Steuerzahlers“ alle Gegensätze zwischen den Klassen – abhängig Beschäftigte auf der einen und ihre Ausbeuter auf der anderen Seite – aus. Bei aller Säuernis über die staatliche Zwangsabgabe sind doch alle Bezieher von Einkommen der darüber stehenden Gewalt als Bürger die Steuer schuldig – und wenn alle ihren Pflichtbeitrag entrichten, dann ist auch alles in Ordnung.

Wenn man es so zu sehen gelernt hat, dann ziehen sich die reichen Steuerhinterzieher, an deren Beruf als Unternehmensführer nie Zweifel aufkämen, den Volkshass zu und werden zu Schmarotzern an der nationalen Gemeinschaft. Sie schicken ihre Kinder aufs Gymnasium und fahren mit dicken Autos auf „unseren“ Straßen, wollen aber für diese Leistungen keinen Cent locker machen und tragen ihr Geld in die Schweiz. Der Fall ist also klar: „Kauft euch endlich die reichen Steuersünder!“ – diese Moral kann die „Bildzeitung“ leicht anstacheln, weil sie längst im Umlauf ist.

Der Kauf der CD mit Steuersünderdaten wirft allerdings Probleme auf, weil es sich bei der Ware im Angebot um eine mit geklauten Daten handelt. Die mit dem ins Auge gefassten Deal dokumentierte Missachtung Schweizer Rechts spielt in der hiesigen öffentlichen Debatte um die Rechtmäßigkeit des Kaufs allerdings nur eine sehr untergeordnete Rolle. Umgekehrt steht der Verdacht im Raum, dass ausgerechnet der Hüter des deutschen Gesetzes zum Hehler wird, also gegen sein Recht verstößt. Aber doch für eine gute Sache, oder? Damit beginnt ein in der Öffentlichkeit erbittert geführter moralischer Streit um die Abwägung kollidierender Rechtsgrundsätze:

Der Kauf der gestohlenen Daten ist so gesehen womöglich ein Verbrechen; seine Unterlassung aber auch. Die Interessen, um die sich diese Debatte um die Gewichtung höherer Rechtsgüter dreht, sind dabei recht banal und durchsichtig: Der Staat will das Geld, der Vermögende es behalten und die Parteienlandschaft sorgt sich um ihre Wählerschaft.

Die Wirklichkeit des Rechts, aus der diese Moraldebatte ihre Fallbeispiele entlehnt, lehrt etwas anderes übers Recht als die Vorstellung vom dienenden Verhältnis der Staatsgewalt gegenüber ihm: Das Recht ist nicht oberster Zweck, sondern Mittel, und zwar der Staatsgewalt, die es setzt. So ist es einerseits absolut, allgemein gültig kraft Gewalt. Und andererseits relativ, gesetzt und verändert gemäß den Vorhaben dieser Gewalt: Entweder der Regierungsbeschluss hat vor den Gerichten Bestand (eine Anzeige gegen Merkel liegt vor) oder die (inter-)nationale Gesetzeslage muss dem staatlichen Bedürfnis nach Kontrolle grenzüberschreitender Geldströme angepasst werden.

Inzwischen hat Frau Merkel ein Machtwort gesprochen: „Kaufen!“ Das wird nicht nur als gutes Geschäft mit Traumrendite gefeiert, sondern als ausgesprochen „instinktsicher“ gelobt. Das spült nämlich nicht nur Geld in die Staatskasse, sondern bedient auch noch die Moral der kleinen Leute, ohne deren Dienstbarkeit es die vielen reichen Verantwortungsträger und andere Mitglieder der Geldelite sowie die gefüllten Haushalte unseres Rechtsstaates gar nicht gäbe. So kommen doch noch Recht und Moral zur Deckung – zumindest im Innern der Nation.

Nach außen hingegen zeigt sich die imperialistische Substanz an der Sache: Weniger der Datenklauer, sondern die „Steueroase“ Schweiz gilt als kriminell: Wer hat denn mit Steuervorteilen und Bankgeheimnis als Sonderangebot an das Finanzkapital Milliarden aus aller Welt erfolgreich in Schweizer Banken gelockt?! Der Schweizer Staat leistet Beihilfe zum Steuerbetrug deutscher Steuerpflichtiger! – Das muss sich nach dem Willen deutscher Finanzminister in Bund und Ländern endgültig ändern. Der zwischenstaatliche Streit zeigt die Wahrheit über die höhere Natur des Rechts: Der Respekt vor dem gültigen Schweizer Recht als hohem Gut hält sich jedenfalls stark in Grenzen. Das politische Interesse Deutschlands ist der Leitfaden, und dieses soll die Schweiz zu für sie verbindlichem Recht erklären: Sie soll dem geforderten „automatischen Datenaustausch“ zustimmen, also deutsches Interesse bei sich zum verbindlichen Recht machen und ihr Bankgeheimnis durchlöchern. Damit ist die Schweiz weit über die Steueraffäre hinaus prinzipiell angegriffen: Ihre Banken werden diskreditiert, und das trifft sie als internationalen Finanzplatz, der in der laufenden Krisenkonkurrenz klein gemacht gehört. Ihr überkommener Standortvorteil – als international anerkannter Treuhänder des internationalen Geld- und Zahlungsverkehrs wie auch als moderne Weltsparkasse, die dem internationalen Finanzkapital im Schweizer Franken eine sichere Anlage versprach, und so diesem umgekehrt als Nationalkredit bombenfest machte –, gehört kaputt gemacht. Die großen europäischen Staaten – Deutschland an vorderster Front – zielen darauf ab, mit diesem lästigen Konkurrenten in Sachen Geldvermehrung endgültig aufzuräumen. Nicht nur die steuerflüchtigen, auch alle anderen Milliarden sollen ihre Neu-Anlage in der Frankfurter Finanzmetropole suchen und finden. Auf diese Weise wird die ökonomische Basis der Schweiz, ihr Nationalkredit, angegriffen und damit die Existenzgrundlage dieses Staates untergraben.

Was alles an Sprengstoff in so einem Datenträger steckt!


© GegenStandpunkt Verlag 2010