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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 19.
Oktober 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 21.
Oktober 2009
Geld oder Leben
Die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit“, OECD,
schreibt in ihrem „Agrarausblick 2009“:
„Eine Milliarde Menschen leiden
an Hunger
In den Entwicklungsländern werden
zwar künftig mehr landwirtschaftliche Güter hergestellt, gehandelt und
verbraucht. Lebensmittelknappheit und Hunger sind aber dennoch ein
zunehmendes Problem. Weltweit leiden eine Milliarde Menschen Hunger.
Langfristig besteht weniger die Gefahr, dass es nicht genug
Nahrungsmittel gibt, sondern dass die Armen nicht ausreichend Zugang
dazu haben. Deshalb müsse die Armut verringert werden und die
Wirtschaft wachsen – dazu könne in Entwicklungsländern die
Landwirtschaft beitragen.“ (wirtschaft.t-online.de, 17.6.09)
Immer mehr Lebensmittel auf der einen Seite - gleichzeitig herrscht
Lebensmittelknappheit. Nahrungsmittel für die Hungernden wären also da,
aber es fehlt ihnen am Entscheidenden: am „Zugang“ zu diesen
Nahrungsmitteln. Und was ist dieser „Zugang“? Das Geld natürlich. Die
Hungernden sind von den Mitteln zur Beseitigung ihres Hungers durch das
Geld ausgeschlossen: Erst müssen sie Geld herbeischaffen, dann kriegen
sie was zu essen. Dem ist erstens zu entnehmen: Zweck allen
Produzierens - auch der Lebensmittelproduktion - ist nicht die
Herstellung von Gütern, die z.B. die Hungernden brauchen, sondern der
Erwerb von Geld; der reichlich produzierte sachliche Reichtum ist
einzig und allein dafür da, zu Geld zu werden. Zweitens: Dieser Zwang,
dieser alles beherrschende Zweck ist es dann auch, der das Elend in der
Marktwirtschaft hervorbringt. Die Fachleute von der OECD nennen das
Geld aber nicht Geld, sondern „Zugang“. Darin drückt sich einerseits
aus, dass es für sie das Allerselbstverständlichste ist, dass man ohne
Geld an nichts herankommt, eben keinen „Zugang“ hat, andererseits
verschwindet in diesem vornehmen Wort, dass es überhaupt bloß ums Geld
geht. Sie kommen im Leben nicht darauf, dass es das Geld, sprich: die
Festlegung allen Produzierens auf Gelderwerb ist, was die Leute hungern
lässt, für sie besteht das Problem darin, dass es den Leuten an Geld
fehlt. Nur fehlendes Geld verhindert, dass die produzierten Güter
dorthin gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden; sobald es da
ist, ermöglicht es den „Zugang“. Durch diese Brille betrachtet, ist
klar, worauf die Sache hinausläuft: Hunger ist nicht Mangel an
Nahrungsmitteln, sondern Mangel an Geld, und dann heißt das erste
Bedürfnis der Armen: eine erfolgreichere Geldwirtschaft! Milliarden
hungernder Menschen beweisen, wie unverzichtbar ein in Geld
bilanziertes Wirtschaftswachstum ist. Das Weltwirtschaftswachstum der
letzten Jahrzehnte hat eine riesige und steigende Zahl von Hungernden
hervorgebracht - und das einzig senkrechte Mittel dagegen ist das
Weltwirtschaftswachstum.
Damit ist vorgezeichnet, was die für ihre Effizienz und
Menschengemäßheit berühmte soziale Marktwirtschaft als Lösung
vorschreibt: Hungernde finden, wenn überhaupt, „Zugang“ zu ihren
Nahrungsmitteln nicht dadurch, dass sie sie herstellen und essen,
sondern dass sie daran beteiligt werden, Nahrungsmittel zu
Geschäftsartikeln zu machen. Die müssen sie dann dorthin bringen, wo
die Zahlungsfähigkeit beheimatet ist, denn nur so haben sie die Chance,
sich ein Geld zu verdienen, mit dem sie sich dann wieder Nahrungsmittel
kaufen können. Was anderes als Wirtschaftswachstum kann man nicht für
sie tun.
So wird sich marktwirtschaftlich mit Fragen des Lebens und Überlebens
befasst. Für den professionellen Blick beginnt und endet Ökonomie beim
Geld, er kennt kein anderes Bedürfnis und kein anderes Produkt als das
Geld, keine andere Frage und kein anderes Problemlösungsmittel. Egal,
wo er anfängt, er endet bei der ewigen Gebetsmühle vom
Wirtschaftswachstum, das unverzichtbar ist. Dieser Sachverstand kennt
keinen anderen Sorgegegenstand als seine Geldvermehrungswirtschaft.
Dafür eine weitere Sumpfblüte, in diesem Fall aus dem
Wirtschaftsressort der FAZ: Auch die jüngsten südostasiatischen
Naturkatastrophen machen anschaulich, in welchem Verhältnis das, was
„die Wirtschaft“ genannt wird, zum Überleben der Leute steht.
„Asiens schwarze Tage
"Es waren schwarze Tage für die
aufstrebenden Länder Südostasiens: verheerende Regenstürme … mehrere
Erdbeben … ein Tsunami …. Die Zahl der Toten dürfte sich auf mehrere
tausend belaufen. Die Wirtschaft aber bleibt von all diesen
Katastrophen fast unberührt. Denn anders als etwa von der Dürre in
Indien sind von den Naturkatastrophen nur einige arme Landstriche
betroffen. Deren Desaster aber berühren das Wachstum der Länder kaum.
‘Die wirtschaftlichen Auswirkungen verblassen hinter der menschlichen
Tragik’, fasst der Internationale Währungsfonds … die Lage zusammen.“
(4.10.)
Überlebens- und Versorgungsprobleme der Leute und das, was „die
Wirtschaft“ heißt, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Was ein
menschliches „Desaster“ ökonomisch heißt, ist erstmal ganz die Frage.
Im gegebenen Fall lässt die „menschliche Tragik“ „die wirtschaftlichen
Auswirkungen“ hinter sich verblassen. Die Leute von der
Wirtschaftsredaktion wollen nicht als Unmenschen dastehen und erledigen
erst einmal ihre moralische Pflicht: Ja, schlimm das mit den Opfern…
Dann kommen sie aber zur Sache und haben Gutes zu vermelden: Die
massive Vernichtung von Leben und Lebensgrundlagen ist zwar eine
Katastrophe, aber nur fürs Leben und nicht für die Ökonomie. Im
Gegenteil:
„‘Ich denke nicht, dass diese
gleichzeitigen Schocks Asiens Wiederaufschwung durcheinander bringen
werden. Über einen längeren Zeitraum spürt man kaum einen Einfluss auf
das Bruttoinlandsprodukt’, sagt Leong Wie Ho, Volkswirt … bei Barclays
Capital… Im Gegenteil: In der Regel steigen nach den Katastrophen die
Aktien von Bauunternehmen und Zementherstellern, da mit einem raschen,
oft besseren Wiederaufbau gerechnet wird. Auch die nun von den Erdbeben
betroffenen indonesischen Gebiete … stehen für weniger als 3 Prozent
des Bruttoinlandsproduktes des Inselstaates. Dort gibt es relativ wenig
Industrie, die wichtigste Infrastruktur wie Straßen oder Brücken rund
um Padang ist unzerstört.“
Womit hat man es – einfach mal nüchtern marktwirtschaftlich betrachtet
– bei massenhaften Zerstörungen zu tun? Mit guten Geschäftsaussichten
für Bauwirtschaft und Spekulation. Im vorliegenden Fall steht dem noch
nicht mal ein wirtschaftlicher Schaden gegenüber, da nur
Lebensgrundlagen, nicht aber Betriebe und Infrastruktur oder sonst was
fürs Geldverdienen Relevantes vernichtet wurden.
Für die Versicherungswirtschaft
stellen sich die Katastrophen etwas anders dar:
„Die Vereinten Nationen sprachen Ende
vergangener Woche mit Blick auf diesen Teil Asiens von einem ‚Erdteil
der Desaster’. ‘Noch nie haben wohl so viele Naturkatastrophen eine
Region in so kurzer Zeit heimgesucht’, sagte die stellvertretende
Generalsekretärin der Vereinten Nationen, Noeleen Heyzer. Die
Rückversicherung Münchener Rück hat ermittelt, dass sich die Zahl der
Naturkatastrophen … in Asien zwischen 1980 und 2007 mehr als
verdreifacht habe... Die Verluste durch diese Katastrophen summierten
sich allein 2007 auf rund 40 Milliarden Dollar. In schlechteren Jahren,
wie etwa 2004 nach dem Tsunami, haben sie auch schon das Doppelte
erreicht. Dennoch: Nur ein Bruchteil in Höhe von vielleicht 2 oder 3
Milliarden Dollar der Gesamtsumme ist in den armen asiatischen Ländern
versichert.“
Es gibt also auch einen Sektor Ökonomie, den menschliche Nöte und
Katastrophen nicht kalt lassen, weil er nämlich davon betroffen ist. Im
Versicherungssektor verblasst keine Geldrechnung „hinter der
menschlichen Tragik“, im Gegenteil: Jede menschliche Tragik hat ihren
exakten Preis, mit dem sie sich in den Bilanzen niederschlägt. Rein
ökonomisch betrachtet sind Katastrophen eine Frage der Assekuranz.
Im vorliegenden Fall war die menschliche Katastrophe geradezu ein
Schnäppchen. Weil keiner versichert war, ist auch hier kein
nennenswerter ökonomischer Schaden entstanden. Was für die Versicherung
von Vorteil ist, ist für Kapitalisten aus anderen Branchen freilich ein
Nachteil:
„Das heißt, dass die Menschen auf
ihren Schäden sitzen bleiben. Damit fehlt ihnen Kaufkraft. Deshalb
verkündete die philippinische Präsidentin Arroyo am Samstagnachmittag
ein einjähriges Rückzahlungsmoratorium für staatliche Kredite an
Haushalte in den betroffenen Gebieten. Auch Gebühren für Überweisungen
aus dem Ausland sollen erlassen werden. So solle eine zusätzliche
Kaufkraft von 32 Milliarden Pesos (466 Millionen Euro) freigesetzt
werden.“
Auch unversicherten armen Menschen kommt also eine gewisse Bedeutung
für die Wirtschaft zu. Die Lebensmittelabteilung versorgt zwar nicht
die Leute mit Lebensmitteln, aber an deren Zahlungsfähigkeit, um ihre
Produkte zu Geld zu machen, ist sie schon interessiert. Im vorliegenden
Fall entspricht die entfallene Kaufkraft ungefähr der Höhe der von der
Regierung erhobenen Überweisungsgebühren und ist insofern problemlos
kompensierbar, so dass auch hier der Wirtschaft keine Einbußen
entstehen. In Sachen Kaufkraft lässt sich sogar ein erfreuliches
Resümee ziehen:
„‘In der Regel gleichen die Gelder
für die direkte Hilfe und den anschließenden Wiederaufbau die Schäden
mehr als aus. Bei aller Tragik der Opfer können solche Katastrophen
sich damit gesamtwirtschaftlich sogar positiv auswirken’, sagt Leong.“
Katastrophe? Kommt drauf an!