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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 28.
September 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 30.
September 2009
Die demokratische Wahl (II)
Das Kreuz hat seinen Dienst getan
Die Wahllokale sind geschlossen, die mit dem aktiven Wahlrecht, die
Wähler, haben ihre Stimmen in einer Wahl abgegeben, die frei und geheim
ist. Das garantiert: Die Wähler haben sich nicht abgesprochen
oder beraten, sondern jeder hat ganz anonym sein Kreuz gemacht – jeder
wirft also ein Entscheidungs-Atom in die Urne, dem ein Willen des
Wählers nicht anzusehen ist und das in der Masse der anderen
Entscheidungs-Atome untergeht. Es kommen Verhältnisse heraus,
Zuordnungen von Kreuzen zu den Parteien. Die Kreuze sollen dazu dienen,
eine neue Regierung zu bilden, so will es die Verfassung alle 4 Jahre –
doch wer stellt die Regierung? Die passiv Wahlberechtigten, die
Politiker, treffen in den Fernsehstudios ein und beugen sich zusammen
mit den unzähligen Journalisten und Moderatoren über die
zusammengezählten Wahlkreuze, fragen sich, wie sie sie für sich
verwenden können. Alle – die Linkspartei macht zurzeit noch eine
gewisse Ausnahme – wollen in die Regierung, dafür haben sie schließlich
jede Menge Zeit und Geld im Wahlkampf aufgewendet, über allen schwebt
Münteferings Schreckgespenst: „Opposition ist Mist”.
Zuvor, während des Wahlkampfes, war ein beherrschendes Thema die
„Farbenlehre“: Welche Konstellationen von Schwarz, Rot, Gelb, Grün sind
denkbar? Lassen wir die Linkspartei einen Moment lang beiseite, so
stellte sich heraus: Es sind alle denkbar. Es hat sich bis in die
Zeitungen herumgesprochen, dass es dann mit der immer wiederkehrenden
Beschwörung der „Inhalte”, für die die Parteien stünden und die sie auf
eine bestimmte Politik festlegten, nicht so weit her sein kann.
Offensichtlich lassen sich, wenn eine Regierungsbeteiligung winkt, jede
Menge „Inhalte” mit ein bisschen Anstrengung und Geschick
zusammenschmieden. Damit soll nicht, worauf die Zeitungen dann gerne
verfallen, gesagt sein, dass die Parteien [Zitat] „wegen der Macht ihre
Prinzipien über Bord schmeißen”. Es wäre nicht weiter schlimm, wenn nur
ein moralisches Vergehen vorläge. Schlimm ist: Diese Parteien sind
prinzipientreu. Sie sind von Haus aus in den Prinzipien, auch
„Sachgesetzlichkeiten” genannt, so verdammt einig sind, dass erstens
das A&O dieser Nation das Wachstum des Kapitals zu sein hat und
alles dafür getan werden muss, und dass zweitens, wie sie sagen,
„Deutschlands Stellung in der Welt bewahrt bleiben muss”, heißt:
Deutschland sich gegen andere Staaten durchsetzen muss. Auf Basis
dieser Prinzipien kann man sich dann schön darüber streiten, wie z.B.
eine Gesundheitsreform gemacht werden soll. Da man sich bei allem
Streit allemal darüber einig ist, dass angesichts einer
verschlechterten Kassenlage keinesfalls das Kapital belastet, sondern
auf jeden Fall die Gesundheitskosten „reformiert”, also gesenkt werden
müssen – darin eingeschlossen die miesen und lebensfeindlichen Folgen
für die Kranken, besonders die alten –, kann man sich zwar über
Einzelheiten und Durchführung einer solchen Reform streiten, nicht aber
sich über die Notwendigkeit dieser „Sachgesetzlichkeit“ zerstreiten.
Umgekehrt – und manchmal schon ein bisschen komisch – hat eine Partei
dann hin und wieder die Sorge, dass man sie doch auch unterscheiden
können soll, und sie legt sich neben den vielen „Gemeinsamkeiten”, die
sie zur Koalition mit anderen befähigen, ein „Alleinstellungsmerkmal”
zu. Alternativ oder ergänzend zum „Alleinstellungsmerkmal” kann man es
machen wie FDP-Chef Westerwelle. Der beruft seine Partei eine Woche vor
der Wahl ein und verdonnert sie auf eine “klare Koalitionsaussage”:
„Nur Schwarz-Gelb kommt in Frage!” Dass da welche dazu verdonnert
werden müssen, weil sie nämlich die Koalitionsaussage lieber „offen
gehalten” hätten, zeigt: Es sind nicht die „Inhalte”, wegen derer die
Partei einfach gar nicht anders kann, als mit Schwarz zu koalieren,
vielmehr verspricht sich Westerwelle von dieser Vorabfestlegung einfach
mehr Wählerstimmen. Die anderen befürchten hingegen, dadurch eine
Koalitionsmöglichkeit zu verpassen, für die sich dazugehörigen
„Gemeinsamkeiten” schon finden würden. Dann stellt sich die Partei aber
wie ein Mann hinter Westerwelle, und schon – so raffiniert ist die
Demokratie – gelangen die soeben desavouierten „Inhalte” zu höchsten
Ehren, und zwar so: Die Parteiführung hat Geschlossenheit gefordert und
bekommen, denn Streit darf man sich in einer demokratischen Partei so
kurz vor der Wahl auf keinen Fall leisten; diesen Zwang zur
Geschlossenheit gibt sie dann aus als „Letztlich müssen über aller
Taktik die Inhalte stehen“ - und schon waren es die, die der Partei gar
keine andere Wahl als Schwarz-Gelb gelassen haben…
Noch eine Klammer zur Linkspartei. Deren wesentliches
„Alleinstellungsmerkmal” besteht darin, dass sie von den anderen
Parteien ausgegrenzt wird. Sie gibt sich großem Mühe zu beweisen, dass
und wie sie in den „demokratischen Verfassungsbogen” hineingehört und
eigentlich nur Positionen besetzt, die die SPD verblendet und zum
eigenen Nachteil aufgegeben habe, aber die anderen bleiben – noch – bei
ihrem Ausgrenzungsbeschluss. Die SPD hat diesen Beschluss freilich – da
die Konkurrenz von links immer unangenehmer wird – aufgeweicht und die
Unterscheidung „Länder-” und „Bundesebene” eingeführt. Auf der ersten
wollen sie die Linkspartei für das SPD-Regieren benutzen, von der
zweiten wollen sie sie fernhalten, weil das der SPD womöglich mehr
schadet als nutzt. Bewiesen hat sie damit eigentlich nur, dass die
Linkspartei mit ihrem „Wir gehören dazu” Recht hat. Aber ein
Koalitionsangebot fürs Regieren im Bund kriegt sie trotzdem nicht und
hat darum beschlossen, so zu tun, als wäre sie ganz scharf auf die
Opposition und als wären ihre „Inhalte” dort am besten aufgehoben. Bis
ihr endlich ein Koalitionsangebot gemacht wird...
Zurück zum Wahlabend. Die Vorankündigung der FDP, nur Schwarz-Gelb
komme für sie in Frage, stellt sich als abträglich heraus. Nämlich für
die Spannung, die die Öffentlichkeit und die Parteien für den Wahlabend
angekündigt und geschürt haben. Man sollte gespannt sein darauf, wie
die Politiker die Wahlkreuze für das verwenden, wofür sie da sind: Als
Material, das sie dafür brauchen, ihre Konkurrenz abschließend
entscheiden zu können. Aber der Erfolg der FDP, der schnell für klare
Verhältnisse sorgt, lässt die Luft heraus, man merkt die Enttäuschung.
Die Entscheidung der FDP, demonstrativ auf die Freiheit - die sie ja
hatte - zu verzichten, ihre Wahlkreuze als Verhandlungsmasse in andere
Farbkonstellationen einzubringen, zahlt sich für sie aus. Sie hat die
allgemeine Spekulation über mögliche Koalitionen für eine Absage an
diese Spekulation benutzt - und diese Spekulation ist aufgegangen.
Anscheinend hat diese Selbstdarstellung der Partei vielen Wählern als
„konsequent“ und „Die stehen zu ihren Inhalten“ gefallen. Zudem scheint
ihnen der strikt pro-kapitalistische Kurs, den die FDP als „Weg aus der
Krise“ gegen alle Vorwürfe des „Neoliberalismus“ beibehält,
einzuleuchten: Nur wenn man sich ganz hinter die Erfordernisse und
Anforderungen des Kapitals stellt, kann es aus der Krise, in die es
sich hineingewirtschaftet hat, wieder herauskommen. Das ist zwar eine
Absurdität: Man wünscht dem Schadensverursacher Gesundheit damit er
wieder Unheil anrichten kann. Aber solange die Nation, ihre Politiker
und ihre Bürger, tatsächlich nichts anderes kennen will als die
Abhängigkeit vom Erfolg des Kapitals, solange sie sich zu ihm als ihrem
entscheidenden Lebensmittel bekennt, ist das „systemisch“ vollkommen
korrekt.
Am Schluss bedanken sich die Politiker bei den Wählern und sie zeigen
sich besorgt über die Wahlbeteiligung. Dank und Besorgnis sind
angebracht. Die Wähler leisten ja wirklich Wichtiges, nämlich:
Sie haben allein schon durch den Wahlgang zugestimmt und bekräftigt,
dass sie auch die nächsten 4 Jahre regiert werden wollen. Dem Volk ist
von denen, die es regieren, die Souveränität zugesprochen worden, an
diesem Tag zu wählen. Diese Souveränität hat es dafür benutzt, sie
abzutreten, nämlich an die, die sie zum Wählen gerufen haben und nun
wieder über sie regieren. Das Volk hat seine Kreuze bereitgestellt,
damit das Personal der Regierung bestimmt werden kann – ab sofort ist
die Regierung ganz frei: Sie regiert nun 4 Jahre, wie sie will. Die
Obrigkeit ist auch frei in dem Sinne, dass sie ihre Macht über die
Bürger nicht nur auf Gewalt, sondern auf deren Zustimmung gründet und
sich deren Einmischung in die Staatsgeschäfte mit dem Verweis verbitten
kann, sie sei schließlich gewählt. Die Regierung geht nicht nur
berechtigter Weise über die Interessen jener Minderheit hinweg, die sie
nicht gewählt oder für die unterlegene Alternative gestimmt hat, sie
geht berechtigter Weise auch über die Interessen derer hinweg, die für
sie gestimmt haben. Sie waltet ihres Amtes, wenn sie die Interessen des
Großen Ganzen exekutiert: Das sind, wie gesagt, der kapitalistische
Erfolg Deutschlands und sein internationaler Erfolg, die Durchsetzung
gegen andere Staaten. Dem haben sich alle anderen Interessen, die doch
„bloß einzelne” sind, unterzuordnen und sie haben – falls erforderlich
– hinzunehmen, dass über sie schlichtweg hinweggegangen wird. Das sorgt
für jede Menge Unzufriedenheit – die ist erlaubt und darf sich während
der nächsten 4 Jahre artikulieren. Das ändert zwar nichts, aber am Ende
dieser 4 Jahre darf sie sich eine neue Regierung wählen.