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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 27.
September 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 21.
September 2009
Die Linkspartei kämpft für “soziale Gerechtigkeit”:
"Was brauchen die Armen im Land? Eine politische Vertretung!"
Gregor Gysi schreibt auf sein Wahlplakat “Reichtum für alle!” Das ist
natürlich ein wenig provokant gemeint. Eine Partei, die herausstreichen
will, wie oppositionell sie ist und wie anders als die anderen, traut
sich auch mal einen Spruch, der ein wenig aus dem Rahmen fällt. Sie
will betonen, was für eine schwerwiegende Ungerechtigkeit das ist, wenn
es, wie sie es ausdrückt, eine “ungeheure Fülle” von Reichtum und
daneben jede Menge Armut gibt. Diese Ungerechtigkeit wird, so die
Anklage, von den anderen Parteien vernachlässigt oder einfach
übergangen, die Linke sieht ihre vorrangige politische Aufgabe hingegen
in der Befassung mit dieser “Kluft”. Das ist freilich etwas anderes,
als die Armut zu beseitigen, und die Linke nimmt sich das auch nicht
vor. Der Kampf für Gerechtigkeit geht anders.
Ein wenig vom Reichtum der Reichen sollte aber schon zu den Armen
hinüberwandern. Entgegen anders lautenden Gerüchten - die “Frankfurter
Allgemeine” z.B. sieht sich durch die Parole “Reichtum für alle!” in
ihrem Verdacht bestätigt, es mit einer klassenkämpferischen,
antikapitalistischen Partei zu tun zu haben, umgekehrt richten sich
genau darauf Hoffnungen aus der linken Ecke - stellt die Linke vom
ersten Moment an klar, dass sie den Reichtum der Reichen keinesfalls
angreifen will. Falls die Armen auf eine andere Idee kommen sollten -
auf die Linke können sie dabei jedenfalls nicht rechnen. Eine Korrektur
an der beklagten “Kluft” kann es nämlich nur geben, wenn der Staat,
bekanntlich der Garant des
Eigentums der Reichen, seinen Segen dazu
gibt, und auch nur er kann diese Korrektur vornehmen. “Reichtum
besteuern!” heißt die Parole - da kann der Staat Gutes tun,
ohne
Einbußen an seinem Haushalt zu erleiden: “Millionärssteuer statt
höherer Mehrwertsteuer! Börsenumsatzsteuer und höhere Steuern für
Konzerne jetzt! Die Steuern für Beschäftigte und Kleinbetriebe senken!”
Das uralte Rezept gegen Ungerechtigkeit, die Umverteilung, heißt also
in seiner modernsten Fassung: Die einzig mögliche Beteiligung der Armen
am Reichtum der Reichen besteht darin, dass der Staat Steuerquoten
herauf- bzw. hinabsetzt. Der Staat, wenn er den Reichtum besteuert, ist
sehr darauf bedacht – die Reichen sehen das natürlich ganz anders –,
der Vermehrung des Reichtums keinen Schaden zuzufügen. Dieser
“volkswirtschaftliche Vernunft” will die Linke nicht widersprechen und
wie um auch noch den allerletzten Giftzwerg aus der “Frankfurter
Allgemeinen” zu besänftigen, wartet sie mit “konkreten Zahlen” auf, die
beweisen sollen, wie aufrichtig sie es meint. Dem von ihr
veranschlagten Steuersatz kann man entnehmen, dass “Reichtum
besteuern!” nicht den Zweck verfolgt, dass “unten” ordentlich was
ankommt. Ihre Steuer ist keine Umverteilungssteuer, sie hat vielmehr
den höheren Zweck, an die - von den anderen Parteien, aber auch vom
Staat - so vernachlässigte “soziale Verantwortung” des Reichtums zu
erinnern, oder besser: zu appellieren. Der soll schon so sein, wie er
ist, aber Aufgabe des Staates ist es, ihn in die Verantwortung zu
nehmen.
Was man sich darunter vorzustellen hat bzw. in welche Richtung das
geht, macht die nächste Forderung deutlich: “Mindestlohn gerade jetzt!”
“Mindestlohn” heißt: Ab einer bestimmtem Grenze muss mal Schluss sein.
Das ist freilich nur eine defensive Reaktion darauf, dass die Löhne
seit Jahren durchgängig und anhaltend sinken. Zu verdanken ist das dem
lohnfeindlichen Diktat der Rentabilität, dem der Staat mit seiner
Agenda 2010 noch einen Extra-Schub verliehen hat. Sein Argument, das
von den anderen Parteien im Wesentlichen geteilt wird, heißt: Das ist
die einzig richtige Antwort auf die “Herausforderung der
Globalisierung”, dient dem Wachstum, von dem “wir alle” abhängen, und
es bringt die Arbeitsplätze hervor, die “wir alle” brauchen. Die Linke
macht sich damit nicht gemein und sie opponiert gegen die Agenda 2010,
aber auch sie hört auf die “volkswirtschaftliche Vernunft”, dem Diktat
der Rentabilität, also dem Interesse derer, die damit ihren Reichtum
machen, nicht zu widersprechen: Eine Umkehrung
des Trends der letzten
Jahre fordert sie nicht, “Lohnsteigerung” oder „Rückgängigmachen der
Lohnsenkungen“ ist bei ihrem Kampf gegen Ungerechtigkeit nicht
vorgesehen, sondern eben “Mindestlohn”. Um ihn zu begründen, erwähnt
sie zwar die Not der Betroffenen, aber nur um auf den daraus folgenden
volkswirtschaftlichen Schaden zu verweisen – ein weiterer Beweis ihrer
“volkswirtschaftlichen Vernunft”. Der volkswirtschaftliche Schaden
besteht in seiner ersten Abteilung handfest ökonomisch in mangelnder
Kaufkraft: Da hat die Linke
eine anerkannte Lehrmeinung hinter sich,
wenn sie auf den Nutzen des Mindestlohns verweist, den Absatz von
Unternehmen anzukurbeln. Wenn sie “Mindestlohn gerade jetzt!”
fordert,
ist das nicht mit einem “Jetzt reicht es!” zu verwechseln, vielmehr
will sie zeigen, dass sie vernünftiger ist als die anderen: Gerade
jetzt, wo Krise ist, würde ein weiterer Rückgang der Nachfrage den
Unternehmen besonders schaden, und nur eine verbohrte neoliberale
Lehrmeinung, von der man jetzt doch weiß, dass sie Mitschuld an der
Krise trägt, kann auf Lohnsenkungsprogramme kommen. In seiner zweiten
Abteilung geht der von der „Linken“ ausgemachte volkswirtschaftliche
Schaden, der durch Mindestlohn zu beheben sei, darüber noch hinaus.
Leute, denen kein Mindestlohn gewährt wird, werden ausgegrenzt, an den
Rand der Gesellschaft gedrängt. Das ist darum schlimm – auch da hat die
Linke anerkannte Lehrmeinungen auf ihrer Seite –, weil diese Leute
national unnütz werden. Armut und Verwahrlosung sind darum so
bedenklich, weil solche Leute das Interesse am öffentlichen Leben
verlieren, ihnen die Politik und am Schluss die Demokratie egal sind,
sie dann sogar anti-demokratisch werden und sich von den
Rechtsradikalen verführen lassen. Somit ist klar, warum es den
Mindestlohn braucht. Wenn der Staat – denn nur er ist wie bei der
Steuer für die „Linken“ die einzig richtige Instanz dafür – den
Mindestlohn einführt, dann nimmt er die, die ihn bezahlen müssen, in
eine soziale Verantwortung. Das mag denen nicht besonders gefallen,
aber der Mindestlohn ist in zweifacher Hinsicht eine Wohltat für die
Nation: Er unterstützt das Wachstum, das die Unternehmen brauchen,
wovon wiederum die Nation abhängig ist, und er ist eine Vorkehr gegen
das Abdriften immer größerer Bevölkerungsteile in die politische
Gleichgültigkeit, hält sie bei demokratischer Laune.
Der Einsatz der Linken für die Gerechtigkeit ist in materieller
Hinsicht bestenfalls einer gegen ein weiteres Abrutschen in die
Verelendung. Aber daran soll man sie auch nicht messen. Gregor Gysi
klärt auf, dass Gerechtigkeit etwas anderes ist als materielles
Wohlergehen. Auf seine Parole “Reichtum für alle!” angesprochen,
verwahrt er sich entschieden gegen das klassenkämpferische
Missverständnis, die Linke wolle womöglich den Gegensatz abschaffen
zwischen denen, die ihr Geld für sich arbeiten lassen und denen, die
für das zum Leben nötigste Geld arbeiten müssen. Gysi stellt klar: “Es
ist doch nicht so, dass man sich bei Reichtum immer nur Geld vorstellen
muss.” Welchen Reichtum der Einsatz für die Gerechtigkeit verspricht,
kann man den Parolen “Reichtum besteuern!” und “Mindestlohn gerade
jetzt!” entnehmen. Die Armen dürfen nicht das Gefühl haben, nur Opfer
einer rücksichtslosen Reichtumsmaschinerie zu sein. Das sind sie zwar,
die Reichtumsmaschinerie ist rücksichtslos, aber gerade deswegen muss
man ihnen das Gefühl zukommen lassen, berücksichtigt zu werden, eben
nicht ausgegrenzt, nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt, also
zur Nation gehörig zu sein. Das ist Gysis höhere Art von Reichtum. Für
die Schaffung dieses Gefühls kann nur einer zuständig sein: der Staat.
Er muss sagen: Du gehörst zwar zu den Elenden, aber auch du bist mein
Bürger und ich lege Wert auf dich. Und das ist machbar – da gibt sich
die Linke ganz realistisch und verweist ständig auf andere europäische
Staaten, wo das doch auch möglich sei, weil man dort nicht so
“neoliberal verblendet” ist: Eine Reichensteuer hier, ein Mindestlohn
dort – auf der einen Seite also eine vom Staat verordnete “soziale
Verantwortung”, auf der anderen eine vom Staat gewährte “soziale
Berücksichtigung”. Dass dies die „Kluft“ zwischen Arm und Reich
verringert, darf bezweifelt werden, aber darauf kommt es auch nicht an.
Wichtig ist, dass der Staat zeigt, dass ihm diese „Kluft“ nicht egal
und ihm die „soziale Gerechtigkeit“ ein wichtiges Anliegen ist.
Um diese Staatsaufgabe bewirbt sich die Linke. Sie ist ihrer Meinung
nach vakant, alle anderen Parteien unfähig, sie zu erledigen. Wählen
sollen die Armen und Erniedrigten die Linke, damit es im Staat eine für
sie zuständige Instanz gibt. Die steht dann aber auch über ihnen und
bestimmt¸ wie mit ihnen zu verfahren ist. Sie haben eine politische
Vertretung und mit der sollen sie zufrieden sein. Darin besteht die
ihnen von der „Linken“ zugedachte “Teilhabe” in einer Gesellschaft, in
der ansonsten weiter munter Armut erzeugt wird, damit die Vermehrung
des privaten Reichtums, des Kapitals, vorankommt. Die Vorstellung, die
Armen zu organisieren, für Widerstand gegen die Gründe der Armut im
Kapitalismus zu agitieren, erscheint dagegen einfach weltfremd.
Verkehrt wär’s trotzdem nicht.