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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 22.
Juni 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 24.
Juni 2009
Französische Arbeiter lassen sich nicht alles gefallen
Auch in Frankreich finden Massenentlassungen statt, in einigen Firmen
werden die Arbeiter militant und sperren ihre Bosse oder Manager ein.
Das wird hier zum Teil bewundert, „die wehren sich wenigstens ...“,
aber noch mehr skandalisiert: „Das darf es hier niemals geben!“ - so
die Debatte neulich im ARTE-TV. Tatsächlich beantworten die
Belegschaften in zahlreichen französischen Firmen die Mitteilung der
Geschäftsleitung, dass ihre Dienste nicht mehr gebraucht würden, auf
eine freche Art. Während deutsche Arbeitnehmer in solchen Lagen Särge
herumtragen, in denen sie die Arbeitsplätze oder ihr Vertrauen in die
Arbeitgeber oder gar deren Anstand beerdigen, nehmen französische
Kollegen ihre Bosse in Geiselhaft. Sie sollen genötigt werden, es sich
noch einmal anders zu überlegen und ihre unsoziale Entscheidung
zurückzunehmen.
Eine Sprecherin von Lutte ouvrière (Arbeiterkampf) :
„Die Menschen wollen ihren Arbeitsplatz verteidigen. Sie, die
Unternehmer, können das nicht verstehen. Die Leute haben 30 Jahre lang
dem Unternehmen alles geopfert, ihre Familie, ihre Gesundheit, und
jetzt kommt die Entlassung. Bei Molex haben die Arbeiter im letzten
Jahr einen Preis bekommen, wegen hervorragender Rentabilität, und jetzt
das! Sie verteidigen sich mit den Mitteln, die sie haben, und wir sind
solidarisch.“
Die Frau vom Arbeiterkampf wird schon wissen, dass die Firma mit den
Arbeitern als Betriebsmitteln rechnet, sie also wegen derselben
Profitrechnung auf die Straße gesetzt werden, wegen der sie sie vorher
eingestellt wurden. Die kämpferischen Geiselnehmer aber kümmern sich
überhaupt nicht um den ökonomischen Zweck eines kapitalistischen
Betriebs, dem ihr Erwerb jetzt zum Opfer fällt; sie opponieren auf
einer ganz anderen, nicht ökonomischen, vielmehr höchst moralischen
Ebene: Ausgerechnet daraus, dass sie über die Jahre selbstlos immer die
Opfer gebracht haben, die für Rendite und Erfolg der Firma erforderlich
waren, daraus, dass sie immer nur die braven Dienstleute waren, mit
denen der Chef alles machen konnte, und sie sich und ihr Familienleben
darüber haben kaputt machen lassen - ausgerechnet daraus soll ihnen das
Recht erwachsen, nun einmal auf sich und ihrer Weiterbeschäftigung zu
bestehen. Sie tun so, als hätten sie mit der Dummheit, sich ein Leben
lang ausbeuten zu lassen, eine soziale Pflicht erfüllt, wahre Treue
gegen ihren Dienstherren bewiesen – und finden es nun sehr schofel,
dass der eine ähnlich Treue ihnen gegenüber vermissen lässt. Sie nehmen
die Ideologie vom „Arbeitgeber“ bitter ernst und klagen den Chef an, er
habe seine Berufspflicht, Arbeit zu geben, verletzt.
Dass sich die Patrons aus ihrer Verantwortung für Arbeitsplätze
stehlen, lassen die wütenden Kämpfer ihnen nicht durchgehen: Sie
verstehen ihre Entlassung als einen Akt asozialer Gewalt und
beantworten ihn mit ihrer für legitim befundenen Gegengewalt. Sie
besetzen das Chefbüro, lassen ihn nicht heimgehen. Er soll sich vom
drohenden Arbeiterwillen bedrängt fühlen, Demütigung und Abhängigkeit
erfahren, wie sie für die Mitglieder der Elite unbekannt sind. Mit
ihrer Erpressung nehmen die Aktivisten die Person, die die
Entlassungsentscheidung gegen sie durchsetzt, persönlich in
Haftung: Das Treueverhältnis, das sie sich dem Chef gegenüber zugute
halten, versuchen sie, in umgekehrter Richtung zu erzwingen.
Dabei haben sie sich komische Probleme eingehandelt:
„Das Problem ist, dass die Aktionen fast alle in ausländischen
Unternehmen gelaufen sind. Wo ist der Ansprechpartner, fragen sich die
Leute. Ich habe nichts gegen Ausländer, aber wer sind die
Ansprechpartner, wenn es um Entlassungen geht? Die sitzen in Indien
oder wie bei Molex, wo sich herausstellte, dass der festgesetzte
Manager die Entscheidungen gar nicht trifft. Die werden woanders
getroffen, 10 000 km entfernt, von Leuten, die man nicht kennt, von
denen man nicht weiß, warum sie so entscheiden, in welchem Namen und
mit welcher Legitimität! Da versetzen Sie sich mal in die Arbeiter, die
schreien in den Wald und bekommen keine Antwort, das beunruhigt mich.“
Der Gewerkschafter von der CFDT beklagt sich, an die eigentlich
Verantwortlichen käme man nicht heran – so als ob es an der räumlichen
Entfernung und der fehlenden Bekanntschaft mit den obersten Bossen
läge, dass es den Arbeitern nicht gelingt, den kapitalistischen
Profitwillen eines Konzerns zu verhaften. Fast klingt aus solchen
Kritiken eine gewisse Sehnsucht nach dem Patron vergangener
Jahrhunderte, der am Ort wohnt, die Leute, die er ausbeutet, mit Namen
kennt und ihnen in die Augen sehen muss, wenn er sie ins Elend stürzt.
Oder – in einem anderen Fall – hatte der seiner Freiheit beraubte Chef
etwas zu sagen, hält sich aber an den Rat des Präsidenten der Republik
und verspricht seinen Bedrängern alles, was sie verlangen. Sarkozy:
Unter Nötigung abgegebene Versicherungen haben selbstverständlich keine
Gültigkeit. Der Staat schützt die Freiheit beider Vertragsparteien,
Arbeitsverträge zu schließen und aufzulösen. Dass Arbeiter auf die
Gelegenheit zur Arbeit existenziell angewiesen sind, berechtigt sie
nicht zur Nötigung, wenn das Kapital sie nicht mehr braucht.
Auf die eine wie die andere Weise werden die Geiselnehmer darüber
belehrt, dass sie nicht unter verantwortungslosen, nur an ihrem Profit
interessierten Individuen leiden, die man Mores lehren könnte, sondern
unter einem kompletten, staatlich geschützten Wirtschaftssystem. Das
lässt sich nicht verhaften und auch nicht moralisch beeindrucken.
Wie zum Hohn bekommen die militanten Arbeitsplatzverteidiger auch
noch von den Vertretern genau dieses Systems mitgeteilt, dass sie
einer ökonomischen Sachgesetzlichkeit gegenüberstehen, deren Prinzip
und Funktionsweise sich nicht durch Appelle oder individuelle
Verhaltensänderungen korrigieren lässt. Olaf Henkel, früherer
BDI-Präsident, redet wie mit Kindern, wenn er auseinandersetzt, dass
ein Kapitalist, der in der Konkurrenz steht, Zwängen ausgesetzt ist,
denen er entsprechen muss. Seine Entscheidungen können und dürfen also
nicht an den Interessen der davon Betroffenen gemessen werden.
„Das Problem ist doch: Wenn der Automobilabsatz um 50% sinkt, kaufen
die Unternehmen auch keine Reifen mehr, und dann können wir auch keine
Reifen herstellen. Wer will sie denn kaufen? Die Regierung kann sie
nicht kaufen, wir können sie auch nicht alle auf den französischen
Straßen anzünden. Es muss also reagiert werden, zum Beispiel im
Interesse des anderen Reifenwerks, das noch produziert, im Elsass.“
Der Reifenhersteller Continental baut in der Krise Überkapazitäten ab
und schließt eines seiner französischen Werke, um seine Rendite zu
verteidigen. Das sagt der Propagandaprofi aus Deutschland so nicht. Das
ist aber auch nicht nötig: Dass Arbeitsplätze rentabel sein müssen, um
„sicher zu sein“, ist in der Runde, in der er spricht, offenbar allen
klar und wird noch nicht einmal von den Verteidigern der Geiselnehmer
bestritten. Wenn der Unternehmer sagt: Konkurrenz!, dann nicken alle
mit dem Kopf - da gelten eben Sachzwänge, gegen die man nichts machen
kann. Dafür muss man allerdings auch glauben, dass Konkurrenz eine Art
Naturgesetz oder göttliche Anordnung ist. Schon kann sich Henkel die
nächste Frechheit erlauben und Entlassungen an einem Conti-Standort als
Akt der Fürsorge – nicht für die Dividende der Aktionäre, sondern für
die Arbeitskräfte am anderen Standort – ausgeben.
„Ich möchte einmal die Unternehmer verteidigen, das sind doch keine
Sadisten, denen gefällt das auch nicht, Leute auf die Straße zu
setzen...Es ist eine Beleidigung der Unternehmer und Politiker in
Frankreich und Deutschland, wenn behauptet wird, dass die sich nicht um
das Interesse ihrer Angestellten kümmerten. Das gehört doch zu ihrer
allerersten Aufgabe! Ich möchte Ihnen noch einmal sagen, ich kenne
viele Unternehmer, aber keinen, der gern eine Fabrik schließt oder
Leute entlässt. Ich kenne aber viele, die mit Spatenstichen neue
Fabriken einweihen und gerne Leute einstellen.“
Das ist glaubwürdig: Natürlich bauen Unternehmer Arbeitsplätze nicht
gerne ab; sie stellen sie ja hin, um an ihnen zu verdienen. Und sie
entlassen nur, wenn Arbeitskräfte sich nicht oder nicht mehr oder
weniger als geplant rentieren. Weil sie nicht aus Jux und Tollerei,
sondern aus ihren geschäftlichen Erwägungen entlassen, soll ihr Handeln
als Einsatz für die Interessen der Angestellten gewürdigt werden.
Egal, ob die Geiselnehmer einem wie Olaf Henkel die frechen Sprüche
abnehmen: Auf ihre Weise anerkennen auch sie selbst, dass sie es mit
einem Wirtschaftssystem zu tun haben und nicht nur mit
verantwortungslosen Individuen im Chefsessel. Sie anerkennen es
dadurch, dass sie diese Individuen nach einer Nacht oder schon
früher wieder in die Freiheit entlassen. Und dann?
Dann können und dürfen die Chefs ihre Entlassungen durchziehen. Damit
ist die Sache erledigt. Die Kämpfer, die ihren Lebensunterhalt
verlieren und nicht wissen, wie sie einen neuen finden sollen, haben es
„probiert“; sie haben mit der Regelverletzung auf ihre außerordentliche
Betroffenheit aufmerksam gemacht, haben es sich herausgenommen
auszurasten. Die Freiheitsberaubung war ein Hilferuf an die Nation und
wird in Frankreich auch so verstanden: Angeblich findet eine satte
Mehrheit der Bürger die Reaktion verständlich. Der Unterschied der
französischen Militanz zu den Särgen, die man in Deutschland in
vergleichbaren Situationen zu sehen bekommt, ist nicht eben groß:
Andere Länder, andere Sitten, gleiche Fehler!