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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 25.
Mai 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 27.
Mai 2009
60 Jahre Grundgesetz, 60 Jahre bundesdeutscher Kapitalismus (I)
Freiheit und Gleichheit
Den Untertanen früherer Zeiten – den römischen Sklaven, den
mittelalterlichen Leibeigenen, den rechtlosen Volksmassen im
Kaiserreich, den Volksgenossen im Faschismus – wurden von ihrer
Herrschaft die zwei Geschenke nicht gewährt, die die demokratische
Herrschaft seit nunmehr 60 Jahren ihren Untertanen zukommen lässt: die
Freiheit und die Gleichheit. Die unzähligen Danksagungen, die zum 60.
Jahrestag fällig sind – und die von den Herrschenden selbst, in Gestalt
der Politiker, von Vertretern von Wirtschaft und Wissenschaft und von
der “Vierten Gewalt” vorgetragen werden und bei denen für das gemeine
Volk die Rolle des andächtigen Zuhörers vorgesehen ist –, diese
Danksagungen bestehen freilich nur in einer Endlosschleife von
Beteuerungen, dass es sich um großartige Geschenke handelt und man sich
immer bewusst sein soll, welches Glück man mit einem solch großzügigen
Staat hat.
An dieser Stelle muss man nachdenklich werden: Wenn sich die Herrschaft
in Gestalt ihrer hohen Häupter selbst für diese Grundrechte lobt, dann
sagt sie damit umgekehrt ja auch: Sie kann das auch bleiben lassen. Was
die Bürger tun und lassen dürfen, ist also noch allemal ein Akt der
Gewährung. Und wenn die Herrschaft ihren Bürgern diese Grundrechte
gewährt, dann geschieht das nicht einfach aus einer Spendierlaune
heraus - sie wird dabei schon auch an sich selbst denken, mit diesen
Grundrechten ihre Zwecke verfolgen. Darum also die Frage: Freiheit und
Gleichheit - was ist das eigentlich?
Zur Freiheit heißt es im Artikel 2 des Grundgesetzes: “Jeder hat das
Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit”; oder als
Spruchweisheit ausgedrückt: “Jeder ist seines Glückes Schmied”. Wie
aber entfaltet man denn seine Persönlichkeit und schmiedet sein Glück?
Von Luft und Liebe kann man bekanntlich nicht leben, man braucht schon
handfestere Sachen. Die gibt es zu kaufen, was heißt: Sie sind Eigentum
eines anderen. Um dieses Eigentum von ihm loszueisen, braucht man Geld
- und an das kommt man nur, wenn man selbst ein Angebot machen kann,
wenn man ein Eigentum hat, das man eintauschen kann. Ohne Geld kann man
zwar viel von Freiheit reden, sein Leben kann man damit aber nicht auf
die Reihe kriegen. Man muss also seine Freiheit dahingehend betätigen,
sich Geld zu verdienen – jede “freie Entfaltung der Persönlichkeit”
beginnt damit. Oder anders: Die wertvolle ‚Freiheit‘ ist überhaupt
nichts wert, wenn sie nicht einen ökonomischen Zwang bedient. Man muss
mit dem Mittel, über das man verfügt, für sich selber sorgen: Das
schöne Angebot, sein “Glück zu schmieden”, ist in Wahrheit die
Verpflichtung, aus freien Stücken und auf eigenen Füßen sein Mittel so
zu bewirtschaften, dass man davon leben, also Geld an sich ziehen kann.
Wer es nicht tut oder kann, bekommt – vielleicht – eine
Elendsbetreuung, die eine deutliche Botschaft enthält: Du bist dem
Zwang nicht gerecht geworden, verdienst also nicht mehr als ein
Überleben im Elend – sei dankbar für diese Gnade, denn eigentlich
verdienst du nicht einmal die.
Geschätzte 95 Prozent der Bevölkerung setzen sich aus Menschen
zusammen, die fürs Geldverdienen nur über das eine spezielle Mittel
verfügen: sich selbst – und sonst nichts. Klar, sie haben ein Auto oder
sogar ein Haus, nennen das ihr Eigentum und sind damit mehr oder
weniger glücklich, aber damit können sie ihr Glück nicht schmieden.
Soll sagen: Sie können es nicht zum Gelderwerb benutzen, sondern nur
verbrauchen, müssen also ständig für Nachschub sorgen. Um an die
lebensnotwendigen Güter zu kommen, sind sie ein Leben lang gezwungen,
sich selbst zu vermarkten. Sie müssen allen Ernstes so tun und danach
handeln, als wären sie selbst ein Handelsartikel, ein veräußerbares
Eigentum, das es einem anderen wert ist, dafür Geld hinzulegen. Das
nennt man arbeiten – und das ist eine sehr eigenartige “freie
Entfaltung der Persönlichkeit”. Wer nur sich selbst anzubieten hat, der
ist auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass er einen findet, der
an der Benutzung dieses Eigentums namens “arbeitsfähiger Mensch”
interessiert ist. Interessiert ist er daran, wenn dadurch sein Eigentum
Früchte trägt. Dieser Interessent heißt “Arbeitgeber”, was eine
zutreffende Benennung ist: Der Arbeitgeber steht lauter Leuten
gegenüber, die nichts anderes können als arbeiten – aber für eine
Arbeit, die Geld bringt, worauf sie nun einmal angewiesen sind, können
sie selbst nicht sorgen; im Garten oder im Hobbykeller werkeln bringt
nichts, dafür zahlt niemand. Eine geldbringende Arbeit kann nur der
Unternehmer geben und er gibt sie aus dem jedermann bekannten Grund:
Das vermehrt sein Eigentum und dafür lässt er einen Lohn springen.
Darum gibt er immer wieder auch keine Arbeit, wenn nämlich diese
Bedingung nicht erfüllt ist. Der Lohn richtet sich selbstverständlich
nicht danach, was ein Arbeiter braucht, erst recht ist er nicht dafür
da, ihm ein immer besseres Leben zu ermöglichen. Für den Arbeitgeber
ist das vielmehr ein Kostenfaktor, den er zwar für die Vermehrung
seines Eigentums einsetzen muss, den er aber eben deswegen so knapp wie
möglich hält.
Das Eigentum, mit dem jeder ganz freiheitlich sein Geld erwirbt, ist
also ein Ding mit zwei völlig verschiedenen Gesichtern. Für den einen
bedeutet es – wie Marx es ausdrückte –, seine Haut zu Markte zu tragen,
mit dem Resultat, dass er erstens von Glück reden kann, wenn er einen
Abnehmer findet, und zweitens von noch mehr Glück reden kann, wenn
diese Unterwerfung unter das Eigentumsinteresse des anderen dauerhaft
ist, er seine Haut immer wieder zu Markte tragen kann. Wer gezwungen
ist, sich selbst wie einen Eigentümer zu vermarkten, wird niemals ein
wirklicher Eigentümer. Ein wirklicher Eigentümer arbeitet nicht,
sondern lässt arbeiten. Er hat Geld und benutzt das Angewiesen-Sein der
anderen auf Arbeit zwecks Gelderwerb dafür, sein Geld zu vermehren.
Dabei gehorcht er einem ganz anderen Zwang: dass sich nämlich sein
Eigentum ständig vermehren muss. Dieser Zwang tritt ihm in der
Konkurrenz mit seinesgleichen gegenüber, und seine “freie Entfaltung
der Persönlichkeit” besteht darin, nicht von anderen Geldvermehrern
überflügelt und aus der Konkurrenz ausgeschlossen zu werden. Der
Kapitalist, denn von dem ist hier die Rede, verklärt das gerne mit der
Behauptung, bei all dem doch nur “Arbeitsplätze schaffen“ zu wollen –
das kann man glauben oder nicht, gesagt ist damit aber auf jeden Fall:
Anders als aus kapitalistischen Kalkulationen heraus gibt es keine
Arbeitsplätze, der große gewöhnliche Rest der Menschheit ist davon
abhängig ist, hat nur so eine Chance auf Gelderwerb.
Diese Gemeinheit - dass nämlich die übergroße Mehrheit sich selbst als
Mittel des Gelderwerbs zu behandeln hat, darin wiederum die Gegenseite
das Mittel vorfindet, das Geld, das sie schon hat, zu vermehren - ist
festgeklopft im zweiten großen Grundrecht: der Gleichheit. Wir haben es
mit zwei grundverschiedenen, ja, entgegengesetzten sozialen Charakteren
zu tun: Den “Eigentümern” mit Anführungszeichen und den Eigentümern
ohne. Der Staat sagt aber: Hier sind alle gleich. Ich betrachte und
behandele alle als meine Bürger, sie sind mir alle – “ohne Ansehen der
Person” – gleich viel wert. Das, was gemeinhin als großer Fortschritt
gesehen wird, ist in Wahrheit ein Hinweggehen über die fundamentale
ökonomische Differenz zwischen seinen Bürgern, ist das staatliche
Diktat: Jeder hat mit dem Mittel zurechtzukommen, über das er verfügt –
und darin anerkenne ich alle gleichermaßen. Der Staat ist es also, der
die “erwerbstätige Bevölkerung” überhaupt erst dazu zwingt, ihre Haut
zu Markte zu tragen und ihr gesamtes Leben damit zuzubringen. Und eben
so garantiert er den wirklichen Eigentümern, dass sie dieses
Menschenmaterial, das der Vermehrung ihres Eigentums dient, gesichert
vorfinden. Freiheit und Gleichheit – das sind also die Grundrechte, die
eine Klassengesellschaft diktieren und zementieren.
Das erledigt sich natürlich nicht dadurch, dass man Paragraphen in ein
Grundgesetz schreibt. Damit die befolgt werden, braucht es Gewalt. Dass
und wie der Staat seine Gewalt ausübt, soll Gegenstand der nächsten
Analyse am 8.Juni sein.