Übersicht
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 9.
März 2009
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 11.
März 2009
Die EU zum “Gasstreit” zwischen Russland und der Ukraine:
Lehren aus der “Abhängigkeit”
(alternativ: “Abhängigkeit”? Kommt nicht in Frage!)
Was ihre Energieversorgung angeht müssen Deutschland und die EU
konstatieren: Auf ihrem Territorium befinden sich die für einen
modernen Kapitalismus unverzichtbaren Energieträger Erdöl und Erdgas
nicht in ausreichender Menge. Das macht aber nichts: Gleich nebenan, in
Russland, gibt es genügend von diesem Stoff, und dieses Russland ist
darauf erpicht, ihn zu verkaufen, weil es die Erlöse daraus dringend
für den Aufbau seiner eigenen Wirtschaft benötigt. Die EU ihrerseits
ist reich: Sie kann sich die Preise, die Russland verlangt, durchaus
leisten; die europäischen Energiekonzerne pflegen enge wirtschaftliche
Beziehungen mit Russland und verdienen bei der Gewinnung dieser
Rohstoffe und bei ihrem Verkauf sehr ordentliches Geld, was
wiederum die Wirtschaftsmacht des Standorts Europa stärkt. So ist also
alles in bester Ordnung, denn die wirtschaftlichen Interessen beider
Seiten ergänzen sich aufs Schönste.
Natürlich ist gar nichts in bester Ordnung. Der EU mangelt es zwar
nicht an Energie, aber sie ist mit dem, was sie ihre
“Energiesicherheit” nennt, höchst unzufrieden. Wie berechtigt ihre
Unzufriedenheit ist, hat sich kürzlich erst wieder - so sieht es die EU
- am so genannten “Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine”
bewiesen. Da sah sich die EU, nicht zum ersten Mal, zu einer
nachdrücklichen Klarstellung gegenüber diesen beiden Streithähnen
aufgerufen: Was immer die auch miteinander auszutragen haben - über
allem steht das Recht der EU auf “gesicherte Versorgung”, und diesem
Recht haben die anderen Staaten in erster Linie nachzukommen. Russland,
das ist “unser Lieferland”, und die Ukraine, das ist “unser
Transitland”. Und was sie liefern bzw. durchleiten, das ist “unser
Erdgas”. Für dieses besitzanzeigende Fürwort “unser” hat die EU ein
bestechendes Argument auf Lage: Wir sind von den Diensten der Staaten
abhängig. Es stehen sich also eine satte Anspruchshaltung und der
Verweis auf eine Verletzlichkeit in einer für die Wirtschaftsmacht der
EU zentralen Frage direkt gegenüber. Diesen Widerspruch versteht die EU
freilich nur als Auftrag und Pflicht für sie, die Abhängigkeiten
umzudrehen. Es kommt nicht in Frage, dass die EU “erpressbar” ist:
Diese Staaten haben für uns zu funktionieren, ansonsten missbrauchen
sie das Erdgas. Egal, wie die Gegensätze zwischen diesen Staaten
beschaffen sind, wie viel von deren Souveränität und nationaler
Wirtschaftsmacht auf dem Spiel steht, es kommt einzig und allein darauf
an, diese Lieferanten vom Kunden EU abhängig zu machen. Die EU tritt
auf mit der Macht ihrer Bedürftigkeit: Weil wir Energie brauchen, hat
sich alle Welt nach uns zu richten - nicht nach ihren Interessen,
sondern nach unseren.
Damit das nicht bloße Angeberei ist, muss daran gearbeitet werden, den
eigenen Anspruch anderen Staaten so aufzudrücken, dass die nicht umhin
kommen, ihn zu berücksichtigen. Sie müssen ihn zu einem nicht zu
übergehenden Bestandteil ihrer nationalen Berechnungen machen. Auch und
gerade wenn sich EU-Länder in Energiefragen mit einem Staat wie
Russland einlassen, der ja einiges an Macht vorzuweisen hat, dann
dringen sie nach besten Kräften - und gestützt nicht zuletzt auf ihre
Beziehungen zur Weltmacht USA - darauf, die russische Seite in eine
nach europäischen Interessen gestaltete Energieordnung in Europa
einzuordnen. Die von der EU aufgesetzte “europäische Energie-Charta”,
über die sie seit Jahren mit Russland streitet, ist dafür ein Dokument.
Grundsätzlich hat sich die EU die Haltung zugelegt, dass die Verträge,
die sie mit Russland abschließt, mehr sind als bloß Verträge: Sie will
nicht einfach bloß eine bestimmte Menge Erdgas abgekauft haben, sondern
dazu noch die Verfügung über die komplette Rohstoffquelle. Sie tut
allen Ernstes so, als könne Russland gar nicht anderes, als nach dem
Willen der EU zu funktionieren, nämlich als ihr Rohstoff-Hinterland.
Die Ebene des reinen Wirtschaftsverkehrs ist da überschritten, die EU
tritt Russland mit einem gediegenen Kontroll- und Aufsichtswillen
gegenüber.
Warum macht sich diese Tour nicht lächerlich? Weil Russland - wie
ja auch der Rest der kapitalistischen Welt - an der in Europa
akkumulierten Geld- und Kapitalmacht interessiert ist und sich auch
beeindruckt zeigt von den dort versammelten Machtmitteln. Außerdem muss
es beim Verkehr mit Europa dessen Bündnis mit der Weltmacht USA in
Rechnung stellen. Trotzdem: So weit ist es dann auch nicht, dass sich
ein Russland alle Zumutungen der EU gefallen lassen will oder muss.
Gerade weil es nicht mehr um den Wirtschaftsverkehr allein geht,
vielmehr zwei bedeutende Mächte ihre politischen und militärischen
Potenzen gegeneinander auffahren, schafft es Russland durchaus, die EU
darauf hinzuweisen, dass es an seinen Machtmitteln schon noch ein wenig
arbeiten muss, um wirklich nachhaltig erpresserisch auftreten zu
können. Den Streitparteien Russland und Ukraine waren ihre strittigen
Interessen erst einmal wichtiger als der empörte Ruf aus Europa, dass
Europa auf keinen Fall unter ihrem Streit leiden dürfe. Und noch die
Beilegung des Streits erfolgte keineswegs im Gefolge eines Machtworts
aus Brüssel oder auch aus Berlin, sondern in einem Vieraugengespräch
zwischen Putin und seiner ukrainischen Amtskollegin Timoschenko. Leicht
säuerlich können die europäischen Politiker nur konstatieren:
“Hauptsache, das Gas fließt wieder.” Ein eher ernüchtertes Fazit, zumal
die Haltbarkeit des Gasflusses nach Europa-West alles andere als
feststeht.
Was folgt daraus für die EU? Auf jeden Fall nicht, dass sie dann wohl
kleinere Brötchen backen muss – ganz im Gegenteil. Der
Verhandlungsführer der europäischen Kontrollkommission, Herr Riman aus
Tschechien, gibt einen sachdienlichen Hinweis dazu, woran es der
europäischen Machtentfaltung gebricht, wenn er erklärt, dass “der EU
keine anderen Mittel – als Telefongespräche – zur Verfügung” stünden:
“Wir verfolgen keine Militärpolitik”. Das Bedauern darüber ist nicht zu
überhören.
Ihr Defizit in Sachen “Militärpolitik” lässt die EU-Führer nicht
zurückzucken. Sie drohen Russland mit einer Infragestellung aller
Formen der bisherigen Zusammenarbeit, wollen nämlich (Zitat FAZ) “in
jedem Einzellfall überprüfen, ob es noch möglich sei, mit dem
Tagesgeschäft fortzufahren” – und das werde “spürbare finanzielle,
wirtschaftliche und politische Konsequenzen haben” (Zitat SZ). Um diese
Drohung an den Kreml an den Mann zu bringen, sehen die EU-Häuptlinge
offenbar ausreichend “finanzielle, wirtschaftliche und politische”
Kompetenz auf ihrer Seite. Und für die von EU-Kommissar Riman
angedeutete – freilich ziemlich ausschlaggebende – imperialistische
Schwachstelle gilt für die ambitionierten Führer einer europäischen
Großmacht, die sich nur noch an den dicksten Militärmächten der
Jetztzeit messen mögen: An der Beseitigung ihres Defizits in Sachen
Kompetenz zum Draufhauen - daran müssen sie unbedingt arbeiten.
Und in dieser Schlussfolgerung werden sie von ihrer
demokratischen Öffentlichkeit hemmungslos unterstützt. Z.B. in
Form einer äußerst kritischen Würdigung der imperialistischen
Leistungen des EU-Blocks, wie sie wieder einmal die FAZ in einem
Leitartikel hingebracht hat. Unter dem Titel “Die halbherzige
Ordnungsmacht” kommentierte sie: “Europa hat einen Kernbereich seiner
Energieversorgung in die Hände einer autoritär verfassten, aggressiv
auftretenden Halbgroßmacht (gemeint sind die Russen) und eines
innerlich zerrissenen, von Korruption durchsetzten Reformlandes gelegt
(gemeint ist die Ukraine).” Das lässt den FAZ-Menschen folgende
“bittere machtpolitische Lehre” ziehen: “Wer immer nur als ‚weiche
Macht’ auftritt, muss sich nicht wundern, wenn andere seine wichtigen
Interessen missachten. Auch in diesem Streit hat Europa zu spät und nur
halbherzig mit Sanktionen gedroht. Das muss sich ändern. Andernfalls
wird die EU nicht die Ordnungsmacht, die sie gerne wäre – nicht einmal
auf dem eigenen Kontinent.” (28.1.09)
Sicher: ein bisschen Größenwahn gehört schon dazu, wenn man den
europäischen Imperialismus - in höchst konstruktiver Absicht - als
Weichei kritisiert. Das Schlimme ist, dass die Gewaltfantasien aus der
FAZ-Redaktion so genau den imperialistischen Geist treffen, von dem das
Projekt einer europäischen Weltmacht tatsächlich lebt. Der
Fantasie-Anteil am FAZ-Kommentar liegt keineswegs darin, dass er die
Sache nicht treffen würde, in der die EU unterwegs ist. Sondern bloß
darin, dass der Scharfmacher von der FAZ seiner Zeit voraus ist. Dass
Europa sich zum gescheiten Kriegführen befähigen muss, das ist
Gemeingut unter seinen Anführern und Anhängern – es soll sich bloß
niemand vertun bei der Beurteilung, in welcher schönen neuen Heimat, in
welchem Vaterland er da gelandet ist, wenn er sich im “Europa der
Vaterländer” herumtreibt.