Übersicht
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom
19. Januar 2009
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 21.
Januar 2009
Israel führt Krieg im Gaza (I)
Israel hat sich von dem Weihnachtswunsch des Papstes, es möge Frieden
im Nahen Osten herrschen, nicht beeindrucken lassen und es führt seinen
schon länger erwarteten Krieg gegen die Hamas. Es sagt, es sehe sich
dazu gezwungen, denn die Raketenangriffe der Hamas und die
Selbstmordattentate seien nicht länger hinnehmbar, kein Staat könne es
sich erlauben, die eigene Bevölkerung so ohne Schutz dastehen zu lassen.
Begrüßt wird dieser Krieg von niemandem. Wie bei jedem Krieg wird auf
das „menschliche Leid“ und auf die Zerstörungen gedeutet, und jeder
Mensch, der über ein moralisches Empfinden verfügt, weiß, dass das eine
böse Sache ist. In unserer demokratischen Öffentlichkeit wird man
jedoch keine Stellungnahme finden, die einfach nur ihre Ablehnung und
Abscheu vor dem Krieg zum Ausdruck bringt. Vielmehr geht nach dieser
pflichtgemäßen Eröffnungsphrase das Geschäft erst richtig los, nämlich
indem die Frage gewälzt wird, für welchen der Kriegsgegner man Partei
ergreifen soll. Unbedingt muss zwischen den Guten und den Bösen
unterschieden werden. Dass es gute Gründe für Krieg gibt, ist damit
schon einmal anerkannt - die Frage ist nur: Wer kann sie für sich
reklamieren? Um das zu beurteilen, hält man sich an die
Rechtfertigungen, die beide Seiten für ihr kriegerisches Tun ausgeben.
Klar ist, dass jeder von sich behauptet, sich nur zu verteidigen, das
„Recht auf Selbstverteidigung“ auf seiner Seite zu haben. Umgekehrt
beschuldigt er den anderen niederträchtiger Motiven oder purer
Machtinteressen, die nur ein Ziel haben: das eigene Lebensrecht
anzugreifen und niederzumachen. Eben deswegen haben diese
Rechtfertigungen für das Bedürfnis, sich auf die richtige Seite zu
schlagen, einen Haken: Hier stehen sich hier nur zwei Behauptungen
gegenüber, die sich zudem zum Verwechseln gleichen. Davon lassen sich
die Kommentatoren und Berichterstatter aber nicht abschrecken: Sie
verschaffen sich - möglichst vor Ort - ein möglichst genaues Bild von
den unzähligen Gräueltaten - Menschenrechtsorganisationen wie „Human
Rights Watch“ betätigen sich als eine Art Spürhunde und
Materiallieferanten -, mit der Behauptung, an diesen Gräueltaten
ablesen zu können, welche der Kriegsparteien sich das Schlimmere
zuschulden kommen lässt, vergleichen die Gräueltaten und rechnen sie
gegeneinander auf und tun so, als habe man damit einen Maßstab an der
Hand, um sich auf die richtige Seite schlagen zu können. Es wird auf
die international vereinbarten Regeln der Kriegsführung Bezug genommen,
ob die Gewaltakte als sachgerecht und völkerrechtlich legitim zu
beurteilen sind oder ob „Exzesse“ und Menschenrechtsverletzungen
passieren, man tut also so, als ließe sich ein Übermaß an Gewalt
dingfest machen, was dann wiederum einen objektiven Beurteilungsmaßstab
abgibt. Noch einmal: Von einer Kritik am Krieg selbst kann also nicht
mehr die Rede sein. Es wird beobachtet und notiert, wie hoch die Zahl
der „unschuldigen Opfer“, Frauen, Kinder usw., ist, womit allen anderen
Toten und Verletzten attestiert wird, dass sie im Krieg wohl die
unvermeidlichen Opfer sind und es nach diesem Maßstab daran nichts zu
kritisieren gibt. Es wird beobachtet und notiert, welche Waffen und auf
welche Art und Weise eingesetzt werden: Da kann es mal ein Minus für
Israel geben, weil es Granaten mit dem „hochgiftigen weißen Phosphor“
verwendet, wo doch die Bundeswehr bewiesen hat, dass es auch mit dem
„roten, nichttoxischen Phosphor“ geht; ein Minus kriegt aber auch die
Hamas, weil sie ihre Granaten nicht für eine reguläre Kriegsführung
einsetzt, sondern für einen „Terror gegen die Zivilbevölkerung“ - mit
diesen feinsinnigen Unterscheidungen gelten alle anderen Waffen und
ihre Einsätze dann schon als normal und angemessen. Aber: Begründen
lässt sich eine Parteinahme mit diesem akribisch betriebenen Aufwand an
Beobachtung und Dokumentation dann doch nicht. Um es an einem Beispiel
zu zeigen: Die israelische Luftwaffe greift ein UN-Gebäude in Gaza an
und produziert etliche Tote. Das ist völkerrechtlich verboten, sieht
also nach unrechtmäßiger Gewalt aus. Israel begründet den Angriff aber
damit, dass sich die Hamas in dem Gebäude verschanzt und die
UN-Mitarbeiter als „menschliche Schutzschilde” benutzt habe, so wie sie
das ja auch mit ihrer eigenen Bevölkerung mache. Hat Israel nun gegen
das Völkerrecht verstoßen, und wenn ja, wie lässt sich das ins
Verhältnis zur Perfidie der Hamas setzen? Wieder steht nur Unrecht
gegen Unrecht, das, was sich die Parteien wechselseitig vorwerfen.
Israel bringt vor, dass es sich in seiner Kriegsführung nicht von der
hinterhältigen Taktik der Hamas behindern lassen darf, denn dann würde
es ja weiterhin seine eigene Bevölkerung den Raketenangriffen und
Selbstmordattentaten der Hamas aussetzen; die Hamas bringt vor, dass
Israel mit einer hinterhältigen Lüge bloß seine blinde Zerstörungswut
gegen das, was es im Gaza noch an zivilem palästinensischem Leben gibt,
kaschieren will. Letztendlich berufen sich beide immer nur auf die
Rechtfertigung, die schon am Anfang stand, nämlich auf ihr „Recht auf
Selbstverteidigung“. Mit diesem Recht postuliert jede Partei, dass es
für sie um alles geht, ihr Bestand auf dem Spiel steht, ihr von der
anderen Seite die Vernichtung droht. Damit haben sich auch beide Seiten
das Recht zugesprochen, gegen diese Vernichtungsdrohung jede Gegenwehr
zu mobilisieren.
Und damit stehen die auswärtigen Beobachter bzw. unsere Meinungsmacher
- ironisch gesprochen - auf dem Schlauch. Wenn beide Seiten immer nur
anführen, sie wären aufgrund der Vernichtungsdrohung der anderen Seite
zu ihren Gräueltaten gezwungen, womit dann auch jede Gräueltat
gerechtfertig ist, wie will man denn da noch an der Gewalt festmachen,
wer der Gute und wer der Böse ist, wo angemessene und wo übermäßige
Gewalt vorliegt? Doch keine Sorge: Unsere Meinungsmacher wissen, wie
sie aus dieser Klemme herauskommen - und das ganze Getue: „Wir
vergleichen die Gewalttaten und verteilen dann unsere Noten“ löst sich
in Luft auf, erweist sich als ein einziger Schein. Zum guten Schluss
hält man nämlich zu der Partei, zu der man schon immer gehalten hat -
und die heißt hierzulande: Israel! Zwar hat dieses Israel in diesem
Krieg schon einen gehörigen Zerstörungswillen an den Tag gelegt, und
unsere Öffentlichkeit musste sich zwischendurch schon mal fragen, ob es
nicht vielleicht zu weit geht - aber schließlich führt doch kein Weg
daran vorbei, dass es zu unserem Lager gehört, sein „Recht auf
Selbstverteidigung“ über alles geht, und dass auch bei noch so viel
Mitgefühl für „menschliches Leid in Gaza“ die anderen die Terroristen
und letztendlich verantwortlich sind und wohl oder übel hart angefasst
werden müssen.
Diese Art, an einem Krieg herumzudeuteln und so zu tun, als wolle man
zu einer Parteilichkeit erst noch finden, ist für zwei Sachen gut.
Erstens handelt es sich da um eine Art erzieherische Volksunterhaltung
in Kriegsdingen, bei der so getan wird, als würde man ganz objektiv
nach den Schuldigen und nach den Unschuldigen fahnden - um nach einigem
bedenklichem Kopfschütteln, vorgetäuschtem Bauchgrimmen, mit dem
Gestus: „Wir machen es uns nicht leicht und fällen keine vorschnellen
Urteile“ dann doch bei der vorab feststehenden Parteilichkeit zu
landen, sie also mit einer inszenierten Umständlichkeit zu bekräftigen.
Diese Art der Beurteilung eines Krieges ist zweitens eine einzige
Ablenkung: Ganz weg ist man damit von der Frage, welche - nicht guten,
sondern: - wirklichen Gründe Staaten oder solche wie die Hamas, die das
werden wollen, haben - und denen sie dann ihre Rechtfertigungen
anheften -, wenn sie Krieg für unausweichlich halten, wann und warum
sie auf der gewaltsamen Durchsetzung ihrer Interessen und der
Vernichtung des Gegners bestehen. Deswegen ein paar sachliche Hinweise
zu diesem Krieg.
*
Israels Staatsideologie ist die von einem tapferen kleinen Siedlervolk,
das in einem Meer von Feinden seine Heimstatt behaupten, d.h. die
Sicherheit seiner Staatsgründung garantieren muss. Das ist zwar
moralisch verklärt, entnehmen kann man dem aber: Diese Staatsgründung
wurde hineingepflanzt in eine imperialistisch eingerichtete
Staatenwelt, womit vom ersten Moment an klar war, dass es sich hier um
eine Gewaltaffäre höchster Güteklasse handelt und Israel bis heute
damit beschäftigt ist, von seinem Standpunkt aus: dazu gezwungen, diese
gewaltsame Konfrontation endgültig für sich zu entscheiden. Dies heißt
nichts anderes, als sich ein Militär zu verschaffen, das in der Lage
ist, die Feinde, die man sich mit der Staatsgründung zugezogen hat – in
erster Linie die Palästinenser, die dem israelischen Gebietsanspruch
weichen mussten -, unter Kontrolle zu halten, die Aufsicht über die
nähere und ferne Umgebung ausüben zu können. Umgekehrt sehen sich die
Nachbarn durch Israels Auftreten in ihrer Macht und in ihren Rechten
beschnitten und streben danach, der Übermacht Israels entgegenzutreten
und sie zu beschränken.
Israel hat aber auch seit jeher mächtige Freunde auf seiner Seite,
nämlich solche, die für ihre weltmächtigen Interessen Israels Projekt
brauchbar finden und sich mit ihren überlegenen Machtmitteln für
Israels Erfolg stark machen. Der Hauptfreund heißt bekanntermaßen USA.
Die „unverbrüchliche Wertegemeinschaft” zwischen beiden Staaten gibt
es, weil Israel die USA als Schutzmacht braucht und weil Amerika Israel
zunächst als Frontstaat gegen arabische Staaten, an denen deren
freundschaftlichen Beziehungen zur ehemaligen Sowjetunion unangenehm
auffielen, gut gebrauchen konnte. Die Blitzkriege, die Israel zur
Sicherung seiner Macht im Nahen Osten führte, waren darum sehr wohl
auch im Interesse der USA. Die spezielle Beziehung zwischen Israel und
den USA bewährt sich heute im amerikanischen „Krieg gegen den
internationalen Terror”, in dem Israel einen Hauptpfeiler darstellt und
der für die USA von derselben fundamentalen Bedeutung ist wie damals
die Bekämpfung der Sowjetunion und der mit ihr befreundeten Staaten.
Für die Staaten in Israels Umgebung heißt das damals wie heute: Ein
entscheidender Gradmesser für das Wohlwollen oder die Feindschaft, die
sie von Seiten der USA genießen, ist ihr mehr oder minder gutes
Verhältnis zu Israel; sie werden also nicht nur durch Israels
militärische Macht, sondern auch durch das amerikanische Interesse in
ihrem Bestreben gebremst, eine eigenständige Ordnungspolitik in ihrer
Region zu entfalten. Das ist übrigens auch ein ständiges Ärgernis für
die EU, die in dieser weltpolitisch bedeutsamen Region gar zu gerne
mitmischen möchte, angesichts der speziellen Beziehung zwischen den USA
und Israel aber immer wieder konstatieren muss, dass sie auf das, was
dort abläuft, so recht Einfluss nicht nehmen kann.
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Am nächsten Montag soll es dann um die “Operation gegossenes Blei”
gehen, mit der Israel eine Art vorentscheidende Etappe in seinem
Staatsgründungsprogramm und in seinem “Kampf gegen den Terror”
abschließen will.
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