Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 2. Juni 2008
Ein ehemaliger CDU-Hardliner schreibt ein Buch, das nicht in der üblichen Art den Imperialismus der USA einem geistig unterbelichteten Cowboy anlasten will, sich nicht dem deutschem Antiamerikanismus anschließt, der angesichts täglicher Gewaltorgien im besetzten Irak hämisch feststellt, der Feldzug habe es wohl nicht gebracht. Seine Kritik zielt auf das Programm selbst, den Antiterrorkrieg des Westens. Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Wende vom Vertreter zum Kritiker des Freiheitslagers ist die Art von Kritik, die dieser altgediente Christdemokrat an der Neuen Weltordnung des zivilisierten Abendlandes hat.
Todenhöfer bilanziert die Wirkungen des Regimewechsels im Irak und kann weder am Ziel der ‚Operation Irakische Freiheit‘ noch am Ergebnis des 2. Golfkriegs etwas Begrüßenswertes entdecken. Auch für die hier und heute gängige Dialektik von Fluch und Segen – immerhin haben die USA den Tyrannen verjagt, dann aber viel Chaos produziert! – hat Todenhöfers Abrechnung nur beißende Ironie übrig:
"Es dürfte nicht viele Iraker geben, die sagen: ‚Großartig, unser Land ist zerstört, über 1 Million Mitbürger sind tot, viereinhalb Millionen sind auf der Flucht, die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt, es gibt kaum Strom, Wasser und Medikamente, Arbeitslosigkeit und Inflation sind auf über 50 Prozent gestiegen, auf die Straße kann man kaum noch – aber es hat sich gelohnt, Saddam ist weg‘." (Todenhöfer: Warum tötest Du, Zaid?, S.33)
Todenhöfer unterzieht die gültigen Feindbilder einer unparteilichen Prüfung und weist deren Berechtigung aufs Schärfste zurück. Er hat im Irak mit Leuten geredet, die ihre Liquidierung nach hiesiger Lesart verdienen, und kommt zu dem Schluss, dass Untergrundkämpfer gegen die Besatzungsmacht vom Standpunkt gerechter Gewalt allemal verständliche Gründe für ihre Aufstände und Attentate haben. Sogar, wenn sie sich zu Al Kaida bekennen, bescheinigt ihnen der Mann aus dem Westen ein moralisches Recht zur Gegenwehr und dazu immerhin ein Bewusstsein von der Verwerflichkeit ihrer Gewalttaten.
"Zaid (nach erfolgreichem Sprengstoffattentat) wirft sich auf seine Matratze, vergräbt sein Gesicht in einem Kissen und versucht, einen klaren Kopf zu bekommen. … Immer wieder gehen ihm die Bilder junger amerikanischer Soldaten durch den Kopf, die Explosion, die er nur gehört hat, und die Bilder von Haroun und Karim" (seinen von Amerikanern getöteten Brüdern, S. 139)
Todenhöfer deutet auf die vergleichsweise viel größere Gewalttätigkeit des Westens und das Ausmaß von Leid, das der seinen islamischen Feinden zugefügt hat. Dabei geht es ihm auch um eine Richtigstellung des Verhältnisses von Ursache und Wirkung, von Kolonialismus und Neuer Weltordnung auf der einen Seite, benachteiligten Ländern und unterdrückten Menschen auf der anderen:
"Der Westen führt in der traurigen Bilanz des Tötens mit weit über 10:1. Die aktuelle Diskussion stellt die historischen Fakten völlig auf den Kopf. Nicht die Gewalttätigkeit der Muslime, sondern die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder war und ist das Problem unserer Zeit. Der Westen hat die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen, seiner Werte oder seiner Religion erobert, sondern durch seine Überlegenheit beim Anwenden organisierter Gewalt. … Islamisch getarnte Terroristen sind Mörder. Für christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege kann nichts anderes gelten. Nichts fördert den Terrorismus mehr als die ‚Antiterrorkriege‘". ("10:1. Unser Horizont ist nicht das Ende der Welt", Anzeigen in der FAZ 14. + 15.3.08).
Unterm Strich hält Todenhöfer fest, dass die Staaten des Westens keineswegs als Retter von Witwen und Waisen in die Welt ziehen. Einen Grund der erpresserischen und kriegerischen Interventionen – gerade im "Krisengebiet Naher Osten" – und einen Zweck der organisierten Gewalttätigkeit will er dann schon noch benannt wissen: Auch im globalen "Antiterror-Krieg" stehen ökonomische und nationale Interessen höchsten Kalibers auf dem Spiel.
"Dem Westen ging es im Nahen und Mittleren Osten nie um Menschenrechte und Demokratie. Er kämpfte und kämpft ums Öl." ("10:1. Unser Horizont ...", ebd.)
In allen Punkten seiner Anklage entdeckt Todenhöfer ein Auseinanderfallen von Titeln und Tat. Er kritisiert den rücksichtslosen Einsatz amerikanischer Gewaltmittel vom Embargo über Bombenteppiche bis zum rücksichtslos zerstörerischen Nation Building. Er leidet mit den menschlichen Opfern westlicher Ordnungsstiftung und erklärt den 11. September plus Nachfolgetaten zur "wahnsinnigen, aber keineswegs erstaunlichen" Quittung für "unsere Ignoranz und Missachtung gegenüber der muslimischen Welt"; er beklagt eine missbräuchliche Benutzung der Religion, des Islams wie des Christentums, für politische Zwecke und geißelt das staatlich angeordnete Töten wie das Führen eines Heiligen Kriegs als Mord; und er kauft den Chefs des freien Westens einfach nicht mehr ab, es gehe ihnen bei der Beaufsichtigung der Staatenwelt letztlich um humane Ziele. So weit die Kritik. Aber um den entscheidenden Schluss daraus drückt sich Todenhöfer herum.
Vergeht sich der Westen an seinem eigentlich guten Auftrag, wenn er dafür Gewalt anwendet? Oder ist die rücksichtslose Durchsetzung seiner Interessen notwendig im Programm inbegriffen? Die Verlogenheit des Freiheits-, Werte- und Menschenrechtsgetues deckt ein aufrechter Humanist wie Todenhöfer gnadenlos auf; aber er bedient sich immerzu der Technik des Entlarvens einer verhängnisvollen Verfehlung, was angesichts von Umfang und Methodik des geschilderten Gemetzels wie eine ziemlich gutmütige Annahme daherkommt. Wo dem Westen vorgerechnet wird, seine Vormacht beruhe nicht auf der Überlegenheit des Wertehimmels, sondern auf der Feuerkraft der Gewaltmaschinerie; wo die Herren aufgeklärter Zivilgesellschaften als christlich getarnte Staatsterroristen verurteilt werden, die den muslimisch maskierten Gotteskriegern in nichts nachstehen; wo der Hinweis auf Öl wie ein Indiz für niedere Motive zu verstehen ist, die an die Stelle eigentlich angesagter Taten des Westens treten: Da wird der moderne Imperialismus fortwährend im Namen von Idealen kritisiert – und das sind genau die Ideale, die dieser Imperialismus selbst in die Welt gesetzt hat.
Die von ihm festgestellte Differenz zwischen proklamierter Weltverbesserung und gewalttätiger Wirklichkeit drückt Todenhöfer mit einem ‚statt‘ aus: Statt um Menschenrechte kümmert sich der Westen um seine Weltmacht, seine strategischen Interessen und um die Profite der Konzerne; statt um Freiheit & Demokratie um den Schutz autoritärer Regime; statt um friedlichen Verkehr der Völker um die Vorherrschaft seines Kulturkreises. Diese Gegensatzpaare sind dem Autor aber kein Anlass, sich um ein paar Schlüsse auf die Zwecke des Imperialismus zu bemühen, der da so verheerend weltmächtig zuschlägt und zugleich so großen Wert darauf legt, sich auf höchste Ideale zu berufen. Todenhöfer stellt das Verhältnis der von ihm kritisierten Politik zu Menschenrecht, Demokratie und interkulturellem Respekt dar, fragt aber nicht, wie die beiden Seiten denn nun wirklich zueinander stehen, sondern ist mit seinem ‚anstatt‘ bereits fertig: Weltmacht ist in seiner Fassung nicht der Zweck imperialistischer Umtriebe; vielmehr sind die einschlägigen und so unglückseligen Bestrebungen des Westens ein einziger Verstoß gegen den Geist des Guten, Wahren und Schönen, der abendländische Politik zu leiten hätte.
Todenhöfer bezichtigt westliche Politiker also humanitärer Lügen, die Überlegung ist ihm aber fremd, wie die Lügen und die Gewalt, die mit diesen Lügen rechtfertigt und beschönigt wird, zusammenpassen. Es stimmt ja, dass Politiker und Generäle lügen, schönfärben, Tatsachen verdrehen, wenn sie den sittlichen Sinn der werteorientierten Verheerungen auf ihren Kriegsschauplätzen erläutern. Aber warum soll das ein Widerspruch zwischen der Politik und den gültigen Maximen allgemeinmenschlichen Anstands sein? Wenn Politiker und Militärs solche geistig-moralisierende Anstrengungen unternehmen, dann haben sie offensichtlich ein dauerhaftes Bedürfnis danach und solche Lügen und Anrufung von Werten sind offensichtlich ihrem Geschäft dienlich: Imperialistische Weltpolitik geht eben nicht ohne höheren Auftrag auf den Rest des Globus los. Das ist ja auch leicht zuhaben, wenn man selbst die zuständige Behörde ist, die den sittlichen Ausweis für die eigenen Interessen ausstellt. Die nötigen Kriegszüge finden deswegen stets im Einklang mit und gerechtfertigt von höchsten Werten statt. In deren Namen verwalten und pflegen ihre Bewahrer verantwortlich und auf Weltniveau das Verhältnis von sittlichen Titeln und Gewalt: Wegen Menschenrecht und –würde, Terrorschutz und Wahlrecht übernehmen sie Pflichten und reklamierten Rechte, auf deren sicherer Grundlage sie sich befugt und genötigt sehen, völkerrechtlich, diplomatisch und eben auch militärisch die Welt zu ordnen
Todenhöfer will bei allem Radikalismus nicht über das öffentliche Anprangern eines schlimmen Verrats der politischen Praxis an den ehrwürdigen Werten der westlichen Welt hinausgehen. So ist es auch nicht überraschend, dass er am Ende nicht mit den Tätern brechen will: Seine Kritik enthält eine Öffnungsklausel zur Versöhnung mit denen, die gerade noch blutige, ungerechte und inakzeptable Feldzüge gegen die Muslime organisiert haben. Die angeprangerten Politiker könnten nämlich, wenn sie nur auf ihn und die Stimme des menschlichen Anstands und der staatspolitischen Vernunft hörten, genauso gut alles richtig machen, wie sie zuvor alles falsch gemacht haben: "Das Gebot der Stunde heißt Staatskunst, nicht Kriegskunst!" (10:1, ebd.)
Die westlichen Staatskünstler sollten endlich ihr Feindbild vom arabischen Untermenschen und die Gleichsetzung von Islam und Terrorismus korrigieren. Diese falsche Sichtweise widerlegt Todenhöfer ausgerechnet damit, dass diese Volksgruppe und Glaubensgemeinde die Feindschaft des Westens angesichts ihrer Verdienste um die Kultur der Menschheit im Allgemeinen und der unseren im Speziellen nicht verdient habe; und diese Richtigstellung ergänzt er um den konstruktiven Vorwurf eines falschen Umgangs mit den Muslimen, der "uns" am Ende nur schade statt nutze:
"Wie soll die muslimische Welt an unsere Werte Menschenwürde, Rechtsstaat und Demokratie glauben, wenn sie von uns nur Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung erlebt?" (10:1, ebd.)
Dass sie das sollte, die muslimische Welt, scheint ausgemachte Sache zu sein; dass ihr "unsere" Werte fehlen, das sieht bei aller Hochachtung vor ihr auch Todenhöfer so. Bloß: Warum sollte die muslimische Welt an "unsere" Werte glauben? Was spricht eigentlich für diese Werte, wenn sie mit massenhaftem Totschlag und endloser Not einhergehen?
So beginnt Todenhöfer also mit einer radikalen Verzweiflung an der Weltordnung von Geschäft und Gewalt – und landet am Schluss in der Pose des alternativen Politikberaters. Der hält dem imperialistischen Lager bei aller Enttäuschung – oder ihretwegen? – die Treue. Und am Ende hält er aus dem Geiste letztlich ungebrochener Zuneigung sogar für den Haupttäter der geschilderten Gräuel einen guten Rat bereit: Die USA könnten sich mit einer anderen Politik bzw. mit mehr "Staatskunst" die moralische Anerkennung zurückholen, die sie für ihre globale Führungsrolle brauchen und die ihnen eigentlich auch zusteht:
"Es ist keine ‚Appeasementpolitik‘, wenn die jetzige US-Führung aufhört, immer neue Horrormärchen über muslimische Länder zu erfinden, wenn sie aufhört, sich den Weg zu den Rohstoffquellen freizubomben, wenn sie aufhört, die großen Ideale zu zerstören, für die viele Menschen Amerika einst so geliebt haben – und für die sie Amerika so gerne wieder lieben würden." (10:1, ebd.)
Darauf muss man erst mal kommen: Bomben zerstören Ideale! Neue Anführer, übernehmen Sie! Und helfen Sie mit, damit unverwüstliche Idealisten von Kapitalismus und Demokratie weiterhin an die gute Sache derer glauben können, von denen sie im Moment so enttäuscht sind!!
Gekürzte Fassung des Artikels, der unter demselben Titel in GegenStandpunkt 2-08 erschienen ist.