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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 19. November 2007


Journalisten erklären die Einkommensstatistik:
Die Reallöhne sind
– gefallen (Bild),
– gleich geblieben (SZ)
– gestiegen (FAZ)

Das Arbeitsministerium hat eine "volkswirtschaftliche Gesamtrechnung" veröffentlicht, die für Aufsehen sorgt. Unter anderem bilanziert sie ein durchschnittliches Nettorealeinkommen der Arbeitnehmer von 1320,24 Euro pro Monat für 2006, was bedeutet: Das Nettorealeinkommen ist seit 1986 nicht mehr gestiegen. Die Presse klärt auf, was die Statistik zu bedeuten hat.

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Für die Bildzeitung ist klar: Das ist ein

"Netto-Lohn-Skandal": "Wir arbeiten und arbeiten – und bekommen am Monatsende gefühlt immer weniger Netto raus! Geht es ihnen auch so? Kein Wunder – denn es stimmt! Das belegen die neuen Zahlen des Bundesarbeitsministeriums. Demnach verdienen Arbeitnehmer in Deutschland so wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr!" (24.9.07)

"Warum immer weniger in den Taschen der Arbeitnehmer ankommt", liegt daran – so die Bild weiter –, dass der Staat "dreister in die Tasche" greift, die Unternehmer mehr "geizen" und die Beschäftigten in einer "Inflationsfalle" stecken.

Arbeitnehmer, die jahrzehntelang die von ihnen verlangten Leistungen erbringen und weiter kein Aufhebens davon machen, dass immer weniger rauskommt, genießen die volle Sympathie der Bildzeitung. Deren Unzufriedenheit über die eingerissenen Lebensverhältnisse gibt sie recht, stachelt sie sogar ein wenig an und macht sich zum Wortführer eines Beschwerdewesens über ungerechte Behandlung, die sich für ‚unser‘ Land eigentlich nicht gehöre. Das ist schon eine gelungene Interpretationsleistung: Staat und Unternehmen, die die Macht über sämtliche gesellschaftlichen Einrichtungen haben und die diese Macht rücksichtslos gegen die Lebensbedürfnisse der Lohnabhängigen ausüben, die müssten eigentlich die Arbeiterinteressen berücksichtigen? Aber genau so soll es der Leser sehen: Die tonangebenden Instanzen im Land werden bei der egoistischen Verfolgung ihrer Interessen ‚maßlos‘ und weichen darin von ihrer angeblichen eigentlichen sozialen Verantwortung ab. In deren anerkannter Zuständigkeit liegt es demnach auch, klaffende ‚Gerechtigkeitslücken‘ wieder zu schließen. Für die Opfer deutscher Standortpolitik bleibt die Rolle der ohnmächtig Betroffenen, die ihrer Empörung – vertreten durch Bild – auch einmal öffentlich Gehör verschaffen dürfen und damit zufrieden zu sein haben.

Bild präsentiert sich freilich auf diese Art nicht nur als Volkes Stimme, die anprangert, wie mit ‚uns‘ umgesprungen wird. Das Blatt weist den Beschwerden auch gleich den richtigen Weg und lässt einen sachverständigen Gewährsmann zu Wort kommen, der den Betroffenen des ‚Lohn-Skandals‘ die fälligen Konsequenzen mitteilen darf:

"‚So kann es nicht weitergehen‘, warnt DGB-Chef Sommer … ‚Es gibt dringenden Nachholbedarf für den ‚kleinen Mann‘ – die Geldbeutel der Menschen wurden in den vergangenen Jahren geschröpft! … Jeder soll von seiner Arbeit leben können. … Für den Mindestlohnbereich brauchen wir eine untere Haltelinie als Schutz vor Armutslöhnen: den gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 7,50 Euro pro Stunde.‘" (ebd.)

Klar, dass der "kleine Mann" ‚arbeitet und arbeitet‘, klar, dass er den Reichtum schafft, der den Staat mächtiger und die Unternehmen reicher macht; aber genau dafür steht ihm auch eine angemessene Behandlung durch seine Herren zu: Nein, nicht ‚fühlbar‘ weniger Arbeit und mehr Lohn für alle; nein, kein gewerkschaftlicher Aufstand gegen die ‚skandalösen‘ Lohnarbeitsverhältnisse, sondern eine gewisse Schranke beim Lohnsenken, wenigstens für die Untersten der Unteren – dafür könnte und sollte sich doch die Politik stark machen. Denn: "leben" – das sollen sie schon können, die braven Arbeitsleute. Dass ihnen selbst dieses trostlos bescheidene Anliegen von den machtvollen Instanzen in der Gesellschaft massenhaft und in zunehmendem Maße bestritten wird, dass die Arbeitsleute überhaupt billig zu sein haben, ist dem obersten Verwalter der Arbeiterinteressen selbstverständlich, wenn er "für den Mindestlohnbereich" eine "untere Haltelinie" fordert. Aber die soll es dann schon sein. Sie liegt seines großzügigen Erachtens nach bei umgerechnet 1200 brutto – womit nebenbei klargestellt ist, ab wann ein Lohn kein Armutslohn mehr ist. Vollkommen fern also von einer Diagnose, seine Organisation hätte vielleicht in Sachen Abwehrkampf versagt und zumindest einen zukünftigen Kampfauftrag für die Erstreitung von Lohnerhöhungen, weiß der DGB-Chef, in wessen Hände der praktische Umgang mit der Armut gehört. Die ist Sache des Gesetzgebers, der doch im Rahmen seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung einsehen muss, dass "wir" einen "Schutz vor Armutslöhnen" brauchen. Anders als vom Standpunkt des Gesamtverwalters des deutschen Kapitalismus, dem verelendete Proletarier womöglich zur Last fallen könnten, mag der DGB-Chef die Lebensbedürfnisse seiner Klientel offenbar gar nicht vorkommen lassen. Eine stolze Leistung des Gewerkschaftsführers: Ausgerechnet der Chef derjenigen Organisation, die allein schon mit ihrer Existenz davon kündet, dass Arbeiterinteressen in dieser Gesellschaft ohne Gegenwehr auf der Strecke bleiben, macht sich zum Kronzeugen für die Rolle seiner Mitglieder als rücksichtslos ausgenutzte und hoffnungslos ohnmächtige Figuren.

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In der Bildzeitungs-Tour, einer Unzufriedenheit recht zu geben, ihr die Perspektive der Bittstellerei bei den zuständigen Instanzen zu weisen und sie auf diese verständnisvolle Art zu erledigen, sieht die ‚seriöse‘ Presse allen Ernstes einen Angriff auf das Image ihres geliebten Systems. Dass auf ihre Marktwirtschaft ein schlechtes Licht fallen könnte, hält sie einfach nicht aus – und legt sich argumentativ mächtig ins Zeug.

Vor gar allzu kurzschlüssiger Sichtweise, wie sie "die fette Schlagzeile eines Boulevardblatts" (25.9.) nahe legt, warnt die Süddeutsche Zeitung tags drauf. Das mag sich zwar mit dem "Empfinden der Bürger" decken, nach sorgsamer Berücksichtigung des volkswirtschaftlichen Zusammenhangs kommt man in Münchner Redaktionsstuben jedoch zu einem differenzierteren Befund:

"Richtig daran ist zunächst, dass die Löhne seit Jahren langsamer steigen als etwa die Unternehmensgewinne oder die Kapitaleinkünfte. Ein Grund dafür sind niedrige Tarifabschlüsse, die – gepaart mit Steuer- und Abgabenerhöhungen – die verfügbaren Einkommen der Arbeitnehmer geschmälert haben. Auf der anderen Seite hat das dazu geführt, dass die deutschen Unternehmen heute zu den wettbewerbsfähigsten der Welt zählen und wieder mehr Menschen einstellen."

Armut ist also nur die eine, quasi die Schattenseite eines insgesamt gelungenen Gesamtkunstwerks. Die Verarmung der Leute war nämlich auch produktiv, hat sie doch andere reicher gemacht! Was ja auch deswegen sein Gutes hat, weil die Nutznießer der billig entlohnten Arbeit auch noch mehr schlecht bezahlte Arbeitsplätze schaffen. So besehen kann Armut nun wirklich kein schlechtes Licht auf den deutschen Kapitalismus werfen.

Aber damit nicht genug. Die SZ will auch das bloße, statistisch aufbereitete Faktum eines national gesunkenen Lohnniveaus nicht so stehen lassen. Und siehe da: Genau betrachtet führt die "zugrunde liegende Statistik in die Irre": "So wird suggeriert, dass die Menschen heute ärmer wären als 1986. Tatsächlich aber ist die Kaufkraft gleich geblieben. Der Durchschnittsbürger kann sich von seinem Gehalt also genauso viele Fernseher oder Autos leisten wie seinerzeit." Reicher sind die Leute nicht geworden – aber auch nicht ärmer! Das ist doch mal ein Argument gegen die Miesmacherei der Bildzeitung. Der Nutzen von zwanzig Jahren Produktivkraftsteigerung, die Fernseher und Autos heute in einem Bruchteil der Zeit entstehen lässt, ist offenbar vollkommen an den – noch nicht entlassenen – Arbeitern vorbeigegangen – das ist dem Autor eine Selbstverständlichkeit. Der weiß eben, was einem Lohnarbeiter zusteht.

So viel zum "Durchschnittsbürger". Hinsichtlich des Mangels einer Durchschnittsbetrachtung möchte der Kommentator den Leser aber auch nicht im Dunkeln lassen: "Über die wahren Verhältnisse im Lande sagt diese Durchschnittsbetrachtung zudem nur wenig aus, vor allem deshalb, weil sich das Gehaltsgefüge durch die Einrichtung eines Niedriglohnsektors in den letzten 20 Jahren erheblich ausgeweitet hat. Konkret: Viele Menschen verfügen heute über weniger Kaufkraft als 1986, viele andere dagegen über deutlich mehr." Eine Durchschnittsrechnung hat nämlich die Eigenart, dass es – wer hat eigentlich das Gegenteil behauptet? – Abweichungen nach oben und nach unten gibt: Der massenhaften Zunahme von Armut stehen auch Gewinner mit Einkommen oberhalb des Durchschnittsnettolohns gegenüber. Weil die Masse der Armutslöhne über die Jahre so systematisch gewachsen ist, handelt es sich es überhaupt um einen ‚neuen Sektor‘, der das ‚Gefüge‘ verändert; also – klar! – lassen sich aus der Statistik keine gültigen Schlüsse über Armut ziehen: Wer das trotzdem macht, folgt keinen aufklärerischen Motiven, sondern ist unseriös. Die SZ kommt insofern nicht umhin, der ‚populistischen‘ Publikumsbetreuung des "Boulevardblattes" Inkompetenz zu bescheinigen: Das ‚Phänomen‘ Armut muss heutzutage einfach viel differenzierter betrachtet werden:

"Insofern taugt die Statistik zwar für eine dicke Schlagzeile. Einen wirklich erhellenden Beitrag zur Diskussion über Mindestlöhne auf der einen sowie Steuer- und Abgabensenkungen auf der anderen Seite aber leistet sie nicht." Dass es Bild in ihrer "fetten Schlagzeile" vielleicht um ein seriöses Anliegen anderer Art gegangen sein könnte, nämlich um die passende Stimmungspflege fürs Volk und nicht um eine nationale Wirtschaftsberatung nach SZ-Muster, geht in den Journalisten-Schädel einer deutschen Intellektuellenzeitung einfach nicht hinein.

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In der Redaktion der FAZ hat man sogar herausgefunden: Von wegen ärmer – reicher sind sie geworden, die Arbeitnehmer! Es kommt nämlich nicht nur darauf an, z. B. die passenden Vergleichsjahre zu wählen, sondern die richtige Bezugsgröße. Betrachtet man nämlich die Statistik, die das Einkommen ins Verhältnis zur Arbeitszeit setzt, sieht die Sache schon ganz anders aus.

"Die Arbeitnehmer in der Bundesrepublik sind in den zurückliegenden beiden Jahren ‚ärmer‘, im gesamten Zeitraum seit der Wiedervereinigung aber insgesamt ‚reicher‘ geworden, wenn auch ‚nur‘ um 6,2 Prozent. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor, die neben der Einkommensentwicklung auch die seit 1991 gesunkene Arbeitszeit berücksichtigen. … Dadurch relativiert sich der Befund, dass die Nettorealverdienste im vergangenen Jahr auf den Stand von 1997 gesunken seien." (FAZ vom 25. September)

Die Leute kriegen zwar weniger Geld, das aber auch in weniger Zeit! Da hat die FAZ ja wirklich mal was ganz Aussagekräftiges gefunden:

"Die Berechnung der realen Nettoverdienst je Stunde ist auch deshalb aussagekräftiger als die Betrachtung je Arbeitnehmer, da sie wenigstens teilweise die Verzerrungen ausschaltet, die sich durch die Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur ergibt – etwa von mehr Teilzeitbeschäftigung, Mini-Jobs und Ein-Euro-Kräften."

Ja wenn es immer mehr und als feste Einrichtungen eingeplante Arbeitsverhältnisse gibt, von denen man nicht leben kann, dann darf man sie doch nicht in die Statistik hineinrechnen. Die verzerren glatt die Bilanz! Also muss man das Ganze so, nämlich auf Stundenlohnbasis, betrachten, dass keine Verzerrung dabei herauskommt.

Ein Ein-Euro-Jobber kann dann zwar nicht von seinem Stundenlohn leben, dafür aber ein anderer Teilzeitarbeiter wenigstens ein paar Stunden …


© GegenStandpunkt Verlag 2007