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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 15. Januar 2007
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 17. Januar 2007


Political (Sprach-)correctness – eine demokratische Unart

Immer wieder gibt es Kritik an der Art, wie der GegenStandpunkt sich ausdrückt. Er verwendet Wörter wie "Neger" oder "Homos" und er weigert sich hartnäckig, beim Politiker oder Arbeitnehmer noch die Politikerin und die Arbeitnehmerin hinzuzusetzen – das dürfe man doch nicht, eine solche Sprache schrecke ab oder sei sogar ein großes Ärgernis. Ja mehr noch, die GegenStandpunkt-Redaktion mache es ihren Gegnern unnötig leicht, sich um die Auseinandersetzung mit ihren Argumenten herumzudrücken und auf den Nebenkriegsschauplatz der Sprachhygiene auszuweichen. Diesen Vorwurf wollen wir heute einmal grundsätzlich beantworten; er rührt nämlich von einer fest eingebürgerten demokratischen Unart her.

Empören über den Sprachgebrauch kann man sich nur, wenn man mit dem falschen Gedanken im Kopf herumläuft, der Benennung, der Namensgebung, sei es für eine Rasse, eine soziale Gruppe oder auch für ein Volk, könne man ein Urteil entnehmen; mit der Namensgebung sei das Urteil schon fertig. Leser oder Hörer, die so ticken, sind auf eine Abgrenzung oder eine Zustimmung zu dem aus, was ihnen vorgetragen wird – und zwar vom ersten Moment an: Man geht fest davon aus, dass der Vortragende nur seine Parteilichkeit vorbringt und checkt ab, ob sie zur eigenen Parteilichkeit passt oder auch nicht. ‚Parteilichkeit’ meint: Man hat sich dazu entschieden, eine Sache, Person oder soziale Gruppe moralisch einzusortieren, sie für gut oder schlecht zu halten, man vergleicht die entdeckte Parteilichkeit eines Autors mit den eigenen sympathisierenden Vorurteilen oder Antipathien und findet dementsprechend die Stellungnahme gelungen oder unmöglich. Tatsächlich ist es – im schlechten Normalfall – ja auch so: Schon durch die gewählte Kennzeichnung der diversen Kollektive signalisieren Autoren Achtung oder Verachtung für die damit Bezeichneten; schon daraus erkennt das Publikum den vertretenen Standpunkt. Wenn man einen Gleichgesinnten findet, bestätigt das einen. Genau so aber auch, wenn man jemanden mit der gegenteiligen Einstellung findet: Dann fühlt man sich nur herausgefordert, zur eigenen Parteilichkeit zu stehen. Dieses Verfahren ist – im schlechten Normalfall – zirkulär und wasserdicht.

Dagegen schreiben und reden wir an. Wenn wir Aktionen, Interessenlagen, finanzielle oder kriegerische Konflikte erklären, dann wollen wir keine vorher feststehende Parteinahme für die eine oder andere Konfliktpartei abrufen und wir landen auch nicht dabei, dem einen oder anderen Recht zu geben und im Lichte dieses Rechts die Gegenseite zu verurteilen. Deshalb sind uns die Bezeichnungen – um das Einfachste zuerst zu sagen – nicht weiter wichtig. "Neger" oder "Schwarzer", "Ami" oder "Amerikaner", "Kapitalist" oder "Unternehmer" leisten das Gleiche, wo es um nichts als eine Kennzeichnung geht. Das, was wir über die bezeichneten Kollektive zu sagen haben, sagen wir sowieso nicht mit dem Namen, sondern mit der darauf folgenden Charakterisierung, der Analyse, kurz: mit dem Argument.

Nehmen wir das Beispiel "Neger". Dieses alte deutsche Wort für Angehörige der schwarzen Rasse, das seiner romanischen Herkunft nach gar nichts anderes bedeutet als: niger = lateinisch für ‚schwarz‘, wird als rassistische Beleidigung empfunden; die analoge Verwendung des Wortes die "Weißen" – etwa in Südafrika oder den USA – aber wohl kaum. Der Unterschied hat nichts mit den Worten und alles mit der politischen und sozialen Stellung der damit bezeichneten rassischen Kollektive zu tun: Die Weißen sind die Ober- und Herrschaftsschicht, wo immer auf sie als einen besonderen Teil einer Bevölkerung Bezug genommen wird. Die Neger, ehemalige Sklaven oder mittellose Immigranten, sind in den USA wie in allen kapitalistischen Ländern mehrheitlich in die unterste gesellschaftliche Schicht verbannt; ihr Schwarzafrika, wo die meisten von ihnen leben, ist die durchgängige Elendsregion des globalisierten Kapitalismus. Es ist erstens die politökonomische Weltordnung, die den Negern diese miserablen Lebenslagen zuweist; es ist zweitens der Rassismus des politischen Urteilens, der ihnen diese Stellung dann auch noch als ihr Defizit anlastet. Wie immer und überall in der bürgerlichen Gesellschaft bekommt derjenige, der in der Konkurrenz scheitert, genau dies als Ergebnis mangelnder Begabung und Intelligenz, von fehlendem Ernst und Fleiß, von unzureichendem Verantwortungsbewusstsein ausgelegt. Seine schlechte soziale Stellung wird gerechtfertigt durch eine schlechte Meinung über ihn. Er wird verachtet und als verachtungswürdiges Wesen gesehen. Ursprünglich neutrale Namen für Rassen, Völker, Stände und soziale Charaktere, die in der weltweiten Klassen- und Nationenscheidung unten landen, sinken zu verächtlichen Bezeichnungen herab. Dieses Schicksal teilt das Wort "Neger", eher in den USA übrigens als in Europa, mit nicht wenigen Völkernamen – Kanaken, Kaffern, Zigeuner –, mit Bezeichnungen niederer sozialer Stände – dem Bauer und dem Proletarier ("Du Bauer!", "So ein Prolet"), mit "Weib", "Krüppel" und "Asylant".

Schlimm, so unsere Auffassung, ist nicht der Klang, die Bezeichnung, sondern die Sache. Sie gehört korrigiert. Demokratisch engagierte Zeitgenossen sehen das anders. Sie lauschen den vermeintlich verächtlichen Bezeichnungen einen Verstoß gegen die abstrakte Anerkennung ab, auf die ein jeder in dieser gleichmacherischen Gesellschaft jenseits von Stand und materieller Lage ein Recht hat: Neger – hernehmen könnte man auch: Proleten, Asylanten, Behinderte – "sind auch Menschen" und haben als solche eine respektvolle Bezeichnung verdient. Ihre demokratischen Freunde verwechseln Ursache und Wirkung: Sie empören sich mehr über vorhandene oder vermutete Verachtung als über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die besagten sozialen Gruppen ein mieses Leben aufdrücken und deren Parteigänger ihnen dann anschließend verächtlich unter die Nase reiben: "Ihr taugt ja nicht zu mehr!" So werden für die Opfer neue Namen gesucht, die einzig und allein eines leisten sollen: die Verachtung zu dementieren, die man aus den früher einmal neutralen Bezeichnungen heraushört. Die Verwendung ihrer Wortschöpfungen machen die Sprachreiniger dann zum Prüfstein politisch korrekter Gesinnung. Jedermann hat den Hut zu ziehen vor den Mitgliedern der unteren Klassen und ausgegrenzten Ausländern seine Hochachtung auszudrücken. Dann, meinen sie, sei das größte Unrecht, das denen zugefügt wird, schon mal aus der Welt und der entscheidende Schritt gegen die Ausgrenzung getan.

Wie untauglich Protest gegen Sprachgebräuche zur Verbesserung der Lage ist, zeigt sich schlagend, wo er auf ganzer Linie erfolgreich ist: bei der so genannten "Frauenfrage". Seit vielleicht 25 Jahren lehnen ihrer Emanzipation bewusste Frauen Schriftliches und sogar Mündliches ab, sofern nicht Wörter, mit denen Kollektive bezeichnet werden, die Männer und Frauen umfassen, durch ein angehängtes "-Innen" verfremdet sind. Wenn ein Wort, das Berufe, Stände und sonstige Allgemeinheiten bezeichnet, wie Student, Arbeiter, Bürger, Zuschauer nicht dieses "innen" erhält, fühlen sie sich nicht eingeschlossen, nicht ausgedrückt, insofern missachtet. Wenn von Pflichten, Interessen, Stipendien "des Studenten" oder "der Studenten" die Rede ist, soll ein Totschweigen und Ausschließen der Studentinnen vorliegen, ganz so, als ob die männlichen Exemplare und nicht die Eigenschaften und Lagen des Standes angesprochen worden wären; Bestimmungen immerhin, die mit dem Geschlecht seiner Angehörigen nichts zu tun haben. Sprachreformerische Frauen und ihre männliche Sympathisanten, die allen Kollektivbezeichnungen weibliche Endungen anhängen, bestehen darauf, dass der weiblichen Hälfte der Menschheit immer und überall extra die Ehre der Erwähnung erwiesen wird, und bekennen sich so dazu, dass der Sexus der allerwichtigste Gesichtspunkt ihrer eigenen Urteilsbildung ist: Mitten im Kapitalismus mit seiner abstrakten und gleichmacherischen Unterwerfung der Menschen unter das bürgerliche Gesetzbuch und die Herrschaft des Geldes dreht sich in ihrer Welt alles um den Kampf der Geschlechter: Frau oder Mann – wer ehrt, missachtet, beherrscht wen? Dem Antrag, dass der weiblichen Hälfte der Menschheit immer und überall extra die Ehre der Erwähnung zu erweisen sei, wird stattgegeben. Der Duden, eine neue Bibelübersetzung "in gerechter Sprache" und noch der letzte CSU-Macho verbeugen sich vor diesem Gesslerhut politischer Korrektheit: Vor allem von den Politikern vergisst keiner "Bürgerinnen und Bürger", "Wählerinnen und Wähler" zu sagen, wenn er auf weibliche Zustimmung spekuliert. Außer der ehrenden Anrede hat sich an der Lage der Frauen, deretwegen einmal eine Frauenbewegung aufgebrochen ist, nichts gebessert. Im Gegenteil, im emanzipatorischen Vierteljahrhundert ist durch zunehmende weibliche Berufstätigkeit die Doppelbelastung der Frauen immer größer geworden.

Das Bemühen um eine politisch korrekte Sprache ist nach dem Umweg über die demokratische Protestkultur inzwischen "angekommen", bei der gesellschaftlichen Elite nämlich. Stellvertretend für alle Erniedrigten und Beleidigten verwahren sich Politiker und Unternehmer öffentlich dagegen, dass weniger hochgestellte Mitbürger mit herabsetzenden Ausdrücken belegt werden: "Proletarier" oder "Unterschicht" darf man nicht sagen! Da machen sich diejenigen, die von den Unterordnungsverhältnissen profitieren, zu Anwälten der Ehre derer, die diese Ordnung auf die schäbige Rolle der ausgenutzten Arbeitskraft festlegt oder sie sogar noch von diesem zweifelhaften Privileg ausschließt. Sie wissen, dass die Ehre, die einer in sich als Arbeiter, Arbeitsloser oder sonst etwas setzt, nichts anderes ist als ein durch und durch positives und affirmatives Verhältnis zu dem Stand, in den es ihn verschlagen hat: Stolze Arbeiter lassen sich viel gefallen! Die Elite fördert die Anerkennungssucht der Schlechtergestellten, und legt sie damit noch einmal auf das fest, wofür sie Anerkennung erwarten dürfen. Als "Ware Arbeitskraft" braucht sich kein vollwertiger Mensch beschimpfen zu lassen, der korrekt als "Arbeitnehmer" gewürdigt ist. Dass er zu den unselbständigen Personen gehört, die nicht einmal arbeiten können, wenn nicht ein Vermögender ihnen Arbeit gibt, darf er sich in dem Sinn zugute halten, dass er im Vaterland mindestens ebenso wichtig dafür ist, dass "die Arbeit erledigt wird", wie der Arbeitgeber. Wenn die Herrschaft den von ihr Beherrschten solche Komplimente zukommen lässt, dann drückt sie ihre Zufriedenheit aus, wie gut sich die untergeordnete Dienstmannschaft die Anordnungen von oben gefallen lässt und sie abarbeitet. Spätestens da sollte auffallen, dass die Erfindung und Anwendung politisch korrekter Ausdrucksweisen mit einer wirklichen Besserstellung derer, die einen schönen Namen verpasst kriegen, nicht nur nichts zu tun hat, sondern von einer Abschaffung der wirklichen Verhältnissen, mit denen die so Geehrten zu kämpfen haben, nichts wissen will.

Naiv oder berechnend, in allen aufgeführten Fällen hat Sprachhygiene den Charakter einer Abwehr unerwünschter Urteile – und zwar ohne dass die, geschweige denn ihre Begründung, überhaupt zur Sprache kämen. Kritik der Umstände, in die Leute gestellt sind, und der Rollen, die sie spielen, wird als Beleidigung der Träger dieser Rollen gedeutet und damit zurückgewiesen. Es ist nicht so, dass wir leichte Vorwände liefern, unsere Argumente abzulehnen, es ist die feststehende Ablehnung, die sich ihre Vorwände sucht. Dagegen ist nun mal kein Kraut gewachsen, dass einer einen Text nur danach liest, was er in ihm sucht. Und wenn er ihn daraufhin absucht, ob er den erwarteten, landesüblichen – eben politisch korrekten – Respekt für die Macher und die Opfer der kapitalistisch und imperialistisch sortierten Welt darin ausgedrückt findet, dann entdeckt er eben, dass das nicht der Fall ist. Wer das Warum dann schon nicht mehr wissen will, weil er schon genug weiß, dem ist eben nicht zu helfen. Deshalb wollen wir dem Zensurstandpunkt einer Sprachkritik, die eine inhaltliche Ablehnung ist, sich dazu aber nicht bekennt, nicht entgegenkommen und vorauseilend Kreide fressen.

Lesetipp:

Mehr zu diesem Thema: Leserbrief und Antwort der GegenStandpunkt-Redaktion
"Sprachhygiene – kein Nebenkriegsschauplatz, sondern eine antikritische Political Correctness"
GegenStandpunkt 4-06, S. 72–79
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/06/4/leser1.htm


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