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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom vom 18. Sept. 2006
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 18. Okt. 2006


Entlassungen trotz Gewinn! – Was heißt da "trotz"?
Das marktwirtschaftliche Märchen vom Gewinn, der Arbeitsplätze schafft

In Zeiten der Krise hieß es:

"Die Firma macht Verluste. Leider müssen wir einen Teil der Belegschaft entlassen, um in die Gewinnzone zurückzukehren. Nur so können wir die Arbeitsplätze der verbliebenen Arbeitskräfte retten. Und, wenn die Rendite wieder stimmt, können wir neue Arbeitsplätze schaffen."

So ließen sich nicht nur Unternehmer vernehmen, wenn sie Leute entlassen wollten. Auch die Politik rechtfertigte Entlassungen damit, dass damit "Arbeitsplätze gesichert" würden und stellte in Aussicht: "Wenn die Wirtschaft wieder ordentlich Gewinne macht, geht es auch mit den Arbeitsplätzen wieder aufwärts." Die Wirtschaftsweisen und Ökonomieprofessoren leisteten ideologische Schützenhilfe, um dem arbeitenden Volk mit wissenschaftlicher Autorität, aber falschen Argumenten zu beweisen: Arbeitnehmer müssen in der Krise Opfer an Arbeitsplätzen und Löhnen bringen; dadurch wüchsen zuerst die Gewinne und dann auch die Arbeitplätze. So wurde die widersinnige Erwartung: "Entlassungen schaffen Gewinne – Gewinne schaffen Arbeitsplätze" zum allgemein akzeptierten Gemeinplatz. Gegenwärtig tun viele Unternehmen einiges dafür, diesen angeblichen Sachzwang praktisch zu widerlegen. Denn immer häufiger präsentieren große Unternehmen auf ihren Bilanzpressekonferenzen stolz ihre ausgezeichneten Gewinne – und kündigen gleichzeitig an, dass sie Entlassungen in größerem Umfang planen. So kam zum Beispiel ein Versicherungskonzern mit der Meldung in die Schlagzeilen:

"Trotz Rekordgewinnen: Allianz streicht 7.500 Arbeitsplätze".

Mit dem "trotz" wird ein Gegensatz zwischen dem Gewinne-Machen und dem Streichen von Arbeitsplätzen behauptet – und dies mit dem vorwurfsvollen Unterton, dass Unternehmen, die trotz guter Gewinnlage Arbeitsplätze abbauen, sich gegen eine – zumindest moralische – Verpflichtung vergingen. Diese Beschwerde kontert der Konzern damit, dass es für ihn keinen Gegensatz von Gewinn und Entlassen gibt, im Gegenteil: So erfreulich die "Rekordgewinne" auch seien, sie seien immer noch nicht hoch genug und müssten daher noch gesteigert werden, nicht weil die Aktionäre den Hals nicht voll kriegen würden, sondern weil selbst diese Rekordgewinne im internationalen Vergleich unter dem Durchschnitt lägen, also noch viel zu niedrig seien. So rechtfertigt die Allianz ihren Angriff auf den Lebensunterhalt ihrer Angestellten mit einer interessanten "Notlage": Sie leidet nicht unter fehlender, sondern unter – weniger Rentabilität als die Konkurrenten. Dies sei für sie als kapitalistisches Unternehmen trotz guter Gewinne fast genau so gefährlich wie rote Zahlen. Und offenbart damit, dass der Grund für die Entlassungen etwas Schlimmeres ist als Gewinngier – es handelt sich um Kapitalismus pur: Nicht Gewinne überhaupt sind der Zweck eines Unternehmens, sondern höhere Gewinne als die der Konkurrenten; denn nur so gewinnen sie die Konkurrenz um die Kapitalanleger, die in die Papiere der Aktiengesellschaften mit den besten Gewinnaussichten investieren und diese so mit Kapital für deren Durchsetzung im globalen Wettbewerb ausstatten. Daher muss die Rentabilität der Allianz AG verbessert werden, aber nicht aus Not – das ist die Lüge der Rechtfertigung –, sondern weil sie die Firma sein will, welche die Konkurrenz auf dem weltweiten Versicherungsmarkt gewinnt. Dafür sind die Entlassungen das Mittel. Eine Neuheit ist das wirklich nicht: Die soeben vermeldeten "Rekordgewinne" sind schließlich nicht zuletzt auch durch das systematische Sparen an der Belegschaft zustande gekommen – was garantiert keine Besonderheit des Allianz-Konzerns ist, sondern jedermann unter dem Begriff "Rationalisierung" bekannt ist, die von allen Unternehmen ständig betrieben wird.

Wie kommt es trotzdem zu der Behauptung, "Rekordgewinne" und Entlassungen würden "eigentlich" nicht zusammenpassen? Der Grund dafür liegt darin, dass diejenigen, die von Lohnarbeit leben müssen und trotz schlechter Erfahrungen mit ihr auch weiterhin auf sie als ihr Lebensmittel setzen, daran glauben möchten, eigentlich sei es die Pflicht der Unternehmer, "Arbeitsplätze zu schaffen". Natürlich seien sie auch noch hinter ihrem Gewinn her, aber der müsse eben möglichst hoch sein, weil er die Voraussetzung dafür sei, damit sie tun können, was der ihnen verliehene Ehrentitel sagt: "Arbeit geben". Weil dieser Glaube so fest in den Köpfen sitzt, können die Unternehmer ungeniert und unwidersprochen behaupten, dass "die Gewinne von heute die Arbeitsplätze von morgen" seien. Und alle Welt will nur allzu gerne daran glauben, dass der Gewinnerfolg des Unternehmens auch der Belegschaft zugute zu kommen hat – in Gestalt von "sicheren Arbeitsplätzen". Daher will man nichts davon wissen, dass der Profit der Zweck ist, der für das Unternehmen ausschließlich zählt, und dass er ausschließlich den Eigentümern und den Investoren zugute kommt. Stattdessen hofft man, dass er – irgendwie, auf lange Sicht, letztlich – auch ein Mittel für die ist und zu sein hat, die für das Unternehmen arbeiten. Wenn dann so ein Unternehmen Gewinn macht und Leute entlässt, findet man sich in seinem – vermeintlich doch nur allzu berechtigten – Anspruch betrogen: Das findet man ungerecht und ist empört.

Diese Empörung taugt nicht viel. Denn mit ihr hat man längst geschluckt, dass sein privates Fortkommen nicht mehr ist als eine abhängige Variable des Gewinns, den andere einstreichen. Der Anspruch, den er sich einbildet, geht daher darin auf, überhaupt an einem Arbeitsplatz gegen Lohn arbeiten zu dürfen. Beides – Arbeitsplatz und Lohn – gibt’s dann allerdings nur nach den Maßstäben der sog. Arbeitgeber. Wer auf diese Abhängigkeit setzt, ist daher auch dann, wenn er sich beklagt, unbedingt dafür, dass das Unternehmen Gewinn machen soll. Er hat eingesehen, dass ein Unternehmen, das Verluste macht, "Kosten, also v. a. Lohnkosten sparen" und entsprechend seine Belegschaft dezimieren muss. Nicht minder klar ist ihm, dass es, um "wieder schwarze Zahlen" schreiben und "im globalen Wettbewerb mithalten" zu können, rationalisieren muss. Bloß die Konsequenz aus all dem, was er eingesehen und akzeptiert hat, will er dann nicht ziehen: Dass dann eben auch der Gewinn der letzte Zweck des Unternehmens ist und es auf die Beschäftigten nur als Mittel für diesen Zweck ankommt, ihre Dienste also nur gefragt sind, wenn sie sich fürs Unternehmen rentieren. Und dafür, dass sie dies tun, sorgt das Unternehmen praktisch – indem es laufend die Kosten für die Arbeit senkt, mit und ohne Entlassungen.

Der Entrüstung, die sich da breitmacht, stimmen Politiker und Medien ausnahmsweise mal zu:

"Erneut" entlässt "ein Konzern, der gleichzeitig Milliardengewinne erwirtschaftet, in großem Umfang", beschwert sich die Süddeutsche Zeitung. Kanzlerin Merkel hält die Entscheidung der Allianz, die sie "nicht korrigieren kann", für "bedauerlich".

Die regierenden Standortverwalter und die kommentierende Zunft haben den systemtragenden Schwindel ja selbst jahrelang bekräftigt und für seine Verbreitung gesorgt, wonach "Wachstum Arbeitsplätze schafft". Das war das Versprechen, mit dem das Volk sich unter ihrer Anleitung einbilden durfte, der Geschäftserfolg des Kapitals komme auch ihm zugute. Also lässt man sich es auch nicht nehmen, das so betreute Volk dann weiter an die Hand zu nehmen, wenn es an dieser Lebenslüge ein wenig irre wird. So wird dieser Irritation ein bisschen Recht gegeben: "Ja, es ist schon schwer zu verstehen, wenn gut verdienende Unternehmen die Leistung, die sie dem Gemeinwesen schulden, nämlich Arbeitsplätze zu schaffen, nicht erbringen." Das ist dann allerdings keineswegs das letzte Wort, sondern der Auftakt dazu, die "verständlichen" Beschwerden zurechtzurücken. Die für Volkes Meinung Zuständigen lassen sich für diese "empörenden" Entlassungen einen unschlagbar guten Grund einfallen – welchen wohl? Natürlich den besten aller Gründe: "Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen"! Verantwortungsvolle Unternehmen müssten nämlich langfristig denken, was der simple Malocher und die kleine Angestellte in ihrer Froschperspektive völlig übersähen. Gerade wegen des hohen Auftrags, für den diese Unternehmen unterwegs sind, dürfen sie sich von jetzt gerade mal anfallenden "Rekordgewinnen" nicht blenden lassen, vielmehr müssen sie darauf achten, ihre "Gewinnsituation" auch "für die Zukunft zu sichern". Das heißt: Sie müssen heute entlassen, um die verbleibenden "Arbeitsplätze sichern" und morgen wieder mehr von denen "schaffen" zu können. Politiker und Wirtschaftsjournalisten klären auf: Was ein "vorausschauendes Unternehmen" ist, das entlässt seine überflüssigen Mitarbeiter genau dann, "wenn der Konzern gesund ist, sich also noch nicht in einer tiefen Krise befindet und Notoperationen vornehmen muss"! Entlassungen sind also gerade dann angesagt, wenn der Konzern "gesund" ist. Nur so kann er vermeiden, dass er mangels Gewinn in eine "tiefe Krise" gerät und – was machen muss? Erst in der Krise entlassen. Da wird also in ein und demselben Atemzug behauptet, dass Entlassungen den Gewinn sichern und steigern und dass dieser Gewinn die Arbeitsplätze sichert, wenn nicht gar vermehrt. Eine ziemliche Zumutung an den Verstand ist das! Aber leider funktioniert sie offenbar.

Politiker, die so etwas behaupten, werden nicht ausgelacht, sondern gewählt, und die Wirtschaftsredakteure dürfen solches Zeug jeden Tag wieder in ihre Zeitungen schreiben, und die werden gekauft und gelesen. Das liegt daran, dass es bei solchen Argumentationen sowieso nicht auf ‚richtig’ und ‚falsch’ ankommt. Vielmehr bestätigen sie das Publikum immer wieder aufs Neue in dem, was es schon längst gefressen hat: Ohne Gewinn läuft nichts. Sie schließen also an die Grundwahrheit, dass in dieser Gesellschaft alles vom Gewinn abhängt, immer nur stur die Grundlüge an, dass man den Gewinn braucht, damit Arbeitsplätze bereitgestellt werden können. Und wenn das Verhalten der Unternehmen diese Grundlüge zu sehr strapaziert, wird das Publikum belehrt, dass ihm doch gar nichts anderes übrig bleibt, als der Weisheit der Unternehmer zu vertrauen; sind die doch die einzigen, die wissen, wie man "Arbeitsplätze sichert" – auch und gerade dann, wenn sie sie abbauen. Entlassungen darf das Volk jederzeit und zusammen mit seiner Kanzlerin für "bedauerlich" halten. Es soll aber einsehen, dass sie einfach unvermeidlich sind: in der Krise sowieso, und im Aufschwung auch. Grund genug eigentlich, den Glauben "Gewinne schaffen Arbeitsplätze" – oder sollten das zumindest – aufzugeben und stattdessen die richtigen Schlüsse aus dem praktischen Dauerbeweis der Unternehmer zu ziehen, dass Entlassungen (Rationalisierungs-)Gewinne schaffen.


© GegenStandpunkt Verlag 2006