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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 9. Januar 2006
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 21. Dezember 2005


Warum die Entrüstung über den Missbrauch Europas für Geheimflüge und Geheimgefängnisse durch die CIA eine reichlich verlogene Kampagne von Mitmachern ist

Das offizielle Europa ist mal wieder empört – über die USA, die ihre geheimen Gefangenen mit geheimen CIA-Flügen quer durch Europa in Geheimgefängnisse transportieren und dann womöglich noch foltern. Angela Merkel möchte mit George Bush über Guantánamo reden und angesichts der Vorkommnisse in Abu Ghraib*) wurden ernsthafte Zweifel an der moralischen Führungsrolle der USA vorgebracht – selbstverständlich ohne ihnen diese Führungsrolle abzusprechen. Die Entführung und Verfrachtung von Bürgern jeglicher Provenienz aus Europa an Orte in aller Welt, und das alles ohne sauberen europäischen Haftbefehl, am Ende sogar Folter "bei uns" zu Hause in Europa – das geht Europäern, die Amerikas Freunde auf gleicher – imperialistischer – Augenhöhe sein wollen, doch zu weit! So leitet der Europarat demonstrativ eine Untersuchung ein, ob da im US-Antiterrorkrieg auf europäischem Boden auch wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die EU-Kommission sieht in den Folter-Flügen und Geheimgefängnissen eine Verletzung europäischen Rechts, so dass der Rechtskommissar Frattini allen EU-Staaten, die CIA-Gefängnissen und Ähnliches unterhalten, den Entzug ihrer Stimmrechte in den EU-Gremien androht.

An der Sache, über die sich die europäische Öffentlichkeit als mögliche Verstöße gegen Menschenrecht und Folterverbot empört, sind die europäischen Staaten – so viel weiß auch noch der letzte Journalist – ausgiebig beteiligt:

So entzündet sich der regierungsamtliche Ärger nicht an den Opfern von Entführung, Folter usw., vielmehr drückt sich darin die Unzufriedenheit von berechnenden, aber eben auch beleidigten Mitmachern aus, die halt mal wieder feststellen müssen, dass sie von der Führungsmacht bestenfalls im Nachhinein "konsultiert" , d. h., in ihren Augen nicht genügend respektiert werden. Aber wie schon früher hüten sich die regierungsamtlichen Stimmen – im Unterschied zu denen der Öffentlichkeit – mit gutem Grund, von "Menschenrechtsverletzungen" zu sprechen, von denen auf ein "menschenverachtendes System" zu schließen sei. Stattdessen wurde – wieder mahnend – die gemeinsame Grundlage betont, dass man doch an Rechtsstaat und Menschenrechten festhalten wolle.

Mit dem Fall el-Masri erblickt ein Stück dieses Geheimdienstkrieges das Licht der Öffentlichkeit. Für die deutsche Regierung ist das eine ärgerliche Panne, für die Öffentlichkeit hingegen ein Skandal:

Der Vorwurf an die abgetretene Bundesregierung, sie habe sich von der Führungsmacht die Missachtung deutscher Hoheitsrechte gefallen lassen, kommt der neuen Regierung ungelegen. Sie will sich nicht nachsagen lassen, die stillschweigende Hinnahme der amerikanischen Geheimdienst-Praktiken durch Rot-grün fortzusetzen, gleichzeitig ist ihr aber daran gelegen, die Beziehungen zu den USA zu verbessern. Während die Öffentlichkeit sich einfühlsam mit der Frage beschäftigt, ob die schäbigen Umgangsweisen der US-Behörden mit deutschen Bürgern nicht den Regierungsantritt der neuen Kanzlerin erschweren und ob ihr der "Spagat" zwischen Kritik an den USA und Annäherung gelingt, versucht die deutsche Politik die Panne zu beheben: Das versucht sie, indem sie die Kumpanei mit den US-Behörden abstreitet. Da ist sie bei Amerika aber an den Falschen geraten: Die USA offenbaren die gelaufene Zusammenarbeit, indem sie betonen, dass ihr Botschafter Coats dem damaligen Innenminister Schily den Vorgang mitgeteilt hat. So blamiert, will die neue Kanzlerin wenigstens das Eingeständnis der Führungsmacht haben, einen Fehler gemacht zu haben. Aber selbst diese eher formelle Respektsbezeugung vor Deutschland verweigert Außenministerin Rice und sie stellt stattdessen zweierlei klar:

Damit ist die Debatte in Deutschland natürlich nicht beendet. Nach Presseenthüllungen, dass deutsche Beamte offensichtlich gelegentlich mitverhört haben, geht Innenminister Schäuble in die Offensive und stellt das Verbot in Frage, "Informationen", die unter Folter zustande gekommen sind, zu verwerten. Zudem "solle man sich bei der Informationsgewinnung im Zweifel für die Zusammenarbeit auch mit anderen Geheimdiensten einsetzen". (SZ, 19.12.) Mit solchen Vorstößen verringert der Bundesinnenminister die Kluft zwischen offizieller Heuchelei und Realität der "Terrorismusbekämpfung" ein Stück weit und stellt klar: Menschenrechte sind von den Demokratien nicht zum Schutz ihrer Gegner vor ihrer Staatsgewalt erfunden worden ...


© GegenStandpunkt Verlag 2006