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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 12. Dezember 2005


Zur Werbekampagne "Du bist Deutschland"
Wie mit Siegertugenden Hurra-Patriotismus verinnerlicht werden soll, um den Standort befördern

"20 deutsche Medienunternehmen" sind nicht zufrieden mit dem Stand der Nation und wollen das Ihre zur Lageverbesserung beitragen. Dafür wenden sie sich an "die Menschen im Lande" und machen ihnen klar, dass das Sorgeobjekt 'Deutschland' doch unser aller Sorgeobjekt ist. Und zwar mit einem gigantischen Gleichheitszeichen, das der denkbar einfache Slogan: "Du bist Deutschland!" postuliert. Die Werbewirtschaft kann durchaus zwischen lauter unterschiedlichen Menschen – Hausfrauen, Autokäufern, Urlaubern... - unterscheiden, aber in "unserer Zeit", die "nicht nach Zuckerwatte schmeckt", erinnert sie uns daran, dass allen Deutschen eines gemeinsam ist, nämlich Teil dieser Nation zu sein. Das – so die Medienunternehmen - verpflichtet. Der übliche Eigennutz hat jetzt mal zurückzustehen, stattdessen ist ein uneigennütziger Dienst gefragt, so, wie man ihm einem guten Freund erbringt: "Behandle dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn, sondern biete ihm deine Hilfe an."

Wie hilft man so einem Freund aus seiner Not heraus? Die Antwort liegt auf der Hand: Da sich der Freund Deutschland aus lauter solchen Teilchen wie dir und mir zusammensetzt, geht es ihm besser, wenn wir alle besser werden: "Bring die beste Leistung, zu der du fähig bist. Und wenn du damit fertig bist, übertriff dich selbst." Darin steckt eine geballte Ladung Kritik am nationalen Menschenmaterial: Leistet hier auch jeder an seinem Platz, was er wirklich leisten kann? Ist nicht umgekehrt die Untugend des Meckerns weit verbreitet, die immer dem oder den anderen die Schuld in die Schuhe schieben will, statt selbst anzupacken?

"Bei sich selber anpacken" heißt also die Devise. Das Meckern verrät ja nur eigene Mangelhaftigkeit – und die überwindet man, indem man an das Gegenteil glaubt: dass man besser sein kann, als man ist. Deshalb verschreibenn die "Mutmacher" jedem "Einzelne(n) ... mehr Zuversicht in die eigene Kraft und Leistungsfähigkeit." Wie kriegt man so etwas hin? Dafür braucht es Vorbilder. Auf den Plakaten sieht man Leute von eher unterdurchschnittlichem sozialen Status, neben die mit einem Gleichheitszeichen Geistesgrößen, erfolgreiche Unternehmen oder Unterhaltungsprominente gestellt werden: "Du bist Günter Jauch". Jeder weiß, dass das (Gottseidank!) nicht wahr ist, aber es kommt ja auf die Botschaft an: Nicht, dass man ein Günter Jauch wird, sondern dass man an sich selber als einen glaubt, der Günter Jauch sein könnte. Dabei darf das Teilchen sich nicht daran stoßen, dass die Sache mit dem 'uneigennützigen Dienst' bei den Vorbildern nicht so ganz hinhaut: Die haben haben beim Vorbild-Werden bestimmt nicht an die Nation und wie sie ihr dienen können gedacht, sondern an sich und ihren Erfolg. Der große andere Teil der Nation soll das aber nicht so eng sehen. Vielmehr soll er sich mit den Vorbildern nur in einer Hinsicht in eins setzen: Die haben immer an sich geglaubt und nie locker gelassen.

Fragt sich allerdings, welchen Dienst man seinem Freund Deutschland damit erbringt. Was da zum Zwecke der Aufmunterung und Hoffnungsstiftung ins Feld führen, ist sachlich betrachtet eher niederschmetternd: "Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume. Genauso, wie ein Lufthauch sich zu einem Sturm entwickelt, kann deine Tat wirken." Zu mehr als zum Flügelschlag eines Schmetterlings bringt es der Einzelne, der zäh an der Zuversicht in die eigene Kraft und Leistungsfähigkeit arbeitet, dann doch nicht. Trotzdem kommt die Botschaft klar rüber: Du bist wahnsinnig wichtig. Und die Werbetexter setzen noch eins drauf: "Egal, wo du arbeitest. Egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden. Du bist Deutschland." Der alte Spruch der Arbeiterbewegung: "Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will", ist damit wohl nicht gemeint – was aber dann? Was hat der Freund Deutschland nun davon, wenn seine Unterteilchen sich für wahnsinnig wichtig halten und sich mit dem Glauben an ihre Kraft und Leistungsfähigkeit aufpumpen?

Unter den mutmachenden Botschaften findet sich auch eine praktisch klingende Aufforderung: "Machen wir uns die Hände schmutzig. Du bist die Hand. Du bist 82 Millionen. Du bist Deutschland." Soll das nun heißen, dass alle früher zur Arbeit gehen und hinterher noch unbezahlte Überstunden dranhängen? Nicht, dass die Bereitschaft dazu nicht erwünscht wäre, sie wird sogar gefordert – aber all das gibt es doch nur, wenn es einem angeschafft wird. Um "sich die Hände schmutzig zu machen" braucht es schon einen, der das anordnet, weil er mit den "schmutzigen Händen" etwas unternehmen kann, wenn sie sich für sein Kapital und dessen Vergrößerung rühren. Und für einen beträchtlichen Teil der "82 Millionen" Deutscher Landsleute ist dieses "Privileg" einfach nicht vorgesehen. Gerade die Aufforderung "Tu etwas!" lässt drastisch die Machtlosigkeit derer hervortreten, die aufgefordert werden, "etwas zu tun".

Aber es heißt ja auch: "Tu etwas an dir!" Das ist die Aufforderung, sich die Geisteshaltung zuzulegen, die eigene Machtlosigkeit als Ansporn zu verstehen, nämlich als Ansporn, sich – in welcher Scheiße man auch immer sitzt – bewähren zu wollen. Das soll man sich von seinen Vorbildern abgucken, und das gilt dann für den Arbeitslosen genauso wie für den Arbeitenden. Diese Aufforderung erlässt das Verbot, wegen der eigenen Machtlosigkeit an der deutschen Nation und den in ihr herrschenden Verhältnissen herumzukritisieren, und sie erlässt das Gebot, die erzwungene Unterordnung als immerwährende Bewährungschance und freiwilligen Bereitschaftsdienst zu betrachten. Der "Freund" namens "Deutschland" mag als echter Kumpel nämlich bloß treue Untertanen, die, egal wie ihnen geschieht, immer nur vor der eigenen Tür kehren – und dabei den Mut nicht sinken lassen: "Wir lassen uns das Singen nicht verbieten!" Umgekehrt, umgekehrt: Wer meckert, beweist damit nur sein Unvermögen, aus dem, was man ihm als Tätigkeit oder Untätigkeit aufträgt, das Beste für sich zu machen. Und das geht auf im Dienst an Deutschland, denn die "Du bist..."-Kampagne lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie die Nation für das einzig wirklich hilfsbedürftige Subjekt in Deutschland hält, vor deren "Not" sich die Lage von Arbeitslosen und Billiglöhnern, von Gehaltsgekürzten und Arbeitszeitverlängerten, von Gammelfleischfressern und Mieterhöhten wie kleinliche Wehwehchen ausnehmen, die sich nicht gehören. Dem Land muss geholfen werden und deshalb sollen sich die Leute in ihm am Riemen reissen und mit verinnerlichtem Hurra-Patriotismus vorwärtsmarschieren. "Du bist Deutschland!" auch und gerade dann noch, wenn die Parole lautet: Du bist gefeuert! Denn dass der höchstpersönliche (Sonder-)Einsatz fürs Vaterland einen Ertrag einfährt, mit dem man es sich gemütlich machen könnte, wird ehrlicherweise nicht einmal angedeutet. Die Leistung zu der man "ermutigt" wird, hat nämlich kein Maß mehr im persönlichen Wohlergehen: "Bring die beste Leistung, zu der du fähig bist. Und wenn du damit fertig bist, übertriff dich selbst." Die Einladung "etwas Neues zu wagen und mit frischem Elan mit- und weiterzumachen" ist ein Dauerauftrag, den jeder sich täglich neu erteilen soll. Der Erfolg für Deutschland, so die Botschaft, ist Grund genug, sich täglich selbst neu zu übertreffen! Kein Wunder, dass die Kampagne zur Bebilderung ihres stinknormalen Appells an Untertanen, sie sollten sich gefälligst noch mehr ins Zeug legen, wenn sie schon nichts davon haben, nicht vor unfreiwilliger Komik zurückschreckt: "Schlag mit deinen Flügeln und reiß Bäume aus. Du bist die Flügel, du bist der Baum."

Wer von dieser Kampagne beflügelt an eine bessere Zukunft glauben und darin den Sinn der Plackerei in der Gegenwart finden sollte, hat nicht alle Tassen im Schrank. Denn zum Erfolg gehört im Kapitalismus schon ein bisschen mehr als der Wille dazu und Zuversicht, es schon noch zu schaffen. Die Erfolgsgeschichten im richtigen Leben basieren nämlich auf jeder Menge schlecht bezahlter Erfolgloser. Daran soll sich nicht nur nichts ändern, vielmehr sind – wie man von den eloquenteren Exemplaren der (Erfolg)Reichen landauf, landab in Talkshows hört – ihre künftigen Wachstumserfolge nur drin, wenn diese Mehrheit, das tut, woran in der Eigentumsgesellschaft echte Eigentümer nicht einmal im Traum denken: "Besitzstände" aufgeben, also weiterhin "die beste Leistung" zu "übertreffen", die ihnen verordnet wird. Und wie geht das womöglich noch geschmierter: Ranklotzen fürs Kapital und die Nation – wie für einen guten Freund! Fröhliche Weihnachten.


© GegenStandpunkt Verlag 2005