Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 7. November 2005
"Stern" und "Spiegel" machen eine Titelstory über Mao. Inhalt: Ein ganz furchtbar schlechter Mensch war das. Kronzeugin ist eine ehemalige Rotgardistin und Tochter zweier revolutionärer Kader der ersten Stunde, die selbst aktiv an der Kulturrevolution teilgenommen hat. Sie hat sich, zusammen mit ihrem britischen Ehemann, eine knapp tausendseitige Abrechnung mit Mao von der Seele geschrieben. Fazit: "Auf über 70 Millionen ist die Zahl derjenigen zu schätzen, die der Tyrann erschießen, erschlagen oder verhungern ließ. Mao übertrifft damit Hitler und Stalin die anderen großen Schlächter des 20. Jahrhunderts bei weitem."
Und das soll jetzt eine Entdeckung sein? Was wird man schon finden, wenn man die Geschichte eines Mannes untersucht, der ein ziemlich riesiges Reich von Feinden befreit, geeint und zu einem funktionierenden Staat gemacht hat? Der sich dabei gegen äußere wie innere Feinde durchgesetzt und sein Werk anschließend erfolgreich verteidigt hat? Eroberung und Sicherung der Macht ist eine gewaltträchtige Angelegenheit, gleichgültig, für welches Programm sie eingesetzt wird.
Die Zunft der Historiker stellt ihrerseits ja mit derselben Offenheit klar, dass viele Leichen noch lange nicht gegen einen Staatsmann sprechen. Ganz im Gegenteil messen sie die Größe seiner Leistung gerne daran, gegen wie viele Feinde er sich behauptet, wie viel Territorium er zusammenerobert, wie viel Volk er unter seinen Willen gezwungen hat. Voller Respekt lassen sie sich über große historische Gestalten aus, die Weltreiche begründet haben Alexander der Große! , und sie huldigen damit auch wenn es dann vornehmerweise "Willensstärke" oder "visionäre Kraft" genannt wird der Gewalt, mit der diese Herrscher sich durchgesetzt haben. Wenn sie umgekehrt die Gewalt eines Herrschers kritisieren, dann entweder, weil der ausgebliebene Erfolg seines "Projekts" im Nachhinein die "Sinnlosigkeit" des Gewalteinsatzes beweist, der dann auch gerne "Terror" heißt. Siehe Hitler. Oder weil ihnen der Erfolg eben dieser Gewalt nicht in den Kram passt. Siehe Stalin.
Es kommt also auf den Blickwinkel, auf die jeweilige Parteilichkeit an, ist oft auch eine Frage der politischen Kultur. Alles, was die ehemalige Mao-Anhängerin und heutige -Feindin ans Tageslicht gebracht hat, haben andere Historiker aus ihrer Perspektive genau umgekehrt als besondere Leistung gewürdigt. Dass ein einfacher Bauernsohn zum Herrscher über das größte Volk der Welt aufgestiegen ist das hat schon manchem Historiker einiges an Ehrfurcht abgenötigt. Und tatsächlich kam der chinesische Kommunisten-Führer bisher im Westen ja auch erheblich besser weg als seine russischen Kollegen. Warum, das spricht der "Spiegel" ganz offen aus:
"Auch in den westlichen Industrieländern hat der Chinese Anerkennung gefunden, denn er brach mit der Sowjetunion und öffnete sein Land Anfang der siebziger Jahre sogar ein wenig zum Westen."
Dass das politische Interesse an einem Staat der Geschichtsschreibung über ihn die Feder führt, ist also kein Skandal, sondern offensichtlich eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit. Ganz in diesem Sinne wurde Mao bisher auch in der westlichen Geschichtsschreibung zugute gehalten, dass er China vom Zugriff der imperialistischen Mächte befreit und das vom Bürgerkrieg zerrissene Land geeint hat; dass China unter seiner Herrschaft, gemessen an seinen Voraussetzungen, einen enormen Aufstieg hingelegt hat; und insbesondere, dass er mit der Sowjetunion brach und sich dem Westen gegenüber entgegenkommend verhielt. Das passt aber dieser Mao-Biographin nicht mehr. Sie will Mao als Menschen wie als Staatsmann desavouieren.
Das geht damit los, dass die Menschen, die für Befreiung und Aufstieg der Nation ihr Leben lassen mussten, nicht wegen dieses Programms draufgingen, sondern weil Mao, mit seinem Hang zum Sadismus, sie draufgehen lassen wollte. Die Anklage lautet: bewusster Mord. Für die Autorin wäre es nämlich ein viel zu großes Zugeständnis, wenn sie Mao ein solches Programm zubilligen würde: Befreiung und Aufstieg der Nation ist üblicherweise in Historikerkreisen eine sehr respektable Sache und die dabei anfallenden Toten müssen einfach sein und das darf Mao einfach nicht zugestanden werden. So verschwendet die Autorin auch keinen Gedanken darauf, was es mit solch merkwürdigen Massenkampagnen wie "Großer Sprung nach vorn" und "Kulturrevolution" auf sich gehabt hat, an denen sich Millionen Chinesen begeistert zu ihrem eigenen Schaden beteiligt haben. Stattdessen wird man kennt es von Hitler und Stalin ja schon zur Genüge mal wieder das Bild eines machtbesessenen Irren entworfen, dem es um sich, um sich und noch mal um sich gegangen ist. Dazu noch ein Bauer, der "keine Fremdsprachen" spricht, der sich aber an der Spitze einer Partei, eines Staates, am Ende der ganzen Welt sehen will das musste schlecht enden, weil sich hier ein Mensch etwas herausgenommen hat, was ihm nicht zusteht. Deshalb ist bei Mao schlicht "Wahnsinn", was vom Standpunkt der Weltmächte, die sich durchgesetzt haben, selbstverständlicher Anspruch und die reine politische Vernunft ist. Denen steht es aufgrund ihrer erfolgreichen Kriege zu, sämtliche Leichen, die bei ihrem nationalen Aufstieg angefallen sind, im Nachhinein ihren Gegnern zuzurechnen und sich selbst als noble Friedensstifter und Weltordner darzustellen.
Andererseits, das weiß auch die Mao-Feindin, adelt in der bürgerlichen Welt der Erfolg und den hat Mao nun mal gehabt. Darum sieht sie sich in der Pflicht, Mao all das abzusprechen, was üblicherweise als seine Leistung gilt. So kommt es zu dem irrwitzigen Nebeneinander, dass der "massenmordende" Mao einerseits an allem schuld ist, andererseits aber komplett unfähig. Ob beim "Langen Marsch", beim Krieg gegen die japanischen Besatzer oder im Bürgerkrieg bei keiner dieser Taten hat Mao ehrliche Verdienste erworben. Ein ums andere Mal wird er als grandiosen Versager enttarnt, der Fehler und Feigheit mit besonderer Perfidie und Hinterfotzigkeit kompensiert. Im Grunde hat er sich nur durchs Leben getrickst, Führungsposten und russische Unterstützung erschwindelt und in entscheidenden kritischen Momenten dann einfach Glück gehabt. Ein dummer und gemeiner Mensch hat also, um seiner Dummheit und Gemeinheit zu frönen, einen komplett anderen chinesischen Staat hochgezogen und dafür auch noch Millionen Menschen hinter sich gebracht.
So wird ein in China hochgehaltener und verehrter Führer in Grund und Boden kritisiert. Um eine Kritik des Führerkults handelt es sich hierbei jedoch nicht. Bei den Autoren hat man es vielmehr mit einem Fall von negativem Fantum zu tun. Hier sind Renegaten des Personenkults am Werk, die ihre ehemalige Huldigung Maos auf den Kopf stellen, ohne an ihrem Fehler auch nur irgendetwas zu kritisieren: Dem für sie noch immer allzu positiv besetzten "Mythos Mao" stellen sie schlicht ein Minuszeichen vor. Ein Gott war die Figur, die sie einst selbst anbeteten, offensichtlich nicht also ist Mao für sie der Teufel höchstpersönlich und dessen böses Wirken möglichst drastisch darzustellen ihre wissenschaftliche Drangsal.
Dieses Anliegen mögen ehemalige Mao-Anhänger haben. "Stern" und "Spiegel" ("Frau Chang, hassen Sie Mao Ze-dong? Sind Sie davon besessen, mit ihm abzurechnen?") haben es mit Sicherheit nicht. Trotzdem kommt ihnen diese Abrechnung "einer verzweifelten, zutiefst enttäuschten Liebhaberin" im Prinzip gerade recht, obwohl sie an der wissenschaftlichen Seriosität ein paar Zweifel anmelden. Erstens erfüllt eine solche Story ein sehr verbreitetes Unterhaltungsbedürfnis. Wichtigen Personen der Weltgeschichte unter den Rock gucken, sie in ihrer Größe, ihren "Abgründen", aber auch in all ihrer banalen Menschlichkeit vorführen mit sexuellen Vorlieben und Verdauungsproblemen das interessiert geübte Untertanen in der freien Welt. Zweitens erfreut ein antikommunistischer Totschläger in regelmäßigen Abständen das Gemüt, da kann der Kommunismus noch so tot sein: Seht her, solche Typen waren die kommunistischen Führer, angeblich gute Menschen und sozial gesonnen, in Wahrheit aber die allerschlimmsten Saubeutel. Speziell die Deutschen können sich darüber freuen, dass neben Stalin nun auch noch Mao dem Führer den Rang des größten Menschheitsverbrechers streitig macht. Drittens aber passt es nicht nur der deutschen Öffentlichkeit gerade momentan sehr gut in den Kram, der aufstrebenden Macht China ein bisschen in die Parade zu fahren. Nicht nur, dass sich dieser Staat mitten in der kapitalistischen Konkurrenz erfolgreich hocharbeitet, ohne sich von seiner kommunistischen Vergangenheit überhaupt zu distanzieren. Es sind vor allem die in die Zukunft weisenden Ansprüche dieser Macht, die sie für den westlichen imperialistischen Geschmack so schwer handhabbar, gar unberechenbar machen: Sich westlicher Kontrolle zu unterstellen, verträgt sich keinesfalls mit dem politischen Selbstbewusstsein dieser Großmacht im Aufbruch, und das lässt sie im Verkehr mit dem Westen auch deutlich wissen. Dies begründet bei westlichen Politikern allemal Misstrauen gegenüber der Macht China, auch dann, wenn sie die wirtschaftlich wie politisch für sich gut zu benutzen verstehen und dieses Misstrauen machen sich die Organe der Meinungsbildung dann auf ihre Weise zum Anliegen: Sie finden es prima, wenn mit dem Gründer der Nation einmal so richtig gescheit abgerechnet wird, die einem so suspekt vorkommt, und geben sich gern dafür her, den politischen Vorhalt gegen das China von heute zum Schauermärchen über die Verbrechen seines Führers von gestern zu verselbständigen.
(alle Zitate aus:
Stern 39/2005: Mao Tse-tung. Der große Verführer;
Spiegel 40/2005: Mao. Anatomie eines Massenmörders)