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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 2. Mai 2005


Arbeiter! Heraus zum 1. Mai – Würde zeigen!

Man staunt über die Fähigkeit der staatsfrommen deutschen Gewerkschaften, die Peinlichkeiten ihrer Verlautbarungen immer noch einmal zu steigern. Das Motto für ihre Mai-Kundgebungen in diesem Jahr ist in dieser Hinsicht Spitze.

"Du bist mehr. Mehr als eine Nummer. Mehr als ein Kostenfaktor. Du hast Würde. Zeig sie!"

1.

Die frohe Botschaft, der arbeitende Mensch sei "mehr als ...", anerkennt und billigt, dass er die berühmte kleine Nummer und der fürs Kapital stets zu teure Kostenfaktor wirklich ist. Nummer zu sein, müsste ihn nicht weiter beunruhigen – eine Nummer ist er auch in der Kartei seiner Gewerkschaft -, wenn es nicht auch und vor allem das Personalbüro eines kapitalistischen Unternehmens wäre, wo er als Nummer geführt wird, nämlich mit ihm als Leistungserbringer und Kostenfaktor kalkuliert wird. Im Trost, dass das Dasein als Kostenfaktor nicht alles gewesen sein soll, unterstellen die Moralprediger des Deutschen-Gewerkschafts-Bunds, dass, Kostenfaktor in der Gewinnrechnung anderer zu sein, eine durch und durch beschissene Rolle ist. Das stimmt ja auch: Der Arbeiter ist der Arsch in einer Wirtschaft, die ihren Gewinn aus seiner Leistung schlägt – und ihn dafür möglichst wenig Lohn bezahlt. Sein Lebensunterhalt ist die negative Größe der kapitalistischen Wirtschaft.

2.

Das alles soll halb so schlimm sein und gar nichts ausmachen, denn der Mensch ist, dem DGB zufolge, ja nicht nur Kostenfaktor. Er ist außerdem ein menschliches Wesen mit einer Würde, zu deren Schutz sich unser Staat in seinem Grundgesetz verpflichtet hat; - ein Grundgesetz, das ein paar Paragraphen weiter das Privateigentum schützt, und damit das Recht der Vermögenden, Arbeiter je nach ihrem Profitinteresse anzuwenden oder zu entlassen. Dass der Kostenfaktor eine Würde hat, soll alles ungeschehen machen und heilen, was an Armut, Belastung und Existenzunsicherheit mit der Rolle des Kostenfaktors notwendigerweise einhergeht. Es stimmt ja: Der Staat schützt die Würde – auch des Lohnarbeiters. Auch der ist eine Rechtsperson. Auch mit ihm dürfen die wirtschaftlich Mächtigen nicht alles machen: Sie dürfen ihn nicht umbringen, einsperren, foltern und nicht mehr ausbeuten, als es die liberalen Gesetze dieses Landes vorsehen. Aber was hilft die Vorschrift, dass Unternehmer mit ihren Arbeitskräften nicht alles machen dürfen, gegen alles das, was sie nach Recht und Gesetz mit ihnen machen dürfen?

3.

Dass der Arbeiter sich nicht auf die Rolle reduzieren lassen darf, die Staat und Kapital ihm zuweisen, - diese Überzeugung war in den Ewigkeiten zurückliegenden Gründungsjahren der Gewerkschaften der Antrieb für den Kampf um einen erträglichen Lohn. Deswegen hat man Forderungen an die Fabrikherren gerichtet, mit Drohungen und Streiks durchgekämpft – und nicht mit Verweis auf die Würde, die Arbeiter haben, um Verschonung gebettelt. Im Jahr 2005 sind die DGB-Leute das Fordern leid. Nach ihrem erledigten Hartz IV-Protest und anderen Niederlagen wollen sie nicht weiter ins Abseits dieser Republik geraten, wollen sie dem in harter Konkurrenz stehenden Kapitalstandort und der SPD keinen Ärger mehr machen. Jetzt tragen sie die Überzeugung, dass auch Arbeiter wertvolle Menschen sind, wie eine Monstranz vor sich her - als Ersatz für das Aufstellen und Durchsetzen von Forderungen. Die Arbeitervertretung spendiert der Basis den billigsten vorstellbaren Trost, wie es der Papst nicht schöner könnte: Sie hält deren "Würde" hoch, jene abstrakte Restgröße, die dem Menschen angeblich bleibt – und nach deutschem Recht bleiben muss -, wenn ihm sonst alles weggenommen, wenn sonst alles verloren ist. Nicht zufällig geht es um Würde nur in allerschlimmsten Umständen: In Krieg und Kriegsgefangenschaft, im Gefängnis, im Pflegeheim, bei Obdachlosen und beim Sterben. Diesen jammervollen Fetisch eines unverlierbaren Eigenwerts des Menschen jenseits aller bleibenden Not, Armut, Hilflosigkeit vertritt ein Haufen, der einmal materielle Interessen voranbringen wollte.

4.

Genaugenommen auch das nicht. Denn recht eigentlich spendet der DGB nicht selbst diesen pfäffischen Trost, sondern fordert von seinen Anhängern – nur an die mag er noch Forderungen richten -, sie sollten ihren Glauben an diesen menschlichen Eigenwert öffentlich bekennen: Zeigt, dass ihr euch nicht für die Arschlöcher haltet, als die Staat und Wirtschaft euch behandeln! Ihr selbst, wenn sonst schon niemand, müsst doch daran glauben, dass ihr mehr seid, als die Profitrechnungen, die mit euch angestellt werden. Demonstriert, dass ihr stolz auf euch seid, auch wenn und gerade ihr im Alltag die Deppen der Nation seid.

Lasst euch nicht zu Nummern machen! Kommt massenhaft zu unseren Kundgebungen, damit wir euch zählen und damit politisch Eindruck machen können.


© GegenStandpunkt Verlag 2005