Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 4. April 2005
Es heißt immer, aus der Geschichte müsse man "Lehren" ziehen. Die dafür zuständigen Fachleute sind die Historiker. Die warten immer wieder mit interessanten Botschaften auf, was man früheren Ereignissen für heute entnehmen kann. Dafür muss man sich die damaligen Ereignisse allerdings ein wenig zurechtlegen, damit die Handlungsanweisungen und sittlichen Gebote herauskommen, die man aus ihnen herauslesen will. Ein aktuelles Beispiel ist das Buch des Götz Aly – "Hitlers Volksstaat – Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" –, aus dem erstaunlicherweise herauskommt, dass die Schröder-Regierung mit verhängnisvollen Langzeitfolgen des Faschismus aufräumt.
Aly stellt an den Anfang seiner Überlegungen eine Behauptung, die zwar durch nichts bewiesen ist, die er aber braucht, um sich seine Sichtweise des Faschismus und die daraus zu ziehenden Lehren zurechtlegen zu können:
"Dass das Herrschaftsgebäude Hitlers vom ersten Tag an höchst labil gefügt war, ist bewiesen. Zu fragen ist, wie es stabilisiert wurde." (35)
Der Führer war also vom ersten Tag an damit beschäftigt, seinen Laden zu stabilisieren und sein Volk auf seine Seite zu ziehen, das womöglich gegen ihn hätte renitent werden können. Dafür hat er sich laut Aly eine Methode ausgedacht: Er steckte diesem Volk in großem Umfang und dauerhaft soziale Wohltaten zu. Aly spricht von "Fürsorglichkeit des Regimes" und zählt viele Beispiele für die Annehmlichkeiten des Durchschnittsariers auf – vom Familienausgleich über Kindergeld und Erhöhung des steuerfreien Grundbetrags bis hin zu Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeitszuschlägen und tariflichem Urlaubsgeld. Insbesondere bei der Finanzierung ihres Krieges achteten Hitlers Leute peinlich genau darauf, dass die eh schon knappen Kassen der lohnabhängigen Volksgenossen nicht auch noch mit zusätzlichen Steuern belastet wurden. Aly nennt das "nationalen Sozialismus", den er als einen riesigen Bestechungsversuch auffasst, mit dem sich die Nazis "den öffentlichen Zuspruch oder wenigstens die Gleichgültigkeit jeden Tag neu erkauften" (36).
Eines ist nicht zu bezweifeln: Es gab massenhaft Volksgenossen – und es gibt sie heute noch –, die es sehr anständig und tatsächlich fürsorglich fanden, was ihnen ein Hitler alles zukommen ließ. Bloß: Weil sich die Leute gut behandelt fühlten, waren sie es dann auch? Und: Wenn sie sich so fühlten – soll das soll dann tatsächlich den Grund abgeben haben, warum sie in Hitlers Reich mitmachten und diesem Reich – um in Alys Worten zu sprechen – eine "Stabilisierung" verschafften, die allerhärtesten Anforderungen genügte? – Wenn Millionen in einen Weltkrieg zogen, dann taten sie das, weil sie hinter ihrer Nation standen, dann waren sie bereit, für Deutschlands Größe ihr Leben einzusetzen – sie waren von Hitlers Programm begeistert und freuten sich dann noch über seine Zuwendungen. Die waren wiederum nicht dafür da, ein gleichgültiges oder gar ablehnendes Volk zu bestechen, vielmehr ging es dem ‚Sozialismus’ im Nationalsozialismus darum, einen – in der faschistischen Begrifflichkeit – ‚gesunden Volkskörper’ herzustellen, ein leistungsfähiges Volk, das die ungeheuerlichen Entbehrungen und Opfer eines Krieges physisch und vaterlandsmoralisch durchzustehen imstande war. Das war übrigens auch die Kapitalismuskritik dieses ‚Sozialismus’: Arbeitslosigkeit und Armut hatten – wieder in der faschistischen Begrifflichkeit – die ‚heldenhaften Tugenden’ der ‚deutschen Volksgenossen’ untergraben, sie kriegsuntauglich werden lassen.
Glaubt man hingegen einem Götz Aly, so wurden die Deutschen mit kleinen Geschenken in Krieg und Völkermord gelockt, die Heimatfront bestand aus einer Ansammlung von "Nutznießern und Nutznießerchen" (361), und das menschliche Kanonenfutter war in Wirklichkeit eine Bande "bewaffneter Butterfahrer" (361). Das deutsche Volk, ein Heer von verhätschelten Schnäppchenjägern, das sich bereitwillig für den Endsieg verheizen ließ, solange es ihn nicht auch noch aus der eigenen Tasche bezahlen musste, steuerlich gerecht behandelt wurde und gelegentlich einen französischen Haushalt ausrauben durfte. Für Götz Aly war der Krieg also eine einzige Privilegierung, die Chance für das Volk, die es dann auch weidlich nutzte. Spiegelbildlich dazu war Hitler nichts anderes als ein brauner Populist, der mit seinem "sozialpolitischen Appeasement" (360) nur einen Zweck verfolgte: Den Erhalt der eigenen Macht. Da muss der Historiker warnen, denn Populisten kennt man ja auch heutzutage: Sie schielen nach dem Volk und wollen es ihm bzw. seinem niederen Materialismus recht machen. Aber an Hitler soll man mit Aly sehen, was für verheerende Folgen so etwas hat: Seine angebliche "Gefälligkeitsdiktatur" (36) verschlang massenhaft Geld, also musste er sich anderswo schadlos halten, und inszenierte einen "staatlich organisierten Großraub" – es kam zu einem "immanenten Zwang zu Krieg und Raub". Glaubt man diesem Historiker, so wollte Hitler diesen Krieg also gar nicht, er ist vielmehr wegen seines Populismus’ in ihn hineingeschlittert.
Da setzen die Nazis ihr bis zur letzten Konsequenz ernst gemeintes Rassenprogramm in die Tat um und verwerten die jüdischen Hinterlassenschaften. Da plündern sie im Zuge ihrer kriegerischen Wiederherstellung deutscher Größe die eroberten Volkswirtschaften und lassen auch die Landser bei Gelegenheit privat plündern. All das ergibt einen Beitrag für die Kriegswirtschaft. Aly dreht – wie schon bei den bestochenen deutschen ‚Nutznießern und Nutznießerchen’ – die Sache ganz einfach um und schon kommt für ihn Sinn in den ‚Wahnsinn’: Dieser Krieg, der immerhin die Gewaltverhältnisse in ganz Europa und der ganzen Welt auf den Kopf stellen sollte, war nur auf Beute aus. Alys harter Urteilsspruch: Die Einheit von Volk und Staat bestand in ihrem verbrecherischen Eigennutz – und das führte zum "konsequentesten Massenraubmord der modernen Geschichte" (318).
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Mit dem Ende des Faschismus – und jetzt kommt Aly zu seiner "Lehre für die Gegenwart", die er mit seinem Geschichtsbild vorbereitet hat – ist der Faschismus noch lange nicht zuende. Er lebte nämlich fort in seinen nationalsozialistischen Gesetzen, im bundesrepublikanischen Sozialstaat:
"Vom Kündigungs- über Mieter- bis zum Pfändungsschutz bezweckten Hunderte fein austarierter Gesetze das sozialpolitische Appeasement, Hitler zeichnete damit die politisch-mentalen Konturen des späteren Sozialstaats der Bundesrepublik vor." (Götz Aly in der SZ vom 1.9.04)
"Es waren solche Gesetze, die den nationalen Sozialismus populär machten und in denen auch Konturen der späteren Bundesrepublik Deutschland durchscheinen." (22)
Wenn sich solche "populären" Nazi-Gesetze in den heutigen Sozialstaat hinein fortsetzen, dann steht letzterer im Verdacht des Verbrecherischen. Schlechtes Regieren entlarvt sich heute als solches, wenn eine Regierung an ‚populistischen’ Zuwendungen festhält, statt eben das zu tun, was die Schröder-Regierung so entschlossen angepackt hat: Es gibt für sie nur einen gültigen Sachzwang, und den befolgt sie, nämlich eine kompromisslos klassenbewusste Führung der Regierungsgeschäfte. Eine verantwortungsbewusste nationale Führung versteht sich bei Bedarf auf Blut-und-Tränen-Ansagen ans gemeine Volk und widmet ihre Fürsorge ganz den Geschäftsbedingungen ihrer Unternehmerschaft. Damit auch ganz klar ist, was damit gemeint ist, legt Aly noch mal nach:
"Nationalsozialistische Sozialpolitiker entwickelten die Konturen des seit 1957 in der BRD selbstverständlichen Rentenkonzeptes, in dem alt und arm nicht länger gleichbedeutend sein sollten." (20)
Hitler und der Sozialstaat von 1957 haben sich also des Verbrechens schuldig gemacht, alte Leute nicht gleich in die Armut absinken zu lassen. Diesen Gedanken auf "unser" modernes Gemeinwesen übertragen, das sich mit seiner Agenda 2010 von einer solchen Vergangenheit befreit, müssen "arm" und "alt" also endlich wieder gleichbedeutend sein. Und dieser Lehrsatz gilt nicht nur für die Rentner, sondern ebenso für alle Abteilungen des Sozialstaats: Das moderne Deutschland nach Art der Agenda 2010 verträgt einfach keine Rücksicht auf die Massen. Es gab ja früher einmal den Spruch "Eigentum ist Diebstahl" – nun erfährt man, was es mit dem Eigentum wirklich auf sich hat: Wer dem nur im Geringsten in die Quere kommt, wer aus ihm ein paar Zuwendungen an die abzweigen will, die systematisch unter die Räder kommen, der vergeht sich am Gemeinwesen. Eine anständige patriotische Gesinnung ist nämlich aus sich heraus belastbar genug und bedarf keiner materiellen Zuwendungen durch seine Oberen; ein nur mittels Bestechung bei Laune zu haltendes Volk ist dem gegenüber ein verdorbener Haufen. Das deutsche Volk hat laut Aly nicht wegen eines verführten Patriotismus bei den Nazis ‚mitgemacht’, wie von anderen Historikern oft gemutmaßt wird, sondern weil es viel zu wenig von diesem hohen Wert zeigte. Und das moderne deutsche Volk von heute darf diesen verbrecherischen "Fehler der Vergangenheit" keinesfalls wiederholen. Dem deutschen Volk diese Weisheit einzubläuen, dieser großen Aufgabe hat sich die Sozialdemokratie, assistiert von ihrem grünen Partner, vorbildlich gestellt:
"Die Regierung Schröder/Fischer steht vor der historischen Aufgabe des langen Abschieds von der Volksgemeinschaft." (SZ-Interview)
So holt die historische Ideologie die politischen Vorgaben der Gegenwart ein: Längst hat Schröder den Sozialstaat zum Abschuss freigegeben und Historiker à la Aly betrachten es als ihre wissenschaftliche Aufgabe, die guten Traditionen, die ihm lange Zeit nachgesagt wurden, durch schlechte zu ersetzen: Wurde er bislang mit der glanzvollen Tradition seines Gründervaters Bismarck historisch hochgehalten – und stellte jahrzehntelang einen erstrangigen Beweis für die Güte des nicht manchester-kapitalistischen, sondern sozial-marktwirtschaftlichen Systems dar – so wird er jetzt in die Tradition Hitlers gestellt, damit in einen ursächlichen Zusammenhang mit den deutschen Großverbrechen gebracht und historisch desavouiert. Das hat der geistigen Lage der Nation offenbar noch gefehlt: Sozialabbau im Namen der Vergangenheitsbewältigung.