Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 17. Januar 2005
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 19. Januar 2005
Nicht, dass die Rede von der Katastrophe, die die Menschen klassen- und grenzenüberschreitend in tiefem Entsetzen und Bedauern vereint und zu einer gemeinsamen Anstrengung bewegt, aufgehört hätte, auch nicht die Beschwörung einer Katastrophe, die "uns alle" zu einem "neuen Denken" anregen müsse und auch angeregt habe – lauter Bekenntnisse, die an vorderster Front Staaten von sich geben. Aber eine demokratische Öffentlichkeit überwindet behende den "Schockzustand" und bemüht sich, wie es kritischen Betrachtern so eigen ist, "hinter die Fassade" zu schauen: Wie steht es eigentlich um die allseits vorgegebene "uneigennützige Hilfe"? – Aufgeklärt und abgebrüht, berufsmäßig mit der Aufdeckung politischer Vorteilsrechnungen befasst und skeptisch insbesondere gegenüber auswärtigen Machthabern, kommt sie schnell darauf, dass die beschworene Uneigennützigkeit bloß "Fassade" ist. Mit der größten Selbstverständlichkeit klärt sie darüber auf, dass anlässlich der Katastrophe all diejenigen Absichten und Interessen, die man aus dem gewöhnlichen Staatenleben und dem Verkehr der Staaten untereinander kennt, ungebrochen die Katastrophen-"Hilfe" der Staaten bestimmen. Offen wird darüber berichtet, dass Staaten, sobald sie sich mit ihren Hilfsangeboten über ein solches Unglück hermachen, letztlich doch nur die Frage umtreibt: Wie mischen wir uns ein? – und: Was bietet uns das für Pluspunkte in der Konkurrenz mit anderen Staaten? Bei diesen Gesichtspunkten kommt dann vom innenpolitischen über das innereuropäische Kräfteverhältnis bis zum weltpolitischen Haupt- und Generalkonflikt um die US-amerikanische Neu-Ordnung der Welt alles auf die Tagesordnung, was in der imperialistischen Staatenwelt wirklich zählt. Dafür werden die Flutwelle und ihre Opfer schamlos instrumentalisiert – eine kleine Auswahl:
Eigentlich ein abstoßendes Bild, das die professionellen Politikbeobachter von der modernen Welt und den sie kommandierenden Staaten zeichnen: Da gibt es keine Hilfe ohne politische Berechnungen; das Überleben ist eingeordnet in und bleibt abhängig von Kalkulationen, die zwischen schäbig und zynisch angesiedelt sind; dass Staaten einzig auf ihre Zwecke achten und Menschen dafür weltweit als Mittel vorgesehen sind, zieht sich ehern durch alles durch. Elend ist eine gute Gelegenheit zur Selbstdarstellung der Machthaber; nichts ändert sich an den Zuständen in unserer "globalisierten Welt", in deren Elendsquartieren wöchentlich – ganz ohne Tsunami – Tausende völlig unspektakulär vor die Hunde gehen. Das alles decken die Kommentatoren auf und halten das für völlig in Ordnung, weil unveränderbar: Staaten sind halt so, und ihre Berechnungen sind die maßgeblichen – so wie vor der Katastrophe allein diese Berechnungen zählen, so auch bei der "Bewältigung" der Katastrophe. Dabei haben die politischen Zwecke, die die Führungsmächte des demokratischen Imperialismus verfolgen, wenn sie den betroffenen Staaten "Hilfe" angedeihen lassen, auf jeden Fall eines zur Grundlage: An den politischen und ökonomischen Verhältnissen, die dazu führen, dass aus Naturkatastrophen immer gleiche "humanitäre Katastrophen" werden, soll sich grundsätzlich nichts ändern. Im Gegenteil: gerade sie sollen durch die "Hilfe" möglichst restauriert werden. Die "global players" in den USA, der EU und Japan sind nämlich sturzzufrieden mit Zuständen, dank derer der Reichtum von Ländern wie Thailand und Indonesien hauptsächlich in den Metropolen der sogenannten Ersten Welt akkumuliert und die "Paradiese" in der sogenannten Dritten Welt für den Tourismus hergerichtet werden, für den die Einheimischen als die Diener fungieren. Doch dazu ausführlich in der nächsten Analyse.
Trotz der abgeklärt realistischen Einschätzung in der demokratischen Öffentlichkeit, was mit der "Hilfe" so alles in Sachen Geschäft und Politik bewegt werden soll, trotz des zuvor entworfenen Sittenbildes des Umfeldes, in der diese Hilfe angesiedelt und für das es dienstbar ist – das Ethos selbstloser Hilfe bleibt neben allem "hinter die Fassaden schauen" und Aufdecken in Kraft. Eigentlich sollte man meinen, Hilfe und Berechnung würden einander ausschließen, denn entweder geht es um den eigenen Vorteil oder man sieht zum Zwecke der Abwendung der Not eines anderen davon ab. Das Aufdecken der politischen Interessen hinter der Hilfe von Staaten nimmt diesen Widerspruch durchaus zur Kenntnis. Aber statt einen Schluss darauf zu ziehen, mit was für einer Welt man es zu tun hat, in der auch und gerade bei einer großen Katastrophe Hilfe und Berechnung sich überhaupt nicht ausschließen, soll man sich eine ganz andere, nämlich erbauliche Lektion zu Gemüte führen: Ist es nicht toll, dass trotz all der schnöden Absichten ein solches Maß an Hilfsbereitschaft zustande kommt; wer hätte gedacht, dass in der Staatenwelt und vor allem unter den Menschen so viel Unterstützung für die Opfer vorhanden ist und sich mobilisieren lässt? – Wenn man auf diese Botschaft hinaus will, werfen diese Berechnungen einen schönen moralischen Nutzen ab: Solange nur auf dem abstrakten Gegensatz von Eigennutz und selbstloser Hilfe herumgeritten wird, solange mehr über die diversen Berechnungen nicht gesagt wird, als dass ohne sie Politik und die zwischenstaatliche Konkurrenz halt nicht gehen , solange sind sie nichts anderes als ein moralisches Kontrastprogramm zu der Art Katastrophenhilfe, wie sie nun einmal stattfindet. Der Schluss, dass solche berechnende "Hilfe" für die Massen in den betroffenen Gebieten von zweifelhafter Nützlichkeit ist, kommt da nicht mehr vor.
Eine Fernsehkommentatorin vermeldet ganz frei heraus: "Staaten handeln nie uneigennützig, aber das ist nicht verwerflich." Es ist deswegen nicht verwerflich, sondern sogar gut, weil die Hilfe ja gerade wegen der Berechnungen besonders umfangreich ausfällt. Dass die Hilfe dann wohl etwas anderes bezweckt, als bloß betroffenen Menschen zu helfen, und dass darin dann auch ein Gegensatz zu deren Überlebensbedürfnissen und erst recht zu ihrem Bedürfnis nach einem besseren Leben eingeschlossen ist – das muss man sich wegdenken. "Hauptsache Hilfe!" – dieser Appell erlaubt einerseits eine üble Nachrede gegenüber den politischen Verwaltern und Aufsehern der "humanitären Hilfe", erschlägt aber andererseits alle kritischen Einwände gegen die Zwecke und Wirkungen ihrer katastrophalen Spendabilität: Es ist dann einfach bloß noch gut, dass die mächtigen Staaten des Westens ihre Kalkulationen anstellen, denn – so die Umdrehung – ohne sie gäbe es das ja alles nicht. Hier heiligen offenbar die Mittel den Zweck.
Bei alle dem ist sicherlich unbestreitbar, dass jeder Euro oder Dollar, der einem bedürftigen Singhalesen oder Thailänder zufließt, dort allemal besser untergebracht ist als im Staatshaushalt einer imperialistischen Führungsnation oder auf dem Konto von Michael Schumacher. Unbestreitbar ist aber leider auch, dass kein Dollar oder Euro, der dort ankommt, nicht auf den Vorteil der Nation berechnet ist, aus der er kam.
So wird also in der nächsten Folge zu untersuchen sein, was da mit dem nun einsetzenden "Wiederaufbau" aufgebaut wird und wer daran – politisch wie ökonomisch – verdienen will.
Nach der Katastrophe wird wieder aufgebaut:
Wie die Führungsmächte des demokratischen Imperialismus die für ihre Interessen passenden Zustände wieder herstellen