Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 10. Januar 2005
(Überarbeitete Fassung)
Eine riesige Katastrophe und eine riesige humanitäre Aufwallung. Staatsmänner und -frauen stellen sich mit sehr ernstem Gesicht vor die Mikrofone und sind erschüttert. Dieses "Naturereignis" übersteigt den "menschlichen Erfahrungshorizont", zwingt umgekehrt dazu, gewohnte Verhaltensweisen und Reaktionen grundsätzlich in Frage zu stellen, das von früheren Katastrophen her bekannte reflexartig sich einstellende Entsetzen und Bedauern ist hier überhaupt nicht am Platz, ein ganz "neues Denken" muss her. Wenn die "Jahrhundertkatastrophe" ein Gutes hat, dann das, "uns" auf die "Abstumpfung", so wie "wir uns" an Katastrophen gewöhnt haben, hinzuweisen und aus ihr herauszureißen. Nun ist "die Menschheit" gezwungen, sich als eben solche zu verstehen, rassische oder völkische Unterschiede dürfen nicht gemacht werden, mehr noch: das kleinliche Gegeneinander der Staaten hat sich aufzuhören, nur eine weltumspannende Gemeinschaftsanstrengung kann "den Menschen" helfen der Kanzler in seiner Neujahrsansprache: "Unsere gemeinsame Antwort muss die der einen Welt sein. Politische Lager sind jetzt nicht wichtig, religiöse und ideologische Unterschiede auch nicht. Es geht um Solidarität aus gemeinsamer Verantwortung."
Soll man das wirklich glauben? Dass die großen Sprüche und Aufrufe der Staatsleute am zweiten Weihnachtsfeiertag aufgehört haben, das zu sein, was sie bis zum ersten Weihnachtsfeiertag noch jedes Mal waren: pathetische Einkleidungen ihrer Interessen, die für sie allemal an erster Stelle stehen? Wie sieht es denn aus, das große, solidarische, weltumspannende, "eine Welt"-Gemeinschaftswerk?
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Geld ist erst einmal reichlich da. Japan hat rasch 500 Mio. Dollar zur Hand, Deutschland zieht Krise hin, Eichels Haushaltsnöte her mit 500 Mio. Euro nach, Amerika bessert sein als knauserig bezeichnetes Anfangsgebot schnell auf, überhaupt versprechen alle so genannten "reichen Staaten" immer höhere Summen. Andererseits kalkuliert aber auch jeder Staat mit seinem Geld und kennt eine zusätzliche Quelle, derer er sich bedienen kann: Jeder ruft die "Spendenbereitschaft" seiner Bürger ab und ruft sie zu Höchstleitungen auf: Die Bürger gerade die deutschen lassen sich nicht lange bitten. Es geht ihnen zwar auch nicht gerade gut, aber eines steht doch fest: Den anderen geht es auf jeden Fall schlechter. Viele Meinungsmacher verkünden erfreut, dass damit die jüngste Aufregung um Hartz IV doch wohl auch zurechtgerückt werde: Was von bösen Zungen als Armut bezeichnet wird, ist in Wahrheit doch ein grandioser Lebensstandard wirklich arm ist nur der, der nichts spenden kann, sondern auf Spenden angewiesen ist. Und der Kanzler weist in seiner Neujahrsansprache darauf hin, was wirklich zählt: "Es ist jetzt nicht die Zeit, über die Arbeitsmarktreformen zu sprechen."
Überall wird die "Hilfe" als nationale Anstrengung organisiert, jeder Staat führt vor, was bei ihm alles zustande kommt. Schon das macht klar: Dass das Geld im Sinne des "eine Welt"-Gemeinschaftswerkes in einen Topf zusammengeworfen wird und ohne Hinweis auf den Herkunftsort bei den Opfern ankommt, dass ein Krisenstab, in dem die Nationalität keine Rolle spielt, über diesen Topf ausschließlich nach Maßgabe eines möglichst effizienten Kampfes gegen die Katastrophenfolgen kommandiert das kommt nicht in Frage. Im Gegenteil verweisen die Staaten sehr nachdrücklich darauf, was jeweils sie leisten. Mit dem Geld werden unsere Hilfsorganisationen und unser Militär ausstaffiert und in Bewegung gesetzt, unsere "Hilfe vor Ort" wird ausführlich abgefilmt und gewürdigt, und der Kanzler vergisst nicht zu erwähnen, dass dabei unsere "Spendenbereitschaft" im internationalen Vergleich besonders gut abgeschnitten hat "darauf können wir stolz sein". Der eine oder andere Kommentator stößt sich an dem Auftreten der Staaten und meint, dass es sich "eitel und protzig" ausnehme, statt "leise und selbstlos daherzukommen", und es ist die Rede von einem "Wettbewerb um den Status des besten, großzügigsten, mitfühlendsten Helfers". (SZ, 7.1.) Dieser moralische Vorwurf zeichnet das Bild einer uneigennützigen, demütigen, geradezu christlichen Hilfsbereitschaft, die angesichts der großen Katastrophe doch eigentlich vorherrschen müsste. Damit ist die "Kritik" aber auch schon fertig und die Frage, warum die Staaten diese Herzensgüte nicht aufbringen, sondern "protzig", d.h. unübersehbar vor Ort wahrgenommen werden wollen, keine Befassung wert. Dabei ist offensichtlich, dass sie Eindruck machen wollen. Als erstes soll alle Welt mitkriegen, was für eine machtvolle Nation, die "Hilfe" in diesem Ausmaß überhaupt bloß aufbieten kann, "vor Ort" aufkreuzt, und für diesen Eindruck darf sich auch die von Schröder gelobte "überwältigende Hilfsbereitschaft" der Deutschen mit einem beträchtlichen materiellen Beitrag nützlich machen. Diese so hilfsmäßig auftretende Macht will zweitens Eindruck machen auf die betroffenen Staaten, denen sehr aufdringlich vor Augen geführt wird, dass sie doch wohl zur "Bewältigung der Katastrophe" der auswärtigen "Hilfe" bedürfen, dass die Katastrophe also und das ist für die "Helferstaaten" das Interessante und nicht das "menschliche Leid sie geschwächt hat. In diesem aufdringlichen Angebot steckt ein Anspruch, der sich gegen diese Staaten richtet die Reaktion Indiens, Myanmars, teilweise auch Indonesiens, die die "Hilfe" nicht zulassen wollten bzw. ihr Steine in den Weg legen, ist ein Beleg dafür. Die so genannten "Verweigerer"-Staaten unterscheiden sich zwar in den nationalen Ansprüchen, die sie ihrerseits verfolgen, gemeinsam ist ihnen, dass sie in der "Hilfe" eine zumindest drohende Beschädigung ihrer Ansprüche sehen:
Diese Staaten schlagen die nützliche Seite der "Hilfe" tatsächlich kann mit ihr auch unmittelbare Not behoben werden kann aus bzw. lassen sie nur partiell zu, weil sie davon ausgehen, dass sie damit ein Stück fremden Kommandos ins Land hinein lassen, wozu auch die Ansage der "Helferstaaten" passt, sich mit ihrem Hilfsorganisationen, aber nicht nur mit denen, zum Teil sogar mit Militär, auf längere Zeit dort etablieren zu wollen. Wie das konkret aussieht und welches Ausmaß es annimmt, ist zwar (noch) nicht recht bestimmbar ist, es droht auf jeden Fall aber eine auswärtige Mitbestimmung über den Gebrauch der eigenen Staatsmacht.
Dass es um eine politische Ausbeute der Katastrophe geht, die nicht nur bei den Staaten "vor Ort" eingeholt werden soll, sondern wobei man zugleich sofort auf konkurrierende Ansprüche anderer "Helferstaaten" stößt, ist auch unserer Öffentlichkeit bekannt vorzugsweise natürlich als Fehlverhalten anderer Staaten, die den Hilfegedanken missbrauchen:
"Längst konkurrieren die Spender um den politischen Einfluss, der mit der Verteilung des Geldes einhergeht. Die USA setzten sich zunächst großspurig an die Spitze einer Krisengruppe, ehe Außenminister Colin Powell in einer glücklichen Eingebung die Dienste seines Landes den Vereinten Nationen unterstellte. Er war wenigstens so ehrlich, das Kalkül seiner Regierung offenzulegen: Selbstverständlich betreibt das US-Militär nach dem Irak auch eine Image-Kampagne...". (Ebd.)
Ob sich der Anspruch der "großspurigen" USA sich darin erschöpft, das eigene "Image" aufzupolieren, kann man bezweifeln, und ob sich Amerika tatsächlich unter die UNO gebeugt hat, wird ein andermal zu untersuchen sein. Hier freut sich der Kommentator auf jeden Fall über einen wirklichen oder eingebildeten Dämpfer, den ein Konkurrent hinnehmen musste. Da steht Deutschland doch weit über solchen niederen Konkurrenzgedanken, wie ein Kollege von derselben Zeitung meint:
"Berlin könnte sich weiter verdient machen: International zeichnet sich ein Wettlauf ab, eine unselige Konkurrenz zwischen USA und den UN um die Kompetenz für die Koordinierung der Katastrophenhilfe. Diese Rivalität wird keinem nützen. Darauf müsste die Bundesregierung alle Beteiligten hinweisen." (SZ, 3.1.)
Es sei dahingestellt, ob sich Deutschland und die EU wirklich vom "Streit um das Nothilfe-Kommando" fernhalten. Aufschlussreich ist die Anspruchshaltung, die diesem Kommentar zu entnehmen ist: "Berlin" könne sich "verdient" machen, indem es sich ordnend zur Konkurrenz stellt und die streitenden Parteien zurechtweist. Das ist die Aufforderung an die Regierung, sich in eine Führungsrolle zu versetzen eine Idee, auf die ein national-bewusster Öffentlichkeitsarbeiter nur kommen kann, weil er ein solches Anspruchsdenken und entsprechende Taten von seiner Nation gewohnt ist, sie von ihr dann auch erwartet. Und ganz selbst verständlich geht er davon aus, dass sich solche Taten auch unter dem Titel "Hilfe" und mit dieser "Hilfe" verrichten lassen. Wie er aber solche Taten wahrnimmt und interpretiert, welche kritischen Einwände ihm dazu einfallen daran macht die nächste Analyse weiter.
Fortsetzung folgt:
Ein Tsunami und seine öffentliche Verarbeitung:
Keine Hilfe ohne staatliche Vorteilsrechnungen!