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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 13. Dezember 2004
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 15. Dezember 2004


Bei der Bundeswehr wird gefoltert:
Ist das nun ein Skandal? oder
wird die demokratische Wehrmacht zu einer ganz normalen Armee ausgebildet?

Vielleicht keine Folter, und schon gar nicht an Zivilisten, wie sich das unsere amerikanischen Waffenbrüder vorhalten lassen müssen, aber auf alle Fälle Misshandlungen von Rekruten in der Truppe sorgen für Schlagzeilen in der demokratischen Öffentlichkeit. So nebenbei erfährt man den Zusammenhang: Selbstverständlich muss die Bundeswehr als moderne Armee mit einem Einsatzfeld auf der ganzen Welt mit ihren Azubis zeitgenössische Szenarien einüben. Und dazu gehören unter anderem auch Geiselnahme, drastische Verhöre von Gefangenen und der denkbare Umstand, dass ein "Bürger in Uniform" selbst einmal dem Feind in die Hände fällt.

Nicht der Privatsadismus der ausbildenden Berufsoffiziere und Mannschaften ist also der Ausgangspunkt für Fesseln, Quälen und Stromstöße, sondern ein Manöver: Die Truppe übt Geiselnahme mit allem, was dazu gehört: In Coesfeld (NRW) und, wie man jetzt jeden Tag erfährt, auch anderswo. Die Lust am Malträtieren, die sich dabei offenbar austobte, resultiert also aus der gebotenen militärischen Gelegenheit, nicht umgekehrt.

Das Entsetzen des zuständigen Ministers ist entsprechend verantwortungsbewusst: Keine Sekunde Innehalten und Nachdenken über eine Veranstaltung, bei der die Übergänge von der sachgerechten Ausbildung in der Praxis des Kriegshandwerks zur sadistischen Quälerei offenbar fließend sind, sondern das Aufwerfen der Schuldfrage: Einerseits sollen die Verantwortlichen "schonungslos" ausfindig gemacht und "mit aller Härte" zur Rechenschaft gezogen werden. Andererseits geben sich die für die Truppe Verantwortlichen demonstrativ "entsetzt" auch noch darüber, dass die Opfer so lange geschwiegen haben.

Minister, Wehrbeauftragter und Öffentlichkeit wälzen die Frage: Was ist schief gelaufen? Und vor allem: Wird damit "der gute Ruf der Bundeswehr" in Mitleidenschaft gezogen, womit die Debatte schon beim eigentlichen und hauptsächlichen Leidtragenden der Affäre angelangt ist: die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland und ihre Schlagkraft: militärisch und auch moralisch!

Der "Spiegel" (49/2004) weiß natürlich sofort Bescheid, was da im Argen liegt: "Die Forderung nach einer ‚realitätsnahen Ausbildung‘, die eine Bundeswehr braucht, die Deutschland auch am Hindukusch verteidigt, ist mancherorts als Freibrief verstanden worden. Die Ausbilder machten sich daran, die politisch gewollte ‚Reform der Grundausbildung‘ im vorauseilenden Gehorsam auf eigene Faust durchzuziehen."

Eine möglichst realitätsnahe Ausbildung der Rekruten ist nun aber keine Neuerung, die den Ausbildern erst 2004 eingefallen ist. Und Übergriffe und Exzesse bei diesem Geschäft kommen nicht erst seit gestern vor. Das Handwerk, das da gelernt wird, hat nun mal Töten und Sterben auf Befehl zum Inhalt. Ein 25-km-Nachtmarsch – auch ohne Geiselnahme –, hat eben nicht bloß die körperliche Fitness der Rekruten zum Ziel, sondern schwerpunktmäßig die Einübung des bedingungslosen Gehorsams, das fraglose Befolgen von Befehlen und Anordnungen der Vorgesetzten. Damit diese und andere Zumutungen an die Person des Rekruten reibungslos funktioniert, bedarf es einer verschärften Zurichtung des Willens beim Soldaten, namentlich beim Wehrpflichtigen, der ja nicht freiwillig dient, sondern weil er muss. Sprich: Sein Wille muss gebrochen werden, damit er nicht zum Hindernis wird für das eherne Prinzip des Militärs: Jeder Befehl verlangt erst einmal blinden Gehorsam! In der demokratischen Bundeswehrmacht mit ihrer Gründungsideologie von der "Inneren Führung" samt Wehrbeauftragtem des Bundestags kann der Soldat sich ja dann hinterher beschweren.

Deshalb sind dann eben ein paar Liegestütze extra nicht die bloße Schikane, sondern haben durchaus den Übungszweck, dass der Auszubildende im immer wieder beschworenen Ernstfall so spurt, wie es von ihm erwartet wird. Die im Ernstfall vom Soldaten befehlsgemäß eingeforderte Rücksichtslosigkeit gegen Leib und Leben des Feindes schließt nämlich die ebenso rücksichtlose Härte gegenüber der eigenen Physis ein: Der Soldat muss zum Sterben bereit sein, wenn es ihm befohlen wird. Dazu muss er sich eine Gemütsverfassung zugelegt haben, die ernsthaft daran glaubt, dass es sich irgendwie und irgendwo lohnt, fürs Vaterland zu verrecken. Wer so weit ist, kennt dann natürlich erst recht weder Rück- noch Nachsicht dem Feind gegenüber.

In Übungen und Manövern wird eben der Ernstfall simuliert, und um den Ernst der Lage täuschend echt darzustellen, sind die Ausbilder schon immer darauf bedacht, Zwangssituationen herzustellen, die an die "Grenzen" gehen. Das ist so vorgesehen und in Dienstanweisungen und Handbüchern aufgeschrieben. Dabei wird mit "Überschreitungen" durchaus immer gerechnet. Codewörter und gelbe Karten, die einer, der die Schinderei nicht aushält, zur Anwendung bringen darf, sind ja deswegen erfunden worden.

Die Ausgestaltung der Realitätsnähe hat noch einen weiteren Nutzen. Wenn den Rekruten in inszenierten Gefangennahmen vorgeführt wird, was sie von Kosovaren oder Taliban zu erwarten haben, dann bekommen sie auch gleich noch das passende Feindbild beigebracht. So gewappnet, patrouillieren die entsprechend hartgesottenen Burschen durch Priština und Kabul.

Der Tatbestand, dass in der Rekrutenausbildung "Extremsituationen" durchexerziert werden, ist nicht der Skandal. Der wird vielmehr daran aufgemacht, dass die entsprechenden Dienstanweisungen überschritten wurden. Die Unteroffiziere haben nicht abgewartet, bis der neue Ausbildungsplan vorlag; leider wurde der falsche Ort gewählt und das nötige Begleitpersonal nicht mitgenommen:

"So wurde im Frühjahr in Ahlen [NRW] für potentielle Kfor-Soldaten eine ‚Geiselnahme durch albanische Freischärler‘ simuliert – obwohl das nur in speziellen Ausbildungszentren in Anwesenheit eines Psychologen und eines Arztes trainiert werden darf."

Ein paar Schleifer sollen die Schinderei mal wieder zu ihrem Privatvergnügen übertrieben haben. Mit dieser Schuldzuweisung an ein paar "Übereifrige" lässt sich der Skandal gut bewältigen.

Auch die Wehrdienstleistenden bekommen ihr Fett weg, weil sie sich verhalten haben, wie es sich für gute Soldaten gehört: Im Stillhalten der Rekruten entdeckt Verteidigungsminister Struck "eine Mischung aus falsch verstandener Solidarität und Abenteurertum, dass man glaubt, man könne auch solche Belastungen ertragen". Der CSU-Wehrexperte Christian Schmidt wähnt hinter dem "Kartell des Schweigens" einen falschen "Korpsgeist".

Brutalitäten austeilen und einstecken können, zusammenhalten und den Kameraden nicht im Stich lassen, alles, worauf es bei diesem Beruf ankommt, ist bei ihnen angekommen und nicht nur das. Die Ausbildung zum Kanonenfutter haben sie auch noch als Angebot an ihr Bedürfnis nach Freiheit und Abenteuer gewürdigt.

Die öffentliche Debatte des Misshandlungsskandals landet deshalb auch zielgerichtet bei der Sorge um den guten Ruf der Truppe. Das Bild der friedlichen, sauberen und gleichzeitig furchtbar effizienten Truppe wird beschworen, das durch einzelne "Schleifer" in Misskredit gebracht wird.

Aber noch in einer weiteren Hinsicht wird der Skandal fruchtbar gemacht: Die Lebenslüge der Bundeswehr als ein Haufen von "Bürgern in Uniform" hat ausgedient. In eine Uniform gehören Soldaten. Dass der Kampfauftrag der Truppe darin bestehe, möglichst nicht kämpfen zu müssen, und dass Soldaten ganz normale "Bürger in Uniform" seien, dieses Selbstbild einer Truppe, die sich der Kriegsverlierer Deutschland aufbaute und deren internationaler Aktionsradius durch ein atomares Patt beschränkt war, widerspricht dem neuen Auftrag der Bundeswehr. Töten und getötet werden ja zunehmend Alltag einer Truppe, deren Auslandseinsätze letzte Woche vom Parlament nahezu einstimmig generell legitimiert wurden, und die die geeigneten Kampfmaschinen schon längst ausbildet. Gerade dadurch, dass in der öffentlichen Debatte die alten Maßstäbe für die Beurteilung der inkriminierten Vorkommnisse bei deren Ausbildung hergenommen werden, arbeitet sich die Öffentlichkeit zur "Einsicht" hin, dass sie nicht mehr dazu passen, dass deutsche Soldaten auf dem ganzen Globus (mit)schießen. Schließlich wird die Bundeswehr für eine neue Auftragslage umgebaut. Sie bereitet sich auf weltweite Friedensmissionen vor, baut sich zu einer Krisenreaktions- und Eingreiftruppe um und führt einen Anti-Terrorkrieg.

Ohne ein "Ethos des Kriegers", ohne Heldenverehrung und Pflege deutscher "militärischer Traditionen" klappt’s nicht mit dem Töten und Sterben. Andernfalls verkommt der Krieg: "Jeder Krieg ist schmutzig, das stimmt. Aber sollte man ihn deshalb den schmutzigsten Kerlen überlassen?" leitartikelt die SZ vom 3.12. Nein! Die Drecksarbeit macht den demokratischen Soldaten nicht schmutzig, wenn bei der Erfüllung des Kampfauftrags die Dienstvorschriften eingehalten werden. Das gilt auf jeden Fall bei der Ausbildung und im Manöver. Ganz nebenbei adelt die Debatte das neue große Deutschland, das nicht einmal Trockenübungen in Sachen Folter durchgehen lässt, ohne das unter vielen Skrupeln moralisch zu problematisieren, während der große Bruder Feinde, die ihm in die Hände gefallen sind, in Guantánamo mit dem besten Gewissen systematisch foltern lässt.


© GegenStandpunkt Verlag 2004