Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 6. Dezember 2004
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 8. Dezember 2004
Teil 1:
Die Sanierungsfälle Opel, VW, Karstadt:
Missmanagement – und wie es korrigiert wird!
Lohnkürzungen, Arbeitszeitverlängerung, Entlassungen – kaum ein deutsches Unternehmen, das nicht daran arbeitet. Erfolgreiche Firmen wollen so ihren Erfolg sichern und vergrößern, weniger erfolgreiche wollen so wieder erfolgreich werden. Für alle besteht der Weg zum Erfolg darin, Kosten zu senken, um ihre Konkurrenten auf dem Markt preislich unterbieten zu können. Für die Lohnkosten heißt das: aus weniger Arbeitern zu geringerem Lohn mehr Leistung herausholen. Mehr unbezahlte Arbeit steigert den Gewinn der Unternehmen und beschränkt in gleichem Maße den Lebensunterhalt der Arbeiter. Je weniger die Arbeiter bekommen, je mehr sie dafür arbeiten, desto besser für das Unternehmen.
Auf diesem grundsätzlichen Gegensatz beruht die Marktwirtschaft und dazu bekennen sich ihre Vertreter, wenn sie das "Soziale", das ihr früher zugeschrieben wurde, als historische Verirrung brandmarken. Die letzten und die einzigen, die von diesem Gegensatz nichts wissen wollen, die ihn im Gegenteil nach besten Kräften dementieren, sind die professionellen Vertreter und Sprecher derer, die darunter zu leiden haben: Gewerkschafter, die hartnäckig auf der netten Vorstellung bestehen, bis neulich noch hätten Kapitalinteresse und Arbeitnehmerbedürfnisse bestens harmoniert. Dabei könnte es auch bleiben, würden in die "Unternehmensstrategie" nur schlauere "Weichenstellungen" eingebaut. Ganz realistisch gehen auch die gewerkschaftlichen Unternehmensberater davon aus, dass die Lohnkosten eine Beschränkung des angestrebten Unternehmenserfolgs darstellen, und sie akzeptieren damit das Prinzip kapitalistischer Ausbeutung. Sie verweisen aber darauf, dass der größere Teil des Problems den Fixkosten – also den Kosten für Material und Maschinerie, für Vorprodukte und Buchhaltung – anzulasten sei, mit deren Höhe die Belegschaft doch gar nichts zu tun habe, für deren Senkung sie also auch nicht haftbar gemacht werden könne.
In der aufgeklärten Öffentlichkeit der Republik fangen sie sich damit die offensive Gegendarstellung ein, dass auch in diesen betrieblichen Fixkosten letztlich zu hohe Lohnkosten für zu viele Leute, die zu wenig arbeiten, drinstecken. Für die Nation insgesamt soll gelten: Der ganze Standort leidet vor allem darunter, dass die Leute insgesamt und überhaupt zu teuer sind und zu wenig schaffen. Nicht nur der Konkurrenzerfolg einzelner Firmen hängt davon ab, dass weniger Leute für mehr Arbeit schlechter bezahlt werden, die Logik des Kapitalwachstums gebietet das. Sie lässt nicht zu, dass alles so "bequem" weitergeht wie bisher. Ziemlich unverblümt wird das ganze prächtige marktwirtschaftliche System als grundsätzlich arbeitnehmerfeindlich charakterisiert – und das sei richtig so und es gibt nichts daran zu verbessern.
Diese offensive Frechheit im Bekenntnis zur Gemeinheit ihres marktwirtschaftlichen Systems können sich Politiker, Wirtschaftsbosse und Expertenrunden leisten, weil die praktische Durchsetzung dieser Gemeinheit auf keine wirksame Gegenwehr, im Gegenteil auf ganz viel Verständnis trifft: So setzt das Kapital sein Interesse in den Betrieben auf ganzer Linie durch. Belegschaftsvertreter schimpfen zwar gern lauthals über "unternehmerische Fehlentscheidungen" und halten so den Aberglauben an die prinzipielle Arbeiterfreundlichkeit eines richtig, nämlich erfolgreich gemanagten Kapitalismus hoch. Sie machen dann aber jeden Schritt mit zur einzig systemkonformen Unternehmensstrategie, weniger Leute für weniger Lohn länger und effektiver arbeiten zu lassen, und schreiben das vertraglich fest. Kein Lohnbestandteil, der nicht zur Disposition stünde, und kein Stück Freizeit, das man nicht hergeben könnte: Die Unternehmensleitung diktiert die Ausbeutungsbedingungen, die sie für nötig hält, um ihre nächsten Konkurrenzkämpfe zu gewinnen – die Belegschaften in Gestalt ihrer berufenen Vertreter schlagen ein.
Aber natürlich nicht einfach so. Die ganze Könnerschaft einer gewerkschaftlichen Belegschaftsvertretung beweist sich darin, dass sie es fertig bringt, ihre Zustimmung zu den Ansprüchen des Managements in Form eines Tauschgeschäfts abzuliefern. Das geht sehr einfach: Sie stimmt allem zu; aber bei jedem einzelnen Punkt fällt ihr etwas ein, warum durch Zustimmung an diesem Punkt der Preis der hinzunehmenden Zumutung an anderer Stelle nicht ganz so hoch ausfallen würde wie ursprünglich angedroht. Lohnverzicht erspart den völligen Wegfall von Pausen; Mehrarbeit ohne Lohnausgleich mindert die Streichung von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld; vor allem aber senkt Verzicht bei Lohn und Freizeit die Zahl derjenigen, denen per Entlassung ihre "bürgerliche" Existenz insgesamt zerstört, zumindest in Frage gestellt wird.
"Unsere Leute zahlen einen Preis für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze", lobt IG Metall-Vize Huber. Als Tauschgeschäft ist das ein schlechter Witz: Der "Preis" muss nämlich nicht einmalig auf den Tisch gelegt, sondern dauerhaft gezahlt werden. Niedrigerer Lohn und längere Arbeitszeit sind für die Zukunft als Beschäftigungsbedingungen festgeschrieben. Und als Gegenleistung handelt sich die Belegschaft damit noch nicht einmal das kleine Moment von Sicherheit ein, dass wenigstens alle, die davon abhängen, auch weiterhin im Betrieb ihren Lohn verdienen können. Sachkundige Betriebsräte verlangen da erst gar nichts "Unmögliches", weil sie die Geschäftslage selbst so ähnlich einschätzen wie die Kapitalseite. Wenn sie meinen, die Geschäftsleitung würde mit Massenentlassungen und Betriebsverlagerung drohen, in Wirklichkeit ginge es ihr aber "bloß" um eine Verbesserung der Ausbeutungsbedingungen, dann fordern diese Belegschaftsvertreter mutig: "Keine Entlassungen!" Anschließend sind sie zu jeder Konzession bei Lohn und Leistung bereit. Wird ihnen von der Geschäftsleitung mitgeteilt, dass das natürlich gut und richtig sei, Überkapazitäten aber dennoch abgebaut werden müssten, dann fordern sie: "Keine b e t r i e b s b e d i n g t e n Kündigungen!" Damit akzeptieren sie Kündigungen unter allen anderen Titeln: Herausmobben, Frühverrentung, das Nichtersetzen der sogenannten "natürlichen Fluktuation" usw., weil sie die Sache genauso sehen wie die Geschäftsleitung: Der Betrieb muss schrumpfen, um wieder profitabel zu werden. Steht es um die Position des Betriebs in der Konkurrenz noch schlimmer, heißt die Forderung: "Keine Standortschließung!" Das ist dann schon so gut wie die Unterschrift unter alle Entlassungspläne des Unternehmens. Darüber hinaus gelten alle Zugeständnisse, die der Firma abgerungen werden, nur zeitlich befristet, während die Konzessionen von Seiten des Betriebsrats dauerhaft angelegt sind. Und sie stehen unter dem Vorbehalt, dass die prognostizierten Marktbedingungen auch tatsächlich so eintreten, wie in der Abmachung unterstellt. Andernfalls wird "neu verhandelt", über weitere Lohnsenkungen, weitere Arbeitszeitverlängerungen, weitere Entlassungen natürlich, und nicht über deren Zurücknahme. Ein verrückter Deal in jedem Fall: Die Belegschaft lässt sich besser ausbeuten – und bittet durch ihre eigene Interessenvertretung darum, dass das auch passieren möge.
Dass Arbeitnehmer bereit sind, ihre Unterwerfung auf der ganzen Linie als eine Art Tauschgeschäft aufzufassen, sich also mit ihrer zunehmend verschlechterten Lebenslage auch noch einverstanden zu erklären, liegt daran, dass ihre gesamte Existenz vom Bedarf eines Unternehmens an Arbeitskraft abhängt. Das macht sie erpressbar! Die völlige Verelendung, die mit "Hartz IV" drastisch ausgestaltet und jedermann vor Augen gestellt wird, ist die drohende Alternative zu jeder Arbeitnehmerexistenz. Vernünftig betrachtet ist das ein unwiderlegliches Argument für die Abschaffung dieser Art von Existenz. Die Betroffenen leisten sich allerdings den Fehler, in dieser eindeutigen Lage ihre private Schadensvergleichsrechnung aufzumachen – so machen sie nach der "Logik" des kleineren Übels die zynische Rechnung mit, die mit ihnen angestellt wird. Ihre Abhängigkeit von jeder noch so brutalen Vorteilsrechnung ihrer Arbeitgeber legen sie sich zum guten Grund dafür zurecht, sich denen als ganz besonderes Schnäppchen in Sachen Lohn und Leistung anzubieten. Ausschließlich in diesem Unterwerfungsmanöver, das voll auf ihre eigenen Kosten geht, suchen sie ihr Heil. Die Konkurrenz um den Status des allernützlichsten Idioten ist eröffnet.
Diese Konkurrenz findet innerhalb der Betriebe und erst recht zwischen den Belegschaften verschiedener Betriebe statt. Beim Wettbewerb zwischen den einzelnen Werksmannschaften präsentiert sich jede dem Management als die leistungsfähigste Profiterzeugungsmaschine, die die Welt je gesehen hat. Belegschaftseigene, meist gewerkschaftliche Co-Manager betören die Unternehmensleitung mit Sonderkonditionen, was aus ihrem Werk mit "abgespeckter" Belegschaft an lohnender Leistung herauszuholen wäre – im Unterschied zu den lieben Kollegen anderswo. Alle mühen sich ab, um ihrem Unternehmen wieder zum Konkurrenzerfolg zu verhelfen. Der verschafft dem Unternehmen die Mittel für die nächste Rationalisierung, die Arbeiter überflüssig macht, und sorgt für neue Schieflagen bei den Konkurrenten, die sich genauso, nämlich mit Lohnsenkungen, Mehrarbeit und Entlassungen sanieren. So steigern sich die Betroffenen aktiv in die Schädigung hinein, die das Kapital ihnen antut.
Das wird allenthalben als erstes Anzeichen von "wirtschaftlicher Vernunft" bei den Gewerkschaften begrüßt. Die wirtschaftliche Vernunft in diesem besten aller Wirtschaftssysteme gebietet es nämlich, dass es Deutschlands Arbeitnehmern erst noch viel, viel schlechter gehen muss, bevor es mit Deutschlands Wirtschaft wieder aufwärts gehen kann.
Teil 1:
Die Sanierungsfälle Opel, VW, Karstadt:
Missmanagement – und wie es korrigiert wird!