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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 1. November 2004


Hurrikan statt Sozialismus

Der "Spiegel" berichtet:

"Die Flutkatastrophe auf Haiti, bei der bis Ende der Woche mindestens 1100 Menschen ums Leben kamen, hätte womöglich vermieden werden können, wenn die dort stationierten UNO-Friedenstruppen und die einheimischen Behörden ein Minimum an Katastrophenschutz betrieben hätten. Obwohl der Verlauf der Hurrikans überwacht wird und relativ genau vorausberechnet werden kann, sind die meisten Karibikstaaten nur unzureichend auf die Killerstürme vorbereitet: Gefährdete Zonen werden nicht rechtzeitig evakuiert, die Behörden überlassen die Bevölkerung zumeist ihrem Schicksal." (Spiegel, 40/04 )

Da war doch erst kürzlich was, in diesem Haiti – genau, ein Aufstand, wobei man gar nicht so recht wusste, wer gegen wen stand und um was es ging. Auf jeden Fall sah sich die "internationale Staatengemeinschaft" herausgefordert, ein paar Ordnungstruppen dorthin zu schicken. Dadurch hat sich an Haiti selbst rein gar nichts geändert: Seine unabänderliche Bestimmung ist und bleibt es offenbar, der größte und elendeste der zahlreichen staatlichen Slums der Karibik zu sein. Der interessiert die Regierungen aus den besseren Vierteln der "internationalen Gemeinschaft" überhaupt nur wegen seines ausgesprochen mangelhaften Herrschaftsapparats. Dieser brachte es nämlich kaum mehr zu einer verlässlichen Postanschrift für die diplomatischen Beschwerden der imperialistischen Aufsichtmächte, die sich von Armutsflüchtlingen, Drogenhandel und "politischer Instabilität" belästigt sehen. Jeder weiß, dass die paar UN-Truppen daran nichts ändern. Sie sind ausschließlich dafür da, zwischen die weiterhin verfeindeten und gewaltbereiten Parteien Haitis zu treten und sie mit der Androhung ihrer Gewalt zu einem Frieden zu zwingen, bei dem die gewalttätigen Auseinandersetzungen wieder auf haitianisches Normalmaß zurückgeschraubt sind. Deswegen ist es eine absurde Vorstellung, man hätte die UNO-Truppen doch auch für Katastrophenvorsorge und -schutz einsetzen können, so als ob mit diesen Truppen plötzlich ein Standpunkt des Sich-Kümmerns um die verelendete Bevölkerung dort eingeführt worden wäre. Deswegen ist es auch klar, dass der landesübliche Tropensturm seine üblichen Verheerungen anrichtet, und wenn es dieses Jahr noch ein wenig schlimmer ist als sonst, wird der Bericht in der Tagesschau 25 Sekunden länger. Es gehört eben zur Normalität in der freien Welt, dass alljährlich in ihrer karibischen Unterabteilung durch Wirbelstürme immer mehr Leute dran glauben müssen –fachkundig beobachtet von Hightech-Meteorologen wie unserem Kachelmann.

Das ist allerdings nur fast in der ganzen karibischen Inselwelt so und das fällt sogar den Herren von der freien Presse auf: "Eine rühmliche Ausnahme ist Kuba." (Spiegel, ebd. ):

"Die Vereinten Nationen preisen die Hurrikan-Vorsorge auf der Insel als vorbildlich. Rechtzeitig hatten die kubanischen Behörden Hurrikan-Alarm ausgelöst...von 11 Millionen Bewohnern der größten der Antilleninseln waren zeitweise knapp 2 Millionen evakuiert. In der durchorganisierten und von den Comités de Defensa de la Revolución, den Nachbarschaftskomitees, kontrollierten Gesellschaft wusste jeder, was er im Notfall zu tun hatte. 3 Tage vor Eintreffen "Ivans" wurden von besonders exponierten Küstenstreifen ganze Dorfschaften samt Kleintieren und Hausrat an sichere Orte gebracht. In aller Eile brachten Erntetrupps halbreife Bananen und Zitrusfrüchte ein, um möglichen Produktionsschäden vorzubeugen. Vorsorglich wurde die Stromversorgung in den gefährdeten Gebieten eingestellt... Touristen wurden in sichere Hotels verlegt…".(NZZ, 1.10.04)

Es gibt also im karibischen "Armenhaus" tatsächlich noch ein Land, dessen Regierung die notwendigen Vorsorgemaßnahmen ergreift, um den Schaden der Leute als Folge von Wetterkatastrophen zu minimieren. Und das klappt dann auch noch, weil alle zusammenhelfen und der Umgang mit dem Notfall von den zuständigen Behörden offenbar sorgfältig und vorausschauend organisiert wird. Das Resultat ist, dass zwei Hurrikans sich über Kuba austoben können, ohne dass es einen Toten zu beklagen gibt.

Aber die Öffentlichkeitsarbeiter der freien Welt lassen sich auch durch menschenfreundliche Taten nicht täuschen; sie erkennen zielstrebig hinter solchen Erfolgen bei der Bewältigung von Naturkatastrophen die Fratze der Diktatur:

"Die straffe staatliche Organisation der sozialistischen Inselrepublik erleichtert eine Hurrikan-Vorsorge: Nachbarschaftskomitees, die von der allmächtigen Kommunistischen Partei kontrolliert werden, können rasch überprüfen, ob alle Bewohner ihre Häuser verlassen haben; kaum jemand traute sich gegen die Evakuierung Widerstand zu leisten". ( Spiegel 40/2004, S.112 )

Eine Partei, die "allmächtig" und "straff organisiert" ist, das ist doch vor allem ein Zeichen beklagenswerter kubanischer Unfreiheit. Auf dieser Grundlage ist Hurrikan-Vorsorge natürlich kein Kunststück! Wenn man dann noch bedenkt, dass die Leute durch Spitzel-Komitees aus den Häusern getrieben wurden, in denen sie nach Kenntnis des Spiegel-Reporters offenbar zum Sterben gerne geblieben wären, wenn sie nicht zu viel Angst gehabt hätten – vor der Partei, nicht vor dem Sturm, versteht sich! Ja, unter solchen Umständen tut man sich mit dem Retten leicht!

Was zeigt uns also diese Sicht der geglückten kubanischen Rettungsaktion? Soll man die davon gekommenen, aber geknechteten Kubaner bedauern, weil sie sogar beim Gerettet-Werden unterdrückt werden? Und die freien Haitianer soll man beglückwünschen, auch wenn sie, von ihren Häusern erschlagen, gar nichts mehr von ihrer Freiheit haben? Oder die Überlebenden dafür, dass sie von ihrem Überleben in Freiheit nicht viel mehr haben als weiteres Elend? – So ähnlich wird es schon gemeint sein, wenn sachdienliche Hinweise und organisatorische Maßnahmen zur Rettung von Tausenden als ein Akt der Freiheitsberaubung und als eine berechnende Tour ihres Staatschefs denunziert werden:

"Für Castro waren die beiden im Großen und Ganzen glimpflich und ohne Todesopfer verlaufenen Naturkatastrophen eine Gelegenheit, sein Image als fürsorgender Landesvater aufzupolieren, für die Parteihierarchie, die Existenzberechtigung der lendenlahmen Revolution unter Beweis zu stellen… den Kubanern galt es zu zeigen, wie wichtig gerade in Notzeiten ein fürsorgliches Kollektiv... und blinder Parteigehorsam sind." (NZZ, ebd.)

Da kennen sich die professionellen Begutachter in den Vaterländern des demokratischen Personenkults einfach bestens aus. Dort sind solche Taten nämlich stets ein Anlass, einem damit befassten Parteimann ein lebenslang haltbares Image als "führungsstarker Macher" und "tatkräftige Politikerpersönlichkeit" zu sichern. So etwas qualifiziert einen demokratischen Politiker für höchste Führungsämter – dazu muss er nur, wie weiland Helmut Schmidt in Hamburg oder jüngst der brandenburgische Platzek, bei irgendeiner Flutkatastrophe lange genug in Gummistiefeln vor Fernsehkameras auf und ab gelaufen sein. So beweisen Politiker hierzulande vor einer begeisterten Öffentlichkeit ihre zupackende Art, mit der sie persönlich für die Stärke des Gemeinwesens stehen – und das soll stets auch gleich der beste Grund dafür sein, dass man sie gefälligst wieder wählt.

Wenn sich aber ein kommunistischer Parteichef um derlei Angelegenheiten kümmert – und das auch noch erfolgreich –, dann lässt man sich hierzulande noch lange nichts vormachen: Castros persönlicher Einsatz ist für die NZZ 1. ein klares Zeichen seiner politischen Schwäche und 2. ein gemeiner Trick, mit dem er und seine Partei wieder einmal vortäuschen wollen, an der Wohlfahrt der Kubaner interessiert zu sein. So viele Kubaner können Castro und seine Mannschaft gar nicht vor Hunger, Elend und Hurrikans, als dass der kubanischen Revolution dafür von der NZZ "die Existenzberechtigung" zugestanden würde.

Da trifft es sich doch gut, wenn Fidel dann öffentlich stolpert, hinfällt, sich dabei den Arm und die Kniescheibe bricht und damit zeigt, dass er mindestens so gebrechlich ist wie seine Revolution "lendenlahm". Dann ist endlich mal eine Gelegenheit für eine ehrliche humanitäre Botschaft ans Krankenbett aus den Führungskreisen des christlichen Abendlandes. Die Vize-Präsidentin der EU-Kommission de Palacio:

"Wir alle hoffen, dass er so schnell wie möglich stirbt" und nicht länger "Pluralismus sowie Marktwirtschaft unterdrückt". (SZ, 23./24.10.04)

Dann nämlich könnten die Kubaner endlich in den Genuss unserer Marktwirtschaft kommen, mit dem für diese Weltgegend angemessenen Elend und der einzig angemessenen Katastrophenbewältigung – à l’haïtienne.


© GegenStandpunkt Verlag 2004