Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 5. Juli 2004
Siemens erpresst 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich
Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich - Rückkehr zur 40-Stunden-Woche - das ist schon lange üblich in deutschen Unternehmen, meistens im Osten, immer öfter aber auch im Westen. Vielerorts wird es mehr oder minder informell - an allen Tarifverträgen und Regeln der innerbetrieblichen Mit-bestimmung vorbei - angeordnet, leider von vielen Belegschaften widerstandslos hingenommen, weil ihnen die Begründung der Unternehmensleitung einleuchtet, nur so sei eine außerordentliche Notlage des Unternehmens zu bekämpfen. Erhalt des Arbeitsplatzes - bei Millionen Arbeitslosen ausgerechnet durch kostenlose Mehrarbeit - lautet die erpresserische Forderung der Unternehmer, die ihren Not-stand erklären. Und die Erpressung zur Überbeschäftigung wirkt, eben weil die vielen Millionen Unbeschäftigten vor den Toren für jede Arbeit zu jedem Lohn bereit stehen. Die Gewerkschaften haben den Unternehmen längst Klauseln zugestanden, Tarifverträge nach unten zu öffnen, um Notlagen der Eigentümer mittels Vergrößerung der Not ihrer Mitglieder zu bekämpfen. Einst gegründet als Koalition zur Aufhebung der Konkurrenz der Lohnarbeiter sagen Gewerkschaften so ja zu der wechselseitigen Konkurrenz der Beschäftigten gegen die Unbeschäftigen, die die Unternehmer veranstalten, um mit der Drohung der "Personalanpassung" aus gleichbleibenden Personalkosten immer längere Arbeitszeiten herauszuquetschen, immer mit der Begründung, nur so seien "Engpässe" aller Art ohne Arbeitsplatzverlust zu meistern.
Der Fall Siemens-Bocholt unterscheidet sich von diesen längst zum Alltag gewordenen Fällen grundlegend. Nicht aus einer "Notlage" sollten die Zweitausend in Bocholt dem Weltkonzern mit einer nach Hunderttausenden zählenden Belegschaft heraushelfen. Siemens bekannte sich dazu, dass ihm die Stundenlöhne in Bocholt schon allein deshalb zu hoch sind, weil es in seinen Werken in den Beitritts-ländern in Europas Osten für dieselben Arbeitsstunden nur einen Bruchteil zu bezahlen hat. Der Konzern gab sich konstruktiv: Die Bocholter Noch-Siemensianer hätten es in ihrer Hand, die "Übereignung" ihrer Arbeitsplätze an ungarische Möchtegern-Siemensianer zu verhindern, wenn sie durch die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche dem Weltkonzern mit dem 12stelligen Milliarden-Umsatz 3 bis 5 Stunden pro Woche schenken würden. Mit diesem von der IG Metall akzeptierten Ansinnen befreite Siemens die längst geübte Praxis der kostenlosen Arbeitszeitverlängerung von der heuchlerischen Umständlichkeit, dies immer mit einer Notlage des Unternehmens begründen zu müssen. So machte Siemens den Vorreiter, die deutschen Unternehmen von den formalen Schranken tarifvertraglich vereinbarter Arbeitszeitregelungen zu befreien, die sie in der Praxis längst unterlaufen haben. Ganz nebenbei offenbarte die Weltfirma: Wenn kostenlose Verlängerung der Arbeitszeit den Gewinn steigert, woraus stammt dann der Gewinn? Ein gewisser Karl Marx sagte dazu vor 150 Jahren: aus unbezahlter (Mehr-)Arbeit.
Das Vorgehen des deutschen Multis ist in der deutschen Öffentlichkeit als längst fälliger Befreiungsschlag aufgenommen worden: Die Krise des deutschen Kapitals - und damit die aller staatlichen Haushaltsnöte - sei nur zu beheben durch seine Befreiung von tarifvertraglichen Regulierungen des Verhältnisses von Lohn und Arbeitszeit, also von jeder Rücksicht darauf, wie lange die Arbeiter für eine bestimmte Lohnsumme arbeiten müssen und wie viel Freizeit sie für sich haben. Auch diese Rücksichtslosigkeit wird - wie immer - als Dienst an den Arbeitslosen besprochen: Deren 0-Stunden-Woche wird am besten durch die Ausdehnung der Wochenarbeitszeit der Arbeitenden bekämpft - die Vorhut der Kämpfer gegen die Massenarbeitslosigkeit ist schon bei der 56-Stunden-Wochen angelangt.
Siemens drohte mit einer Verlagerung von ein paar tausend Arbeitsplätzen aus seinem Werk in Bocholt im Ruhrgebiet nach Ungarn. Die betroffenen Arbeitnehmer müssten bloß für weniger Geld länger arbeiten, dann überlege es sich Siemens noch einmal. Die IG Metall hat – wie immer ausnahmsweise – der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zugestimmt. Ein Mitarbeiter des Werks in Bocholt erzählt der "Süddeutschen Zeitung", was das für ihn bedeutet: Er arbeitet jetzt 5 Stunden mehr fürs gleiche Geld, bekommt künftig kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld mehr, statt dessen eine Erfolgsbeteiligung, die den Abzug vielleicht sogar mehr als ersetzt. Aber der Mann ist realistisch: "Ich gehe davon aus, dass von dem Urlaubs- und Weihnachtsgeld die Hälfte weg ist." (SZ, 30.6.) Und was den Monatslohn angeht: "Jeder von uns bekommt im Schnitt etwa 15 Prozent brutto weniger." Die SZ hakt nach: "Das heißt, der Urlaub wird unter Umständen gestrichen?" Antwort: "Ja". Immerhin: Der Arbeitsplatz ist gerettet. Doch auch da ist der Mann – wie man so schön sagt – realistisch, d. h. er gibt jetzt schon bekannt, dass er und seine Kollegen sich auch der nächsten Erpressung von Siemens beugen wird: Er rechnet mit "weiteren finanziellen Einschnitten" und er hat auch mitgekriegt, dass die Beschäftigtenzahl in seinem Werk während der letzten Jahre halbiert worden ist. Da macht er sich nichts vor: "In zwei Jahren wird man anfangen, einige Abmachungen nachzuverhandeln. Das hat Siemens immer so gemacht." Sein Fazit: "Wir werden auch in Zukunft keine ruhigen Zeiten erleben." Der Mann wird sicherlich privat auch mal über Siemens schimpfen. Aber Widerstand gegen diese Zumutungen der Firma, davon scheint er überzeugt, geht nicht: Schließlich muss Siemens tun, was es tut – die "unruhigen Zeiten", die die Firma ihren "Mitarbeitern" aufhalst, verdanken sich dem, dass Siemens selbst ein Opfer ist. Der Siemensianer drückt das so aus: "Alle Firmen, die Massenware produzieren, unterliegen einem globalen Kostendruck. Und der wird anhalten." Mit diesem Verständnis dafür, dass Siemens ihn und seine Kollegen erpressen müsse, erklärt er sein Einverständnis damit, dass sein Lohninteresse hinter das Gewinninteresse von Siemens zurückzustehen hat.
Es ist schon so, dass die Unternehmen mit ihren Kosten gegeneinander konkurrieren. Das heißt aber nichts anderes, als dass jedes Unternehmen sich mit Kräften darum bemüht, seine Kosten zu senken, um seinen Konkurrenten Marktanteile wegzunehmen. Der "Kostendruck", dem sie "unterliegen", ist also einer, den sie selber produzieren: sie sind Täter und nicht Opfer. Gerade der Fall "Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland" macht das so deutlich:
Dass Unternehmen einen solchen Vergleich der nationalen Arbeiterklassen vornehmen können, dass sie überhaupt in andere Nationen hineingehen, ihre Werke aufbauen und Arbeitskraft einkaufen können, setzt voraus: Ihr Staat muss ihnen den Weg gebahnt haben. Die Leistung des Staates für seine Kapitalisten nach Außen besteht darin, ihnen fremde Staaten und damit das für den kapitalistischen Zugriff brauchbare Arsenal an Menschen und Sachen aufzuschließen. Wenn von "Rechtssicherheit" die Rede ist, die auswärtige Staaten zu garantieren haben, dann sollen die sich eine kapitalfreundliche Verfasstheit zulegen; also eine, die dem eigenen, überlegenen Kapital die von ihm geforderten Freiheiten zugesteht. Zum anderen haben diese Staaten zu garantieren, dass die Erträge aus diesen Freiheiten auch immer in erster Linie dem zugute kommen, der sie mit seinen Investitionen beglückt hat. Im Falle der Osterweiterung sind etliche neue Staaten, die die "Werte und Ideale" der EU teilen, also deren kapitalistischen Rechenweisen und deren demokratischer Herrschaftsform nacheifern wollen, dem politischen Anspruch der EU und damit auch der von dort ausgehenden kapitalistischen Benutzung unterworfen worden. Dazu hatten sie ihr Innenleben für eben diese Benutzung vom Recht auf Entlassungen übers Konkursrecht bis hin zur Infrastruktur herzurichten. Diese Herrichtung stand und steht unter Anleitung und Aufsicht der "alten" EU-Staaten und sie hat für den Erfolg der von hier ausgehenden Kapitalinvestitionen das "optimale Umfeld" abzugeben. Mit dem endgültigen Beitritt dieser Länder zur EU wird ihre kapitalistische Benutzung insofern optimiert, als für die Kapitalisten der "alten" Länder auch noch das Hindernis weggeräumt wird, dass sie sich bei ihrem Zugriff auf fremden Reichtum immerhin noch auf eine abweichende nationale Gesetzgebung einlassen müssen: Mit der Ausdehnung der einheitlichen EU-Gesetzgebung nach Osten wird das "Heimatland" für die Kapitalisten nun ein ganzes Stück größer.
Für die Erpressung der Bocholter Arbeiter, ist es gleichgültig, ob Siemens nun nach Kalkulation mit allen Standortfaktorkosten fest dazu entschlossen war, eine Verweigerung der geforderten Arbeitszeitverlängerung auf jeden Fall mit Verlagerung zu beantworten oder ob die Firma nur geblufft hat. Selbst wenn Siemens bloß geblufft haben sollte und sowieso nie nach Ungarn verlagern, sondern mit der Drohung nur die Senkung der Arbeitskosten in Bocholt durch Verlängerung des Arbeitstages ohne Lohnausgleich erpressen wollte, reicht der Hinweis auf Ungarn völlig aus. Die Erpressung mit der osteuropäischen Reservearmee war für die Siemensarbeiter, selbst wenn es sich um eine bloße Drohung gehandelt haben sollte, die "Realität", der sie sich beugten und gegen die sie – auf sich gestellt – kein Gegendruckmittel hätten auffahren können, selbst wenn sie das gewollt hätten; denn Siemens hat in seinem Standort in Ungarn für seinen Profitzweck wirklich eine Alternative zum Standort Bocholt und hat sich damit von der mehrwertschaffenden Potenz der Bocholter unabhängig gemacht. Selbst wenn die Bocholter sich der alten Drohung entsännen: "Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will!", stünden sie im Hemd da, wenn Siemens die Räder in Bocholt jederzeit selber stillstellen könnte. Wenn überhaupt, dann hätte eine deutsche und ungarische Lohnarbeiter umfassende Koalition Mittel dagegen gehabt, aber die IG Metall war ja bereit, den Tarifvertrag angesichts der Forderungen von Siemens zu suspendieren, um die Bocholter "Arbeitsplätze zu retten". Damit hat sie einerseits an der Vermittlung des Drucks der (osteuropäischen) Reservearmee auf die Bocholter mitgewirkt, andererseits hat sie in der Konkurrenz, die Siemens zwischen den deutschen und den ungarischen Arbeitern inszeniert hat, die Konkurrenzposition der deutschen durch die Verschlechterung des Lohn/Leistungsverhältnisses auf Kosten der ungarischen gestärkt und sich damit – als Gewerkschaft! – zum Mitsubjekt der von Siemens praktizierten Konkurrenz deutsches vs. ungarisches Proletariat gemacht.
Das Argument der IG Metall war dabei dasselbe wie immer in solchen Fällen: "Der Arbeitsplatz muss ‚gerettet’ werden – von dem ist der Arbeiter abhängig und ein anderes Mittel gibt es für ihn nun mal nicht. So sieht es die Gewerkschaft, und diese tiefe Weisheit, um die ihr ganzes Denken und Handeln kreist, paukt sie mal wieder in aller Konsequenz durch. Je mehr ihr die Absurdität dieser "Weisheit" praktisch vor Augen geführt wird; je klarer ist, dass der Arbeiter für den Erhalt dieses angeblichen Mittels Arbeitsplatz immer mehr von dem opfern muss, wofür er Mittel sein soll, desto zäher klammert sie sich daran fest. Die Kapitalisten führen in schonungsloser Offenherzigkeit vor, dass der Arbeitsplatz nur ihr Mittel ist: Sie spielen Belegschaften über alle Grenzen hinweg gegeneinander aus, sie drücken gnadenlos deren Lohn nach unten und ihre Rentabilität nach oben, sie lassen im Zuge ihrer Rentabilitätssteigerung das angeblich "knappe Gut" Arbeitsplatz immer knapper werden – und sie ernten von den Betroffenen die erwünschte Antwort: Dann müssen wir eben an uns die Bedingungen herstellen lassen, damit das Kapital Gefallen an unserer Benutzung findet, dann lassen wir uns mit der ständigen Verschlechterung unserer Arbeitsbedingung und des Lohns gegen andere ausspielen. Dann lassen wir es eben mit uns geschehen – dass nämlich einen Arbeitsplatz zu haben immer unverträglicher wird damit, von einem Arbeitsplatz leben zu können. Um aus dieser Passivität ein Angebot zu machen, dafür brauchen die Siemensianer dann ihre Gewerkschaft: Die diversen Regelungen, von denen am Anfang berichtet wurde, sind nicht auf ihrem Mist gewachsen – aber sie lassen sich auf diesen Mist setzen. Es leuchtet ihnen ein, dass die Gewerkschaft mal wieder ihren Arbeitsplatz "gerettet" hat, indem sie der Erpressung des Kapitals Recht gibt und immer neue Lohnabschläge, Arbeitszeitverlängerungen usw. unterschreibt. Dass damit mal wieder nur Arbeitsplätze auf Kosten von Arbeitsplätzen anderswo "gerettet" wurden, dass das ein andermal genauso gegen sie ausschlagen kann und wird, daran denken sie jetzt mal lieber nicht. Und solange der zitierte Siemensianer sagt: "Ich glaube, die IG Metall hat alles herausgeholt, was möglich war", so lange gilt eben weiter die verrückte Logik: Die jetzt "herausgeholte" Verschlechterung ist sicherlich besser als die nächste, die garantiert kommt.