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Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 15. März 2004


Zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie (I):

Die Arbeitgeber fordern, jeder gibt ihnen Recht

Die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie bot in diesem Jahr eine aufschlussreiche Neuerung: Wirklich fordernd trat nicht die IG Metall auf, sondern der Verband der Arbeitgeber. Er verlangte – und wie man weiß, bekam er es auch – eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 40 Stunden und er wollte keineswegs verpflichtet sein, diese zusätzlichen Stunden zu bezahlen. Überstundenzuschläge sind sowieso aus der Welt. Warum das sein muss, begründete der Unternehmerverein so:

"Wir müssen den Auszehrungsprozess stoppen und dürfen deshalb den Verteilungsspielraum nicht vollständig für Einkommenserhöhungen ausschöpfen." (Pressemitteilung Gesamtmetall, 12.12.03)

Da ist die Rede von einem "Auszehrungsprozess", an dem "Einkommenserhöhungen" – gemeint sind die der Arbeitnehmer – schuld sein sollen. Lassen wir mal weg, wie dass passieren konnte, wenn – wie das Statistische Bundesamt vermeldet – die Reallöhne und die so genannte "Lohnquote" ständig sinken. Interessant ist die Abhilfe, die die Unternehmer im Auge haben: Sie wollen Arbeit haben, die sie gar nicht bezahlen. Das ist dann das Gegenteil von "Auszehrung": den Arbeitern nicht den Wert auszahlen, den sie schaffen. Das macht die Unternehmer also reich: die Differenz zwischen der Arbeit als Kost und dem, was sie als "produktiver Faktor" erzeugt. Das ist schon einmal eine klare Auskunft darüber, wie sie ihren Reichtum machen. Die Forderung nach unbezahlter Mehrarbeit – die den "Auszehrungsprozess" stoppen soll – tut aber so, als würden die Unternehmer in den vorhergehenden Arbeitsstunden alles bezahlen, so dass für sie keine Differenz bleibt – umgekehrt ist es bei der Mehrarbeit dann so, als würden sie sich den Ertrag ohne Gegenleistung in die Tasche stecken. Nach dieser Logik kommt der Profit, auf denen es ihnen ankommt, nur dadurch zustande, dass sie den Arbeitskräften die Summe, die sie ihnen eigentlich zahlen müssten, systematisch vorenthalten. Ihren Bereicherungswillen verbrämen die Metallarbeitgeber diesmal also so: Sie fordern unbezahlte Mehrarbeit wie eine Art Nothilfe ein, die die Arbeitnehmer nur ausnahmsweise leisten sollten; als Ausnahme nämlich von der Regel, dass im Prinzip natürlich jedes Quantum Arbeit ganz korrekt mit dem Betrag entlohnt würde, den das Unternehmen damit erwirtschaftet. Doch wäre das die Wahrheit, dann wäre wirklich nicht ersichtlich, wovon ein Unternehmen sich normalerweise ernährt, wenn ihm seine Belegschaft gerade mal nicht mit einem Sonderopfer unter die Arme greift, sondern alle Arbeitsstunden ordentlich bezahlt werden.

Gleichzeitig sagen die Arbeitgeber auch – und alle Welt nickt das ab –, dass die neu eingeführten unbezahlten Extra-Arbeitsstunden keine womöglich bloß zeitweilige Ausnahme bleiben. Diese Zusatzstunden kommen zwar daher wie eine Sondermaßnahme, klar ist aber, dass sie auf das Verhältnis bezogen sind, das überhaupt der Reichtumsproduktion der Unternehmen zugrunde liegt – diese Zusatzstunden sollen dieses zugrundeliegende Verhältnis korrigieren bzw. aufbessern. Insofern gibt die Forderung von Gesamtmetall in ihrer unverschämten Direktheit einen bemerkenswert deutlichen Hinweis darauf, was eben nicht eine ausnahmsweise Notoperation, sondern die Regel in unserer marktwirtschaftlichen Gesellschaft ist: Kapitalistische Unternehmen bereichern sich grundsätzlich und im Allgemeinen nicht durch die eine oder andere unbezahlte Extra-Arbeitsstunde; sie "zehren" vielmehr davon, d. h. sie bereichern sich dadurch, dass sie überhaupt nicht die Arbeit "entgelten", die sie verrichten lassen, sondern mit dem Lohn einem Menschen die Verfügung über seine Arbeitskraft abkaufen. Und über die verfügen sie dann selber zweckmäßig: Sie lassen das Personal, das sie bezahlen, an ihren Produktionsmitteln, nach ihren Vorgaben arbeiten, und zwar, was die Art der Arbeit, die Leistungsdichte, das Tempo der Produktion und alle anderen Bedingungen betrifft, und am liebsten immer genau so lange, wie es ihrem aktuellen Bedarf entspricht; sie lassen dieses Personal Waren schaffen, die ihnen gehören und in Gestalt des Geldes, das "am Markt" damit zu verdienen ist, ihren Reichtum mehren. Der weggezahlte Lohn gehört zu den Unkosten, die sie für diesen schönen Effekt aufwenden müssen; die Höhe dieser Unkosten hat mit dem Erlös aus der produzierten Ware nur insofern etwas zu tun, als sie sich daneben lächerlich geringfügig ausnehmen muss, weil sonst das Unternehmen sofort unter "Auszehrung" leidet. Ansonsten ist die Lohnhöhe, ebenso wie die Zeitschranke, die gegen das einmal erkaufte Verfügungsrecht über fremde Arbeit errichtet wird, Verhandlungssache: in der BRD heute das Resultat von Jahrzehnten "sozialpartnerschaftlicher Tarifpolitik", auch in dieser höflichen Form aber nichts anderes als das Ergebnis eines erpresserischen Kräftemessens zwischen frei kalkulierenden Unternehmern und ihren Lohnabhängigen.

Wenn die Arbeitgeber mit solchen Forderungen auftreten, fühlen sie sich offensichtlich enorm stark. Mit diesem Selbstbewusstsein laufen sie herum, weil alle Welt sofort einen Kotau macht, wenn und weil sie sich furchtbar schwach geben. Sie bejammern die Ertragsschwäche ihrer Betriebe, malen drohende Pleiten oder die "Auslagerung von Arbeitsplätzen" in billigere Tarifgebiete an die Wand – und sagen zugleich die Wahrheit über sich selbst, dass sie nämlich schon Hunderttausende um ihrer Unternehmensbilanzen willen entlassen bzw. "abgebaut" haben; sie stellen weitere hunderttausend Entlassungen in Aussicht, wenn man ihnen nicht zu gründlich verbesserten Gewinn-Bilanzen verhilft. Sie geben also offen zu, dass sie mit ihrer Art, arbeiten zu lassen, ihre Arbeitskräfte schädigen – so oder so, durch völligen Einkommensverlust oder mit verschärfter Inanspruchnahme bei abgesenktem Lohn. Sie machen in aller Öffentlichkeit klar, dass der Nutzen, den sie aus ihren Arbeitskräften herausholen, mit einem allgemeinen Wohlstand unverträglich ist und die Gesellschaft insgesamt reinreißt, wenn er mal nicht groß genug für ihre hohen Ansprüche ausfällt. Und schon ist aus der behaupteten Schwäche ihrer Geschäftemacherei und deren verheerenden Folgen eine unschlagbare Stärke im Kräftemessen mit der IG Metall geworden. Niemand macht den Arbeitgebern zum Vorwurf, dass ihre Profit-Produktion ein Desaster für die Leute ist, die darauf angewiesen sind, sich in ihren Fabriken zu plagen, und erst recht für die, die sich dort noch nicht einmal mehr abplagen dürfen. Niemand kommt auf den nahe liegenden Gedanken, dass es ein katastrophaler Fehler ist, wenn eine Gesellschaft die Existenzsicherheit der großen Masse ihrer Mitglieder vom Kalkül und der Geschäftspraxis einer freien Unternehmerschaft abhängig macht. Wenn es bloß die Parteilichkeit der Unternehmer und ihrer Manager wäre, das könnte man verstehen: Die denken nur daran, wie ihr Betrieb und damit sie selber reicher werden – aber diese Parteilichkeit ist ja der bundesweit gültige und unverwüstlich "gesunde Menschenverstand". Alle Welt zieht aus der miserablen Lage der auf Arbeit angewiesenen Mehrheit den umgekehrten Schluss. Die Weisen und Gelehrten im Lande und die politische Führung der Nation an der Spitze, aber auch das geschädigte Fußvolk selbst, sehen in den schlimmen Folgen des kapitalistischen Geschäftsgangs ein unwiderlegliches Argument dafür, um so mehr auf eben diesen Geschäftsgang zu setzen, ihn zu pflegen und zu fördern, den Ansprüchen seiner Veranstalter in allen Punkten zu Diensten zu sein. Je mehr sich die Abhängigkeit des ganzen Ladens vom Wachstum des kapitalistischen Vermögens und der Zufriedenheit seiner Besitzer als Schadensfall für die Mehrheit erweist, um so weniger ist an eine Kündigung dieser Abhängigkeit "von unten" zu denken, vielmehr eine extra beflissene, am besten vorauseilende Unterwürfigkeit geboten. Wer als lohnabhängige Arbeitskraft unterwegs ist, mit seinem Lebensunterhalt zum stets zu teuren "Kostenfaktor" degradiert und mit seiner Physis und seiner Lebenszeit als "Produktionsfaktor" ausgenutzt wird, der wird geradezu darauf hingewiesen, wie schlecht er in dieser Eigenschaft derzeit bedient ist; denn daran soll er ablesen und sich zu Herzen nehmen, wie schlecht sich erst seine Dienstherren durch ihn bedient finden, und dass es höchste Zeit für ihn wird, auf Zeit oder Geld oder am besten auf beides zu verzichten, um denen besser zu taugen. In diesem Sinne geht Gesamtmetall in der Tarifrunde 2004 auf die Gewerkschaft los: 40-Stunden-Woche, "Lohnausgleich" im Ermessen des Betriebs, keine "Einmischung von außen"!

Hierzu nächste Woche:

Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie (II):
... und was sagt die Gewerkschaft?


© GegenStandpunkt Verlag 2004