Übersicht

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 8. März 2004


Warum der US-Präsident auf den Mars will:

Eine kühne "Vision" oder der ganz normale demokratische Imperialismus - im Weltraum?

Anfang des Jahres kündigt George W. Bush an, dass amerikanische Astronauten wieder auf dem Mond landen sollen, und für 2020 werden von einem dauernd besetzten Stützpunkt auf dem Mond Flüge zum Mars und später auch "zu den Welten darüber hinaus" (Bush) verheißen. Über den Sinn dieses Aufbruchsprogramms wird öffentlich gerätselt – hier ein paar Auskünfte, warum sich die USA für eine solche Mission einigen Aufwand leistet.

Amerika entfaltet so viel Pioniergeist, weil es den Weltraum für einen Bereich hält, der für die Konkurrenz der Nationen von grundsätzlicher Bedeutung ist: Allein wegen der Möglichkeiten in Sachen Erdaufklärung und Datenübertragung ist die Benutzung des Weltraums militärisch unverzichtbar und wirtschaftlich mehr als nur lohnend; für den kapitalistischen Weltmarkt und seine imperialistische Kontrolle spielen Satelliten für den Bereich der Information und Kommunikation eine ähnlich zentrale Rolle wie das Öl für die Produktion. Eine solche Sphäre gilt es vom Standpunkt der amerikanischen Weltmacht aus nicht nur zu benutzen, sondern frei und souverän zu beherrschen; und Präsident Bush teilt dies der amerikanischen Öffentlichkeit und dem Rest der Welt auf echt amerikanische Weise mit: Er vergleicht den geplanten Aufbruch ins All mit der Erkundung und Eroberung des Wilden Westens – und bringt damit bei allen Ausflügen in das Nebelreich nationaler Mythen und Legenden den amerikanischen Standpunkt auf den Begriff: Amerika beansprucht den Weltraum als seine Domäne, als sein ureigenstes Territorium – die "visionären" Pläne zur Eroberung des Weltraums zielen darauf ab, getrennt von allen Fragen der bestimmten Nutzung des Weltalls die prinzipielle Verfügbarkeit des luftleeren Raumes für beliebige Zielsetzungen der amerikanischen Nation herzustellen.

Freilich wollen auch andere Nationen den Orbit nutzen und stören damit Amerika empfindlich, gerade weil sie Vergleichbares beabsichtigen. So sieht sich Amerika gezwungen, seine Freiheit im All durch den Ausbau seiner technologischen Überlegenheit immer wieder neu zu verteidigen; für dieses Problem sehen Bushs Weltraumpläne eine radikale Lösung vor:

"Diese Vision ist eine Reise und kein Wettrennen. Ich rufe die anderen Nationen dazu auf, uns auf dieser Reise zu begleiten, im Geist der Kooperation und der Freundschaft."

Natürlich verhält es sich in der Sache genau umgekehrt: Diese "Vision" ist ein Wettrennen und keine Reise. Russen und Europäer – letztere mit ihrem Projekt "Aurora"haben schon eigenständige Pläne für eine bemannte Mars-Mission; und nicht zufällig hält der US-Präsident seine Rede gerade zu dem Zeitpunkt, als die amerikanischen Mars-Roboter Spirit und Opportunity und der europäische Herausforderer Beagle gleichzeitig unterwegs sind. Der Kampf um die Beherrschung des Weltalls ist längst entfacht, und keine Nation, die unabhängig von und womöglich sogar gegen Amerika imperialistische Macht entfalten will, kann es sich leisten, hier beiseite zu stehen. Selbst China hat schon eigenständig einen Mann ins All geschickt und arbeitet derzeit – sehr zum Verdruss der Amerikaner – an der Entwicklung von Anti-Satelliten-Systemen. Besonders besorgte Stimmen in den USA argwöhnen gar ein potentielles "Pearl Harbour im Weltall" !

Die amerikanische Initiative zielt darauf, diesen Kampf um die Oberhoheit im Weltall nicht nur zu gewinnen, sondern aus der Position einer fraglosen Überlegenheit heraus ein für allemal zu entscheiden. Die "anderen Nationen" sollen durch den konkreten Zeitplan der amerikanischen Initiative sowie durch deren radikale Perspektive (Bush verspricht "die Ausbreitung der Menschheit über das gesamte Sonnensystem"!) davon abgeschreckt werden, an einem Wettrennen teilzunehmen, das sie doch nicht gewinnen können. Statt ihre nationalen Ressourcen für ein aussichtsloses Unterfangen zu verschleudern, sollen sie sich dem amerikanischen Aufbruch ins All anschließen und gemäß dem bereits bei der internationalen Raumstation ISS bewährten Motto "Ihr zahlt – wir schaffen an." den Griff der amerikanischen Weltmacht nach den Sternen finanzieren. Im Gegenzug dürfen sie dann darauf hoffen, nach Amerikas Ermessen – also jedenfalls mit gebührendem Abstand – an der Nutzung "technologischer Durchbrüche" beteiligt zu werden. Letztere erhofft sich der Präsident von der Weltraummission:

"Auf dieser Reise werden wir viele technologische Durchbrüche erzielen. Wir wissen noch nicht welche, aber wir sind sicher, dass sie kommen und unsere Anstrengungen vielfach belohnen werden."

Und diese "technologischen Durchbrüche sollen dann auch alle anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens beflügeln:

"Die Erforschung des Weltalls hat unser Leben in mannigfaltiger Hinsicht verbessert und zu Fortschritten auf dem Gebiet der Wettervorhersage, der Kommunikations-, Computer- und Rettungstechnologie, der Medizin, der Elektronik ...(usw. usf.) geführt".

Ist ja rührend: Um seinen Landsleuten den Alltag zu erleichtern, ist dem amerikanischen Präsident kein Stern zu hoch und kein Weg zu weit. Und kein Einfall zu blöd: Um einen Fortschritt auf dem Gebiet der Medizin oder der Rettungstechnologie zu erzielen, kümmert man sich weder um das eine, noch um das andere, sondern macht etwas ganz anderes: Man forscht über die speziellen Probleme, die eine bemannte Raumfahrt quer durch das Sonnensystem so mit sich bringt. Andererseits ist der Zusammenhang von Raumfahrt und "technischem Fortschritt" im Allgemeinen und den "High-Tech"-Sparten im Besonderen nicht so absurd, als dass der Kapitalismus ihn nicht doch wahr machen würde – was allerdings auf den "technischen Fortschritts" dieses Gesellschaftssystem ein schlechtes Licht wirft. In diesem System besteht der maßgebliche Nutzen dieses Fortschritts nämlich nicht darin, durch die Erfindung nützlicher Gebrauchswerte – wie es im Sozialkundeunterricht heißt – "unser aller Leben zu erleichtern"; vielmehr ist er dafür da, den Bedürfnissen einer konkurrierenden Geschäftswelt ein Material zu bieten, an dem sich diese dann ganz frei nach ihren wechselnden Erfordernissen bedienen kann. Für diese Anwendung ist nicht das Wissen nützlich, sondern der Wissensvorsprung, nicht die Technologie, sondern die überlegene Technologie; in der Marktwirtschaft wird das Wissen überhaupt erst dadurch interessant und brauchbar, dass andere davon ausgeschlossen sind. Das Prädikat "High-Tech" haben sich dann solche Technologiesparten verdient, die unter dem strategischen Blick von Staat und Kapital dafür geeignet erscheinen, einen solchen Wissens- und Technologievorsprung dauerhaft zu monopolisieren; die als Waffe in der militärischen Konkurrenz der Mächte sowie im weltweiten Kampf um Marktanteile und womöglich exklusiv zu besetzende Geschäftssparten taugen. Mit den geplanten Vorstößen ins All hat Bush seiner Weltraumbehörde eine verbindliche Vorgabe gemacht, die ohne eine Reihe "technologischer Durchbrüche" nicht einzulösen ist – und das in einer Sphäre, die nicht nur eine von vielen High-Tech-Abteilungen ist, sondern deren Fortschritt von der Bio-Technologie bis hin zur Materialkunde den Fortschritt aller anderen High-Tech-Abteilungen in sich einschließen soll.

Zur Grundausstattung von demokratischen Politikern, die ihrer Nation einen Vorteil verschaffen wollen, gehört eben die Überzeugung, in der Konkurrenz um exklusives Wissen ein Feld gefunden zu haben, in dem sich die Zukunft der Nation entscheidet. Staatschef Bush teilt diese Überzeugung mit seinem Kollegen Schröder, der – wenngleich mit bescheideneren Mitteln – mit der Idee der "Eliteuniversität" Gleiches bezweckt: Mit dem Zugriff auf einen monopolisierten Wissens- und Technologievorsprung sollen im Konkurrenzkampf an einer strategischen Stelle die Weichen gestellt werden; mit dem Sondervorteil der "Ressource Wissen" soll der Wettstreit der Nationen bereits entschieden sein, noch bevor die eigentliche Konkurrenz um neue Märkte und Exportbilanzen überhaupt beginnt. Das Bestreben, die Konkurrenz dadurch zu bestehen, dass man sie durch den Besitz einer Sonderbedingung im Vorfeld dieser Konkurrenz beherrscht, steht gerade heute besonders hoch im Kurs. In diesem Sinne soll die amerikanische Weltrauminitiative nicht nur die militärische und politische Sonderstellung der USA unangreifbar machen, sondern sich zugleich auch ökonomisch lohnen – und damit die glorreiche Tradition der amerikanischen Geschichte fortführen, in der sich schon zu Zeiten des Wilden Westens die Anforderungen von Gewalt und Geschäft in außergewöhnlich harmonischer Weise ergänzt haben.

Das humanistische Pathos, mit dem Bush die amerikanischen Weltraumpläne versieht, hat gute Menschen zu der Nachfrage veranlasst: "Und was ist mit dem nationalen Gesundheitswesen, mit dem weltweiten Kampf gegen Armut und Malaria? Gibt es auf Erden nicht dringendere Probleme?" (DIE ZEIT, 16. 1.). Die Verwechslung einer amerikanischen Marslandung mit einem Dienst an der Völkergemeinschaft und der gesamten Menschheit ist zwar durchaus von offizieller Seite beabsichtigt – aber im Sinne einer eindeutigen Klarstellung: Die protzig inszenierte amerikanische Größe ist der Dienst, den Amerika der Menschheit im Allgemeinen und seinen Bürgern im Besonderen schuldig ist; dies ist der Beitrag zur Verbesserung seines Lebens, den ein patriotisch gesonnener Amerikaner sich von seiner Regierung erwarten kann. Die Arroganz der Macht und die auftrumpfende Dummheit ihres leitenden Angestellten ist eben das schönste Werbeargument für die Sache der Nation.


© GegenStandpunkt Verlag 2004