Übersicht | Teil 1 wurde am 9.2.04 gesendet
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 16. Februar 2004
Der Grund für die Armut in den Entwicklungsländern wurde in der letzten Sendung bereits genannt. Es ist derselbe für die Armut dort wie überall: Das Privateigentum ist ein Rechtsinstitut des Kapitalismus, das heute bis in den hintersten Erdenwinkel gilt. Jedes Stück natürlichen und produzierten Reichtums gehört irgendjemandem. Überall gibt es eine Staatsmacht, deren Recht einigen Bürgern die beliebige Verfügung über den materiellen Reichtum gestattet, und allen anderen Bürgern, die diese Reichtümer auch brauchen, den Zugriff darauf verbietet. Dieser Ausschluss vom Reichtum erstreckt sich auch auf die Quellen des Reichtums selbst, die Produktionsmittel. Grund und Boden sowie die produzierten Mittel der Produktion – Werkstätten, Maschinen, Rohstoffe – sind privates Eigentum. Sie werden von ihren Eigentümern eingesetzt, um ihren Reichtum zu vermehren. Der Gewinn privater Eigentümer von Produktionsmitteln ist der einzige Zweck marktwirtschaftlichen Wirtschaftens. Von deren Geschäften hängt jegliche Produktion und damit die materielle Existenz der Menschheit ab. Sie lassen mittellose Arme für sich arbeiten, allerdings nur dann, wenn – , nur in der Anzahl, in der – und nur zu dem Arbeitslohn, zu dem deren Arbeit Profit für sie abwirft. Weltweit hat die Mehrheit der Menschen, die nicht über Eigentum verfügt, das Pech, durch die Gewalt der Verhältnisse auf eine proletarische Existenz angewiesenen zu sein. Proletarier sind nirgendwo reich, schließlich ist ihr Lohn ein Abzug vom Gewinn und deshalb niedrig. Als Proletarier aber nicht gefragt zu sein, bedeutet inzwischen weltweit den Verlust jeglicher Existenzmöglichkeit. Über Leben-Können und Nicht-Leben-Können der eigentumslosen Milliarden entscheidet das Kapital mit seiner Nachfrage nach Arbeit. Es definiert, welche Menschen ein Lebensrecht haben, weil sie für seinen Profit gebraucht werden, und welche Menschen nach allen gültigen Maßstäben unnütz und überflüssig sind. Und das heißt dann für sie Elend – bis zum Hungern und Verhungern.
Diese Antwort wird dem nicht genügen, der die Frage
nach dem Grund für die Armut in der Dritten Welt anders meint: Es ist nämlich
ein Unterschied, ob nach dem Grund der Armut oder nach dem Grund der besonders
großen Armut gefragt wird; im zweiten Fall gilt das Übermaß der
Armut als kritikwürdiger Skandal, und der Grund, der gesucht wird, ist einer
für eine Abweichung von einem Normalmaß. Diese Fassung der Frage ist
beliebt bei der Solidaritätsbewegung, bei Antiglobalisierungs-Gruppen, sowie
bei den christlichen Kirchen mit ihren Kollekten: „Brot für die Welt“.
Tatsächlich ist der Unterschied in Gesundheit, Lebenserwartung und
Lebensstandard ja riesig: Die in der „Dritten Welt“ verhungern, die in der
„Ersten“ sehen ihnen dabei am Farbfernseher zu – und freuen sich, dass es ihnen
gut geht, vergleichsweise wenigstens. Manche Lohnarbeiter des Nordens können
sich sogar Reisen in die Reviere der pittoresken Armut leisten und sich mit
ihrem Urlaubsgeld dort wie Herren aufführen. Dennoch ändert das nichts an ihrer
ökonomischen Stellung – und die teilen sie mit den Paupers in der Dritten Welt,
von denen sie sich im Urlaub bedienen lassen. Ihr Unterscheid entsteht auf
Basis ihrer Gleichheit: Beide können nur leben, wenn sie fürs Kapital
leben. Aus demselben Grund verdienen die einen Lohn, mit dem sie recht und
schlecht auskommen, und verhungern die anderen.
Wer allerdings das Übermaß der Armut in der
„Dritten Welt“ für den eigentlichen Skandal hält, kommt in ein ganz anderes
Fahrwasser. Er misst die Lage der Opfer des Kapitals aneinander und findet die
Abweichung zwischen „Nord“ und „Süd“ ungerecht: Da erscheint der Lohnarbeiter
der „Ersten Welt“ als reich, weil er mit dem Hungerleider der „Dritten Welt“ verglichen
wird; umgekehrt erscheint dieser als arm nur durch den Vergleich. Der
Protest, der vom Vergleich lebt und Ausgleich fordert, gerät sehr bescheiden:
Er versteht den Lebensstandard kostengünstiger Lohnarbeiter als einen echten
und eigentlich unnötigen Luxus. Da gilt es eher, vom unverdienten Reichtum
etwas abzugeben, und als ungehörig, mehr Teilhabe am existierenden Reichtum zu
fordern. Den Armen im „Süden“, denen die Solidarität der Protestierenden gilt,
wünscht man ein bescheidenes Auskommen. Freiheit von Hunger und sauberes Trinkwasser,
das reicht schon. Die trostlose „Subsistenz“, die durch den Einzug der
Weltwirtschaft in ihre Länder zerstört worden ist, wird als „Leben im Einklang
mit der Natur“ verklärt; eine proletarische Existenz oberhalb der offiziell
definierten Armutsgrenze gilt als „Mittelstand“. Der Vergleich der Armut hier
und dort legt, ausdrücklich oder nicht, den Maßstab des Leben- und
Überleben-Könnens an – und das in dieser Welt des Reichtums, in des es von
allem und für alle genug und mehr als genug geben könnte.
Wer also nicht die erpresste Lebenslage von Lohnarbeitern überall, sondern die Abweichung ihrer Lebenslagen zum Skandal erklärt, den Grad des Elends in der Dritten Welt für das Erklärungsbedürftige hält, der unterscheidet einen normalen, funktionierenden Kapitalismus von einem defizitären, nicht funktionierenden, abnormen im Süden und fragt, warum den „Entwicklungsländern“ fehlt, was der „Norden“ hat. Dabei ist da nichts abnorm. Nirgendwo steht geschrieben, dass das Kapital die Menschen, die es seiner Ordnung unterwirft auch – wenigstens mehrheitlich – für seine Geldvermehrung benutzen muss. Global gesehen ist das ohnehin die Ausnahme. Dem „Süden“ fehlt nichts für die weltwirtschaftliche Rolle, die er im Weltkapitalismus spielt. Denn mehr war nicht versprochen, als dass das Eigentum alle Produktions- und Lebensbedingungen erst einmal monopolisiert, und hinterher kalkuliert, was sich für seine Vermehrung aus diesen Bedingungen machen lässt.
Wenn in den Entwicklungsländern ein mangelhafter Kapitalismus der Grund des besonders großen Elends sein soll, dann wird dem Kapitalismus ein Zweck unterschoben, den er nicht hat: Er soll die Weltbevölkerung ernähren und täte das auch, wenn er richtig funktionieren würde. Damit steht alles auf dem Kopf: Nicht dass die Welt dem Geschäftsinteresse untergeordnet ist, ist das Problem, sondern dass sie es noch nicht genug ist. Wer meint, dem „Süden“ fehle etwas dazu, dass es bei ihm so auskömmlich zugeht wie im „Norden“, der weiß auch schon, was: Kapital, dieses in einer kapitalistischen Welt unverzichtbare Lebensmittel der Menschen. Das Elend kommt dann nicht von der Herrschaft des Kapitals, sondern von einem Mangel an Kapital. Und wer sich auch noch der verkehrten Frage widmet, warum sich das Kapital nicht gleichmäßig über die Erde verteilt, warum es nicht auch den „Süden“ beglückt, der es so dringend benötige, dem fallen statt der einen Ursache des Elends tausend falsche Sonderbedingungen ein, die vermeintlich eine „gesunde Entwicklung“ des an sich segensreichen Kapitalismus im Süden behindern: Schlechte Regierung, Korruption der Mächtigen, sowie die Trägheit der Massen, fehlende Demokratie, koloniale Benachteiligung, Protektionismus des Nordens, Überschuldung der Staaten usw. Entsprechend idealistisch und weltfremd fallen dann auch die Lösungsvorschläge aus: Die Korruption der Politiker muss bekämpft werden und die Trägheit der ortsansässigen Bevölkerung. Der Geldmangel der Staaten ist durch Schuldenerlass und neue Kredite zu beheben und der der Menschen durch milde Gaben. Der Demokratie ist auf die Sprünge zu helfen, der Infrastruktur und dem Arbeitswillen. Und dann, wenn man alles „richtig“ macht, sorgt der Kapitalismus auch dort für Wohlstand. Denn dass er das „eigentlich“ tut, das ergibt sich doch zweifelsfrei aus dem Vergleich mit hier. Dass die Zustände hierzulande das Normale und der Hunger die ausnahmsweise Abweichung sind, da ist man sich trotz des beständig gegenteiligen Augenscheins ganz grundlos ganz sicher.
Übrigens wird der Vergleich zwischen einer „gesunden kapitalistischen Normalität“ und einer „unnormalen Fehlentwicklung“ heute eher in umgekehrter Richtung durchgeführt. Die deutschen Lohnarbeiter bekommen von ihren Chefs gesagt, dass sie zu teuer sind für deren Gewinn, und dass ihre Arbeit in Tschechien, Portugal und erst recht in Südostasien viel billiger erledigt wird. Andere Völker arbeiten länger und machen es für weniger Lohn – und das geht auch! Dort wandert das Kapital hin, Arbeitslosigkeit haben sich die Arbeiter selbst zuzuschreiben, wenn sie so unflexibel sind, ihren Lebensstandard nicht in Richtung „Dritte Welt“ zu reformieren. 35-Stunden-Woche, Tariflohn, Krankenversicherung und Altersversorgung – alles wird als Luxus betrachtet und behandelt, der dem Geschäftserfolg in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz abträglich ist und deshalb zur Marktwirtschaft auch nicht passt. Inzwischen ist das Lohnniveau im Norden eine Fehlentwicklung, die korrigiert gehört, und die Armut in der Dritten Welt ein Vorbild. Die Experten in Sachen Marktwirtschaft haben kein Problem damit zuzugeben, dass der Reichtum dieser Gesellschaft auf der Armut der Arbeitenden beruht. Im Gegenteil, sie klagen, dass es hierzulande zu wenig davon gibt.
Tatsächlich ist es immer dasselbe: Die Eigentumsordnung des Kapitalismus macht die Menschen unfähig, für ihr Leben selbst zu sorgen; sie zwingt alle, ihre Chance darin zu suchen, dass sie sich dem Kapital dienstbar machen. Während die Freunde der sozialen Gerechtigkeit die Lebensverhältnisse unter dem Kapital hier und dort vergleichen, vergleicht das Kapital die Leistung und Billigkeit der Völker praktisch – das heißt, es spielt sie gegeneinander aus. Wenn dann die Menschen endgültig von dieser Ordnung umfassend erpresst sind und niemand mehr leben kann, wenn er nicht fürs Kapital lebt, dann finden sich welche, die die Sache umdrehen: Sie erklären mit dem Verweis auf diese Alternativlosigkeit das Kapital zum Lebensmittel der Menschheit.
NB: Dies ist der gekürzte zweite Teil der Antwort auf einen Leserbrief an die Redaktion des GegenStandpunkt. Der erste Teil wurde letzte Woche gesendet. Der Leserbrief und die vollständige Antwort der Redaktion sind nachzulesen in GegenStandpunkt 4-03, erhältlich im Buchhandel und beim GegenStandpunkt Verlag