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Jour fixe vom 11.04.2016 zum Buch „Das Finanzkapital“, Fortsetzung 1, Kap. I und II

   — Eine Frage zum Exkurs zum Begriff des Eigentums S.9 ff. Dort heißt es, dass der Unternehmer als Kreditnehmer nicht Eigentümer sein muss, um die Macht des Eigentums wirken zu lassen, man kann diese Macht leihen. Die „Brisanz“ der Behauptung verstehe ich so, dass mit dem Kredit das Ausbeutungsverhältnis als gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis etabliert ist, wie es vorher nicht der Fall war?

Etabliert ist damit nicht gemeint, sondern eher, wie es das Ausbeutungsverhältnis gibt. Marx fängt in seiner Ableitung des Kapitals elementar bei der Warenform des Reichtums an. Das Finanzkapital-Buch fängt bei dem an, wie das Finanzkapital im Geschäftsleben mitmischt. Der Ausgangspunkt innerhalb eines etablierten Geschäftslebens ist allemal ein Vorschuss, nicht im Sinne, dass jemand ein Eigentum hat und es arbeiten lässt, sondern so, dass klar ist, ohne dass die Finanzwirtschaft, die Banken die Wirtschaft mit Kredit ausstatten, läuft nichts, zumindest kein Wachstum. Heutiger Kapitalismus funktioniert eben so, und niemand steht vor dem Problem, dies erst noch zu etablieren.

Welche Brisanz kann man dem entnehmen? So sehr es das Erzprinzip dieser Wirtschaft ist, dass es nur um und mit Eigentum geht, so wenig bleibt es dabei, weil es nicht einfach um Eigentum geht, sondern um dessen Vermehrung. Und das gilt so sehr, dass sie sich dafür glatt auf dieses Paradoxon einlassen, mit fremdem Eigentum das Eigentum zu vermehren. Die zweite Abteilung ist: Was dann da stattfindet, hat lauter brisante Folgen: So eine allseitige Abhängigkeit bleibt spätestens dann nicht spurlos, wenn es schlecht läuft.

In der Passage über das Eigentum geht es noch um den Hinweis, dass Eigentum nicht einfach ein staatliches Dekret ist, dass jemandem etwas gehört. Sondern im bürgerlichen Sinn entstammt Eigentum der Arbeit. Dazu wird im Buch vorweg gesagt, dass das zwar die Grundlage dieser ganzen Ökonomie ist, so aber gar nicht zum Selbstverständnis der Insassen dieser Gesellschaft gehört. Daran kann man etwas sehr Prinzipielles dieser Ökonomie erklären.

Eigentum ist das, was eigener Arbeit entstammt, was man selber gemacht hat und dann gehört es einem. Da ist der Staat höchstens der Garant, aber nicht der Urheber. Gibt es das Bewusstsein in dieser Gesellschaft, dass das Eigentum auf Arbeit zurückgeht? Jedem redlich denkenden Zeitgenossen ist geläufig, dass einer das Geld, das er hat, gefälligst auch selber verdient haben muss. Alles andere (außer einer Erbschaft oder eines Geschenkes, das aus dem normalen Gelderwerb herausfällt) ist Diebstahl. Beim Geld nachzufragen, ob jemand dieses Geld hergestellt hat, oder ob das, was er verdient, selber sein Produkt ist – an der Stelle hakt es sofort aus. Er wird doch für das, was er tut, bezahlt. Bestenfalls kommt es vom Arbeitgeber oder, wenn jemand selbständig ist, kommt es aus dem Markt. Generell gilt der Grundsatz, dass, wenn jemand Geld verdient, er dies durch seine Arbeit macht.

Dass das Geld durch die Arbeit geschaffen wäre, gehört wiederum gar nicht zum bürgerlichen Bewusstsein. Eine interessante Leerstelle, denn damit entfällt die ganze – Marx würde sagen - substanzielle ökonomische Seite des Verhältnisses zwischen der Tätigkeit, der Arbeit, mit der man etwas verdient, und dem Verdienten. Das hat seinen guten Grund in dem, was beim letzten JF festgehalten wurde: Das Geld ist selber das allgemeine Äquivalent. Es lebt davon, dass es nur das Tauschwert-mäßige jedes Produkts repräsentiert. Bei der ursprünglichen Geldware, einem Goldklumpen, konnte man noch sagen, dass der mit der Schaufel erarbeitet worden ist, da steckt Arbeit drin. Schon wenn das Gold zum Geld wird und erst recht, wenn es sich von der Geldware trennt, und noch mehr in den Zuständen von heute, wenn jemand von seinem Chef bezahlt wird, ist der Ursprung des Geldes aus Arbeit weg. Das Geld ist die Abstraktion von dem, was es eigentlich repräsentiert: dass Produkte Beiträge zum gesellschaftlichen Bestand an Reichtum sind, dass da Arbeit drin steckt; dass Gesellschaften von dem leben, was sie sich insgesamt erarbeiten, und dass jede Ware dazu ein Beitrag ist. Als Repräsentant des Werts, also dessen, dass es für den Tausch da ist und zum Erwerb eines anderen Dienstes ermächtigt, ist es davon weg. Deshalb ist es kein Wunder, dass in der Gleichung: erworbenes Geld will redlich durch eigene Leistung erworben sein, die Quelle des Geldes (gesellschaftliche Arbeit, die sich in Produkten verwirklicht hat) weg ist. Deshalb ist Marx auf die Idee gekommen, dies zu erklären: Das Entgelt, von dem alle Menschen irgendwie leben und das sie sich erworben haben, entstammt ihrer Arbeit. Das ist ersetzt dadurch, dass die Hauptsache ist, man hat für das erhaltene Geld irgendetwas geleistet. Damit entfällt die ökonomische Substanz des Geldverdienens, nämlich dass die Arbeit, für die man Geld erhält, auch irgendwie zur Schaffung dieses Geldes durch Produktion einen Beitrag geleistet hat. Einerseits ist in der Vorstellung enthalten, dass jemand für das Geld etwas geleistet haben muss, aber was er geleistet haben muss, bleibt ebenso unbestimmt wie die Herkunft dessen, was er dafür erhält. Hauptsache ist, das Geld ist da.

Daran kann man sich klar machen, was Marx das notwendig falsche Bewusstsein nennt. Mit diesem Übergang vom Ware schaffen und verkaufen zum Geldverdienen ist die Wahrheit der Sache, nämlich dass das Geld der Arbeit entstammt, weg. Es ist ersetzt durch erstens ein großes Desinteresse und zweitens eine Fehlanzeige: Es ist eigentlich egal, woher des Geld kommt, Hauptsache ist, man hat es redlich verdient. Dann stützt sich der ganze Gedanke auf dieses Bestimmungswort redlich. Der einzige Zusammenhang, der dann zwischen eigener Leistung und Entgelt existiert, wenn der ökonomische Zusammenhang gar nicht in den Umkreis des Gedankens kommt, ist ein vorgestelltes moralisches Interesse. Ein Entsprechungsverhältnis wird gedacht, ohne dass die Sachen, die sich auf der einen und anderen Seite entsprechen sollen, überhaupt mitgedacht werden. Deswegen wird es niemandem gelingen, zwischen Arbeit und Geld ein Entsprechungsverhältnis auszumachen – wenn einmal die Arbeit als Quelle des Werts weggedacht ist. Umso mehr wird an das moralische Verhältnis gedacht und es folgt eine ganze Kette von Idiotien, wie sich dann doch Arbeit, die einer leistet, Leistung, die einer erbracht hat, und das Geld, das er dafür erhält, irgendwie entsprechen sollten.

Es gibt eine falsche Kritik an den Finanzkapitalisten, wonach die viel Geld verdienen, aber keine Werte schaffen. Horst Köhler hat gesagt: „Nur echte Arbeit schafft wirkliche Werte. Das hat uns die Finanzkrise wieder gelehrt.“ Das ist keine ökonomische Theorie über den Zusammenhang von Arbeit und Wert. Köhler war selbst ein Banker und will, dass die redlich ihr Werk tun; Geld verleihen ist auch eine Leistung, aber dann muss das auch irgendwie in Ordnung sein und der, der es verleiht, darf sich nicht über Gebühr daran bereichern. Was ist nun ‚über Gebühr‘?! Es ist ein Beispiel für die Haltlosigkeit aller Entsprechungsvorstellungen, die sich auf das Geldverdienen beziehen und dabei nicht die Erklärung von Marx der ersten drei Kapitel im Kopf haben, dass letztlich Geld nichts anderes ist als der verselbständigte Tauschwert, der seinerseits zurückgeht auf ein Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit zum Gesamtreichtum der Gesellschaft.

Es soll hier nicht die Seite des falschen Bewusstseins weiter verfolgt werden, sondern mehr die der falschen Praxis. Fragt man bei einem Kapitalisten nach, woher er sein Geld hat, wird er nicht über die notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit seiner Arbeiter sprechen und dass er ihnen weniger zahlt als die geschaffen haben. Sondern er wird sich auf den Standpunkt stellen, dass er das, was seine Arbeiter leisten, ihnen in Geld entgolten hat; und dass die Arbeiter keinen Aufstand machen, sei der Beweis dafür, dass sich das offenbar entspricht. Danach wird er über Unkosten für Miete und Produktionsmittel usw. reden und schließlich muss er ja auch noch leben und in der Lage sein, das ganze Unternehmen zu kommandieren – ein Riesenposten von Kosten, die letztlich der Markt oder die Kaufkraft der Kundschaft ihm vergütet. Und dadurch, dass der Kapitalist das alles arrangiert und womöglich eigenes Eigentum beigesteuert hat, steht ihm natürlich auch etwas zu. Letztlich so viel, wie am Markt zu holen ist.

Wenn man an dieser Ungleichung zwischen Verdienen und: Was für Geld verdient man eigentlich? am Kapitalisten entlang denkt, hat man den Grund dafür, was dessen falsches Bewusstsein ist: Nämlich dass sein Geld sich zusammensetzen würde aus Kosten, die er hat, und einem Aufschlag, den der Markt hergibt. Die Macher dieses Systems wissen selber überhaupt nichts über die ökonomische Objektivität ihres Geldverdienens. Sie halten ihr eigenes Geldverdienen für einen Zuschlag, den sie genau so bemessen haben, dass der Markt ihn ihnen hergibt. Sie definieren sich einerseits als von jeder ökonomischen Sache frei und andererseits als total abhängig von diesem anonymen Markt und der Zahlungsfähigkeit. Diese Mischung aus Willkür und Abhängigkeit, Freiheit und Zwang der Konkurrenz ist nicht bloß eine falsche Vorstellung, sondern sie beherrscht die Praxis. Die Kapitalisten richten sich nicht nach der Marx’schen Wertlehre, sondern nach ihren Vorstellungen, wie gerecht Geldverdienen geht, und damit nach ihrem Anspruch und den Sachzwängen der Konkurrenz. Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem, was die Substanz des Geldes ist, und dem, was es für die ist, die es verdienen, nämlich als Inbegriff ihres Reichtums völlig getrennt von seiner Quelle, entwickelt sich in jeder Stufe weiter sowohl im Kapitalismus, wie ihn Marx erzählt, als auch im Finanzkapital, wie es hier Thema ist.

Eine Variante, in der das erscheint, ist das, was vorhin der Ausgangspunkt beim Eigentum war: Beim Geld und sogar beim versprochenen Geld ist seine Herkunft aus dem, dass einer Arbeit in irgendeiner Weise in eine Ware reingesteckt und die glücklich verkauft hat, völlig weg. Es ist das Versprechen, dass er demnächst schon etwas bekommt – woher auch immer. Da muss Geld verdient werden – wodurch? – durch Arbeit? – ja, aber auch der Banker arbeitet. Man soll sich nicht immer im Finanzkapital daran erinnern und fragen, ob da nicht eine Ware produziert sein muss. Schon mit dem Geld hat man von der Warenproduktion Abstand genommen, mit dem Geldverdienen schon gleich. Die Stelle, wo das Finanzkapital Geld vorschießt und der Vorschuss der Bank in dem Versprechen besteht, dass sie die Schulden des Kapitalisten begleicht, und von dem, der es leiht, in dem Versprechen besteht, es demnächst zurückzuzahlen, ist eine geläufige Entwicklungsstufe dieses Widerspruchs, der im Geld steckt. Darauf soll der Hinweis auf die Paradoxie aufmerksam machen. Es erscheint niemandem paradox, weil bei Eigentum schon völlig von seiner ökonomischen Substanz abstrahiert ist.

Das Ganze ist die ökonomische Praxis dieser Gesellschaft, getätigt von einem Standpunkt aus und deswegen nach einer Logik veranstaltet, in der die eigentliche Sache, dass der Erhalt dieser Gesellschaft durch produktives Arbeiten geht, einfach keine Rolle spielt. Aber auch wenn sich keiner um diese Sache kümmert, ist sie nicht weg. Dass die sich bei ihrem Geschäft nicht um die Substanz der Sache kümmern, beflügelt sie nicht nur subjektiv, sondern ermächtigt sie auch objektiv zu Arten der Akkumulation, dass man sich nur fragen kann, wer das jemals kaufen und bezahlen soll. Dann kommt der Punkt, an dem festzustellen ist, dass sie doch nicht ganz frei sind. Und dann macht sich auf einmal in der Konkurrenz zwischen ihnen bemerkbar, dass sie mit ihrem feuchtfröhlichen Produzieren und Draufschlagen von Gewinn an eine Grenze stoßen. Das ist Thema der Krise am Schluss des zweiten Abschnittes.

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Ein zweiter Nachtrag zur notwendigen Unschärfe schon zwischen Geld und Ware, erst recht zwischen Kredit und Warenproduktion. Was da so schief zusammenpasst, geht durch die Berechnungen der Kapitalisten, die sich nicht nach der Objektivität dessen richten, was Geld überhaupt ist, sondern nach dem ganz anderen Gesichtspunkt: Kosten und Zuschlag. Diese Friktion von Objektivität der Sache und Eigengesetzlichkeit des Kredits und seiner Verwendung, ist eigentlich die Erklärung der Frage: Warum muss die Nationalbank auf Stabilität achten? Weil der Grund für die Instabilität eben die Abstraktion von der Sache im Vollzug des Kapitalismus ist. Das kann man sich noch mal an der Inflation klarmachen.

Sobald Kredit fließt, ist Profit nicht nur eine Erwartung, deren Eintreffen schön ist und das Ausbleiben schlecht, sondern dann ist der Erlös, damit man den Kredit bedienen kann, als eine Mindestgröße von Gewinn vorgegeben. Daran hat die Kalkulation des Kapitalisten ihren Anhaltspunkt, ansonsten schlägt er auf, was am Markt durchsetzbar ist. Daher kommt der Gewinn. (Der Vorschlag der Gewerkschaften, wenn man den Arbeitern mehr zahlt, gibt der Markt mehr her, gefällt dem einzelnen Kapitalisten: Alle anderen sollen mehr zahlen, da kann ich meine Schwimmenten besser verkaufen; selbst kann ich natürlich nicht mehr zahlen, das erhöht die Kosten und erschwert den Marktzugang.) So ist im Kapitalismus die Frage des Zuschlags rein funktionalistisch gefasst. Jeder versucht das Maximum rauszuholen. (Sie unterbieten einander zwar auch, aber nur, um sich den Markt zu sichern und insgesamt mehr rausholen zu können.)

Wenn man sich auf den Standpunkt stellt: Das Gesetz des Gewinnemachens ist das, was der Markt hergibt, kommt man immer zu einer Gleichung: Was die einen verdienen, müssen die anderen bezahlt haben, und umgekehrt. Das ist die Grundideologie der VWL, aber auch die Grundidee des Kapitalismus: Die Rechnung muss notwendigerweise aufgehen, weil einer ja nur das verdienen kann, was andere zahlen, und andere zahlen nur das, was sie eben in der Hand haben.

Wenn dann ein Bedenken aufkommt wie: die Sachen werden aber tendenziell immer teurer (nur z.Z. nicht), dann ist die tautologische, schon letztes Mal besprochene Antwort: dann ist irgendwie zu viel Geld unterwegs. Aber alle, die es ausgeben, haben es doch vorher verdient? Dann kommt der mit der Inflation befasste bürgerliche Verstand immer nur auf die eine Lösung: dann muss irgendwie unverdient Geld in den Markt gekommen sein. Dann kommen alle auf Schäuble: Der Finanzminister gibt Geld aus, das er niemals verdient (er verkauft ja nichts). So hat man bei den Staatsschulden schnell außerhalb des ökonomischen Kreislaufs eine Quelle für das zu viele Geld geortet.

Da merkt man, das ist nicht der Rekurs darauf: Geld entsteht nur durch Arbeit. Sondern der rein moralisch diktierte Rekurs: da kommt Geld in die Welt, das der Staat mit seinem Schulden-Machen nicht verdient, sondern nur in die Welt setzt. Dazu gibt es den moralisch anrüchigen Begriff von einer "Geldschöpfung" durch die Nationalbank, die des Guten zu viel tue. Gegenüber der Geschäftswelt kann sie eigentlich – nach dem Urteil der Repräsentanten des wunderbaren Systems – gar nicht zu viel tun. Diese Geschäfte zu ermöglichen, geht in Ordnung. Zu viel Geld kommt in die Welt, wenn in Form von Wertpapieren Schulden unterwegs sind, mit denen kein Geschäft gemacht wird; wenn die EZB auf bloße Minus-Zeichen Geld ausgibt. Da hat man den begriffslosen Begriff der Inflation, der sich eigentlich nur der Unschärfe des Zusammenhangs zwischen Geld und seiner Herkunft aus der Arbeit verdankt, und sich nur daran festmacht: Geld gibt es, und es ist die Vergütung für irgendwelche erbrachten Leistungen, am Ende auch die des Bankers. Bürgerliche Inflationstheorien kommen immer auf den Staat als Schuldigen unter dem Gesichtspunkt: der stört die Relation zwischen Geld, das man nur ausgibt, und dem Verdienten. Die Inflationstheorien mögen sich noch so rechnerisch präsentieren: wie viel Geld die Nationalbank zu viel gedruckt hätte, ob die Geldmengen M1 und M3 im richtigen Verhältnis stehen – im Grunde lebt alles von dem moralischen Gedanken: nicht verdientes Geld unterwegs, das kann nicht gut gehen.

Unsere Überlegung ist schlichter: Wenn das die Prämisse ist: Kapitalisten zahlen, was sie zahlen müssen, und nehmen so viel, wie sie kriegen können, dann gibt es als erstes die Notwendigkeit, dass das Geldverdienen – wie Marx erklärt aus versilberter Arbeitszeit – und das, was an Geld vorhanden ist, nie und nimmer quantitativ übereinstimmt. Beim Begriff am Anfang vom K I: Geld als Mittler des Äquivalententausches, ist das Aufgehen noch drin. Aber sogar da sagt Marx (wie letztes Mal besprochen): das Geld gewinnt eine Selbständigkeit zwischen den Warenwerten, deren Tausch es vermittelt. Wenn es im nächsten Akt nicht nur irgendwie daneben stehen bleiben, sondern sich vermehren soll, dann folgt das einem Gesetz, das mit dem Versilbern der Ware eigentlich gar nichts mehr zu tun hat. Kapitalisten verdienen Geld und richten sich den Teufel nach dem, was an Warenwert in der Ware drinsteckt. Den finden sie eh erst raus, wenn sie die Ware verkaufen. Und das Verkaufen machen sie nach dem Prinzip: soviel Geld wie geht.

Dann ist der Witz: Egal, von welcher Ecke her auch immer ein Impuls in diese Ökonomie kommt: Es wird etwas teurer, sei es die hemmungslose Gier von Kapitalisten, die einen guten Markt ausnützen, sei es die von Scheichs, die ihr Monopol nutzen, sei es (wie früher) eine Missernte, oder seien es die Grünen mit Benzinpreiserhöhungen für die Umwelt – solche „Preisschocks“ lassen sich im Kapitalismus leicht weg stecken. Wodurch? Durchs Finanzkapital, das sowieso mehr Geld in die Wirtschaft gibt, als verdient worden ist. Das, was die Inflationstheoretiker immer dem Staat nachsagen – der stecke mehr Geld in die Wirtschaft rein, als er selbst verdient hat – ist überhaupt die Profession der Banken und des Finanzkapitals, die einen Vorschuss leisten in Hinblick auf kommendes Geschäft. Nach der elementaren Formel: Der Vorschuss bemisst sich für die Banken nach den Aussichten auf den Ertrag und nicht nach dem, was sie verdient haben. Mit Zahlungsversprechen lösen die Banken das alles ganz gut, setzen professionell Kredit in die Welt, damit die Wirtschaft wächst. Das Wachstum der Wirtschaft stellt sich für einen Kapitalisten so dar: ich muss zwar mehr zahlen, aber dafür kriege ich den nötigen Kredit, wenn ich zugleich dafür sorge, dass ich meine Ware auch teurer verkaufen kann. Er macht seine Ware teurer und die, die darauf angewiesen sind, machen das Spiel mit, weil sie ihrerseits auch so rechnen: Die Bank leiht mir was in Hinblick darauf, dass ich auch mehr und teurer verkaufen kann. Da merkt man, für alle Beteiligten ist mehr verkaufen und teurer verkaufen so unterschiedlich nicht. Und die Banken, die das Geschäft finanzieren, wollen, dass der Kredit bedient wird, und ob der bedient wird, weil das Geschäft gewachsen ist und mehr produziert und verkauft wird, oder ob es seine Ware teurer verkauft hat und dadurch mehr verdient, ist der Bank gleichermaßen recht. Solange, wie die Bankenwelt darauf setzt, dass sich der Kredit rentiert, den sie in die Wirtschaft stopft, solange sie sich auf den Standpunkt stellt: was hier an Kredit verlangt wird, geben wir gerne, weil die Geschäftsaussichten gut sind, ist diese Erwartung berechtigt, und solange das in irgendeiner Art und Weise klappt – wenn auch besser oder schlechter als gedacht –, haben sie keinen Grund, da irgendwelche Schranken zu ziehen.

Darüber hat sich im Kapitalismus die Gleichung etabliert: Wachstum an Werten, Mehrung von Kapital geht oft genug, vielleicht sogar gewohnheitsmäßig, mit Entwertung einher – alle machen ihr Zeug teurer. Insgesamt wird konstatiert: es wird mehr Geld verdient in der Gesellschaft, und daneben wird die Rechnung aufgemacht: aber für dieses mehr verdiente Geld kann man sich nicht im gleichen Maße mehr kaufen. Da hat man einen interessanten Unterschied zwischen dem, was dann der zuständige Sachverstand als reales Wachstum und was er als Inflation berechnet. Dieser Befund wird am Geld ausgedrückt. Sie haben schon was anderes, als was das Geld selbst ist, aus ihm gemacht, wenn sie Zahlungsversprechen wie Geld behandeln.

Diese Berechnung der Inflationsrate stellt in gewisser Weise die Ableitung von Marx aus dem 1. Kapitel von K I auf den Kopf. Marx löst das Geldrätsel in der Weise, indem er sagt, das Geld ist der Ausdruck des Werts und der Wert ist das, was als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in den Waren steckt. Dieser Wert wird durchs Geld schlüssig repräsentiert. Darauf kommt es bei jeder Warenproduktion an: Ihr verselbständigter Wert existierend im Geld, im allgemeinen Äquivalent, das eben nichts als die Gleichheit als solche ausdrückt, nichts von den Unterschieden der Waren wissen will, die überhaupt ihren Tausch begründen. Nur das, was ihre Gleichsetzung begründet, wird in Geld ausgedrückt und repräsentiert. Wenn Inflation so stattfindet und betrachtet wird wie heute, hat man den Treppenwitz, dass das, was an Wert in der Ware steckt (und auch in seiner Summe als „reales Wachstum“ verbucht wird,) auf der Seite des Warenkorbs liegt und das Geld, von dem doch Marx gezeigt hat, dass es überhaupt den Inbegriff des Werts repräsentiert, das erscheint da als eine flexible Größe, als eine, die sich gegenüber den im Warenkorb steckenden Werten glatt blamiert.

Da wird am Geld, das allgemeines Äquivalent ist, und in dem sogar heute noch das Wachstum beziffert wird, selbst ein Unterschied gemacht: Soweit dieses Geld den Warenkorb repräsentiert, ist es die eine Größe, soweit es mehr ist, ist es inflationiert, also weniger wert als es ist. So denkt der bürgerliche Verstand: Das ist weniger wert als es eigentlich wert ist. So wird dann Inflation gemessen in der Unterscheidung von „realem Wachstum“ und dem, was Inflation drauf setzt. Es ist ein und dasselbe Geld! – aber sie behelfen sich: das ist das Geld von gestern, die DM von 1950, jetzt haben wir den Euro von 2016. Dazwischen ist ein Wandel passiert in dem, was in dieser Gesellschaft die Funktion des Geldes verrichtet, nämlich, dass es nicht mehr die Ware ist, die als allgemeines Äquivalent fungiert (und deswegen die Sturheit einer Ware besitzt, ich koste soundsoviel an Aufwand), sondern das ist inzwischen zum Leihkapital geworden und das beruht als Kredit darauf, dass es seinen Effekt vorweg nimmt und selbst ein Zeichen ist, gar nicht mehr für einen vorhandenen Wert, sondern das Zeichen für einen Prozess, für ein versprochenes Ergebnis. Das heißt, das Geld bezeichnet einen Kredit, versprochen unter der Bedingung: Für die Ermächtigung, folgende Millionen auszugeben, erwarte ich (nach einer bestimmten Zeit) Zins und Tilgung. Aus dem Geld ist ein Zeichen für dieses Willensverhältnis geworden.

Wie kann ein solches Willensverhältnis als allgemeines Äquivalent fungieren? Die Banken können nicht definitiv dafür einstehen, dass ihr Kreditgeld auch wirklich seinen Wert behält, weil die Kapitalisten, sobald sie es in die Finger kriegen, alles damit machen, was sich mit Geld machen lässt, kaufen und möglichst teuer verkaufen. Deswegen hat der Staat irgendwann vor 100 Jahren beschlossen, man nimmt den privaten Banken das Recht, ihr Kreditgeld in Banknotenform zirkulieren zu lassen, besser aus der Hand. Aber nicht, damit dieser Übergang vom Geld zum Kreditgeld einfach weg fällt, sondern die geniale Idee war: genau das reserviert sich der Staat. Da hatten sie seinerzeit lange Bedenken, muss man nicht das Geld, wofür der Staat Banknoten ausgibt, vom Kreditgeld unterscheiden? Der Staat muss auf die Solidität des Kredits achten. Die Bedenken waren: müssen wir nicht noch irgendwie eine Geldware parat haben. Sie haben nicht Marx-mäßig gedacht, aber sie waren noch etwas näher dran. Von dem Standpunkt, man muss das staatliche Geld an etwas Objektivem festmachen, Gold oder Silber, und dem einen Preis verleihen, dann ist das Geld auch mit der Zahl, die drauf steht, ein Äquivalent für x-Gramm Gold, von dem haben sie sich erst mühselig freigemacht.

Aber heute sind sie ja so was von frei davon ... Letztes Mal hatten wir an der EZB festgestellt, dass das Geld, das heutige Nationalbanken in die Welt setzen, von vorne herein nichts anderes darstellt, als die Gesamtheit des Kreditgelds, das in einer Gesellschaft zirkuliert. Geschaffen werden diese Mittel durch die Banken, aber die zuständige Notenbank erklärt sich für das, was die Geschäftsbanken schaffen, in gewisser Weise haftbar dadurch, dass sie jeder Bank aufgibt und gestattet, ihre eigenen Schulden bei der Notenbank in gesetzliches Geld einzulösen. Das ist im 4. Punkt des I. Kapitels mit Beglaubigung ausgedrückt. Unmittelbar steckt zwar hinter jeder Kreditkarte nur das Versprechen der Postbank, Sparkasse, Ing-Diba: sie zahlt, wenn man selbst behauptet, damit gezahlt zu haben, sie bucht um und haftet. Aber dass diese Zeichen, die den Besitzer wechseln, als Zeichen und als bezeichnete Größen einen festen Wert beziffern, in dem dann auch alle Waren der Welt ihren Preisausdruck kriegen, diese Gleichung verbürgt die zuständige Notenbank durch den schlichten Akt, dass sie den Geschäftsbanken den Umtausch von ihren eigenen Geschäftsprodukten in Zentralbankgeld aufgibt und gestattet. So beglaubigt die zuständige Notenbank die Kreditgeldschöpfung der Geschäftsbanken als etwas, mit dem man tatsächlich wirksam Eigentum übertragen kann. Man kann sagen: ich besitze 100.000 €, wenn man nur eine Zahl auf seinem Kontoauszug stehen hat – die Zahl besitzt selbst Eigentumsqualität.

   — Eine Nachfrage: Die Notenbank steht dafür ein, dass die Schöpfungen des Finanzkapitals die Qualität des allgemeinen Zahlungsmittels haben. Vorher kam aber die Überlegung, dass das Geld inflationiert, an sich weniger Wert hat. Das liegt daran, dass dieses Geld Kreditgeld ist, also im Vorgriff geschaffenes Geld, das die Verwertung der Kredite, für die es fungiert, vorweg nimmt, dabei setzt sich aber die Verwertung nicht immer wie erwartet durch. Wie kommt da der Staat rein? Ist es nicht naheliegender, dass der Staat sagt, ich garantiere nicht die Qualität dieses Kreditgeldes, verbürgt im allgemeinen Zahlungsmittel, sondern ich garantiere die Quantität, dass die Entwertung nicht im Übermaß stattfindet?

Es ist ein Unterschied: Wenn die Bank Kredit vergibt, der in den Sand gesetzt wird, dann hat sie Geld verloren und muss die Verluste in ihrer Bilanz verstauen. Inflation heißt: Kredit wird gegeben, genommen und verwertet. Die Bank macht ein Geschäft, aber die Verwertung ist eine, die setzt sich zusammen aus Wachstum des Reichtums, der in Geld beziffert wird, und Wachstum der Ziffern, in denen der Reichtum beziffert wird. Vulgär: Insgesamt wird der Warenkorb immer teurer. In der Inflationsrechnung erscheint das ganz schlicht: die Banken machen ihr Geschäft, ziehen Zinsen ein, haben keine Verluste zu verbuchen, nur sie finanzieren damit ein in Geld gemessenes Wachstum, von dem man, wenn man es auf einen Warenkorb zurück bezieht, Abstriche machen muss. Das ist ein Effekt dessen, wie die Banken hemmungslos Geschäfte und auch die Schwindeleien und Preiserhöhungen der Kapitalisten reihum finanzieren.

Wie stellt sich der Staat dazu als Hüter des allgemeinen Äquivalents, der dekretiert hat: bei mir heißt das Geld DM oder Gulden? Wenn die Banken Kredit vergeben, dann müssen sie so tun, als hätten sie DM oder Gulden, darauf lauten ihre Gutschriften. Wenn der Staat damit konfrontiert ist: die Banken machen Kreditgeschäfte, da wächst zwar alles Mögliche, aber am Ende kann das Kreditgeld, mit dem sie wirtschaften, nicht mehr die selbe Warenmenge kaufen wie vorher, was macht er da? Als erstes fällt jedem Gewaltherrn ein, es zu verbieten. Aber damit würde er ja das Bankgeschäft lahm legen. Also erlaubt er deren Umgang mit dem Kreditgeld. Aber damit das Kreditgeld, das sie in die Welt setzen, immer noch seinen Wert behält, also den Gulden repräsentiert, den er als Währung will, verpflichtet er die Banken dazu, eine Proportion vom Kreditgeld in echtem Gold im Keller zu halten. Das sollte verhindern, dass nicht jedermann sich einfach im Kreis herum bereichern kann. Irgendwann haben sich die Staatsmänner von den Bankern dahingehend belehren lassen, dass die Notwendigkeit, echte Geldware aufzubewahren, 1. sehr teuer ist, weil da ja im Verhältnis zum veranstalteten Wachstum immer neues Gold rein muss, und 2. beschränkt es das Geschäft.

Heutzutage haben die Staaten da ein Einsehen und bemessen ihren „Gulden“ nicht mehr am Gold. Der Staat verfügt: Wenn das Kreditgeld der Banken immer so viel wert ist, wie es an Waren kaufen kann, und es kann so viel an Waren kaufen, wie insgesamt an Wachstum zustande kommt (von diesem wiederum inflationäre Prozente abzuziehen sind); also wenn das (Kredit-)Geld immer so viel wert ist, wie es leistet; wenn die Funktion des Geldes als Kreditzeichen eh die Hauptsache ist, auf die es hier ankommt, dann soll es so sein. Dann geht das in Ordnung, was die Banken eh machen, nämlich den Wert des Geldes nach seiner Funktion als Kreditzeichen bemessen. Wert des Geldes heißt nur, wie viel von einem soundso definierten Warenkorb kann man für eine soundso definierte Summe denn wirklich erstehen. Wenn die Preissumme dieses Warenkorbs steigt, dann ist das eben eine Wirkung der vom Staat gewollten Geld-Verwendung, dann stellt sich der Staat dazu: Funktion geht vor Sache. Das ist ein Prinzip, das durchzieht den ganzen Finanzkapitalismus, der besteht in nichts anderem, als dass die Funktion wichtiger ist als die Sache. Marx hat erklärt: Die Funktion beruht auf der Sache, nämlich dem Wert, der aus der Arbeit kommt. Aber dadurch, dass die Sache in Geld repräsentiert ist, ist sie von der Arbeit schon weg.

Am Punkt von vorher: Es ist nicht nur so, dass keiner merkt, dass Eigentum auf Arbeit zurückgeht, sondern jeder bezieht sich moralisch darauf: Hat jeder sein Geld verdient? Die bekennenden Moralisten, die Kapitalisten, beziehen es überhaupt auf ihre Fähigkeit, ihre Preise am Markt durchzusetzen. Da ist schon im Geld die Funktion wichtiger als die Sache. Deswegen sagt Marx schon im 3. Kapitel vom K I: Indem das Geld sich in den Warentausch einnistet, ist die Möglichkeit der Krise, das Auseinanderfallen des Warentausches, beschlossen. Das ist sein erster Hinweis darauf, dass hier die Funktion unter Umständen sogar die Sache oder gar die spätere Funktion die erste Funktion, nämlich den Warenaustausch zu vermitteln, stört oder kaputtmacht. Die Funktion des Geldes, zwischen den Waren wie ein Ölgötze zu stehen und größer zu werden, ist der Witz. Das Geld, in seiner Funktion, im Warentausch immer die vermittelnde Größe zu sein, ist dann aber auch selber der Zweck der Sache: Dann kommt das Geld, in seiner Funktion als Geld Zweck der Unternehmung zu sein, seiner Funktion, den Warentausch zu vermitteln, am Ende dazwischen. Was Marx so vorausraunend als Möglichkeit der Krise ausdrückt: eine Erscheinungsform davon ist die Inflation. Die deswegen um sich greift, weil sie von den Banken veranstaltet wird und der Staat als Aufpasser des Geldes, das bei ihm verdient wird, nicht mehr auf dem Standpunkt steht, das gehört beschränkt, sondern das soll so sein: Funktion geht vor Sache und hier heißt das: die Funktion des Geldes als Kreditzeichen ist wichtiger als dass es in seiner Eigenschaft als allgemeines Äquivalent immerzu Äquivalent, mit sich gleich bleibt.

Dieser Funktionalismus ist nicht einfach (wie ganz vorhin) nur eine falsche Anschauung, sondern damit wird ernst gemacht. Die Banken ersetzen das allgemeine Äquivalent durch ein Versprechen; lösen das Geld in die Funktion auf, Mittel seiner eigenen Vermehrung zu sein. Der Staat will nicht zulassen, dass darin die Potenz steckt, dass die Funktion für das eine, gegen das andere (das allgemeine Äquivalent) ausschlägt. Also sorgt er dafür, dass es zusammen bleibt. Das kann er nicht wertmäßig, quantitativ. Aber er sorgt dafür, dass das Äquivalent nicht aufhört, Äquivalent zu sein, auch wenn es in der Sache auseinander tritt. Der Repräsentant, der einzig gültige, der unbedingt verbindliche, leidet dann wertmäßig darunter. Das noch mal zu dem: der Staat sorgt nicht für die Qualität, sondern für die Quantität.

Es gab Zeiten, nach dem 2. Weltkrieg, da war von Staats wegen in Amerika dekretiert: Dollars sind in Gold eintauschbar; nicht von jedermann, aber Staaten konnten sich größere Dollarbeträge von der amerikanischen Notenbank in Gold auszahlen lassen. Heute gilt allemal: dass ein Staat dekretiert: bei mir gilt folgendes Zahlungsmittel, das hat einen Namen und seine Proportion zu den Waren, die man damit kaufen kann. Über die Proportion selbst entscheidet Kauf und Verkauf, aber in welcher Einheit das gerechnet wird, das entscheidet der Staat.

Die Verwendung des allgemeinen Zahlungsmittels als Kaufmittel nur für den Händewechsel von Waren, ist das Langweiligste. Das, womit der Kapitalismus in die Gänge kommt, ist der Gebrauch des Geldes als Kredit. Als Kredit verwandt, lässt sich das Zahlungsversprechen ersetzen. Diese Zahlungsversprechen lauten zwar alle auf das vom Staat dekretierte Geld (Gulden), aber die Banken gefährden durch ihre Wachstums-Politik die Stabilität des Zahlungsmittels, die Einheit, weil sie ein Wachstum finanzieren, das auch immer Teuerung mit einschließt. Dann kommen die Staaten zu der Unterscheidung von Wachstum und Teuerung. Die Welt ist in Ordnung, solange das Scheinwachstum nicht das ganze bezifferte Wachstum auffrisst. Wenn aber die Inflationsrate höher ist als die Wachstumsrate, dann reproduziert sich das Kapital nicht mehr und moderne Mathematiker berechnen ein „Minus-Wachstum“.

Zu dem Umstand stellt sich der Staat zwar kritisch – es gefällt ihm nicht, dass die Einheit immer weniger wert ist –, aber kritisch affirmativ: Wenn die, die das Geld maßgeblich verwenden, das auf diese Weise tun, dann soll eben die Funktion des Geldes als Kreditzeichen wichtiger sein als seine Stabilität als Zahlungsmittel. Dann darf man das ruhig so rechnen, dass die vom Staat dekretierte Einheit tendenziell immer weniger wert ist, weil das Geld selbst seinen Charakter geändert hat, vom ursprünglich produzierten allgemeinen Äquivalent zum Kreditzeichen. Marx hat diesen Übergang erklärt, indem er zwei Sachen festgehalten hat: 1. Ursprünglich ist Geld nichts als Wertsubstanz, aber 2. als solches ist es in einer dermaßen irrationalen Form, dass es glatt durch ein Stück Papier ersetzt werden kann.

Nächste Stufe: Im Kapitalismus kommt es zwar auf nichts als die Mehrung des Geld-Reichtums an – immerhin ermächtigt der Reichtum, der in Geld beziffert ist, einen Kapitalisten dazu, Produktionsmittel und Leute zu kaufen. Insofern bleibt Geld ein Machtmittel; ein Kommandomittel über Ware und Leute, die man bezahlt. Aber als dieses Kommandomittel darf es (und soll es) von den Banken ersetzt werden durch Kreditzeichen. Dann ist es wieder weg, nur ein auf den Zettel geschriebenes Versprechen. Da hat man die nächste Eskalationsstufe des Konflikts zwischen dem, was Geld wirklich ist, und seiner Funktion. Es bleibt Machtmittel, eine aus der Arbeit stammende Macht über Arbeit und Reichtum in der Gesellschaft, verbindlich vom Staat sanktioniert – aber wie viel davon, ist der Funktion als Kreditzeichen untergeordnet.

   — Der Staat verhält sich kritisch affirmativ, und zu den Banken muss man sagen, die verhalten sich praktisch affirmativ; nämlich geschäftsmäßig und preisen die Inflation einfach in ihren Zins ein.

Und sind damit nicht zuletzt selber die ordentlichen Sachwalter der Inflation. Wenn sie ihren Zins nach der Inflationsrate bemessen, dann bemisst sich auch die Inflationsrate am Zins.

Noch mal zurück: Warum kommt letztlich für den bürgerlichen Verstand nur der Staat als der Grund für Inflation in Frage? Da war die Erklärung: weil der Sachverstand theoretisch die funktionalistische Stellung nachvollzieht; also keine Ahnung davon hat, dass Geld der äußerliche, aber Repräsentant der ökonomischen Bestimmung der Warenwelt, nämlich Wert zu sein, ist. Diese Repräsentanz ersetzen sie durch ein äußerliches Entsprechungsverhältnis und kennen da Entsprechung und Nichtentsprechung. Von daher gibt es schon systematisch für die Nichtentsprechung zwischen der Geldmenge und der Warenmenge den Grund, dass jemand sich an der Geldmenge zu schaffen macht, die vergrößert, ohne dass er in Sachen Warenmenge Seines beiträgt.

Dieses Entsprechungsverhältnis hat zwei verschiedene Inhalte: Das eine vom Ausgangspunkt des Eigentums her. Wie ist dem bürgerlichen Verstand die Herkunft des Eigentums aus der Arbeit geläufig und wie nicht? Sie ist bekannt in der Form, Geld, das einer verdient, will redlich durch Leistung verdient sein. Das ist schon nicht mehr Arbeit im ökonomischen Sinn. Bei Leistung ist von Arbeit abstrahiert, weil alles Mögliche als Leistung gelten kann, und es ist beim Geld davon abstrahiert, wo es herkommt: von Arbeit. Die objektive Seite ist: es ist nur das neben der Produktion und Zirkulation immer bestehen bleibende Zeichen für geschaffenen Warenwert, nicht mehr dieser selbst. An dem Motto: Geld will ordentlich verdient sein, wird ein Entsprechungsverhältnis zwischen Leistung und Geld ideell gefordert: so muss es eigentlich sein. Es ist aber ein moralischer Gedanke. Wenn ein bürgerlicher Mensch versucht, dieses moralische Entsprechungsverhältnis irgendwie zu begründen, weshalb der Professor mehr verdienen muss als der Hausmeister, wird es immer komisch.

In der volkswirtschaftlichen Gesamtschau sieht die Leistung, die ein Kapitalist erbringt, so aus: Kosten auf sich zu nehmen, selber Geld zu riskieren und für dieses Verdienst einen Aufschlag auf seine Kosten zu verfügen. Als Normalform wird gefolgert: Kapitalisten verlangen ihre Preise und kriegen das, was der Markt hergibt. In dem Sinn ist das, was sie anzubieten haben und was sie an Geld dafür kriegen, im Prinzip im Gleichgewicht. Die Frage: Wo kommt das Geld her, wird nur tautologisch beantwortet. Dieser Kreislauf zwischen: einer verkauft, kriegt dafür das Geld, mit dem er wieder einkaufen geht, ist die ganze Erklärung, und lässt keinen Raum für Nichtentsprechung. Weil es die aber doch gibt, suchen die Fachleute: Wer ist der Schuldige; wo findet man wen, der Geld zuführt, ohne was geleistet zu haben? Jetzt waren sie schon so tolerant, beim Warenberg zu sagen: Ware und Dienstleistungen, weil wenn auch keine Ware geschaffen, irgendwas geleistet hat ja jeder. Beweis: Wenn er dafür Geld gekriegt hat, wird er was dafür geleistet haben und das wird dann schon das wert gewesen sein, was er dafür gekriegt hat. Das wird alles zusammenzählt als Sachen, die auf die eine Seite gehören und auf der anderen steht das damit verdiente Geld. Diese Tautologie ist ausbaufähig. Ohne den Gedanken: Arbeit schafft eigentlich den Wert, der im Geld existiert, wird alles, was irgendwie an Leistung erbracht wird, genommen als volkswirtschaftlich guter Grund für das Geld, das dafür bezahlt wird (nicht unbedingt als Quelle, der Gedanke ist denen fremd). So geht die Rechnung wieder auf. Auch alle normalen kommerziellen Schulden gelten als so etwas wie eine Leistung. Und wenn mit den Schulden was verdient wird, geht das irgendwie in eine nächste Stufe der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ein. Aber wenn das systematisch auseinander fällt (und speziell dann, wenn die Bereicherung mit Zinsen sich als 'fake' erweist, zumindest wie heute für die Sparkunden, die keine Zinsen kriegen), dann wird es ärgerlich, dann kommen sie auf den Staat als einen, der seine Schulden durch die Zentralbank finanzieren lässt.

Jetzt haben sich gerade unter diesem Gesichtspunkt – ein Vorgriff am Buch – auch moderne Wirtschafts- und Finanzpolitiker dazu entschlossen, die direkte Finanzierung des Staates durch die (wie es dann immer heißt) Gelddruckmaschinen der Notenbank zu verbieten. Und zu verlangen, auch der Staat muss sich sein Geld bei den Geschäftsbanken leihen, dann ist es wenigstens ans Geschäftemachen angekoppelt und dann ist das Verhältnis zwischen Leistung und Verdienst noch irgendwie in Ordnung. Dass sich die Banken, die dem Staat Geld leihen, bei der Notenbank refinanzieren können, ist schon etwas bedenklich. Das ist doch irgendwann eine Staatsfinanzierung durch die Notenbank, bloß auf den Umweg über die Geschäftsbanken. Da merken sie auf einmal, die Vorkehrung, es soll alles über die Kapitalmärkte laufen, ist eigentlich eine Augenwischerei. Heute hat man das Extrem, dass trotz heiß gelaufener Gelddruckmaschinen der Notenbanken keine Inflation zu verzeichnen ist, was bürgerliche Theoretiker aber nicht verlegen macht: 'Die Inflation droht auf jeden Fall – wenn die Notenbank das Geld nicht rechtzeitig wieder abschöpft'. (Ein Gedanke auf dem Niveau von Kapitän Blaubart, der den Ozeanstöpsel zieht, damit das Meer abfließen kann…)

Das sollten die beiden Nachträge zum letzten Mal sein. Das steht leicht fasslich im 1. Kapitel des Buches.

Es ist wichtig zu verstehen, dass sich das Funktionieren dieses Systems nur im Sinne der Marx’schen Analyse erklären lässt; diese liefert aber auch alle Übergänge, die die bürgerliche Welt macht. Dabei stellt sie sich völlig quer zu dem, was Geld und Kapital wirklich ist. Da bleibt vom Geld nur übrig: damit kann man was kaufen, vom Kapital nur: wer welches hat und es einsetzt, hat ein Recht darauf, dass es mehr wird, also die Funktionen des Geldes und des Kapitals werden festgehalten, weil die ja auch praktiziert werden, aber es sind (mindestens) Modifikationen dessen, was Geld und Kapital ihrer Herkunft aus Arbeit und Ausbeutung nach sind. Die ganze bürgerliche Welt ist dieses Doppelte aus Exekution dessen, was Geld und Kapital wirklich sind und (notwendige) Verfremdung davon. Bei Marx ist schon in den ersten Bestimmungen die Sache und die Verwandlung der Sache in die Funktion Thema – und auch, dass die Funktion der Sache sogar widerspricht. Die Sache ist das Geld, seine Funktionen setzen das, was das Geld bezeichnet, schon in große Anführungszeichen; die Sache ist die Vermehrung des Geldes in Kapital, aber die Vermehrung des Geldes macht bei der Stufe Finanzkapital als Kredit aus dem Kreditgeld ein Zeichen, das das, was dieses Geld als gesetzliches Zahlungsmittel repräsentiert, relativiert.

II. Das etwas andere Wachstum: Die Akkumulation des fiktiven Kapitals

Derselbe Gedanke ist für das ganze zweite Kapitel des „Finanzkapital“ zuständig – nachzuvollziehen an dem, was die Börse ist: Jeden Abend erfährt man das Neueste über den Börsenhandel, muss beim täglichen Zeitungslesen die Bleiwüste der Kurse von Wertpapieren und Aktien überblättern. Man weiß nicht, was da gezählt wird, aber die Relation ist wichtig, deswegen wird auch mitgeteilt, um wie viel % die Kurse gestiegen bzw. gefallen sind. Welche Schlüsse kann man ziehen aus der schlichten Tatsache, dass man jeden Tag neue Zahlen präsentiert bekommt, mit ihrer täglichen Auskunft an die Besitzer der Börsenpapiere, wie reich sie sind (oder wie viel sie verloren haben)? Die Zahlen (nicht mehr Schatzkammern) sagen etwas über den Reichtum dieser Gesellschaft; sie drücken das Geldvermögen aus, das einer hat. Der ständige Wechsel sagt etwas aus über den Wert, den diese Zahlen ausdrücken.

Da wird der ständig wechselnde Wert eines Wertpapiers (alle zwei Sekunden per Elektronik ermittelt) beziffert; woher bekommt ein Wertpapier überhaupt einen Wert? Eins ist klar: Die Funktion macht die Sache – der Wert ist hier nicht einer, der ein für alle Mal festliegt und dann stellt man was damit an, sondern ist eine Zahl, die den derzeitigen Reichtum eines Börsianers beziffert, den er aktuell in Geld realisieren könnte. Dieser Wert zählt nichts anderes nach als einen Zukunftswert, eine Erwartung, ein Versprechen, am Gewinn eines Unternehmens oder an der Steigerung seines Werts beteiligt zu werden (vorausgesetzt, es gibt sie). Die Funktion, das zu versprechen, begründet den Wert solch eines Papiers. Dieses Versprechen wird berechnet und da hat man dann die elementare Bedeutung dessen, was Marx (und das Finanzkapital-Buch) fiktives Kapital nennen, nämlich einen Wert, der nur daraus errechnet ist, dass er wie ein Kapital angesehen wird, obwohl er selber gar kein vorhandener Kapitalwert ist, sondern nur die Berechnung aus dem, dass man an einer Firma, deren Erträgen und deren Wert-Wachstum beteiligt ist.

Um aus der Funktion – Recht auf einen Anteil am Ertrag – eine Kapitalsumme zu machen, die dann den Wert des Wertpapiers ausmacht, braucht man außer der Aktien oder Anleihen mit Wachstumsversprechen ausgebenden Firma, eine zweite Größe, nämlich einen Zinsfuß, nach dem man das jetzt vom Ertrag hochrechnen kann auf eine Summe, die das abwerfen soll. Aber auch das ist noch nicht alles, denn dann kommt der ganze Funktionalismus der Geldgeier ins Spiel: Ist das Versprechen dieser Firma wirklich so solide wie der Zinsfuß einer Bank? Mit welchem Zinsfuß soll überhaupt verglichen werden? Spekulationen, Einschätzungen werden angestellt über die Firma und ihre (Gewinn)Aussichten und nicht nur über die, sondern auch über die Branche, in der sie angesiedelt ist bis hin zur Geschicklichkeit des Managements, u.a. was Erweiterungs- und Anlagemöglichkeiten in der eigenen und anderen Branchen betrifft usw. Am Ende schließt diese spekulative Bewertung eines Ertragsversprechens einen erklecklichen Teil des ökonomischen Geschehens weltweit mit ein, weil es mit all dem verglichen wird. Der einzelne Spekulant ist da überfordert, weshalb Einschätzungen solcher Art nicht nur vom Wertpapier-Besitzer angestellt werden, sondern die ganze Finanzkapitalgemeinde stellt immerzu in Bezug auf alle Papiere, die auf dem Markt sind, diese Berechnungen an und egal, welche Berechnungen der einzelne damit anstellt, die Konkurrenz dieser ganzen Gemeinde ergibt am Ende den Wert des Wertpapiers. Diese Gemeinde ist eine absurde Kombination aus extremstem Individualismus (jeder spekuliert allein und ist nur für das Seine haftbar) und gnadenlosem Kollektivismus in doppelter Hinsicht: alle anderen spekulieren mit rein in die Spekulation, und in die fließen die absurdesten Gesichtspunkte mit ein (aktuelles Beispiel: Entlarvungen auf Grundlage der „Panama“-Papiere).

An der Börse entscheidet sich also

1. jeden Tag neu, wie es um den Geldreichtum der Welt (von Versicherungen, Rententrägern, Hedge-Fonds) steht. Wie reich die Reichen dieser Welt sind, ist eine Kombination aus individueller Berechnung der Spekulanten und einer gnadenlosen Konkurrenz, an der alle beteiligt sind (ohne sich unbedingt immer als Konkurrenten zu wissen) – am schönsten dann, wenn ein Großteil dieser Mafia auf dasselbe Wertpapier setzt – der sog. „Herdentrieb“– und es so in ihrer Konkurrenz gegeneinander in seinem Kurs hochtreibt. Die Funktion generiert die Sache und hier ist die Funktion die Präsenz jeder (börsennotierten) Firma mit ihrem Gewinn- und Wachstumsversprechen auf dem weltweiten Markt der Vergleiche von Finanzanlagen.

2. Was heißt das für die Firmen, deren Papiere an der Börse gehandelt werden? Was für ein Akt ist die Emission eines Wertpapiers? Wenn eine Firma Gewinnversprechungen macht, dann ist das eine haltlose Zusage, weil eine für die Zukunft und die wird verkauft. Ihr Gewinnversprechen rechnen sie selber um in einen Kapitalwert, für den sie Geld verlangen können. Wenn man eine Wertpapier-Emission mit dem vergleicht, was im 1. Kapitel Thema war: eine Bank verleiht Geld und kassiert dafür Zins, dann ist Letzteres ein ziemlich biederer Vorgang: Man kann noch unterscheiden, da wird eine Geldsumme verliehen; dafür, dass diese aus der Antizipation des Ergebnisses besteht, muss die Bank geradestehen, was i.d.R. kein Problem ist und der Kapitalist muss das geliehene Geld mit Zinsen zurückzahlen. Beim Wertpapier tritt die Firma auf als gute Geldquelle, also die Funktion, die die Firma sich selber zuspricht als Geld verdienendes Unternehmen, wird von ihr zum Angebot gemacht. Was heißt das für die Firma? Sie begibt sich damit in die gerade geschilderte Konkurrenz der Geldkapitalisten. Wie viel ihr Versprechen der Gelderwirtschaftung für die finanzkapitalistische Welt zählt, ergibt sich erst an der Börse – das heißt für sie selber, wie viel Geld ihr zufließt, mit dem sie dann wirtschaften kann, ergibt sich aus der Konkurrenz an den Welt-Finanzmärkten, aus deren Bewertung ihrer Papiere (das gilt nicht nur für ‚start-ups’, sondern für jede Firma mit ihren diversen geschäftlichen Vorhaben, für die sie Kapital braucht). Dieses Kapital ist also das Derivat aus der Bewertung ihrer Papiere. Für die Firma selbst spielt die Funktion auf dem Finanzmarkt auch den Reichtum ein, der als Vorschuss für das Geschäftemachen fungiert.

Es ist daher von Anfang an eine Frage des konkurrierenden Vergleichs an den Börsen, über wie viel Kapital eine Firma überhaupt verfügt und das wiederum ist ihr Konkurrenzmittel, mit dem sie an ihren Märkten antritt (also eine Verdoppelung der Konkurrenz): Diese Konkurrenz hat neue Qualität, weil sie über die Fähigkeit der Firmen zum Konkurrieren entscheidet. Was eine Firma da ausrichtet, geht dann mit ein in die Bewertung ihrer Papiere und damit des Reichtums, mit dem sie selber wirtschaftet. Die Macht einer Firma, auf ihren Märkten zu konkurrieren, ist und bleibt eine abgeleitete Größe aus der Konkurrenz, die mit ihren Papieren und um ihre Papiere permanent tobt. Diese Konkurrenz hat eine neue Qualität, weil sie über die Fähigkeit der Firmen zu konkurrieren, entscheidet und das geschieht durch eine Konkurrenz aller Geldbesitzer unter Beachtung von allem, was an Geldverdienen in dieser Welt stattfindet: Das Geldverdienen in der einen Firma wird ins Verhältnis zum Geldverdienen in allen anderen Firmen gesetzt.

Schon Marx hat festgestellt, dass es ein Irrsinn ist, woran diese Konkurrenz an den Kapitalmärkten sich orientiert, nämlich an allem, was irgendwie Einfluss auf die Geschäftstätigkeit der Firmen nimmt bzw. zu nehmen scheint: unter Zuhilfenahme der verrücktesten Kriterien (‚Ist der nächste US-Präsident eine Frau oder ein Mann’?) wird um den Wert dieser Papiere und damit der Firmenwelt dauernd konkurriert. Diese Konkurrenz leistet eines: sie etabliert in all ihrer verrückten Vielfalt in der Welt einen einzigen Gesichtspunkt, unter dem die Firmen verglichen werden, nämlich: was geben sie für diese Konkurrenz her? – Wie viel Geld die Firma verdient, was für Projekte sie sich vornimmt, sogar was sie produziert, entscheidet sich pur daran: Wie sieht die Konkurrenzlage auf den Finanzmärkten gerade aus?

Marx erklärt: In der Konkurrenz der Kapitale gleichen sich die Profitraten aus. Das hat bei ihm zwei Bedeutungen: 1. Es kommt ausschließlich auf die Profitrate an, 2. Das Kapital geht immer da hin, wo am meisten zu verdienen ist. Und weil das ständig passiert, werden alle Unterschiede im Profitmachen bei den Firmen dauernd umgewälzt. Wenn Marx leicht ironisch anmerkt: ‚Das gleicht sich aus’, dann will er damit sagen: Wenn die Anarchie der Märkte etwas „ausgleicht“, dann besteht das Ausgleichen immer darin, ein neues Durcheinander anzurichten, immer neue Unterschiede hervorzubringen: Es ist notwendig, dass die Kapitalisten mit ihrer Gewinnrechnung immer dem höchstmöglichen Gewinn am Markt hinterher laufen. Das, was sie damit in der Sache machen, ist: sich streiten um das, was Marx gleich am Anfang vom K I analysiert: Wert und Mehrwert. Zuwachs an in Geld beziffertem Reichtum erzielen Kapitalisten dadurch, dass sie Arbeit benutzen, die Produkte hervorbringt, in denen Mehrwert enthalten ist (also Arbeitsprodukte, von denen die, die die Arbeit geleistet haben, nur einen Teil bekommen, der Rest gehört dem Kapitalisten). Das ist das wirkliche Maß dessen, was ein Produkt kosten kann; das widerspricht völlig der Gewinnrechnung jeder einzelnen Firma, denn die rechnet nach Kosten und Aufschlag. Bei deren Rechnung verschieben sich die Relationen in dem Verhältnis zwischen dem, was in den Waren als Mehrwert steckt und was sie dafür an Geld auf dem Markt erlösen, und das kann gar keine Gleichung sein (leitet Marx ab). Dass der Mehrwert von dem versilbert wird, der ihn hat schaffen lassen, kann nicht sein – das weicht systematisch voneinander ab, weil alle Kapitalisten nicht Wert und Mehrwert ins Verhältnis setzen, sondern Unkosten und Zuschlag. Dass jede einzelne Firma nicht nur so rechnet, sondern diese Rechnung in die Zukunft verlängert und sich über sie mit den anderen Firmen vergleicht und vergleichen lässt, entscheidet darüber, wie die Firma in ihrer Konkurrenz dasteht. Dann entscheidet das also auch darüber, wie sich das verteilt, was an laufend produziertem überschüssigem, nämlich zuschüssigem Kapital auf der Welt geschaffen wird.

Der Marx’sche Satz: „Die Kapitalisten konkurrieren um die Verteilung des Mehrwerts“ gibt erstmal das Rätsel auf, wie das gehen soll, da sie weder Wert noch Mehrwert kennen und mit ihren Geschäften dahin rennen, wo ihre obige Kalkulation, wo am meisten rauszuholen ist, aufzugehen scheint. Marx hält daran fest: Alles ist in letzter Instanz gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als Quelle von Geld – der Kapitalismus ist eine Produktionsweise und keine Spekulationsaffäre. Und auch alle Spekulation ist der Vollzug einer Produktionsweise, deren Reichtum als Geld bestimmt ist. Um dieses Geld, das über die jeweils anfallenden Kosten hinaus zu verdienen ist, wird also konkurriert. Das – wie der Wert die Substanz des Geldes bestimmt hat – ist gewissermaßen die ökonomische Sache, um die es im globalen Kapitalismus geht – das ist die Sache, um die auf allen Ebenen und mit allen Mitteln konkurriert wird. Aber weil die Sache eben das Geld ist und das Geld als Kapital und das Kapital als Kredit und der Kredit als Wertpapier und das Wertpapier als Stoff eines Finanzmarkts fungiert, vollzieht sich die Konkurrenz um das Geld, das das Kapital schafft und sich aneignet, eben auf dem weltweiten Finanzmarkt in all seiner Verrücktheit.

Das ist jetzt eine andere Formulierung dessen, was vorher Thema war: Die Funktion geht vor Sache. Die Sache ist: Es ist eine Produktionsweise, deren Zweck als Ding vorliegt. Die Erklärung des Kapitalismus – die Abfolge im „Finanzkapital“ – bezeichnet Eskalationsstufen davon, dass wirklich niemand hierzulande sich so aufführt, als würde man zusammen eine Produktionsweise betreiben. Auch beim Phänomen Inflation: Es bleibt dabei: Geld ist der Repräsentant dessen, dass die Arbeitsteilung nach dem Wertgesetz vollzogen wird. Zugleich wird das nicht nur nicht so gesehen, sondern auch als etwas ganz anderes gehandhabt und zwar notwendigerweise, weil das in ihrem Stoff so drinsteckt. Das heißt umgekehrt: mit dieser verrückten Konkurrenz vollziehen sie nichts anderes als diese Produktionsweise. Und da, wo endgültig nichts mehr produziert wird, auf den Finanzmärkten, wird über die Produktion entschieden. Aber Kapitalismus ist kein Spekulantentum, sondern eine Produktionsweise.

Der Witz dabei ist: Was ist denn die Sache (s. Anfang), um die da konkurriert wird? Die Sache, die Marx als gesellschaftlich notwendige geronnene Arbeitszeit erklärt, macht sich darin bemerkbar, dass das Geld Macht verleiht, nämlich Kommandogewalt über alle produzierten Sachen und über die Arbeit selbst. Der Witz am Geld stammt aus dem, dass es aus der Arbeit kommt und diese gesellschaftliche Tätigkeit (samt der Anstrengung und Mühsal, der Natur den Lebensunterhalt abzuringen) repräsentiert. Das verwandelt sich im Geld in eine Kommandogewalt über Reichtum und über eine Menschheit mit Willen und Bewusstsein, die Geld verdienen muss. Dass Geld die verdinglichte Kommandogewalt über Sachen und Willen auf dieser Welt ist (vgl. GS-Buch zu „Arbeit und Reichtum“), macht die Substanz der Sache aus, um die es die ganze Zeit geht und um deren Aneignung in größtmöglichem Maß die Kapitalisten konkurrieren. Denn diese private Kommandogewalt hat selber ein Maß, ist quantifiziert in den Zahlen auf den Geldscheinen oder Konten, ist vom Staat geschützt und in ihrer funktionalen Existenz anerkannt. Das ist die Sache, um die konkurriert wird – wie um die konkurriert wird, spielt sich getrennt ab von dem, wie eine solche Gewalt überhaupt als private Macht in die Welt kommt, aber als Konkurrenz um genau das spielt sie sich ab in den Formen des ewigen Vergleichens von Wertpapieren und was einer dafür zu zahlen bereit ist. In den Wertpapieren wird gesellschaftliche Gewalt in der Form des Versprechens, dass diese Zuwachs erfährt, zum Tauschgegenstand. Die Konkurrenz um diese Tauschgegenstände ist die Art und Weise, wie Kapitalisten um Kapitalmacht konkurrieren – im Buch wird mit dem häufig wiederholten Stichwort ‚Finanzmacht’ daran erinnert.


© GegenStandpunkt Verlag 2016