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Jour fixe vom 04.04.2016 zum Buch „Das Finanzkapital“

1. Kapitel: Die Basis des Kreditsystems

Heute soll für das 1. Kapitel eine Einordnung über das vorgestellt werden, was derzeit auf der Welt passiert. Diese Einordnung nimmt Bezug auf Marx: zum Geld, Kapital und Kreditgeld. Als Exkurs wird vorgestellt, inwiefern bei Marx der Begriff der Sache schon enthalten ist, der hier behandelt wird. Am nächsten Montag (11.04.) können Fragen in Bezug auf das 1. Kapitel gestellt werden. Ansonsten ist das 2. Kapitel Thema. Für den Mai (11.05.) ist das 3. Kapitel und 4. Kapitel vorgesehen. Auf jeden Fall sind Fragen zum Verständnis und Einwände erwünscht.

Aus dem, was derzeit in Sachen Finanzkapital zur Kenntnis gebracht wird, lassen sich alle Schlüsse ziehen, die im 1. Kapitel vorgetragen werden. Was erfährt man über das Finanzkapital heute in Europa? Es sind Auskünfte über eine Krisensituation, also über etwas Anormales: Es gibt für Sparguthaben so gut wie keinen Zins; auch wenn Girokonten noch nicht mit einem Negativzins belastet werden, fallen Gebühren dafür an, damit die Banken etwas verdienen. Zu dieser Ausnahmesituation gehört, dass die EZB – die kollektive Notenbank der Euro-Länder – die Bankenwelt im Euro-Raum mit viel Geld ‚flutet’. Die Zwecksetzung dieser EZB-Politik („Quantitative Easing“, Anleihekäufe der EZB im Wert von insgesamt über 1 Billion €, die Emissionen werden ab April 2016 von 60 auf 80 Milliarden Euro mtl. bis 2017 erhöht, der Leitzins auf 0,0 gesenkt) wird auch verkündet. Diese „Sonder“-Kredite sollen die Banken mit einem Geld ausstatten, das bei der Bankenwelt zwei Effekte erzeugen soll: Erstens soll es den Banken bei der Refinanzierung ihrer Schulden helfen; zweitens werden die Banken angehalten, ihrerseits mit Krediten die Konjunktur im Euro-Raum anzuschieben. Dies sind Mitteilungen über Zweck und Mittel der EZB in Bezug auf eine Bankenwelt, deren Krise daran abzulesen ist, dass sie so gut wie keine Zinsen mehr zahlen und keinen guten Grund finden, ihrerseits Geld zu verleihen.

Dieser Ausnahmesituation kann man für den Normalfall eine generelle Auskunft über das Verhältnis zwischen Bankgeschäft und dem, was man Konjunktur nennt, entnehmen (Konjunktur ist der Sammelbegriff für das ganze Geschäftsleben kapitalistischer Nationen, von dem das Geldverdienen und damit der Lebensunterhalt der Gesellschaft abhängt).

Welche Schlüsse kann man aus der EZB-Politik der letzten Jahre ziehen?

1. Vom Standpunkt der EZB, die den Euro emittiert und verantwortet, lebt alles Geldverdienen von einer anständigen Kreditvergabe. Das ganze Geschäftsleben in einer kapitalistischen Nation fängt mit Kredit an und hört logischerweise, weil Kredit nur verliehenes Geld ist und sich für die Bank rentieren soll, mit der Bedienung des Kredits nicht auf (erste Seite des Zirkels). Denn das Aufhören ist immer nur der Startpunkt für das nächste Ausleihen. Der Kredit ist keine einmalige Verlegenheitslösung, die mit einem erfolgreichen Geschäft beendet wäre. Der Kredit ist Ausgangspunkt und Kreditbedienung die Einlösung dieses Vorschusses durch ein gelungenes Geschäft, damit es neu weitergeht. Das heißt, er ist eine Dauereinrichtung.

Aus dem, was die EZB praktiziert und dazu verkündet, kann man schließen, dass ein kapitalistisches Geschäft nie mit dem anfängt oder aufhört, was ein Kapitalist in eigener Verfügung hat. Die kapitalistische Geschäftswelt ist eine, in der alle Geschäfte über ihre Verhältnisse leben: Die Unternehmer fangen nicht mit eigenem Geld an und hören mit einem vermehrten auf, sondern sie fangen mit Schulden (Kredit) an und hören mit der Bedienung der Schulden auf – damit sie neue Schulden machen können. Daraus ist der Schluss fällig, dass das kapitalistische Wachstum, das so zustande kommt, nicht einfach die Leistung derer ist, die es vollziehen sollen, sondern dieses Wachstum steht im Dienste des Bankkapitals und des von ihm in die Welt gesetzten Kredits.

Alle Vorstellungen, wozu der Kapitalismus taugt (z. B. Arbeitsplätze schaffen, das Lebensnotwendige produzieren) sind offiziell dadurch zurückgewiesen, dass die EZB die ganze Gesellschaft mit Kredit ausstattet, der das eigentliche Lebensmittel dieses Systems ist. Mit Schulden anfangen und mit Schuldenbedienung aufhören, gibt Auskunft darüber, wozu das System eigentlich gut ist.

2. Dauernde Schuldenbedienung, mit der die Geschäftswelt (die „wieder anzukurbelnde Konjunktur“) den Kredit, den sie bekommen hat, erstattet (um dann wieder neuen Kredit aufnehmen zu können), gilt ebenso für die Bankenwelt. Die Bankenwelt hat nicht einfach Geld übrig und leiht es aus. (Das alte Bild des Wucherers, der übriges Geld dem Bauern leiht, um ihm die letzte Kuh zu pfänden – ist überholt). Wenn das, was die Banken kreditieren, darauf berechnet ist, dass die Schulden, welche die Geschäftswelt bei ihnen macht, bedient werden, dann hat das im Geschäft der Banken Verliehene selbst den Zweck und hängt davon ab, dass es bedient wird. Das Geschäft der Banken funktioniert nach demselben Muster wie das Geschäft, das sie finanzieren. Die Banken machen selbst, auch wenn sie derzeit nichts dafür zahlen, bei der ganzen Geschäftswelt und bei jedem Spar- und Girokontoinhaber Schulden. Sie stellen damit die Weichen dafür, dass die ganze Geschäftswelt mit mehr Geld wirtschaften kann, als sie hat. Sie tun das in Hinblick darauf, dass die Schuldenbedienung erfolgreich ist und der von ihnen vergebene Kredit (und das, was mit ihm angestellt wird), den von ihnen aufgenommenen Kredit rechtfertigt. Das ist jetzt der fertige Zirkel. Die Banken gründen ihr Kreditverhältnis zum Rest der Welt darauf, dass sie als Mit-Nutznießer des kreditierten Geschäfts die Mittel, die sie in die Welt gesetzt haben, wieder „refinanzieren“, also wieder in die Hand bekommen.

Die Kreditverwendung durch die Banken ist nicht nur für die Geschäftswelt ein Sachzwang. Es ist ebenso ein Sachzwang, dass der Zirkel gelingt – das gilt auch für die Banken als „universellen Schuldner der Gesellschaft“ (Marx). Auch sie leben als Schuldner über ihre Verhältnisse und sind darauf angewiesen, dass der von ihnen vergebene Kredit durch seine erfolgreiche Bedienung gerechtfertigt wird. Wie jeder Zirkel fängt dieser nirgends an und endet nicht, sondern funktioniert nur, wenn er laufend weitergeht. Das eigentlich Interessante an diesem Zirkel ist die Auskunft über den Kapitalismus, der immer schon die Früchte der Akkumulation zum Mittel für ihre Fortsetzungen macht: Dass dieses Wachstum funktioniert und das Funktionieren zugleich nötig macht.

Also für beide Seiten – Geschäftswelt und Bankenwelt – wird ihr Interesse zum Sachzwang: Der Kapitalist geht, um Geschäfte zu tätigen, ein Verhältnis zur Bankenwelt ein: Er leiht sich Geld und seine Geschäfte müssen dieses Geld abwerfen, damit er seine Schulden bedienen kann und er wieder (größeren) Kredit erhält für das nächste (größere) Geschäft. Genauso funktioniert das Kreditgeschäft der Banken: sie leihen sich Geld in der Gesellschaft, damit sie ihre Kreditgeschäfte veranstalten können. Die Bedienung der von ihnen vergebenen Kredite ist zur Rechtfertigung ihrer weiteren Kreditgeschäfte notwendig. Dass sie sich an dem Kredit, den sie vergeben, bereichern, ist auch wieder ein Sachzwang für das Wachstum ihres Geschäfts. Ihr Erfolg muss das viele Geld rechtfertigen, das sie für ihr Wachstum verliehen haben, deswegen muss auch die bayrische Raiffeisenbank irgendwann in Panama Geschäfte machen.

Deswegen spielt in diesem ersten Kapitel der Gesichtspunkt der Rechtfertigung des Kredits die entscheidende Rolle. Das gilt für die von den Banken kreditierte Geschäftswelt genauso wie für die Banken als Kreditvergeber. In diesem Stichwort (Rechtfertigung) soll Interesse und Sachzwang am Wachstum zusammengeschlossen sein.

3. Wie hart dieser Sachzwang wirkt, zeigt sich daran, was die suprastaatliche Institution EZB und seit 2008 die Regierungen der EU für nötig gehalten haben, um das „systemische“ Bankgeschäft zu retten. An deren Maßnahmen war abzulesen, dass nicht nur einzelne Geschäfte kaputt gingen, sondern ein Großteil der Banken betroffen war. Wenn der Zirkel der Rechtfertigung des Banken-Kredits durch seine Verwandlung in Kapital – also in akkumulierendes Kapital – misslingt, dann misslingt offensichtlich nicht einfach nur irgendein Geschäft, sondern der Fortgang der ganzen kapitalistischen Wirtschaft steht in Frage. Wenn der Zirkel der Rechtfertigung durchbrochen ist, können nicht einfach „kleinere Brötchen gebacken werden“, eine Branche geht pleite und der Kapitalismus reproduziert sich auf einer Stufe niedriger, sondern dann steht die ganze Gesellschaft und die „Geldversorgung“ in Frage, dann fehlt der Wirtschaft ihr Lebensmittel. An dem merkt man die drei wesentlichen Attribute für die Rechtfertigung des Bankkredits: Er ist für das kapitalistische Wachstum unentbehrliche Bedingung, Lebensmittel – und damit auch der Zweck.

Offenbar ist der ganze Kapitalismus dafür da, die Kreditvergabe der Bankenwelt zu rechtfertigen. Und die Banken selber sind für nichts anderes da als für das, was sie an Kreditvergabe und Eintritt in diesen Zirkel leisten: ihr Wachstum. Der Dienst an der Geschäftswelt, den sie damit erbringen, ist ein Dienst an ihnen selbst. Aber das ist ein Dienst, der erfolgreich sein muss, sonst gehen sie selbst kaputt. Diese drei Schlüsse können aus der derzeitigen Ausnahmesituation an den Finanzmärkten und der Politik der EZB auf den Normalfall des kapitalistischen Geschäftslebens und der Eigenart des Kredits gezogen werden.

4. Zum vierten, vielleicht noch härteren Argument gelangt man über die Frage: „Wie kommt die EZB dieser Krisenlage bei?“. „Was ist die EZB überhaupt für eine Institution?“. Diese steht nicht im Kredit-Verhältnis zur normalen Wirtschaft. Der Witz ist, dieser ganze Kreditzirkel ist darauf angewiesen, dass er funktioniert. Solange er funktioniert, wird immer mehr Kredit durch mehr Erfolg gerechtfertigt und der gerechtfertigte Kredit ist die Startbasis für die nächste Geschäftsetappe. Wenn das unterbleibt, dann bricht dieser Zirkel zusammen. Alle Beteiligten haben Schulden und wissen nicht, wie sie die bedienen sollen: Die Unternehmer wissen nicht, wie sie ihre Schulden bei den Banken bedienen sollen; wenn die Banken von ihren Schuldnern nichts mehr kriegen, sind sie als Gläubiger aufgeschmissen; weil sie auf der anderen Seite die Schuldner der übrigen Geschäftswelt sind, reißen sie auch diese mit rein.

Das war vor 7 ½ Jahren das Extrem. Die EZB und die Politiker als ihre Auftraggeber haben damals interveniert und erklärt, dafür zu sorgen, dass die Banken wieder an Geld kommen und der Kreislauf des Kredits weitergeht. Wenn in dieser Lage Kanzlerin Merkel erklärt, dass der Staat das Vorhandensein von Geld weiterhin garantiert, ist der erste Schluss fällig: „Offenbar ist fraglich, ob es das Geld noch gibt, wenn die Refinanzierung der Banken nicht funktioniert“ – und es nützt einem gar nichts, dass man noch Zahlen auf seinem Konto stehen hat.

Der Kreislauf selber ist kaputt, aber die in der EZB vereinigte Geldhoheit von 15 EU-Staaten wollte diesen GAU nicht stattfinden lassen. Sie stiftet stattdessen einen Kredit für die Banken, der nichts mit dem ökonomischen Kreislauf zu tun hat. Die Politik stiftet (frech) hier Liquidität als Ersatzvornahme für den gescheiterten Kreditzirkel (Kredit ohne ökonomische Rechtfertigung). Wenn die Staatsgewalt den kaputten Kredit ersetzen kann, wirft das ein interessantes Licht auf den ganzen kapitalistischen Reichtum, auf den Kredit als Geschäftsmittel der Banken und der Geschäftswelt. Wenn nämlich ein Machtwort der Kanzlerin dafür sorgt, dass Banken und Geschäftswelt weiterhin mit Kredit (Liquidität) versorgt werden, dann ist offenbar die ganze Ökonomie eine Gewaltfrage und der im Geld verkörperte Reichtum seiner Substanz nach ein Gewaltverhältnis. Dann scheint der Witz an diesem Geld auch das zu sein, was Marx im 3. Kapitel vom K 1 über das Geld geschrieben hat: „ein Stück gesellschaftliche Macht“.

Diese Reduktion auf ein bloßes Gewaltverhältnis – ein politisches Machtwort, das Geld ersetzt – soll zugleich die absolute Ausnahme sein. Die Politik setzt darauf, dass die von ihr gestiftete Liquidität, also ein ökonomisch nicht gerechtfertigtes Geld, den Kreditzirkel wieder in Gang setzt, d. h. die Konjunktur wieder anspringt. Der politische Zweck ist, dass aus dem Machtwort der Regierenden, vollzogen durch die Kreditversorgung seitens der EZB, wieder ein Kreditverhältnis wird, das durch erfolgreiche Geschäfte wieder ökonomisch gerechtfertigt ist. Da erfährt man dann abschließend noch etwas über dieses eigentümliche symbiotische Verhältnis. Hier nach der Seite der staatlichen Gewalt, als einer zum ökonomischen Kreislauf des Kredits externen Größe, die mit ihrer Gewalt den Kredit glatt ersetzen kann, wobei es aber überhaupt nicht bleiben soll. Sondern es wird mit der Absicht verbunden, dass der Ersatz das Werk tut, das er ersetzt, nämlich das Werk des richtigen kommerziellen Kredits.

Das kann man alles der EZB-Politik der letzten 5 Jahre entnehmen: Dafür "flutet sie die Geschäftsbanken mit Geld". (Man merkt die ekelhafte Rolle der Metaphorik in den öffentlichen Verlautbarungen.) Diese alberne Vorstellung einer (fruchtbaren) Flut ersetzt jeden Gedanken über das Verhältnis zwischen Ökonomie und Gewalt, das da immerhin deutlich erkennbar vollzogen wird. Der Ausnahmesituation ist zu entnehmen, dass sich die Kompetenz der EZB (beauftragt durch die zuständigen Regierungen), auch auf eine so großflächige Ersatzvornahme erstreckt, wenn der Kreditzirkel nicht funktioniert. Was für einen Rückschluss auf den Normalfall lässt das zu? Was hat die EZB zu tun, wenn mal keine Krise ist? Interessant ist: zu diesem 'Fluten' sagt (nicht nur) der EZB-Chef: "Damit bewegen wir uns innerhalb unseres Mandats"; wo doch die Verletzung unübersehbar ist: er ersetzt den Kreditzirkel gerade. Das ist nicht die normale Auftragslage der EZB, aber er behauptet es glatt.

An dieser Ersatzvornahme hat man lernen können, wie das Verhältnis zwischen der EZB und den Geschäftsbanken funktioniert. Was hat sie dann zu tun, wenn der Kreditzirkel klappt, wenn die Banken aus eigener Macht alles das reproduzieren in ihrem Verkehr mit der Geschäftswelt, was die für das Wachstum ihrer Geschäfte brauchen? Im Normalfall funktioniert das ganz gut ohne den Staat. Die Banken schaffen Kredit, geben ihn in die Welt und rechtfertigen ihn durch die erwirtschafteten Erträge und ihren Anteil daran. Was hat in diesem funktionierenden Verhältnis dann so eine Instanz wie die EZB überhaupt zu suchen? Sie kann offensichtlich nur die Feuerwehr für den Extremfall sein, weil sie der Helfershelfer für den Normalfall ist. Die normale Auftragslage ist schon auch ein Kreditierungsverhältnis zwischen der öffentlichen Gewalt (zusammengefasst in der EZB, die die Geldhoheit der Staaten übernommen hat, deren Hoheit, Geld zu dekretieren, zu bestimmen, was hier als Geld gelten soll) und der Bankenwelt.

5. Was ist von Draghis Spruch zu halten, er vollzieht damit nur den Auftrag, der in den Statuten der EZB steht, den Wert des in dieser Gesellschaft verwendeten Geldes stabil zu halten? Da ist ein ganz schlichter Rückschluss fällig: All der Kredit, den die Banken schaffen, all das Geld, mit dem sie die Geschäftswelt ausstatten, hat eine stoffliche Existenz, nicht unbedingt in Bargeldbündeln, aber in einer Währung, die einen Namen hat; in einer Geldgröße. Hierzulande ist das der Euro und der ist so und soviel wert im Verhältnis zu anderen Währungen. Die Geschäftstätigkeit der Banken bedient sich eines Kreditgeldes, also eben eines Stoffes für ihre Kreditvergabe, den sie nicht selbst erfunden haben. Mehr noch: es besteht sogar ein Unterschied zwischen dem, was die Banken, wenn sie Kredit vergeben, selbst leisten, und dem, was der Staat dazu tut. Dazu muss man den Blick darauf richten, mit was für einem Stoff sie buchstäblich die kreditierte Geschäftswelt ausstatten. Bisher wurde nur vom Kredit geredet als der Macht, mit der in dieser Welt gewirtschaftet wird. (Der Schluss auf das Gewaltverhältnis ist an der EZB hoffentlich deutlich geworden.) Was ist das für eine Aktion, mit der der Kontoinhaber einkaufen gehen kann? Was ist das, womit man im Supermarkt zahlt (und die Schlange an der Kasse aufhält, weil man die Geheimzahl nicht weiß)? Womit da gezahlt wird, ist nichts als die Erklärung der Bank: sie steht dafür gerade, dass auf dem Konto was drauf ist und mein Einkauf auf das Supermarkt-Konto umgebucht wird. Es sind genau genommen Zahlungsversprechen der Banken. (Das merkt man spätestens dann, wenn die Raiffeisenbank, bei der man sein Konto hat, pleite geht und die Geldübertragung auf das Supermarkt-Konto unterbleibt.)

An dem Extremfall merkt man, was das für ein seltsamer Stoff ist, mit dem hierzulande alles bezahlt wird. (Demnächst wollen sie einem ja sogar das Bargeld wegnehmen. Dazu finden interessante Überlegungen statt, wie: Dann gäbe es kein Schwarzgeld mehr etc. Das ist eine unzureichende Vorstellung für das, was da eigentlich Sache ist.) Das eine: es ist nichts anderes als ein Zahlungsversprechen der Bank. Solange deren Kreditzirkel klappt, können die Banken für ihre Zahlungsversprechen einstehen, und keiner merkt, dass er eigentlich mit nichts anderem als der Kreditwürdigkeit seiner Bank seine Einkäufe bezahlt. Das andere aber ist: es ist immer noch ein Unterschied zwischen dem Versprechen der Banken – dass das, was auf dem Konto liegt, auch wirklich eine Sache ist, mit der man einkaufen kann – und der Sache, die versprochen wird. Letztere ist ein Monopol der zuständigen Notenbank (deswegen heißt sie so). Das Geld, auf das die Zahlungsversprechen der Banken lauten, heißt Euro. Dieses Geld gibt die Zentralbank heraus. Der ganzen Form nach unterscheidet es sich zwar nicht von einem bankmäßigen Zahlungsversprechen: die Geschäftsbanken haben bei der Zentralbank auch (nur) ein Konto, und eine 20-Euro-Banknote ist auch (nur) ein Zettel, bei dem wichtig ist, dass die Unterschrift vom Draghi draufgedruckt ist. Er hat im Auftrag der Staaten unterschrieben, die diese EZB gestiftet haben, dass eine Sache, die von einem bloßen Zahlungsversprechen nicht zu unterscheiden ist, die nur ein Zettel ist oder nur eine Zahl auf dem Konto (hier der Geschäftsbanken auf ihrem Konto bei der Zentralbank), nicht nur ein Zahlungsversprechen ist (obwohl es nur das ist), sondern dass dieses Zahlungsversprechen die Qualität eines gesetzlichen Zahlungsmittels hat. Da erkennt man wieder das Werk der Staatsgewalt: Nur die selbst erlässt in Bezug auf die Produkte der EZB das Dekret: das, was die EZB ununterscheidbar von einem bankmäßigen Zahlungsversprechen in die Welt setzt, ist gesetzliches Zahlungsmittel, ist die Materie, mit der alle Schulden eingelöst werden.

Das Normalverhältnis der Notenbank zu den Geschäftsbanken ist: sie verspricht das Geld (mit ihren Zetteln) im Verkehr mit den Geschäftsbanken, sie klinkt sich ein in das Refinanzierungsgeschäft der Banken, sie beteiligt sich (über gesetzliche Gewalt) an deren geschäftlichen Kreditzirkeln, es gilt ein Gesetz: jede Geschäftsbank muss ein so und so großes Konto (die Konditionen sind hier egal) bei der Zentralbank unterhalten (sie muss gewissermaßen auf den Kredit der Zentralbank zugreifen). Und das Entscheidende ist, der Stoff, womit sie sich einklinkt, hat kraft Gesetz – also als pure staatliche Gewalt – nicht mehr den Charakter eines bloßen Versprechens, das gegen etwas anderes noch einzulösen wäre, sondern erhält die Qualität der Einlösung. In dem Fall findet kein Zirkel statt (eines Kredits, der sich durch seine Verwendung rechtfertigen muss), sondern er ist zusammengefasst im gesetzlichen Dekret: Das, was wir in die Welt setzen, ist gesetzliches Zahlungsmittel, ist der Stoff, mit dem alle Schulden eingelöst werden können und im Fall des Verlangens auch müssen. Dieses Normalverhältnis ist in der Krisensituation so eskaliert, dass die EZB mit ihrer Vollmacht, definitives Geld zu schaffen, eine Ersatzvornahme für den Kreditzirkel der Geschäftsbanken, der nicht mehr funktioniert, befiehlt und durchsetzt. Normalerweise brauchen die Banken diesen Stoff nur in ganz homöopathischen Dosen: Solange dieser Zirkel funktioniert, fließt immer das Geld rein, das sie anderswo brauchen. Da fungiert die EZB nur als große Verrechnungsstelle, jeden Abend wird abgerechnet. Damit ist die EZB mit ihrer staatlichen Vollmacht, ein Geld zu definieren, das auch wirklich Einlösung sämtlicher Schulden bedeutet, also das definitive Kommandomittel ist, mit dem die Banken so freihändig operieren, in das normale Bankgeschäft eingeklinkt. So merkt man umgekehrt am normalen Bankgeschäft, dass das auch ein Derivat der staatlichen Gewalt ist, mit der die EZB betraut ist und ein Geld emittiert, mit dem die Geschäftsbanken operieren in ihren Kunststücken, die Welt mit Kredit auszustatten und damit das Geschäft immer über seine eigenen Verhältnisse hinauszutreiben.

Umgekehrt heißt das: Das Geld, das im Normalfall von der EZB über die Geschäftsbanken in die Welt fließt, hat gar keine andere Funktion, als dem Kreditgeld der Banken zu bescheinigen: eure Zahlungsversprechen (das Giralgeld, mit dem sie ihre Kreditvergabe bewerkstelligen) sind einlösbar, wir stehen dazu – bis hin zum Extremfall. Wenn es darauf ankommt, dann sorgt die EZB als diese übergeordnete politische Institution dafür, dass die Zahlungsversprechen der Banken, selbst wenn die dafür wegen Krise nicht mehr einstehen können, als solche noch gültig gemacht, eingelöst werden können; eben durch ein Zahlungsversprechen, das kein Versprechen mehr ist, sondern die Qualität eines gesetzlichen Zahlungsmittels, also des verbindlichen Geldes dieser Gesellschaft hat. So dass sich auch nach der Seite hin im Alltag bewahrheitet, dass das Geld, das einer in der Tasche hat – und sogar, wenn es nur eine Plastikkarte ist, die davon abhängt, dass die eigene Bank solvent bleibt –, Teilhabe ist an der politischen Gewalt, die dem Geld den Charakter einer privaten Macht, eines privaten zivilen Machtmittels verleiht.

Das alles steht im 1. Kapitel des Buches.

   — Wie kommt man über den Kredit zur Aufgabe der EZB-Stabilitätspolitik?

Die Stabilität des Geldes hängt erstens davon ab, dass die Banken ihr Geschäft machen. Zweitens, die EZB klinkt sich in die auf Wachstum berechnete Kreditwirtschaft der Banken ein, die nicht nur das vergeben, was sie haben, sondern Rendite versprechenden Kredit in Form von Zahlungsversprechen. Damit sorgt die Bankenwelt dafür, dass die Geschäftswelt, wie sie selbst, über ihre aktuellen Verhältnisse leben kann und dass sie so für allgemeines Wachstum sorgen kann. Die Banken handeln ja nicht altruistisch, sie wollen selbst wachsen, dafür heizen sie das Geschäftsleben der Nation an. Die EZB nimmt teil an diesem Zirkel; sie wirkt mit an der Refinanzierung des Bankengeschäfts und garantiert dafür, indem sie die Bankenwelt dazu nötigt, auch sie mit einzubeziehen in diesen Kreditzirkel und auch Zinsen zu zahlen (es ist die Ausnahmesituation, dass es derzeit keine gibt). Damit liefert sie der Bankenwelt die großartige Garantie, dass hinter ihren Zahlungsversprechen nicht nur das jeweilige Geschäft der Bank steht, sondern dass die Banken – sie refinanzieren sich sowieso auf krude Arten und Weisen wechselseitig – auch auf die Geldhoheit der EZB zurückgreifen können, um ihre schöpferische Kredit- und Geldvergabe in die Welt hinein zu rechtfertigen.

Das ist erst mal die Garantieleistung der EZB für das Bankgeschäft: Für das, was die Banken versprechen, verspricht die EZB: das lässt sich auch in Geld einlösen. Das ist natürlich kein Versprechen, dass deren Geschäfte klappen; wenn die Bank pleite macht, hat sie erst mal Geld verloren. Aber dass die Bankenwelt insgesamt zurückgreifen kann auf gesetzliche Zahlungsmittel – das erst mal im Rahmen all der zu beachtenden Vorschriften bei der Refinanzierung der Geschäftswelt –, das ist die Garantie dafür, dass hinter ihren Versprechungen etwas Amtliches steckt. Das Moment von Gewalt wird damit den Banken spendiert: hinter euren Zahlungsversprechen steckt nicht einfach nur das ökonomische Gelingen, sondern die staatliche Gewalt, die dieses Gelingen zum Begriff, zum Wesensbestandteil dieses Geldes erklärt.

Die Frage nach der Stabilität ist ein eigenes Kapitel, dazu müsste man erst mal wissen, wieso dieses Geld eigentlich instabil werden kann. Erst mal sollte das generelle Verhältnis klar gemacht werden, dass das keine Geheimwissenschaft ist, sondern 5 - 6 Schlüsse, die man aus der derzeitigen EZB-Politik auf den Kapitalismus und die Rolle der Staatsgewalt im Funktionieren des Kapitalismus ziehen kann.

   — Kann man zur letzten Frage zur EZB sagen: Wenn die EZB die Geschäftsbanken dazu ermächtigt, dass die mit dem staatlichen Geld was machen, dass dann auch der Wert dieses staatlichen Geldes dadurch bestimmt ist, was die Banken damit machen? Das ist das erste Argument, warum der Wert des Geldes kein staatlich gesetztes Fixum ist. Dann kommt man erst zu der Aufgabe, dass die EZB sich darum kümmert; dass der Geldwert, der ökonomisch dadurch beglaubigt wird, was die Geschäftsbanken mit dem Geld machen, ein staatliches Anliegen ist.

Der Glaubenssatz des Kapitalismus dazu heißt: Warum soll das nicht gut gehen? In gewisser Weise ist der Kapitalismus eine Veranstaltung von grenzenloser Naivität. Zu der gerade gemachten Feststellung, dass es darauf ankommt, was die Banken damit machen, heißt die feste Überzeugung der Fach- und restlichen Welt des Kapitalismus: Wenn man alles richtig macht, geht alles gut. Wenn die Banken den Kredit nur an solide Geschäftsleute vergeben, die pünktlich zahlen, der Laden so wächst, wie programmiert … klar gibt es mal Ausreißer (besondere Umstände, Fehlentwicklungen, vermeidbare Fehler) aber eine systemeigene Notwendigkeit, ein Haken an der Sache, ist im Programm des Kapitalismus und im Weltbild seiner Fachleute nicht enthalten. Es gibt Ölscheichs, die zu viel (am Ende sogar zu wenig) für ihr Öl verlangen, und damit viel durcheinander bringen; es gibt Banker, die mit unverständlichen Geschäften das Geld verzocken. Aber die Idee ist: das funktioniert. Und die Praxis dazu ist: man verlässt sich auf die Idee. Deswegen gibt es dazu eine Wissenschaft, die sich von einer angewandten Naturwissenschaft dadurch fundamental unterscheidet, dass sie keine Handreichungen bietet ('Wie mache ich Kapitalismus?' – obwohl sie in Form der VWL/BWL so daherkommt). Wenn sie sich mit der Realität befasst, steht sie immer fassungslos, aber sehr gefasst und sachkundig vor Ergebnissen, die so nie geplant waren.

6. Und eines dieser unverstandenen Ergebnisse ist ein Effekt auf das Geld, das gesetzliches Zahlungsmittel ist, auf das doch Verlass ist, mit dem alle Schulden letztgültig bedient werden. Normalerweise werden die Schulden bei den Banken gegeneinander (verzinst) verrechnet (die sind der universelle Schuldner und Gläubiger), was übrigbleibt, dafür steht das Geld des Staates gerade und damit wird definitiv jede Schuld beglichen. Das ist immer noch der qualitative Unterschied zu dem, was man Bargeld nennt (was noch nicht mal die Scheine selbst sein müssen, aber was dann das Konto der Geschäftsbanken bei der EZB ist). Und dann steht die Fach- und Geschäftswelt und der kleine Mann vor dem Ergebnis: vor einem Jahr hat man beim Bäcker für ein Gebäckstück noch € 1,20 bezahlt, jetzt 1,60. Man weiß, damit hört es nicht auf, und es betrifft nicht nur den Bäcker. Es gibt eine Inflation – die gehört ganz normal zur kapitalistischen Welt. Was gemeint ist, ist klar: die Preise werden aufgeblasen, ohne dass man ein größeres Gebäck bekommt, nur teurer wird es. Das ist eine Sache, vor der die kapitalistische Welt wie vor einem Rätsel steht. Die Erklärung der Inflation, dann ist wohl zu viel Geld im Verhältnis zu den Waren da gewesen und dann ist es kein Wunder, dass die Preise steigen, lässt jede Erklärung dazwischen aus. Inwiefern zu viel, wer hat eigentlich zu viel Geld? Jedenfalls nicht die Leute, die für das Gebäck zahlen müssen, und der in der Regel verschuldete Bäcker auch nicht.

Das ist so ein Fall, mitten in der ganzen großartigen Rationalität des Kapitalismus: Hier wird Kredit gegeben, da wird ein Zins darauf verlangt, den kann man bis in die 3. Stelle nach dem Komma genau beziffern, da gelten Fristen auf den Tag genau, da gibt es Gewinn- und Verlustrechnungen, die jedes Jahr vorgelegt werden, usw. Der Kapitalismus sieht aus wie ein wunderbares Rechenexempel; die Fachwelt erklärt: Planung ist das nicht, aber es gibt Rechenmodelle für den Ablauf der kapitalistischen Ökonomie. Man soll ja angeblich nicht Äpfel und Birnen zusammenzählen – aber da kommen ziemlich komische Rechnungen zustande: Im ideellen „repräsentativen“ Warenkorb wird alles Mögliche zusammengezählt (750 Güter), die Mieten mit den Kinopreisen, Radiogebühr und Autoversicherung. Anhand der zugeordneten Preise wird dann der „Preisindex der Inflation“ ermittelt. Sind die Preise gestiegen, kommt die wunderbare Erklärung, da muss jemand was aufgeblasen haben. Der Jemand ist das viele Geld, das eigentlich nur das Mittel ist, mit dem es aufgeblasen wird. Irgendwie ist zu viel Geld in der Welt, gemessen an den Sachen, die man sich dafür kaufen kann. Das kann man am Geld selbst darstellen, da wird das Geld erst bezogen auf einen Warenkorb, der wird im Verhältnis eigentlich immer teurer, also kann man einen Kuchen mit €-Münze malen und ein Stück herausschneiden, soviel ist es dieses Jahr weniger wert geworden. Man tut, als hätte man was berechnet, aber eigentlich hat man nur einen Effekt festgestellt, die Sachen werden in einem Trend immer teurer, so dass man glatt sagen kann, das Geld wird tendenziell immer weniger wert.

Zu diesem Effekt stellt sich die EZB nach dem Motto: Wachstum, dass also immer mehr Geld umgesetzt wird, wollen wir haben. Der Effekt ist aber in rätselhafter Weise damit verbunden, dass das Geld, in dem das beziffert wird, tendenziell an Wert verliert. Also stellt der Sachverstand dieses Systems fachkundig fest: das geht offenbar irgendwie miteinander einher. Man muss nur aufpassen, dass das Wachstum immer noch größer ist als die Geldentwertung, dann ist die nicht so schlimm. Aus dem Gedanken, dass Wachstum und Geldentwertung irgendwie verschwistert sind, wird der ziemlich heikle Gedanke geboren: Jetzt in der krisenhaften Ausnahmesituation, wo nichts wächst, müsste die EZB nach dem Motto: Inflation ist, wenn zu viel Geld da ist, soviel Geld schaffen, dass eine Inflation in Folge nicht ausbleiben kann. Weil man weiß ja, dass die aufgeblasenen Preise normalerweise mit Wachstum einhergehen, dass das Aufblasen der Preise ein Wachstum der Wirtschaft nicht nur vortäuscht, sondern in Gang bringt. So definiert sich die EZB im Normalfall ihren Stabilitätsauftrag. Sie muss bei der Menge des Geldes für eine Masse sorgen, dass das Aufblasen immer kleiner bleibt als das Wachstum. Aber ob die Geldmenge gepasst hat, nach deren Weltbild, dass nichts vorgetäuscht und nur aufgeblasen worden ist, merkt man immer erst im Nachhinein, wenn man den Warenkorb mit seinen Veränderungen heranzieht. (Dann kommen die fachmännischen Vorschläge, den Warenkorb anders zu gewichten: Wir ersetzen das Radio durch ein Handy, Handys werden immer billiger, dann sieht das Ergebnis wieder anders aus.)

Das ist ein Zeichen für die Begriffslosigkeit des Manipulationswillens, mit dem die EZB sich dazu stellt. Sie verfügt ja über das definitive Geld, auf das alle Zahlungsversprechungen der Banken lauten. Wenn sie sich mit diesem Geld nach Recht und Gesetz in den Kreditzirkel der Banken einklinkt, dann ist damit ganz offiziell im Weltbild des Kapitalismus die Vorstellung verbunden, damit könne man das auch irgendwie steuern. Denn je mehr Geld reinfließt, um so mehr Kreditgeld schaffen dann die Banken, dann beeinflusst man darüber indirekt das Verhältnis zwischen Kaufkraft und Warenwelt. Dieses Muster, ein Potential fürs Aufblasen schaffen, das aber v. a. ein wirkliches Wachstum bewirkt und das Aufblasen in engen Grenzen hält – das ist die Direktive der EZB. Da muss der armselige Notenbanker sich überlegen: Was mache ich, um eine Sache zu bewerkstelligen, von der ich eigentlich eingestehen müsste, sie von A bis Z nicht zu verstehen? Die Idee ist, durch Einflussnahme aufs Refinanzierungsgeschäft der Banken könnte man Geldaufblähung und Wachstum manipulieren – jetzt tun sie alles fürs Aufblasen und was passiert? Sie stellen ratlos fest: Die Inflationsrate liegt (an ihrem Warenkorb gemessen, da ist der Bäcker nicht sehr gewichtet) bei Null und die Wachstumsrate auch da – obwohl massenhaft Geld der Notenbank da ist, das sie in die Banken stopft, damit die endlich ihre Bankbilanzen so rechnen, dass sie nicht umhin kommen, mal selbst diesen Kreditvergabezirkel massiv in Gang zu bringen. Man würde denken, an diesem Extremfall-Beispiel der Ersatzvornahme, könnte spätestens was klar werden: Jetzt wird Ersatz geschaffen und der Ersatz bewirkt partout nicht das, was er ersetzt, nämlich Kreditvergabe – nicht mal die Rechnung geht auf.

Man kann also noch einen 6. Schluss aus der EZB-Politik ziehen: Die Macher dieses Systems verstehen ihr System verdammt schlecht. Vielleicht ist es für deren Belange gut so – sonst müssten sie ihren Beruf aufgeben. Dass den Geschäftsleuten und Bankern die vorhin aufgeführte Gleichung zwischen Reichtum und Gewalt kein großes Rätsel ist, ist sicher der Fall. Die kommandieren munter weiter wie Generäle ihre Soldaten. Aber es ist eine andere Sorte staatlicher Gewalt, die sie in Form von Kredit in den Händen haben. Und dass da Gewalt damit verbunden ist, eine Kommandomacht über sehr viel in dieser Wirtschaft, das definieren sie sich sogar als Dienst an der Gesellschaft zurecht. (Der General hält sich ja auch für den Diener seiner Soldaten.)

Die Beantwortung der Frage, wo kommt denn diese Geldentwertung wirklich her, die hier jetzt ausgespart wurde, kann man im Finanzkapital-Buch nachlesen. Die kann man aus dem, was für Auskünfte die Politik der EZB eigentlich hergibt, nicht so leicht herausholen.

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Zum „Exkurs zum Begriff des Eigentums“ (S.9): Jetzt mal das Wort Paradox weggelassen – es soll um die Eigenart gehen, dass im Kapitalismus ein Gewaltverhältnis und der Reichtum, wie er im Geld nachgezählt wird, offenbar ziemlich zusammenfällt. In der Abfolge der Argumente wird folgendes demonstriert: mit Schulden wird Geschäft gemacht. Was sind Schulden? Wenn ein Geschäftsmann ein Konto eröffnet (er hat noch nichts verdient, das will er ja erst) und er belastet dieses Konto, dann kann er sich Dinge kaufen –– was hat er dann in der Hand? Er muss Geld als Stoff überhaupt nicht in der Hand haben, sondern nur die Nachricht der Bank über eine Summe x auf seinem Konto; diese Nachricht hat die Form einer Setzung: Mit dieser Summe hat er ein Machtmittel in der Hand – er kann Produktionsmittel und Arbeitskräfte kaufen (was höflicherweise bezahlen genannt wird) und hat die Verfügungsmacht über sie. In der Hand hat er dabei nichts als die Zusicherung der Bank, dass sie dafür geradesteht. Dasselbe gilt für die Bank der Firma, wo er z.B. seine Produktionsmittel kauft. Man merkt, man hat in diesem ganzen Hin und Her nichts als Willensverhältnisse vor sich, Versprechungen, deren Verlässlichkeit ausschließlich darauf beruht, dass eine staatliche Gewalt dahinter steht, die darauf achtet, dass diese Versprechen auch eingelöst werden, also Gewalt als Garantie eines Versprechens: Mit dem Konto, das ich belaste, mache ich ein Geschäft und kann in absehbarer (i.d.R. festgelegter) Frist meine Schulden bedienen. Man ist da in einer Welt der haltlosen, weil auf die Zukunft gerichteten Versprechungen als Machtmittel für alle ökonomischen Aktivitäten, die in dieser Welt etwas zählen – sie sind haltlos, aber eben durch die staatliche Gewalt und die ökonomischen Gepflogenheiten, hinter denen diese steckt, haltbar gemacht. Mit denen wird hier gewirtschaftet und so wirklich über alles – lebendes ebenso wie sachliches Material – verfügt. Zu rechtfertigen ist dieses Verfügen nur darüber, dass das Geschäft am Ende aufgeht. Also das, was die Verfügungsmacht begründet, ist das gelaufene Geschäft. Aber im Kredit, mit dem da gewirtschaftet wird, steht dieses Ergebnis ja noch aus und das ist die Absurdität des Kapitalismus, die man daran sieht, dass hier mit Gewalt-gestützten Willensverhältnissen gewirtschaftet wird, von denen erwartet wird, dass sie auch (über Produktion und Markt) materiell eingelöst werden.

Der Kredit soll also gerechtfertigt werden durch wirklich Verdientes, aber mit ihm hat einer die Geldmacht schon in der Hand. Wo vom Paradox die Rede ist, da ist mit den rechtswirksamen Termini ausgedrückt: Eigentlich geht es um die Macht des Eigentums, dass man also mit dem, was einem gehört, über etwas oder jemanden verfügen kann; beim Kredit wird diese Macht zur Anwendung gebracht, obwohl sie in den Händen dessen, der sie anwendet, (noch) gar nicht ist. Das geht soweit, dass, wenn der Zirkel nicht klappt und kein Geld verdient wird, der Staat dann dekretieren kann, dass das trotzdem gilt. Wenn die EZB Geld verschenkt, steckt ökonomisch nichts dahinter, aber da gilt dann sogar ganz explizit: Das ist nicht nur das Versprechen einer Gewalt und das wird irgendwann eingelöst, sondern damit hat man die Macht des Eigentums in der Hand.

Es ist richtig, darauf hinzuweisen, dass das Eigentum sich per Wachstum auch mal realiter einstellen muss, aber erstmal ist es nicht vorhanden und diese Antizipation der Macht des Eigentums, um das Eigentum herzustellen, wird auch noch als Normalität genommen.

Was anschließend in dem Exkurs steht, fällt (wenn auch nicht völlig) zusammen mit dem, was die zweite Einordnung für dieses „Finanzkapital“-Kapitel sein soll, nämlich die Frage:

Was hat das alles mit Marx zu tun?

Bisher war die Rede von einer Größe namens Kreditgeld, einem Zahlungsmittel, das nicht der Gegenwert eines Produkts oder einer Leistung ist, sondern ein (Kredit)Verhältnis bezeichnet. Das ist etwas ziemlich Eigentümliches: Was soll das heißen – Kreditgeld? Unsere Begutachtung der Krise und der EZB-Politik hatte das Ergebnis: Was die Banken in die Welt setzen an Zahlen auf den Konten ist Kreditgeld, nämlich das Versprechen der Bank, dass man mit diesen Zahlen Zugriff hat auf Waren und Arbeitskraft. Das bewirken diese Gutschriften, hinter denen nichts anderes als das Versprechen der Bank steht: Sie steht dafür gerade, dass der, dem das gutgeschrieben wird, seinerseits damit anstellen kann, was man mit Geld anstellen kann: auf diese Weise bringt und hält die Bank ihren Kredit-Zirkel in Gang. Da bezeichnet das Geld nicht die Versilberung eine Ware, sondern ein Kreditverhältnis – so kommt es in die Welt. Alles, was einer verdient, kommt auf diesem Weg in die Welt: als Zahl auf dem Konto eines Arbeitgebers und tut von da aus sein Werk.

Bei Marx ist Kreditgeld eins jedenfalls nicht, nämlich Geld, das verliehen wird. Er sagt, wenn man jemandem Geld leiht, damit er was Kapitalistisches anfängt, dann ist das Geldkapital, während Kreditgeld der Repräsentant von Kredit ist: ein Schuldverhältnis, mit dem man zahlen kann. Im ersten Band des „Kapital“ im dritten Kapitel handelt er das Zahlungsversprechen als Zahlungsmittel anhand des Wechsels ab: Zahlungsversprechen zwischen Geschäftsleuten. Beim Wechsel schreibt der Lieferant der für die Produktion nötigen Ware die Verpflichtung auf; der Lieferant hat jetzt nicht nur einen simplen Schuldschein in der Hand (wo in früheren Zeiten bei Nichteinlösung der Schuldturm oder Schlimmeres winkte), sondern einen Schuldschein, mit dem er einkaufen gehen oder seinerseits einen Lieferanten bezahlen kann usw. Damit hat er einen wirklichen Geld-Ersatz in der Hand: ein Willensverhältnis als Zahlungsmittel. Das hat auch bei Marx zwei Seiten: Der Wechsel ist darauf eingerichtet, dass er früher oder später in richtigem Geld eingelöst wird – also nur zeitweiser Geld-Ersatz. Dieses Wechselgeschäft zwischen Kaufleuten behandelt er von vornherein nicht als eine singuläre Angelegenheit – wenn man gerade mal kein Geld bei der Hand hat –, sondern als geschäftliche Gepflogenheit, also auch nicht darauf berechnet, dass dieser Ersatz mal wieder verschwindet, sondern das Auszahlen des Wechsels ist berechnet darauf, dass die Wechselwirtschaft nach und nach zu einer allgemeinen Übung wird. Da hat man wieder beides: ein Willensverhältnis, das durch wirklichen Reichtum eingelöst werden soll und gleichzeitig als Willensverhältnis Geld ersetzen und als generelle Einrichtung Bestand haben soll.

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Was hat das mit dem Geld-Rätsel zu tun, das Marx im ersten Kapitel des K I gelöst haben will?

Punkt 1: Geld, allgemeines Äquivalent, das Wertding, das in einem Zugriffsverhältnis zu allem Käuflichen steht, also selber ein Quantum Zugriffsmacht ist, das sich austauschen lässt gegen alles, was zu (ver)kaufen ist, also gegenüber dem ganzen Reichtum der kapitalistisch produzierenden Gesellschaft – es ist der Gegenwert zu all dem. Ausgangspunkt: Das Geld ist selber von der Natur dessen, wozu es das Äquivalent ist – es ist selber eine produzierte Ware und enthält überhaupt das Geheimnis des Austauschs von Waren untereinander. Zu Anfang macht sich Marx die Überlegung: Wenn die vielen Produkte, die für den Verkauf produziert werden, so untereinander (beim Tausch) gleichgesetzt werden, was wird dann eigentlich gleichgesetzt? Natürlich nicht ihre konkrete Natur – man tauscht ja nicht dasselbe gegen dasselbe –, sondern es kommt beim Tausch auf den Unterschied der Sachen an und auf eine Gleichheit, die jenseits ihrer Gebrauchswert-Natur liegt. Marx kommt ziemlich zügig auf das Resultat, dass wenn er über den Reichtum dieser Gesellschaft redet, er damit über eine Produktionsweise redet, in der es darauf ankommt, mit welcher Zweckbestimmung und deshalb mit welcher Eigenart nützliche Güter produziert werden: Wenn sie für den Zweck des Austauschs produziert, als Beiträge zum gesellschaftlichen Reichtum in die Welt gesetzt worden sind, dann ist der pure Umstand, dass sie alle Produkt sind, was das Gleiche an ihnen ausmacht. Der Gesichtspunkt der Gleichsetzung ist denkbar abstrakt – das Gemeinsame ist ausschließlich, dass es ein Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum ist, wo ein Ding in dem, womit es gleichgesetzt wird, sein Maß hat. Der Gleichsetzung selber ist gar nicht anzusehen, was der Gesichtspunkt der Gleichsetzung ist (bei Marx wird Tuch mit Rock gleichgesetzt) – keiner hat ihn je ausgerechnet, aber erschließen lässt er sich schon: es ist als die Quantität der Abstraktion Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum, noch dazu mit der Bestimmung: es gehört irgendwem (sonst würde es ja nicht getauscht) und ist für den Austausch hergestellt worden.

Was bleibt dann noch als Gesichtspunkt für die Gleichsetzung übrig? (Eben von niemandem ermittelt außer durch die faktische Gleichsetzung). Marx kommt auf die Idee: Wenn die gesellschaftliche Notwendigkeit eines Beitrags pur nach ihrem Umfang gemessen wird, bleibt nichts anderes übrig als der Prozess, durch den er erbracht worden ist. Wenn an dem auch nur interessant ist, dass er stattgefunden hat, dann gibt es nur einen Gesichtspunkt, unter dem dieser Prozess zu quantifizieren ist, nämlich nach seiner Zeit(dauer). Damit kommt er zu der Erkenntnis: Auch der Kapitalismus ist eine Ökonomie des Arbeitsaufwands, der Zeit, die für den Lebensunterhalt der Gesellschaft verausgabt werden muss. Aber nicht als Ökonomie der Zeit, sondern immer nur als Gleichsetzung von unterschiedlichen, privaten Beiträgen zum gesellschaftlichen Reichtum nach ihrer gesellschaftlich notwendigen Dauer. Da gibt es schon wieder lauter Unbestimmtheiten: ‚Gesellschaftlich notwendig’, also Dauer nach der Seite der Produktivität hin – wie viel Zeit ist dafür nötig? Und ‚gesellschaftlich notwendig’ nach der Seite hin: wie viel von dem ganzen Waren-Haufen wird denn überhaupt gebraucht? Das alles ist Thema des ersten Kapitels im KI, an das jetzt nur kurz erinnert werden soll. Geld als allgemeines Äquivalent ist jetzt eine mit anderen gleichgesetzte Ware, aber es hat auch eine Waren-Natur – Marx denkt da an Gold, dessen mühsamer Abbau seinen Wert bestimmt. Das steckt in der Geldware drin, aber nur als Ausgangspunkt der Gleichsetzung mit anderen Waren – als allgemeines Äquivalent ist seine Warennatur nur Zeichen für das, was in allen anderen Waren an Arbeitszeit drinsteckt, also deren Gleichsetzung begründet. Da ist also schon im Begriff des Geldes als allgemeines Aquivalent (im 1. Kapitel des Kapital) die Doppeldeutigkeit enthalten: das ist einerseits eine Ware, in der Arbeit drinsteckt, die ein Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum ist, und zwar ein privater, der irgendwem gehört und andererseits steht diese Ware für die Gleichheit aller Waren untereinander, ist eben Zeichen: es kommt auf dieses anfassbare Ding nur an als Zeichen für das, was in allen Waren drinsteckt – deswegen steht es ja in einem Verhältnis zu ihnen.

Marx macht sich die Mühe, die Schritte von der einfachen Wertform über die entwickelte zur allgemeinen Wertform so ausführlich zu machen, dass sich der Leser eigentlich irgendwann fragen muss, warum er das so umständlich macht, aber es gilt eben, diese Verrücktheit, die in dem Geld als Geld drinsteckt, nachzuvollziehen: Da steckt in der Sache, aber nicht in ihr selbst, sondern in ihrer Gleichsetzung mit einer anderen Sache die eigentliche Wertsubstanz, also das, worauf es in dieser Gesellschaft ankommt, nämlich dass sie im Vergleich mit einer anderen Ware verrät, dass auch hier Arbeitsprodukte verglichen und gleichgesetzt werden nach diesem abstrakten Gesichtspunkt der Zeit – das ist schon verrückt genug. Aber beim Geld kommt noch die zusätzliche Verrücktheit hinzu, dass jetzt endgültig alle Waren mit einer einzigen gleichgesetzt werden und diese Ware ist die einzige Ware, die Ware und ‚bloß’ Zeichen ist. Das ‚bloß’ ist zu streichen, weil sie als Zeichen viel mehr ist als diese Ware: als Zeichen für alles kann man ja alles dafür kaufen und muss nicht mühsam jemanden suchen und finden, der genau mein Produkt braucht. Als Geldware steht diese Ware in einem Verhältnis zu allen anderen Waren, abstrakt von jedem Bedürfnis nach ihr als Ware, also kommt es bei ihr mehr auf das Zeichen als auf ihren Warencharakter an. Schon im ersten Schritt existiert dieser Widerspruch.

Punkt 2: In jedem Kaufhaus ist zu besichtigen, das Geld steht immer zwischen den Waren, die getauscht werden (weshalb der bürgerliche Sachverstand glücklich sagt: „Das Geld macht es einfach!“). Und wieder zwei widersprüchliche Eigentümlichkeiten: Wenn man nur den Warenfluss anschaut, kürzt sich das Geld immer heraus, wenn man den Zirkulationsprozess selber betrachtet, bleibt es immer da. Es ist der bleibende Zwischenpunkt und für jeden, der etwas ver/kaufen will, kommt es erstmal darauf an, dass er das Geld hat. Beim Normalverbraucher ist die Ware, die er haben will, immer der Endpunkt, aber das Geld ist die universelle Bedingung und die bleibt in dem ganzen Händewechsel der Waren als eigene Größe bestehen – wenn es nicht ‚arbeitet’, liegt es in Form mehr oder weniger großer Zahlen auf Konten herum.

Geld als Wert ist getrennt von den immer neu produzierten Werten – da ist es auf einmal ein Wert-Ding, das dazu da ist, Kauf und Verkauf zu vermitteln und wenn man es nach seiner Funktion im weltweiten Zirkulationsprozess betrachtet, kann man es glatt durch ein Zeichen ersetzen (s. K I, 3. Kapitel); es muss nur so beschaffen sein, dass einer, der Geld in Zeichenform annimmt, sicher sein kann, dass der nächste, dem er was abkaufen will, es auch so akzeptiert. Also wieder ein Willensverhältnis, das in dem Zeichen enthalten ist und hinter dem Willensverhältnis lauert die staatliche Gewalt: Man hat entweder eine Ware in der Hand oder Papiergeld mit vom Staat festgelegtem Kurs, das eben gewährleistet, dass das Zeichen, das man von dem Käufer bekommt, auch allgemein als Geld akzeptiert wird. Das ist also die nächste Doppeldeutigkeit des Geldes: Einerseits der neben der Zirkulation bestehende Wert, andererseits in seiner Funktion als Zirkulationsmittel durch ein bloßes auf Zetteln gedrucktes Willensverhältnis ersetzbar.

Punkt 3: Da sagt Marx: Wenn das Geld schon als eigenständiges Ding neben der Zirkulation rauströpfelt und seinen eigenen Bestand hat, dann ist es zwar Produkt der Zirkulation, aber verschwindet ja nicht in ihr: neben dem Zirkulationsprozess als Produkt des Zirkulationsprozesses zu bestehen – diese Eigenständigkeit des Geldes lenkt das Augenmerk darauf, dass das für alle, die sich an diesem Hin und Her von Kauf und Verkauf beteiligen, der Zweck der Operation ist, dass also Geld als Produkt der Zirkulation Zweck der Unternehmung ist – das ist wieder derselbe Schluss von der universellen Bedingung für alles darauf, dass es dann aber auch um diese Bedingung geht.

Die Qualität des Geldes ist nicht veränderbar – es ist ja gerade die Abstraktion von allen Qualitäten, s. allgemeines Äquivalent in Punkt 1. Wenn dieses also Zweck der Zirkulation ist, dann kann nur seine Vermehrung wirklicher Zweck der Sache sein; Eigenständigkeit gibt es für das Geld nur als Moment von dem, dass es um seine Vermehrung geht. Jetzt geht es also bei dieser Operation darum, dass aus Geld durch Austausch gegen Ware und Tausch der Ware wieder gegen Geld die Summe steigt. Da macht Marx das Rätsel auf, dass das doch Äquivalententausch sei und wie sich denn beim zweifachen Äquivalententausch der Wert verändern könne, obwohl eigentlich von der Zirkulationsform her schon klar ist, dass die Vermehrung der Zweck ist. Aber die Form selber gibt das gar nicht her, weil da ja nur Ware zwischen zweimal Geld steht. Marx fragt, wo dann die Vermehrung her kommt, die ja der eigentliche Zweck dieser Zirkulationsform ist und macht den Scherz: ‚Da muss der Kapitalist so glücklich sein, eine Ware zu finden, die selber die Natur hat, Geld hervor zu bringen’, und kommt dann wieder auf den Anfang zurück: Ein Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum in Form von Arbeitszeit muss da passiert sein. Solch ein Beitrag muss käuflich sein, damit er etwas leistet, das mehr ist als das, was man für ihn verausgabt hat; diese wunderbare Ware ist die Arbeit, die da geleistet wird und die Fähigkeit, zu arbeiten wird gekauft und angewandt und dann verschwindet der Mensch in der Gerberei …

Es geht jetzt aber nicht um Ausbeutung, sondern darum, was die Natur des Geldes kennzeichnet. Jetzt hat das Geld die Bestimmung – aufgrund dieser Zirkulationsform –, die Sache zu sein, die sich in der Zirkulation vermehren soll und vermehrt und dessen Vermehrung überhaupt der ganze Verwendungszweck ist. Da ist man wieder bei einem ganz handfesten Ding – einer Sache, die mehr wird und mit der man dann Zugriff auf die ganze Warenwelt hat; als Mittel dieses Zugriffs – wenn das Geld wieder zur Ware wird – kann man es durch ein Zeichen ersetzen (s.o.). Aber kann man Geld auch durch ein Zeichen ersetzen, wenn es auf seine Vermehrung ankommt, wenn es also nicht das verschwindende Mittelding zwischen zwei mal Ware ist, sondern wenn Geld Anfang und mehr Geld Endpunkt der Zirkulationsoperation ist? Dieser Ersatz durch ein Zeichen ist ja ein Willensverhältnis zwischen Kapitalisten, und zwar schon beim Wechsel, den Marx als Zahlungsversprechen, das man weitergeben kann, kennzeichnet. Diese Willenserklärung tritt an die Stelle des Geldes – das ist die Formel, in der das Geld, gerade wo es auf seine Vermehrung ankommt, seinerseits durch ein wie auch immer bezeichnetes Willensverhältnis ersetzbar ist nach dem Motto: Ich verspreche Zahlung für das G, das vor der Ware steht, im Hinblick darauf, dass ich mit dem G’, das nach der Ware steht, meine Schuld begleichen kann, also Zahlungsversprechen im Hinblick darauf, dass mir ein Geschäft gelingt. Deswegen heißt das bei Marx auch kommerzieller Kredit. So bekommt durch die Zirkulationsform des Kapitals das Willensverhältnis, das im Zahlungsversprechen ausgedrückt ist, den Charakter eines Kredits, eines Vorschusses, der durch seine Einlösung zu rechtfertigen ist – und das folgt bei Marx aus der Eigenständigkeit des Geldes als allgemeines Äquivalent mit dieser doppeldeutigen Stellung im Zirkulationsprozess.

Nochmal zum Zeichen: Zeichen ist immer eine ziemlich intellektuelle Angelegenheit, nämlich eine Sache, die für einen Willen steht – sonst ist es ja kein Zeichen, sondern nur das Ding. Zeichen ist ein Ding dadurch, dass es ganz allgemein für einen Bewusstseinsakt steht. Wenn es aber um Ökonomie geht, steht es für ein Interesse, ein Versprechen und beim Geld als allgemeines Äquivalent, als Umlaufs- und Zahlungsmittel entwickelt sich die Doppelnatur des Geldes als Sache und Zeichen immer weiter und das, was als Gebrauch des Wechsels als Zahlungsversprechen unter kommerziellen Kapitalisten angefangen hatte, machen dann die Banken in großem Stil als ihr Geschäft weiter.

Im K III, S. 413 kommt Marx vom Standpunkt des Kredits auf das Geld in seiner Elementarform zurück und unterscheidet das Kreditgeld vom Papiergeld mit Zwangskurs. Das wurde bestimmt als ein Zeichen, das nur im Händewechsel der Waren taugt, wo das Zeichen nur die Garantie braucht, dass der Nächste, dem ich etwas abkaufen will, mein Geldzeichen auch als Geldzeichen anerkennt und weiterverwenden kann. Aus dem entwickelt sich – aufgrund der Operation G-W-G’ – Geld als Zeichen eines Willensverhältnisses, das ein Vermehrungsversprechen enthält (erstmal zwischen kommerziellen Kapitalisten). Zu diesem Geld sagt Marx: Dieses eigentliche Kreditgeld „beruht auf den wechselseitigen Vorschüssen der Produzenten und Kaufleute untereinander“ – es beruht also nicht auf dem Zwangsgeld des Staates (da ist man noch in der Sphäre W-G-W), sondern das hat seinen Grund im Kreditverhältnis, das durch dieses Geld bezeichnet wird. „Deren Zirkulationsinstrument (also das, womit die kommerziellen Kapitalisten sich wechselseitig Vorschuss geben), der Wechsel, (bildet) die Basis des eigentlichen Kreditgeldes, der Banknoten usw. Diese beruhen nicht auf der Geldzirkulation, sei es von metallischem Geld oder von Staatspapiergeld, sondern auf der Wechselzirkulation“ (S. 413, u.). Der Übergang von Pkt. 2 zu Pkt. 3 ist gegenüber dem Geld nicht etwas ganz anderes, aber die Zirkulationsinstrumente beruhen eben nicht mehr darauf, dass das Geld der verschwindende Vermittler zwischen zwei gleichartigen Waren ist, sondern dass es der Vermittler einer Geldvermehrungs-Operation ist; Vermittler dieser Operation ist das Kreditgeld, ein Geld, das eben Schulden bezeichnet. Und das ist eine Entwicklungsstufe dessen, was an Widerspruch im Geld, in dieser Doppeldeutigkeit von Sache und Zeichen drinsteckt. Wenn man den Übergang vom 3. Kapitel im KI macht zu ‚Geld als Kapital’, dann ist das Entsprechende auf der Zeichen-Ebene der Übergang vom Staatspapiergeld zum Kreditgeld: mit diesem Willensverhältnis der Kaufleute wird ein Geld in die Welt gesetzt jenseits dessen, was es an Geldware gibt, und zwar nur im Hinblick darauf, dass der andere es für ein Geschäft verwenden kann; sie ersetzen Eigentum an der Ware, die sie ja weggeben, durch ein pures Versprechen der anderen Seite, ein Zeichen, das nicht einfach den Händewechsel der Ware bezeichnet, sondern eben dieses Willensverhältnis.

Von Marx her ist damit das Entscheidende gesagt, es kommt nur noch das die heutige Welt so Bestimmende dazu: das macht die Bankenwelt zu ihrem Metier und operiert in großem Stil mit Kreditgeld als Zeichen für ihr riesiges Wachstumsgeschäft.


© GegenStandpunkt Verlag 2016