Jour fixe vom 02.08.10 – Fragen zur Inflation (Fortsetzung vom JF vom 19.07.10)
Dankenswerterweise sind auf dem letzten Jour fixe ein paar Leute mit den Schwierigkeiten herausgerückt, die sie mit dem Abschnitt über die Inflation im GS 1-10 hatten. Was aus diesen Fragen hervorgeht, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen der Redaktion hinsichtlich der Rezeption der Ableitung des Finanzkapitals. Nämlich, dass die Vorstellung, die man aus Schulungen mitgenommen hat – aller Wert erwächst aus der Ausbeutung, ist Ausdruck von Arbeit – nach der Lektüre der Artikelserie über das Finanzkapital ergänzt worden ist durch die folgende Vorstellung: Es gibt quasi noch eine zweite Quelle des Werts, und zwar über die Ziffern der Banken, und die fällt auch mit unter den abstrakten Begriff der Selbstverwertung des Werts – was im Endergebnis ja auch nicht zu unterscheiden ist. Diese Vorstellung, sie ist verkehrt. Die Ableitung des Finanzkapitals versucht nicht zu erläutern, dass es neben der Ausbeutung noch eine zweite Quelle von Geld gibt. Dass theoretisch Schindluder getrieben wird mit zusammenfassenden Ausdrücken wie Selbstverwertung des Werts, geht aus den Nachfragen hervor. Da wird sich dann gefragt: Ist es nicht ein theoretischer Rückfall auf die – angeblich gerade überwundene – Vorstellung, die Verwertung des Werts könne nur in der realen Akkumulation passieren, wenn man Inflation bespricht als allgemeine Teuerung in der Warenwelt (festgemacht an Warenkörben) und dieses Faktum dann erklären will? Das sei ein Rückfall auf eine Vorstellung, die doch gerade überwunden worden sei durch die andere Vorstellung, die Selbstverwertung des Werts könnte quasi ohne Arbeit passieren und dafür sei das Finanzkapital zuständig.
Es ist wichtig, bei sich oder in Diskussionen mit anderen, nachzuprüfen, ob das die Quintessenz ist, die man sich aus der Ableitung des Finanzkapitals gemerkt hat. Das wäre fatal, denn das ist nicht das Verhältnis zwischen der Welt der Produktion, der Ausbeutung, der Vermehrung des Kapitals durch Arbeit, des Regimes des Kapitals über die Arbeit und über Reichtum im Sinne von dem dinglichen Reichtum, über den die Gesellschaft verfügt, und den Freiheiten, die aus der Macht des Finanzkapitals erwachsen. Das ist kein additives Verhältnis, also dass man erst eine und dann die zweite Quelle vor sich habe. Sondern es ist das Verhältnis zwischen der gesellschaftlich umfassenden Betätigung einer Produktionsweise und der Macht des Kapitals, ausgemünzt in Geld, sich diese ganze Produktionsweise so zunutze zu machen, dass nicht nur über die Arbeit verfügt wird, sondern auch über die antizipierten Resultate des ganzen gesellschaftlichen Produktionsprozesses, als Kommandomacht über Arbeit und Reichtum. Das ist die Freiheit, die sich das Finanzkapital auf all den umständlichen Wegen erwirbt, von denen in den diversen Artikeln im Gegenstandpunkt die Rede ist, nämlich seine Freiheit und seine Macht, im Vorgriff auf noch nicht Produziertes mit dieser Fiktion von Kapital kapitalistisch zu operieren. Es ist, als sei in der Rezeption des Artikels der Hinweis, dass es sich da um fiktives Kapital handelt, mit dem das Finanzkapital operiert, völlig untergegangen und als wäre nur noch ‚Kapital’ übrig geblieben. Man kann nicht die Welt der Produktion oder das, was Realwirtschaft heißt, und die Leistungen des Finanzkapitals quasi 1+1 nebeneinander stellen und dann – im Namen dessen, dass doch aus beidem Geld resultiert – zusammenfassen.
— Das letzte Mal ging es doch darum, dass sich die Verringerung des Werts des Geldes als allgemeines Äquivalent in einer verringerten Kaufkraft geltend macht und dann war die Frage, wie das beim Finanzkapital ausschaut. Da ist doch dann das Nebeneinander der zwei Sphären erfolgt.
Und das ist nicht richtig. Zum einen: Seit wann produziert denn das Finanzkapital Waren, an denen sich die Kaufkraft des Geldes bemisst? Zum anderen ist die zugrunde gelegte Vorstellung falsch, das eine wie das andere sei Selbstverwertung des Werts. Man kann dies Etikett schon benutzen, aber es muss klar sein, über was für Sachen man da jeweils redet: Der Wert der Produkte des Finanzkapitals hat seine Grundlage in einer Bewertung, sie ist die Grundlage für die Geldschöpfung. Als Kommandomacht über Reichtum und Arbeit ist es von dem Geld, das ein produzierender Kapitalist verdient, wirklich nicht zu unterscheiden. Aber der jeweilige unterschiedliche Entstehungsprozess ist damit doch nicht ausgelöscht: Einmal wird eine Ware produziert und verkauft, die ihren Wert hat, der im Geld seinen Ausdruck findet, und das Geld, das sich da betätigt, ist die Kommandomacht über Güter. Anders in der Welt der Finanzprodukte: Die stellen als Bewertung von Verwertungsprozessen fiktives Kapital dar, aus deren Handel finanzkapitalistischer Reichtum entspringt – Ziffern, die in dieser Welt gelten. Aber das löst sich doch nicht darin auf, dass man es bei beidem im Grunde mit demselben zu tun habe, nämlich mit der Selbstverwertungsmacht des Geldes.
Es ist nicht schwierig, mitzubekommen, was Inflation ist – das wird einem doch dauernd vorgerechnet: An durchschnittlichen Warenpreisen und -körben wird die im Zeitverlauf sich einstellende Teuerung allgemeiner Art ermittelt, an der das Interessante ist, dass sie sich am Geld als dessen Entwertung ausdrücken lässt. Da gab es ja vorletztes Mal die Frage, woran man den Wert des Geldes denn ermitteln könne, wenn nicht an den Warenkörben, die man dafür kaufen kann. Da war die Zurückweisung folgende: Wenn sich der Wert des Geldes an einem Warenkorb bemisst, redet man nicht einfach über Güter, sondern über in Geld gemessene Güter, die also schon ihren Preis haben. Vielleicht kann man auch noch mal auf den Fehler der Quantitätstheorie zurückkommen, der damit auch zurückgewiesen werden sollte.
Eins ist klar: Die Kommandomacht des Geldes ist eine Sache, die erstreckt sich auf den materiellen Reichtum und die Arbeit, von der diese Gesellschaft lebt. Wenn diese Kommandomacht sich so betätigt, dass sie sich auf die Produkte des Finanzkapitals richtet, dann ist das eine andere ökonomische Operation, dann werden Bewertungen wahr gemacht oder blamiert. Das wurde letztes Mal eigentlich im Wesentlichen klargestellt. Heute sollte noch mal klar gemacht werden, was für eine verkehrte Sicht der ganzen Sphäre dem zugrunde liegt, wenn man das so denkt: Jetzt hat man gelernt, das Finanzkapital kann auch ohne Arbeit Wert schaffen. Da ist ja auch was dran, aber es wird falsch, wenn die Macht über die Sphäre der Produktion als Quelle des Ganzen ignoriert wird.
Noch einmal zu dem Fatalen an dieser Vorstellung, dass es zwei Quellen des Werts gäbe, die gleichermaßen wirken, nämlich Wachstum des Werts (das fiel auch so letztes Mal) bewirken – in politökonomischen Termini: Verwertung des Werts. Es existiert ein Verhältnis zwischen beiden Abteilungen und damit der jeweiligen Qualität dessen, was da Verfügungsmacht heißt: Im einen Fall ist es die Verfügungsmacht über Waren, die sie produziert in der Weise, wie sie produziert, im anderen Fall besteht sie in der Kommandomacht über das Geld der Gesellschaft. Die besteht in erster Linie darin, dass sie Produktion anstößt und über die Schranken hinaus erweitert, eben die Konkurrenz der produktiven Kapitalisten befördert. Das ist das erste und elementare Verhältnis, aus dem sich die Macht des Finanzkapitals entwickelt. Dies Verhältnis, das dann unter anderem auch konstitutiv für das ist, was dann Inflation heißt, wird mit der obigen Vorstellung ignoriert. Wenn alles gleichermaßen Wachstum ist, bzw. gleichermaßen Wert, also ein und dasselbe, kommt die (falsche) Frage auf, ob Finanzkapital nicht auch etwas sich ständig Vermehrendes und insofern mit seinem eigenen Wachstum Mitproduzent von Inflation ist. So wird qualitativ etwas kaputt gemacht am Verhältnis zwischen diesen beiden Abteilungen, also auch an der bestimmten Qualität, die das fiktive Kapital auszeichnet, nämlich die oben schon ausgeführte Bewertung, die es erfährt und die seinen Wert ausmacht.
— Wird das in dem Artikel nicht so formuliert, dass die eigentliche Grundlage der Inflation das Kreditgeschäft ist?
Ja, aber da wird gerade die Nicht-Identität der Welt des Finanzkapitals, in der Schulden als Kapital fungieren, mit der Welt der Realwirtschaft, in der Waren auf dem Markt ihren Preis erlösen, dokumentiert. Das Ganze handelt von der Subsumtion der Welt der Arbeit und des Produzierens unter das Regime des Finanzkapitals, das Schulden als Kapital fungieren lässt und damit die Welt des Produzierens komplett beherrscht. So ist sogar das Geld, das die Kapitalisten mit ihren Waren auf dem Markt verdienen, also das Transaktionsmittel der Realwirtschaft, selber seiner Natur nach zwar allgemeines Äquivalent, seiner ökonomischen Grundlage nach Kreditzeichen, Mittel des Kredits. Mehr gibt es marxistischerseits an der Inflation nicht zu erklären, als dass die Geldentwertung ihren Grund in dem Charakter des Geldes hat, das sich da entwertet und bei dem es sich nicht um eine altertümliche Geldware, sondern um Kreditzeichen handelt, die als Zahlungsmittel zirkulieren. Mit seiner Kreditwirtschaft ersetzt das Finanzkapital das allgemeine Äquivalent durch seine Geldschöpfung.
Auch die Frage, ob das Entstehen einer Blase mit Hypothekenkrediten nicht auch eine Art von Inflation sei, ist ziemlich daneben, weil man es da mit einer ganz anderen Sache zu tun hat: Entweder, man erklärt Inflation in dem Sinn, wie man es kennt: die Waren werden immer teuerer und das lässt sich am Geld ausdrücken - woher kommt das? Oder man hat das Phänomen vor sich: In China gibt es eine Immobilienblase und die ist nach neuesten Erkenntnissen des „Spiegel“ am Platzen. Das sollte man doch auseinander halten können. Grundstücke kaufen ist wirklich nicht das gleiche wie Waren kaufen, Grundstücke sind Spekulationsobjekte, auch wenn sie beim ersten Hinschauen recht real erscheinen.
Die Frage nach dem Grund der Inflation mal so herum gestellt: Warum werden Waren teuerer? Zum Beispiel werden sie teuerer, weil sie knapper oder schwieriger zu beschaffen sind, die früheren Waren durch neue ersetzt werden, in denen mehr Arbeit steckt, Angebot und Nachfrage spielen eine Rolle u. a. m. Dem stehen x Gründe gegenüber, warum sie auch mal billiger werden, Handys und Computer z.B., weil sie sich mit dem technischen Fortschritt billiger produzieren lassen – es steckt weniger Arbeit in ihnen – oder weil die Hersteller über die Preise konkurrieren u. a. m. Jetzt hat man also diverse Gründe für Preisschwankungen vor sich. Mit Inflation hat man etwas Spezielleres vor sich, nämlich eine allgemeine Tendenz zur Teuerung, von der der bürgerliche Verstand sagt, dass es gerecht ist, sie am Geld selbst auszudrücken. Die Konstruktion des Warenkorbs in Bezug auf die Inflation soll einen Schluss auf das Geld und seine Tendenz zur Entwertung hergeben. Der Marxist sagt zu diesem Phänomen, dass die Macht des Geldes als allgemeines Äquivalent nachlässt. Was ist das für ein Geld, dass es diese Tendenz zur Entwertung, im Zeitverlauf an sich gemessen, hat? Mit den ersten drei Bänden von Marx kommt man da nicht weit, weil es da erst um den Begriff des Geldes, was es anrichtet und was es als Kapital bedeutet, geht. Ziemlich spät bei der Ableitung des Finanzkapitals kommt man drauf: Das moderne Geld, das man jetzt vor sich hat, ist nicht mehr die Geldware früherer Zeiten, deren Wert mit den Modalitäten der Beschaffung der ihr zugrunde liegenden Goldware schwankte. Sein tendenzieller Kaufkraftverlust, also diese Eigenart des Geldes, die mit Inflation bestimmt ist, ist die Konsequenz davon, dass man es mit einer eigentümlichen Sorte Geld zu tun hat: nicht mehr das Zahlungsversprechen des einzelnen Kaufmanns dient im kommerziellen Verkehr als Zahlungsmittel (wie von Marx erläutert), sondern die Banken haben die Lizenz und die Macht, das Geld der Gesellschaft durch ihre Zahlungsversprechen zu ersetzen, und die dienen als Zahlungsmittel, so dass quasi nur noch Zeichen für die Schuldverhältnisse der Banken die Rolle des allgemeinen Äquivalents spielen.
Der Staat seinerseits tritt nicht mehr als Kritiker und Korrektor dieses Verhältnisses, in dem Geldersatz als Zahlungsmittel dient (Giralgeld, s. a. GS 2-10 S. 34), auf, der darauf besteht, dass bei ihm nur Gold oder ein Zeichen für richtiges Gold als Geld fungiert. Der moderne Staat stellt sich affirmativ zu dieser Geldwirtschaft der Banken, also zu dem, dass diese mit ihren Schulden Zahlungsmittel der Gesellschaft begründen (an dieser späten Stelle der Ableitung des Finanzkapitals wird das Giralgeld endgültig auf den Begriff gebracht). Dann hat man das Verhältnis vor sich, dass das, was als allgemeines Äquivalent fungiert, jetzt der ökonomischen Sache nach die Bankschulden und deren ‚Seriosität’, deren Stichhaltigkeit repräsentiert.
Die Bankschulden sind von vornherein eingeordnet in die Akkumulation des Kapitals, sind deren Motor und Resultat, und was sie selber wert sind, bemisst sich daran, welchen Erfolg die ganze beim Bankwesen verschuldete kapitalistische Welt mit ihren Machenschaften hat. Wenn das allgemeine Äquivalent nichts anderes als das Kreditgeschäft der Banken ist und der Staat ‚dem Gebrauch von Kreditzeichen als Zahlungsmittel keine wirkliche Grenze setzt, sondern Bedingungen diktiert’ (GS Fußnote 6, S. 46), wenn er sagt: mein Geld, das die Nationalbank herausgibt, ist überhaupt die Bestätigung dessen, dass die Kreditwirtschaft mit ihren Geschäften die Grundlage für das allgemeine Zirkulationsmittel darstellt, dann hat man hier eine eigentümliche Sorte Geld: Das ist allgemeines Äquivalent, aber was es als dieses taugt, ist eine abhängige Variable vom Gelingen des gesamtgesellschaftlichen Kreditgeschäfts. Jetzt zu fragen: Spielt das Finanzkapital mit dem, wie es akkumuliert und seine Bewertungen vornimmt, noch irgendwie eine besondere Rolle bei der Inflation?, ist fatal.
Mit dieser Bestimmung des Grundes der Inflation ist auch ausgeschlossen, dass irgendwelche quantitativen Verhältnisse hergestellt werden (bei einer Wachstumsrate von x % muss es eine Inflation von y % geben o. ä.). Ebenso Fragen der Art: Von welcher Seite nimmt die Inflation ihren Ausgang?, oder: Welche Güter sind am meisten im Preis gestiegen und welche am wenigsten? Sie betreffen die Zufälligkeiten der Preissteigerung oder -senkung von Waren.
— Es ist doch gesagt worden, dass die Selbstverwertung des Werts als Finanzkapital die Quelle der Beeinträchtigung der Zugriffsmacht des Geldes ist. Ist das nicht eine vom Verwertungsprozess in der Produktion unterschiedene Sache?
Natürlich, das wird die ganze Zeit gesagt. Dass das Finanzkapital Schulden als Kapital zirkulieren lässt, ist etwas anderes, als wenn jemand mit Geld eine Produktion aufzieht und seine Arbeiter drangsaliert. Das ist auseinander zu halten.
— Am Anfang wurde darauf bestanden, dass man das nicht auseinanderreißen darf.
Nicht auseinanderreißen heißt nicht, dass es ein und dasselbe ist. Gerade wenn man ein und dasselbe macht, reißt man den Zusammenhang auseinander. Das ist der Witz! Es ist nicht eins und eins ist zwei, und weil es zweimal dasselbe ist, ist es doch wieder eins. Das ist der Fehler hier.
Zur Frage, wie sich die Geldentwertung durchsetzt: Sie setzt sich durch, indem Kredit als vermehrte Zahlungsfähigkeit in der Geschäftswelt fungiert, als Geld in seiner kapitalistischen Rolle als Maßstab der Preise und Zahlungsmittel. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Durch die Konkurrenz zwischen Anbietern und Nachfragern stellt sich schon heraus, welche Marktpreise zu erlösen sind. Zu dieser elementaren Banalität sagt Marx, der Wert der Waren stellt sich über das Verhältnis von Angebot und Nachfrage her, diese beiden Größen zerren daran herum und wenn eine Ware ständig teurer ist als sie eigentlich sein müsste, dann wird das Kapital schon daran arbeiten. Der Markt ist keine wissenschaftliche Veranstaltung zur Ermittlung gerechter Preise, sondern eine Konkurrenz darum, welche Preise sich durchsetzen lassen: Von den Anbietern, welche Hochpreise, von den Nachfragern, welche Niedrigpreise. Dieser ständige Konkurrenzkampf wird mit Kredit und – als Äquivalent, als Tauschmittel – mit Kreditzeichen ausgetragen. Insgesamt schaffen es die Kapitalisten glatt, jenseits der Verteuerung und Verbilligung spezieller Waren, eine Tendenz zur allgemeinen Teuerung herzustellen. Dann gibt es, wie schon erläutert, nur die Frage, wie es so etwas bei einem allgemeinen Äquivalent gibt. Dann kann das allgemeine Äquivalent nicht mehr bloß das allgemeine Äquivalent sein; dann muss es Ausdruck von etwas anderem sein, dann muss es unter einem anderen Regime stehen als unter dem, dass es Tauschmittel zwischen Waren ist. Hier sind nun alle Zwischenstufen bis hin zum Kreditgeld fällig. Die andere Frage, wie die das hinbekommen, mit der Verwendung dieses Geldes immer mehr zu verdienen, was sich dann hinterher als nicht mehr so tragfähig erweist, weil die Macht des Geldes erlischt, ist durch dieses Allerweltsargument beantwortet: Angebot, Nachfrage und Konkurrenzkampf. Wie gibt es denn sonst die Gesetze des Kapitals?!
Dass laufend in der Konkurrenz die Preise steigen, ist überhaupt keine Frage, das ist der Ausgangspunkt des zu Erklärenden, damit hat man es doch zu tun. Also muss man sich hinterher nicht fragen, wie es sich durchsetzt – das ist doch der Gegenstand, den man sich gerade erklärt.
Es ist komisch, es wird eine Erklärung präsentiert, die gemäß der Nachfragen auch akzeptiert wird, aber dann stellt sich auf einmal heraus, dass diese ganze Erklärung gar nicht als Erklärung der Sache verstanden worden ist. Es wird nichts weiter als Inflation erklärt, dann ist die Erklärung fertig. Dann kommt aber die Überlegung: Gut, jetzt habe ich die Erklärung, aber was hat die mit Inflation zu tun? Das ist eine falsche Art nachzudenken, ein Musterbeispiel für dogmatisches Denken. Im Artikel über den Wert, siehe GS 2-10, haben wir diesen Standpunkt anzugreifen versucht: Man liest Marx, wird bis zu Aristoteles zurückgeschickt, dann kommen die Reproduktionsschemata und irgendwann kommt die Frage: „Und was hat dies mit der Realität zu tun?“ Als wäre nicht das alles die Erklärung des alltäglichen Einkaufens bei Karstadt. Es ist eine Art, Marx’ Ableitungen zu nehmen wie ein dogmatisches Gebäude, wie ein Stück Mathematik. In der politischen Ökonomie ist dies absurd, denn in ihr wird von Anfang an nichts anderes als die Realität erklärt.
Ein kleiner Exkurs: Es gibt Eifrige, die im Internet eine Rubrik aufgemacht haben mit dem Titel ‚VonMarxlernen.de’. Das ist eigentlich ein betrügerischer Titel, weil sie gar nicht sagen, was man von Marx lernen kann, sondern erzählen, was ihnen zu Gott und der Welt einfällt. Was kann man ernstlich von Marx lernen? Was hat man davon, sich seiner Schriften anzunehmen?
— Nun, er erklärt den Kapitalismus.
Ach so, da werden aber alle vom Sockel fallen... Wie die Leute über die Welt nachdenken, was die Welt für die Menschen ist – bestimmt nicht Kapitalismus! Vielleicht in einer Abteilung Kapitalismus, in der zweiten Abteilung Gier, in der dritten Sinn, in der vierten Abteilung entweder eine zionistische oder antizionistische Verschwörung, in der fünften ein bisschen Gott und die Welt und schließlich noch der Streit, ob Darwin oder die Kreationisten Recht haben. Die Welt stellt sich für die Menschen als ein ziemliches Chaos dar, auf das sich jeder seinen Vers macht. Das wird dann auch noch anerkannt mit solchen Vorstellungen wie: Eine Wahrheit gibt es sowieso nicht, Hauptsache ist, jeder hat seine Geschichte zu erzählen. Ein solches Weltbild ist sehr ehrwürdig... Die Menschen denken erratisch, unkonsequent über die Welt nach. Versucht man einen Gesprächspartner auf irgendeine Konsequenz festzulegen, so dass er, wenn er den ersten Satz gesagt hat: „Oben sind lauter Schweine, die uns regieren.“, wenigstens den Gedanken festhält. Aber bei der Antwort auf die Frage: „Inwiefern?“, ist ziemlich sicher die nächste Auskunft: „Aber nicht alle.“
Was wäre da von Marx zu lernen? Wie erklärt Marx den Kapitalismus? Wie fängt er an, seinen Adressaten die Welt zu erklären? Er sagt, der Reichtum kapitalistisch produzierender Gesellschaften stellt sich dar als eine große Warensammlung, die Elementarform ist die einzelne Ware – also hat hier die Analyse anzufangen. Man kann von ihm lernen, sich einmal klar zu machen, worauf es jenseits von allem Firlefanz, allem Sinngehuber und allen Stimmungen in der Gesellschaft wirklich ankommt: Auf ihren Reichtum, denn von dem lebt sie. Wenn es das nicht gäbe, könnte man alle Träume und sogar Merkel vergessen. Das ist die Sache, von der die Gesellschaft lebt: Der Reichtum, nicht der Mangel – damit hätte man schon gleich wieder eine ganze Interpretation dazu. Es ist zu besichtigen, wie die Lebensmittel dieser Welt produziert und reproduziert werden, denn daran entscheidet sich, wie die Gesellschaft lebt. Das ist eine elementare Frage. Jetzt wird also dieser Reichtum besichtigt und als erstes festgehalten, was jeder kennt: ‚Stellt sich dar als eine große Warensammlung’. Was ist mit Ware alles gesagt? Das ist kein Absprung in eine Metaphysik des Werts, sondern in eine Punkt für Punkt Analyse: Dieser Reichtum ist produziert, aber nicht für den Verbrauch, sondern für den Verkauf. Und ab hier geht alles los. Damit man es noch einmal so kapiert, haben wir es im Artikel über den Wert in der letzten Nummer des GS so Punkt für Punkt aufgeschrieben; damit man Marx nicht als eine Metaphysik des Werts liest und sich hinterher noch fragt, was das mit der Realität zu tun hat. Sondern dass man gleich merkt, dass das das Elementare ist, das jeder kennt, wovon alles abhängt und das von seiner entscheidenden Formbestimmung hier auseinander genommen wird. Sich einmal so mit der Welt zu befassen, das ist das, was man von Marx lernen sollte.
Deswegen sind wir über Überlegungen erschrocken, die sich in Ausdrucksweisen finden und die Vorstellung wiedergeben, Wert verwertet sich selbst und damit haben wir jetzt etwas in der Hand. Und von dieser Vorstellung der Selbstverwertung des Werts besichtigen wir das jetzt – noch nicht einmal das, was in der Welt passiert, sondern was anderswo im Gegenstandpunkt steht. Selbstverwertung des Werts ist quasi das neue Dogma und es wird geprüft, ob auch alles dem entspricht. Was stellt man sich da bei Wert vor? Als wäre die Sache mit dem Fetisch wahr! Als wäre es gar nicht die fetischartige Form der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, sondern als hätte man da wirklich so einen Kasper im Wert vor sich, der sich immerzu selbst vermehrt. Als wäre die Selbstverwertung des Werts nicht der Hohn auf die Gesellschaft, wie sie hier vonstatten geht, und auf die Zwecke, die die Menschen sich setzen. So als wäre es ein Mechanismus, der für sich existiert. Es ist, als wäre die Denkweise: Wert ist doch bloß gesellschaftliche Arbeit, drückt doch nur Arbeit aus, jetzt ersetzt durch: Wert drückt seine eigene Vermehrung aus. Genauso begriffslos wird mit diesem Dogma quasi hantiert und daran die Welt gemessen.
— Beim früheren gemeinsamen 'Kapital'-Studium ist es vorgekommen, dass jemand bemerkt hat: "Das ist ja genauso wie bei einem mir bekannte Geschäftsmann". Der methodische Hinweis dagegen lautete dann immer, man solle bei der Erklärung nicht so konkret denken, sondern den Kapitalismus abstrakt erklären.
Erklärungen sind immer konkret. Marx mutet gerade in dem, dass er die Welt erklärt, wie sie jeder kennt, seinen Lesern eine Sortierung zu. Wenn es z. B. heißt, es gibt einen kommerziellen Kredit, bei dem Zahlungsversprechen als Zahlungsmittel verwendet werden, und dann jemand fragt: „Ja, ich habe neulich auch einen Kredit aufgenommen und mir dafür eine Tissot-Uhr gekauft. Ist das jetzt auch so etwas wie ein Wechsel?“, müsste man ihm nicht nur sagen, dass der Konsumentenkredit etwas anderes ist als der kommerzielle Handelswechsel, sondern auch noch, dass er auch die Schritte der Erklärung nachvollziehen muss, wenn er sich hier auf die Erklärung der Welt einlässt. Wenn er aber gar nicht an den Bestimmungen herumdenken will, wo aus einem Zirkulationsmittel das Zahlungsmittel wird, sondern einfach wissen will, was aus seinem Girokonto wird, muss man ihm sagen, dass diese Frage hier fehl am Platze ist.
Das Ganze hat nichts damit zu tun, wie sich der bürgerliche Verstand Wissenschaft vorstellt: Zunächst wird ein Theoriegebäude extrapoliert, ein Modell der Welt gestrickt, und dann schaut man, ob es dies überhaupt gibt. Nein, es sind Schritt für Schritt die Bestimmungen der Sache. Wenn jemand ankommt und sagt, dass ihm da gerade ein Beispiel einfällt, dann ist immer die Frage: „Welche Bestimmungen sind dir eingefallen?“ Und entweder es stimmt, oder es stimmt nicht. Und dann ist man wieder bei der Erklärung. Ansonsten ist es nur eine Sammlung von Anschauungsmaterial, über die die Erklärung verloren geht. – Dies sind aber alles nur methodische Anmerkungen...
— Diese Selbstverwertung des Werts, die wir als Dogma bezeichnen – in welchem Zusammenhang steht dies zu dem Fehler, der hier kritisiert worden ist? Es wurde gesagt, die Verwertung des Finanzkapitals ist eine, die auf dieses Geld zurückwirkt, weil das Bankkapital das Geld als Bankschulden kreiert. Es fehlt aber doch noch, was anfangs gesagt worden ist, dass die Selbstverwertung des Werts beim Finanzkapital nicht zu denken ist ohne seine Herkunft, also ohne die Macht des Finanzkapitals, die aus der Subsumtion des gesellschaftlichen Produktionsprozesses unter seine Verwertungsbedürfnisse resultiert.
Natürlich kann man es ohne denken, und das ist auch erst einmal das Phänomen. Das war auch etwas die polemische Zielrichtung vieler unserer Debatten über das Finanzkapital. Die Hypothekenpapiere z. B., mit denen wir vor drei Jahren diese Debatte begonnen haben, haben ihren Wert durch eine Bewertung, und dabei kommt es darauf an, dass diese Bewertung, die ihnen zugemessen wird, von den Käufern auch auf dem Kapitalmarkt realisiert wird. Solche Bemerkungen standen da. Dann kommt auf einmal der Einwand, dass das (das Wertsein, die Werthaltigkeit dieser Papiere) aber doch letztlich gar nichts anderes sein kann als Arbeitsprodukt, als realisierte Ware. Das ist ein eigentümlicher Einwand mit dem ‚letztlich’, wo doch zu erklären ist: Man hat gar kein Produkt von Arbeit vor sich und man hat zu erklären, dass das auf einmal nichts mehr wert ist – was es ja auch gibt –, sondern man hat ein Wertpapier, und damit ein Beispiel für die Freiheit des Finanzkapitals vor sich, sich zu der ganzen Welt der Produktion bis hin zu den Gehältern der armseligen Häuslebauer in Amerika in das freie Verhältnis zu setzen: Es gibt Kredit und dessen Bedienung ist bloß eine Frage der Zeit - getrennt davon, wie der Mensch das hinbekommt. Dass hier schon im Verleihen, erst recht dann in den höheren Konstruktionen, ein Rechtsverhältnis zwischen Verleiher und Borger zur Grundlage dafür wird, ein Papier als Geldvermögen zu behandeln und es sogar auf einen extra dafür existierenden Markt zu tun, ihm täglich eine neue Bewertung als Vermögenstitel angedeihen zu lassen... Diese eigene Tätigkeit des Finanzkapitals ist zu erklären.
Da kann man schon einmal sagen, dass es dieses Phänomen doch getrennt davon gibt, dass in den Fabriken gearbeitet wird. Die Trennung existiert in Form der Börse oder in Form von an der Börse vorbei gemanagten Geschäften. Das lässt sich schon getrennt denken, bloß fängt dann die Frage an, wie es so etwas gibt. Was ist die Grundlage dafür, dass so etwas in der Welt des Finanzkapitals gilt? Was ist der Stoff, mit dem die operieren? Klein angefangen mit den elementaren Funktionen und Diensten dieses Gewerbes, an welcher Stelle schlägt dann der Dienst dieses Gewerbes am Geldverdienen durch Warenproduktion und Handel um in eine Freiheit, sich dieser ganzen Welt der Produktion und des Handels zu bedienen als Grundlage dafür, jetzt intern zu spekulieren, also die Schulden, die andere machen, als Geldvermögen zu behandeln? Dies ist ein entscheidender Fortschritt im Ablauf.
Unserem Versuch, diese Eigenart des finanzkapitalistischen Geschäfts aus der kapitalistischen Produktion zu erklären, wurde entgegengehalten, damit würden wir glatt behaupten, es gäbe es getrennt davon. So als würden wir das erfinden. Es gibt in dieser Welt Rechtsverhältnisse, die als solche Geldvermögen konstituieren und die sogar ein Recht auf Zuwachs beinhalten. Das müssen wir doch nicht ableiten oder beweisen. Es ist das zu erklärende Phänomen und die Ableitung ist fertig, wenn sie diesen Mist auch noch als Abfallprodukt der Welt des Finanzkapitals erklärt hat.
Das Fatale wäre, wenn diese Erklärung der Sache zu einer generalisierten Vorstellung gerönne: Jetzt hätten wir doch bewiesen, dass es neben der Tätigkeit des Kapitals als Ausbeutungsmaschinerie auch noch eine zweite Tätigkeit des Geldkapitals als Selbstverwertungsmaschinerie Finanzkapital gibt. Und, weil aus beiden Geld herausschaut, wir auf einmal den Unterschied nicht mehr kennen wollen. Jetzt hat man doch gerade mit der Ableitung Identität und Differenz erklärt. Man hat was verpasst, wenn man sich so auf den Standpunkt des Resultats stellt, dass man rückblickend nach der Differenz sucht. Als hätte man in dem Stichwort ‚Selbstverwertung des Werts’ nur die abstrakte Identität festgehalten, aber wo die hingehört, welcher notwendige, systematische Unterschied zwischen der Selbstverwertung des Werts in der Sphäre der Ausbeutung und der Selbstverwertung des Werts in der Sphäre des Finanzkapitals besteht, dass da ein notwendiger Zusammenhang zwischen den beiden verschiedenen Sachen liegt – das ist auf einmal weg. Gegen Fragen der Art: Wenn wir jetzt doch alles unter Selbstverwertung des Werts subsumiert haben, wo bleibt dann überhaupt noch das Recht, eine Realwirtschaft vom Finanzkapital zu unterscheiden?, ist das Mindeste zu sagen, da ist über die Begeisterung, dass man eine Identität erwischt hat, die Differenz verloren gegangen. Ein härteres Urteil ist: Da ist über dem Austausch eines Dogmas, nämlich aller Wert kommt aus Arbeit, gegen ein anderes, nämlich aller Wert kommt vom Wert selber, jede Erklärung flöten gegangen. Es ist absurd, am Ende der Erklärung quasi zurückzufragen, man verstünde alle Zwischenstufen der Erklärung nicht mehr angesichts des Resultats, auf das wir uns geeinigt haben.
— Was uns Schwierigkeiten macht und wir beim letzten Jour fixe nachgefragt haben, ist an der Stelle der Inflation eine Bestimmung des Geldes. Sie heißt auf S. 47 (GS 1-10) oben: „Die Ausdehnung des gesamtwirtschaftlichen Kapitalvorschusses, berechnet auf ein allgemeines, lohnendes Wachstum, hat zur Folge, dass die Macht des so reichlich verfügbaren Geldes, ihr eigenes Wachstum zu bewirken, auch nur so groß ist wie das Wachstum, das sie tatsächlich insgesamt zustande bringt...“. …Die Erläuterung zieht sich zusammen auf das ‚soweit sie insgesamt das Wachstum schuldig bleiben’ und das ist doch ein Widerspruch zu oben: Die Zahlungsmittel, die in der Welt sind, um Wachstum anzustoßen, bleiben das Wachstum schuldig. „...schwindet die Kommandogewalt über Arbeit und Reichtum, die sie repräsentieren – sie verlieren an Wert. Sie sorgen für eine zahlungsfähige Nachfrage nach Waren aller Art; aber wenn das Wachstum der Produktion nicht mithält...“ Da meine ich, dies ist eine Einengung auf die Produktion hin, wenn vorher vom ‚Wachstum, das sie insgesamt zustande bringen’ gesprochen wird. Zum Wachstum gehört nicht nur das der Produktion, sondern auch das des Finanzkapitals. Das Rätsel ist, warum es hier auf die Produktion zugeht.
Das ist hier aber wirklich kein Rätsel. Da steht: „... ihre Macht (die Macht des per Kredit geschöpften Geldes), eigenes Wachstum zu bewirken, ist nur so groß wie das Wachstum, das sie tatsächlich zustande bringt...“ Das ist schon hart an einer Tautologie. „...daraus folgt in der modernen Marktwirtschaft eine als chronisches Leiden verbuchte Tendenz zur Minderung dieser Macht“ Wo gibt es das? „Die Kreditzeichen sind als Zahlungsmittel in der Welt; sie werden auch als Zirkulationsmittel benutzt; aber soweit sie insgesamt das Wachstum schuldig bleiben,...“ Was heißt hier Einengung? Jetzt geht es doch weiter zu „Kommandogewalt über Arbeit und Reichtum“ und nicht "Kommandogewalt über Zettel und deren Bewertung". Es ist die Kommandogewalt über Sachen, über den wirklichen Reichtum und die ihn produzierende Arbeit, nicht über die Schulden. Beim Geld in seiner Verwendung als Kaufmittel für die Produkte des Finanzkapitals das Attribut ‚das ist Verfügungsmacht über’ anzubringen, ist absurd. Im Zettelwesen der Kreditwirtschaft ist man in einer anderen Welt; da wird Geldkapital generiert, aber doch keine Ware geschaffen, auf die sich die Kommandomacht des Geldes richtet. Da wird Geld angelegt, als Geldkapital verwendet.
— Mit dem vorher Gesagten wird argumentiert, dass Geld in beiden Bereichen als Zahlungsmittel auftritt. Das ist der Fehler.
Eben, in einem Fall ist es Realisierung von Wert als wechselndes Preisverhältnis, im anderen Fall findet mit dem Kauf zugleich die Bewertung statt. Das wird doch nicht unter dem Gesichtspunkt der Inflation plötzlich alles gleich!
Dass hier von der Macht des Finanzkapitals über die Sphäre der Reproduktion des wirklichen, des gesellschaftlichen Reichtums die Rede ist, ist doch kein Geheimnis. Die Entschränkung des Kreditgeschäfts hat eine Nebenwirkung: das Kapital wird vorgeschossen für die Welt der Produktion. Hier ist von dem Verhältnis die Rede, in das sich das Finanzkapital zur ganzen sonstigen Welt der Wirtschaft setzt, nicht von diesem Binnenverhältnis - das ist gerade die Grundlage für die Entschränkung. Bei dem Stichwort ‚die Ausdehnung des gesamtwirtschaftlichen Kapitalvorschusses’ hätte man bei der Problematisierung dann schon sagen müssen: „Wieso denn nur des Kapitalvorschusses, wieso denn nicht in Anlage in Wertpapieren?“ Davon ist hier aber nicht die Rede. Sondern es ist von einer Nebenwirkung die Rede, die daraus folgt, dass das Finanzkapital mit seinem Vorschuss die Wirtschaft kreditiert. Das Finanzkapital, so ist es bestimmt, hat die Macht, sich bei der Bereitstellung des Vorschusses für kapitalistische Geschäfte von den Schranken des schon Verdienten frei zu machen, sich und die ganze Welt. Jetzt gibt es diesen Vorschuss, aber Vorschuss bezogen auf G-W-P-W’-G’, diese ganze Welt des Warenproduzierens und -versilberns.
Und im Geld selber ist dieses Verhältnis als Widerspruch enthalten. Als der Widerspruch, dass es zugleich verbindliches Geld, also wirksames Zahlungsmittel usw. ist, und Kreditverhältnisse repräsentiert, die nicht fertiges Wachstum repräsentieren, sondern Anspruch darauf. Deswegen der Vorwurf, dass etwas in einen Topf geworfen wird, wenn ausgerechnet ins Verhältnis Inflation hineingelesen wird, dass hier behauptet würde, es wächst doch überhaupt alles. Der Fehler ist, dass die Auskünfte über das fiktive Kapital und über die Realwirtschaft gleichgesetzt werden. Das qualitative Verhältnis im Geld, das sich in der Inflation ausdrückt, wird dabei erschlagen.
— Dass das Geld, das Zeichen für die Schulden der Bank ist, ein Quidproquo verkörpert, es zirkuliert als Reichtum, der Sache nach ein Vorgriff auf noch zu schaffenden Reichtum – das ist klar. Logische Schwierigkeiten bekomme ich, wenn gesagt wird: „… die Zugriffsmacht dieses Geldes hat sein Maß in dem, was tatsächlich an Reichtum geschaffen wird“. Wir sind hergekommen aus der Krise des Finanzkapitals. Der Ausgangspunkt war da, dass die nicht mehr funktionierenden Geschäfte des Finanzkapitals die Qualität des Geldes insgesamt infrage gestellt haben. Wenn gesagt wird, das Maß für die Reichweite der Verfügungsmacht des geschaffenen Kredits, der als Geld zirkuliert und das Geld dieser Gesellschaft ist, liegt in dem produktiv zu schaffenden Reichtum, habe ich Schwierigkeiten.
Verstanden ist also noch, dass es um das vom Finanzkapital inszenierte Wachstum der Realwirtschaft, um die Freiheit des Kapitalvorschusses vom schon verdienten Geld geht. Das Kapital kommt so nie in Geldverlegenheit, weil das Finanzkapital das Geld nach Maßgabe seiner Kreditbedürfnisse schafft. Was bedeutet das Anheizen des Kapitalvorschusses? Die Hauptwirkung ist der Wachstumsmotor, die damit verbundene Nebenwirkung ist, dass sich dieser Kredit dann aber auch als Wachstumsmotor bewähren muss. Diesen Motor schafft das Finanzkapital mit seiner Macht aus dem, was es für lohnend befindet; finanziert so den gesamtgesellschaftlichen Vorschuss fürs Produzieren und Handeltreiben. Dasselbe anders betont heißt: Dann ist aber auch die Leistungsfähigkeit dieses Motors nur so groß, wie das, was es als Wachstum zustande bringt. Diese andere Betonung ergibt das eigentümliche Phänomen der Inflation.
Also kann man nicht sagen: Klar ist, dass das Finanzkapital Wachstumsmotor ist, aber nicht, dass es bloß Wachstumsmotor ist und nur soviel taugt, wie es als solcher anrichtet. Die Negation heißt: Es ist nicht die Zusammenfassung dessen, was die Gesellschaft schon hat, sondern die Antizipation dessen, wohin die Gesellschaft es bringen soll. Vom Standpunkt des Finanzkapitals heißt das, es behandelt das, was es zustande bringen will, als wäre es schon eingetreten. Man kann das auch als Vorgriff auf zu Schaffendes ausdrücken; da ist an der Quelle des Geldes ausgedrückt, dass es Wachstum bewirken soll. Wenn es dann keines bewirkt, ist es schlecht. Denn die Macht des Finanzkapitals dient als Wachstumshebel – da ist die Frage, ob das alles aufgeht. Im Idealfall schon, und es geht auch oft auf, aber wenn schon eine Fiktion der Motor der Sache ist, dann entscheidet auch die Leistung dieses Motors darüber, wie stichhaltig die Fiktion ist. Nicht die Fiktion macht den Reichtum, sondern das, was sie in der Realwirtschaft bewirkt. Das ist die Nebenwirkung der Steigerung des Vorschusses für Produktion und Handel.
Was das Finanzkapital daneben mit seinen Derivaten, dem Auf und Ab in seiner Bewertung und seinen Luft- und Immobilienblasen bewirkt, ist ein anderes Kapitel. Ebenso ist hier nicht Thema, was da alles sonst noch kaputtgeht. Hier geht es darum, dass es die Emanzipation des Kapitalvorschusses vom schon erreichten Reichtum ist. Aber die Abhängigkeit der Macht, Vorschuss zu generieren, von dem Erfolg, das sind die zwei Seiten der Antizipierung des Erfolgs. Das hat ein Moment von Frechheit, Unverschämtheit, Anmaßung, denn das Finanzkapital tut glatt so, als sei das alles nur eine Zeitfrage: Die Verwertung von Staatsschulden, von Krediten an Schwellenländer, alles nur eine Frage von ein paar Jahren.
Dieses Verhältnis hört nicht auf, sondern betätigt sich darin, dass laufend in der Inflation das Moment von Verlust an Zugriffsmacht gemessen wird. Das sind gerade beide Seiten dieses Verhältnisses, die im Geld sich betätigen. Wobei man immer daran denken muss: Die Inflation ist eine Nebenwirkung. Wobei man nicht mal ihre Größe oder ob sie überhaupt eintritt prognostizieren kann.
— Eine andere Nebenwirkung ist die Überakkumulation.
Und noch andere Wirkungen dieses Verhältnisses. Dann ruiniert das Finanzkapital mit seiner Krise das, was an Produktion passiert, über zurückgehaltene Kredite. Darum geht es nicht bei der Inflation.
Eine Frage war, ob die Reduktion des Wachstums von Wertpapieren, wenn die Spekulation nicht gelingt, eine verringerte Selbstverwertungsmacht des Geldes ausdrückt. Das ist eine falsche Vorstellung. Die Reduktion des Wachstums fiktiver Titel ist eine Sache, da ist man in der Welt des Finanzkapitals, in der es mit seinen Bewertungen Geldkapitalvermögen schafft und abschafft. Das Schaffen und Vernichten von Geldvermögen ist im Preis immer mit drin. Das zu erklärende Phänomen ist da: Wie gibt es das als Konsequenz der kapitalistischen Produktionsweise? Dann ist man bei dem Wachstum fiktiver Titel, ihrer Entwertung und der (möglichen) Reduktion des Wachstums. Wenn man fragt, ob das eine verringerte Selbstverwertungsmacht des Geldes ausdrückt, tut man so, als wäre die Selbstverwertungsmacht des Geldes für sich eine feste Größe, für die man in der Akkumulation des Produktionssektors und in den Bewertungskunststücken des Finanzkapitals zwei Fälle hätte. So darf man dieses Verhältnis nicht denken. Das ist ein Ableitungsverhältnis und kein Nebeneinander, nicht zwei Fälle desselben abstrakten Prinzips.
Der Gegenstandpunkt hat sich in drei Artikeln zum Finanzkapital Mühe gegeben, dieses Verhältnis auseinanderzunehmen und in seinen verschiedenen Stufen zu erklären. Betont wurde: Jede Krise usw. ist eine Erläuterung des qualitativen Verhältnisses von Finanzkapital und seiner Grundlage, worüber es sich erhebt, von dem es sich trennt und in seiner Freiheit Wertpapiere generiert und Staatsschulden wie die allerbesten Finanztitel behandelt. Wenn das am Ende so verstanden wird: Jetzt haben wir gelernt, der Wert kommt nicht nur aus der Arbeit, sondern auch aus dem Finanzkapital, ist das fatal.
Gerade bei unseren ersten polemischen Einlassungen zur Frage, was das Finanzkapital eigentlich treibt, ging es um die Klarstellung: Es ist gar nicht nur die Ansammlung und Aneignung dessen, was das produktive Kapital ausschwitzt. Das ist zwar der Ausgangspunkt, damit stellt es aber was an und setzt sich selbst zum produktiven Kapital in ein Rechtsverhältnis des Verleihens. Als Recht ist es für sich eine ökonomische Operation, die als solche ihr Geld beansprucht und dann auch das Geld wert ist, das sie sich nimmt. Weiter war ausgeführt, wie es sich davon befreit, das Verhältnis formalisiert und ausbaut in Wertpapieren. Beim Kapitalmarkt wurde gegen ein falsches Verständnis von Leuten vorgegangen, die dachten: Warenwert ist doch vergegenständlichte Arbeit, der Kapitalmarkt mit Wertpapieren wäre auch so ein Markt. Letztlich käme es darauf an, dass nur das Wert ist, wo Arbeit drinsteckt. Dieses Letztlich wurde zurückgewiesen als unpassender Einwand gegen eine Ableitung, in der ein Ergebnis immer der Ausgangspunkt für etwas qualitativ Neues ist. Das wurde auch in dem Wert-Artikel (GS 2-10) so dargestellt. Man kann sagen: Letztlich ist Geld doch nur die Vergegenständlichung des Warenwerts, aber der Witz ist: Das nur ist zu streichen! Der Warenwert findet im Geld seine adäquate Gestalt, darauf kommt es an. Deswegen gibt es das absurde Wort für Verkaufen: Realisieren. Es ist eben nicht so, dass das Geld sich in den Waren realisiert, weil man die konsumieren kann, sondern im Kapitalismus ist es so, dass der Warenwert sich in Geld realisiert. Im Geld ist es etwas Neues. Erst mal ist es einerseits nur Zirkulationsmittel, vermittelt den Händewechsel der Waren. Aber es gibt gleich eine weitere Verwendung des Geldes, in der zeitlichen Abfolge wird auf einmal aus dem Zirkulationsmittel ein Zahlungsmittel. Der Übergang ist: Geld ist der Zweck und nicht mehr bloß das Mittel. Weiter: Wenn Geld der Zweck ist, wenn überhaupt fürs Verkaufen produziert wird, dann ist die Vorstellung, Geld vermittelt nur die fertigen Waren, der Schein. Die Wahrheit davon ist, dass der Austausch der Waren die Vermehrung des Geldes vermittelt.
In die Reihe gehört in untergeordneter Form auch das: Mit der Macht des Finanzkapitals, Schulden als Geldkapital fungieren zu lassen, ist etwas Neues erreicht: Es macht sich qualitativ unabhängig, gewinnt Macht über seine eigene Quelle. Es macht sich von der Leistungsfähigkeit der Quelle unabhängig und dreht das Verhältnis um. Jetzt ist es selbst der Generator für die Produktion. Insofern ist das 'Letztlich' eine unpassende Vorstellung. Wenn man es umgekehrt betrachtet, kann man es richtig fassen: Wo kommt das her, wie gibt es so was, dass Rechtsverhältnisse Reichtum konstituieren und wer die meisten Wertpapiere hat, hat die dicksten Autos? Worauf gründet fiktives Kapital? In dem Sinn kann man sagen: Diese Freiheit des Finanzkapitals gibt es nur auf Basis dessen, dass das, wovon die Gesellschaft materiell lebt, Kapitalcharakter – der auf dem Warencharakter beruht – hat. Auch die kapitalistische Gesellschaft lebt letztlich von der – in dieser verrückten Form verrichteten – Arbeit. Das ist die Banalität: Wovon diese Gesellschaft sich ernährt, muss geschaffen werden. Das kann man von Marx lernen. Etwas Realismus oder auch Materialismus. So kommt es 'letztlich' auf die Arbeit an. Nicht in dem Sinn: In all den Konstrukten des Finanzkapitals steckt nur soviel Wert, wie in ihnen 'letztlich' an Anspruch an Arbeit drin steckt. Sondern die sind soviel wert, wie das Finanzkapital sie zu vermarkten versteht, wie sie Vertrauen bei ihresgleichen und als Generator von Geldvermögen Anerkennung finden. Aber darin steckt auch, dass nicht das Finanzkapital letztlich nur die abhängige Variable von dem ist, was die Arbeit zustande bringt, sondern es ist umgekehrt. Die Arbeit und was die, die sie verrichten, für sich damit erwirken, ist die abhängige Variable von den Eskapaden des Finanzkapitals.
— In dem Inflationspunkt bekommt man die Umdrehung des Verhältnisses so mit, dass überhaupt die Masse des als Vorschuss fungierenden Geldes, vom Finanzkapital geschaffen, das Maß vorgibt, in dem überhaupt ein zustande gekommenes Wachstum ausreicht oder nicht. Das Maß, in dem die Verwertung gemessen an den Ansprüchen des Kredits stattzufinden hat, wird durch den Kredit aufgestellt.
Ja, es ist die Quelle des Vorschusses. Und der Vorschuss ist das Maß, in dem der Produktionsprozess das alles zu realisieren hat. Den Profit lernt man kennen als den Strich beim W'. Profit ist dann der Masse nach das, was übrig bleibt und bezogen auf den Vorschuss, ist es die Verwertungsrate. Das ist eine vorläufige Wahrheit über den Kapitalismus. Wenn das Finanzkapital dazu tritt und das alles kreditiert, dann ist damit auch schon ein Maß für den zu erzielenden Profit gesetzt.
Schon im einfachen Leihkapitalverhältnis ist das verliehene Geld die Prämisse dafür, welchen Ansprüchen der Profit zu genügen hat. Mit diesem vorherigen Schritt ist das Finanzkapital nicht zufrieden. Wenn der Vorschuss schon definiert, was beim Geschäft herauszukommen hat, und wenn das gar nicht mehr nur den Charakter einer Hoffnung, Erwartung oder bloßen Anspruchs, sondern eines Rechtsanspruchs hat – der als solcher auch sein Recht behält und vom Staat seine Macht bekommt, sich durchzusetzen –, dann ist der nächste Übergang, dass das Finanzkapital, weil es sowieso über das Geld der Gesellschaft verfügt, schon mit seinem Machtwort Produktion inszenieren kann und das Ergebnis hat das Machtwort zu rechtfertigen. Das ist über das Leihkapital hinaus die nächste Stufe. Dann gibt es noch am Ende die Derivate als Kundgabe dessen, wie prekär dieses absurde Verhältnis ist, Schulden als Quelle von Reichtum zu veranschlagen, so zu tun, als wären die Schulden schon das Ergebnis. Das enthält natürlich eine Unsicherheit, auf die sich das Finanzkapital selbst schon wieder stürzt und aus der Unsicherheit eine wunderbare Geschäftsgrundlage macht. Nichts leichter, als das zu versichern. Dann ist man dabei, das zu erklären. Wichtig ist, dass man den Charakter der Sache als Ableitungsschritte begreift. Dieses darauf aufbauende Verhältnis darf nicht in der Vorstellung untergehen, jetzt können die dasselbe wie das produktive Kapital, nur ohne Arbeit.
Schaut euch noch mal unter dem Gesichtspunkt den Wertartikel an, der ist nach der Seite hin prinzipiell und eine Ansprache an die Leser.
In diesen Zusammenhang passt noch folgende Frage: "Warum kann man einen GS-Artikel nicht einfach fremden Leuten vorlesen, woran liegt es, dass die Inhalte des Buches nicht verstanden werden und auch wenn die Schachtelsätze in Sprechsprache umformuliert sind, die Aussagen am Publikum vorbeigehen? Die vorschnelle Antwort, weil sie den Inhalt nicht hören wollen, mag für einen Teil des Publikums zutreffen, aber wenn 'gutwillige Menschen' ehrlich sagen, dass ihnen der Inhalt verschlossen bleibt, was liegt dann vor?... Was ist Schwierigkeit der Vermittlung?"
Es lässt sich nicht sagen, was jeweils die Schwierigkeit ist; in der Regel wohl die, dass die hier angesprochenen 'gutwilligen Leser' sich nicht auf den jeweiligen Inhalt einlassen. Es geht ihnen um anderes, als sich auf die Aussagen des Artikels zu konzentrieren. (Viele Artikel greifen auch abwegige Sachen auf; da ist die Wichtigkeit, die in der Öffentlichkeit der Sache beigemessen wird, das Argument.) Vielleicht ist es eine Illusion, man träfe mit dem, was man im Gegenstandpunkt zu sagen hat, auf eine tabula rasa, also auf (wissbegierige) Leute, die sich über eine Sache, die man ihnen erklären will, noch nichts denken. Dagegen man muss in Rechnung stellen: Es gibt nichts, worüber die Leute, die man anredet, nicht schon eine Meinung haben. Mindestens die: gefällt/gefällt nicht. Dieses Ewige: Wie fühlst du dich, wenn du ans Finanzkapital denkst? Das ist ernst gemeint, weil Antworten sind dann von der Art: Schlecht, weil mein Bankberater hat mich neulich reingeritten. Das ist das Beispiel für ein praktisches Verhältnis dazu. Ein theoretisches Verhältnis hat sowieso jeder zu allem. Und man darf die Vorliebe nicht unterschätzen, bei jeder Ansprache über ein Thema, gerade wenn es einen interessiert, nur das zu hören, was man sich selbst schon immer gedacht hat.
Also liegt es vielleicht doch nicht an den komplizierten Haupt- und Nebensätzen; eine einfachere Übersetzung hilft insofern nichts, wenn man es mit solchen Leuten zu tun hat. In manchen Artikeln des Gegenstandpunkts wird explizit ein ideeller Adressat agitiert. Das ist ein Unterschied zu Artikeln, die z.B. das Finanzkapital erklären. Das birgt Schwierigkeiten. Da kann man natürlich einem gutwilligen Menschen, der aber seine gar nicht fest gefügten Auffassungen hat, diesen Artikel erläutern – im Wissen, auch in Erfahrung bringen dessen, was der einem entgegenbringt. Die Aufgabe ist da, einen Artikel in ins Gespräch übersetzte Agitation zu verwandeln. Dazu muss er sagen, was er nicht versteht. Aber die verstehen in der Regel auch Sachen nicht, die gar nicht drinstehen.
— Wenn man ernst nimmt, dass jeder Mensch schon eine feste Meinung hat, die man aber nicht kennt, dann muss man ihn erst fragen, bevor man an die Erklärung dessen geht, was er sich dazu denkt.
Man weiß sehr wohl viel vorher; wenn man – je nach Adressaten – entweder in die Zeitung oder in ein linkes Blatt schaut, dann steht ja das, was einem entgegentritt, eigentlich ideell schon vor Augen. Das sind gewöhnliche Vorstellungen, die man im Prinzip kennt. Welche er speziell hat, merkt man, wenn man mit der Erklärung anfängt.
Die Fragen leben von einem heimlichen oder unheimlichen Ideal, es gäbe einen Königsweg, Leute zu überzeugen. Den gibt es nicht. Da geht an unserem Dogma nichts vorbei: Außer, dass man es kapiert, gibt es keinen Weg, eine Überzeugung zu ändern. Da ist die Frage, worauf ein Mensch sich einlässt, über was man überhaupt in eine materialistische Diskussion kommt – deswegen vorhin meine Bemerkung dazu, was man alles von Marx lernen kann. Eine gewisse Kompromisslosigkeit, auch mal zu einem Schwachsinn zu sagen, sortier mal zwischen wichtig und unwichtig.