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Jour fixe vom 10.05.10 – Zur Krise des Euro. Angriff auf die Garanten

   — Im Griechenlandartikel, S. 121, heißt es: „An Griechenland beißen sich die Spekulanten fest. Und dass sie damit die Widersprüchlichkeit der ganzen Konstruktion aufdecken, ...“ Das verstehe ich nicht. Als Grund für das Misstrauen der Finanzmärkte wird die hohe Verschuldung für die Bankenrettung der maßgeblichen EU-Staaten angegeben, mit der sie sich über die eigenen Kriterien für Solidität ihres Kredits hinweggesetzt haben. Das ist aber keine Besonderheit der EU-Staaten, die USA haben das Gleiche gemacht. Die Finanzmärkte sind ebenso mit dem Zweifel an der Solidität der US-Schulden unterwegs. Das ist das eine. Das andere ist, man kann in der Zeitung lesen, dass der Euro ein einziger Konstruktionswiderspruch ist, der nicht hätte gut gehen können. Diese Behauptung ist verkehrt, denn es wird vom Misserfolg auf den Konstruktionsfehler geschlossen. Anders ausgedrückt: Es wird behauptet, dass sich an dem Ergebnis, also an dem Zweifel am Euro zeigen würde, dass einzelne Staaten in dem Währungsverbund durch den Währungsverbund nicht dazu gebracht werden können, dass sie solide wirtschaften. Mir ist der Zusammenschluss zwischen dem Misstrauen, das die Finanzmärkte dem Euro entgegenbringen, und dem Konstruktionswiderspruch, den der Euro hat, nicht klar.

   — Der Fall USA ist doch kein Einwand. Die Masse der aufgelaufenen Schulden, egal, ob hier oder in den USA, werden der Prüfung unterzogen, ob sie Wachstum anstoßen oder nur zum Ersatz von Schulden eingesetzt werden und was sie für die Spekulation taugen. Das gibt einen Grund ab für die Spekulation gegen den Euro und auch dafür, dass die USA ein Problem haben. Die Masse der Schulden werden weltweit miteinander verglichen auf ihre Tauglichkeit für eine Verwertung. Etwas anderes ist, dass beim Euro noch eine besondere Situation vorliegt, nämlich eine Währung und viele nationale Hüter.

   — Die Behauptung ist, dass im Fall des Euro die Unauflöslichkeit des Widerspruchs, den die europäische Währung an sich hat, aufgedeckt wird. Das verstehe ich nicht. Der Widerspruch in der Konstruktion ist mir klar, die Staaten der Euro-Zone wirtschaften mit einem Geld, zugleich betreiben sie Konkurrenz gegeneinander. Durch diese Konkurrenz setzen sie in den Staaten, die in dieser Konkurrenz unterliegen, die Basis für das Kreditgeld außer Kraft.

Außer Kraft setzen ist etwas stark ausgedrückt, doch in letzter Instanz ist das der Witz.

   — Das merken auch die Kommentatoren selber, wenn sie bemängeln, dass die Euro-Zone zwar eine gemeinsame Währung habe, die gemeinsame Wirtschaftspolitik dazu jedoch fehle. Der Verweis auf eine gemeinsame Wirtschaftspolitik ist in diesem Fall ein Ideal, weil es unterstellt, dass es zu keinen großen Unterschieden in den Entwicklungen in den einzelnen Mitgliedsländern kommt.

Von den einzelnen Mitgliedsstaaten wird ganz unterschiedlich über dieses Problem geredet. Auf deutscher Seite z. B. gibt es nicht den Standpunkt, es würde eine gemeinsame Wirtschaftregierung fehlen, dies ist eher eine Position von Sarkozy. Da geht es gleich in die Sphäre der nationalen Repräsentanten. Es wäre fast unsachlich zu fragen, was die gemeinsame Wirtschaftsregierung denn alles machen soll, was die Nationalstaaten nicht mehr machen dürfen und wie das denn aussehen soll. Es heißt eigentlich nur, dass ihnen die Konkurrenz – wegen des Ergebnisses – nicht passt. Deswegen ist man gegen das Konkurrieren. Das umgekehrte Bestehen darauf, dass andere Nationen ordentliche Haushalte aufweisen sollen, ist das Beharren auf den eigenen Konkurrenzerfolgen und diese werden übersetzt in ein Versagen des Verlierers. Das ist die banale Logik.

Früher gab es einen Modus der Konkurrenz mit unterschiedlichen Währungen, bei der die Verlaufsform klar war: Der Verlierer wertet ab und räumt damit die relative Nichtigkeit des bei ihm geschaffenen geldwerten Reichtums ein: die Währung taugt relativ gesehen weniger. Das Weitertreiben der Konkurrenz der Nationen in einem gemeinsamen Währungsraum erfordert nun, weil der Verlierer in Euro weniger kosten soll, das buchstäbliche Kürzen aller Ausgaben. Damit wird der Staat als Quelle und Garant des Kredits, auf dem das gemeinsame Kreditgeld beruht, ruiniert.

   — Es wird doch gesagt, dass die Abwertung einer Währung ein Vorteil sein kann.

Was heißt es, wenn ein Land Konkurrenzniederlagen erleidet und jetzt sogar einen Bankrott fürchten muss, dem mit einer Abwertung der heimischen Währung zu begegnen nicht möglich ist? Was ist Abwertung für ein Weg? Es ist schon die falsche Überlegung, zu fragen, welchen Konkurrenzvorteil eine Nation dadurch erhält. Zunächst ist zu sagen, was es ist, und nicht, welcher Nutzen daraus gezogen wird. Es ist das praktizierte Eingeständnis, dass eine Nation mit ihrem Geld als Geschäftsmittel das Wachstum nicht repräsentiert, das sie bis eben noch von sich behauptet hat. Reichtum wird durchgestrichen, nicht an dieser oder jener Stelle, sondern ein ganzer Standort bekennt, dass sein Reichtum im internationalen Vergleich weniger taugt. Was sich daran alles an Berechnungen anknüpft, ist erst einmal zurückzustellen. Alle Vor- und Nachteilsüberlegungen kommen aus dem, dass hier ein politisch beschlossener Neuanfang vorliegt.

Was heißt überhaupt Konkurrenz zwischen Nationen – Staaten machen ja keine Geschäfte!? Was ist mit nationaler Konkurrenz in einer globalen Marktwirtschaft gemeint? Wachstum innerhalb der eigenen Nation ist das, worauf der Staat als Steuer- und Kreditquelle Zugriff hat. Das ist seine interne Bilanz. Wodurch wird daraus ein Konkurrenzmanöver zwischen den Nationen? Wie sieht international der Vergleich aus? Es ist nicht einfach so, dass alle ihre Wachstumsziffern in den Ring werfen.

   — Eine Variante beim Handelskapital ist, wie weit das jeweilige Geld als Geschäftsmittel nachgefragt wird und wie weit fremder Reichtum in Geldform ins Land hereinkommt. Zu- und Abflüsse von Geldern werden bilanziert.

Diese Konkurrenz betrifft die Frage, inwieweit die entscheidenden Gelder ins Land hinein- oder aus dem Land hinausfließen. Dies ist nicht dasselbe wie die Wachstumsbilanz. In der internationalen Konkurrenz kommt hinzu, dass ein Staat am Welthandel gewinnen und verlieren kann. Ob die Kapitalisten dabei gewinnen oder verlieren, steht auf einem anderen Blatt. Die nationale Abrechnung ist eine andere als die der Kapitalisten. Warum?

Wenn es eine Konkurrenz der Nationen gibt, dann muss die ökonomische Konkurrenz den Inhalt haben, wie sich der Reichtum in der Welt, der kapitalistisch produziert wird und wächst, zwischen den Nationen verteilt. Die Regel ist, dass der Reichtum bei den einen wächst und bei den anderen schwindet. Wie geht das vonstatten und welche Rolle spielt dafür das nationale Kreditgeld? Der internationale Handelsverkehr, mit Waren und am Ende auch mit Krediten, bewerkstelligt eine Verteilung des Wachstums, das insgesamt auf der Welt zustande kommt – irgendwie zwischen den Nationen. Welche Leistung ist für die Verteilung dieses globalen Wachstums ausschlaggebend?

   — Der Ausgangspunkt ist, dass jede Nation möglichst viel Arbeit für die anderen erledigt.

Es kommt kapitalistisch drauf an, selber den ganzen Rest der Welt mit Arbeitsprodukten zu versorgen, denn daran wird verdient. Da ist auf der ersten Ebene der Handelsbilanzen schon die Frage, ob durch den Export von Waren per saldo in eine Nation Geld, abstrakter Reichtum, ins Land hineingesogen wird, oder ob es abfließt. Wie macht sich dies beim Staat bemerkbar? Denkt man nun an die Bilanz: Wird am Ausland per saldo verdient, oder verdient das Ausland an der eigenen Nation?, Was hat dann das ‚Der Staat achtet auf sein Geld’ – sein Geld ist erst einmal das, was der Staat als sein Kreditgeld schöpft – für eine Bedeutung? Wofür muss der Staat da geradestehen?

   — Er muss für die Werthaltigkeit seines Geldes geradestehen. Dass dieses Geld nämlich genauso abstrakter Reichtum ist, um den es bei der Konkurrenz geht.

Ja, dass es sich lohnt, dieses Geld zu verdienen, mit dem man etwas anfangen kann. Der Staat ist hier nicht bloß gefragt als Urheber und Garant seines Geldes, sondern er ist als Geldbesitzer gefordert. Er muss ein Geld haben, das die Geschäftswelt verlangt. Die Bilanz betrifft den Staat deswegen, weil er da in anderer Weise als Garant seines Geldes herausgefordert ist als in der, dass er selber seine Nationalbank zur Herausgabe eines nationalen Kreditgeldes ermächtigt. Er muss dem Ausland gegenüber, das bei ihm Geld verdient, dafür gerade stehen, dass man mit seinem Geld auch wirklich Weltgeld in der Hand hat. Die Erklärung ist selber auch schon eine Abmachung zwischen den Staaten, dass das Geld anderer Nationen als abstrakter Reichtum, als Repräsentant von Eigentum genauso wie das eigene anerkannt ist. Also formell die Konvertibilität beschließen, das ist eine Sache. Wenn die aber einmal beschlossen ist und rundherum die Nationen aneinander verdienen, ist eine materielle Gewährleistung gefragt.

Früher musste letztlich der Staat mit einem Gold-Schatz dafür gerade stehen, dass all die Pfund oder Taler, die in dem Land verdient wurden, auch weltweit ihr Werk tun konnten; Geldabfluss war am Goldschatz sichtbar, wie heute auch noch an den Devisenschätzen der Nationen. Das ist das Erste an der Bilanz. Wodurch bekommt der Staat das Geld dafür?

   — Durch den weltweiten Erfolg seiner Kapitalistenklasse. Da stellt z. B. ein jordanischer Staat in der Bilanz fest, dass die Masse seiner Kapitalisten, die dauernd auswärtige Güter importieren, in dem Maße am Weltmarkt teilgenommen haben, dass das jordanische Geld abfließt oder er dafür gerade stehen muss, dass sein Geld austauschbar ist gegen ein Geld, mit dem sich auf der Welt Geschäfte neu initiieren lassen.

Die jordanischen Importeure haben damit ihr Geschäft gemacht. Aber gerade die bestehen ihrem Staat gegenüber darauf, das im Land verdiente Geld in Weltgelder umzutauschen, um weiterhin im Ausland einkaufen zu können; sie nehmen den eigenen Staat in Anspruch für die weltweite Verwendbarkeit des heimischen Geldes. Auch Exporteure aus dem Ausland, die ihrerseits über ihre Geschäfte in diesen Ländern deren Währung einnehmen, wollen diese Garantie. Hinter sich haben die ihren Staat, der dafür sorgt, dass seine Kapitalisten, wenn sie grenzüberschreitend fremdes Geld verdienen, dann auch wirklich Geld bekommen. Da hat man als erstes die Bilanz: Ein Staat muss dafür sorgen, dass – aus den Geschäften seiner Geschäftswelt im Austausch des auswärts verdienten Geldes gegen das eigene – Geld übrig bleibt, mit dem die Austauschbarkeit des eigenen Geldes garantiert sein kann.

Es werden aber bekanntlich nicht nur Waren getauscht, sondern das Finanzkapital ist weltweit tätig. Wenn Finanzkapitalisten für ihre Geschäfte das Geld einer Nation benutzen – sie verleihen es wieder und ziehen aus der Differenz einen Gewinn –, verlangen sie auch von dem im eignen Land verdienten Geld, dass es weltweit anwendbar sein muss. Wenn man dieses Geld auswärts anlegen möchte, dann muss die eigene Nationalbank dafür gerade stehen, dass man für diesen zu Hause geschöpften Kredit auch das Geld einer anderen Nation bekommt. Der Staat soll dafür sorgen, dass sein Geld so gut ist, dass damit auch fremde Währung gekauft werden kann. Das ist das Entscheidende bei der Frage, ob per Saldo Geld ins Land rein- oder rausfließt, denn hier ist der Staat für all die grenzüberschreitenden Geldaktionen nicht nur als Urheber des eigenen Geldes gefragt, sondern als Geldbesitzer, der als solcher die weltweite Verwendbarkeit seiner Währung garantieren kann.

Da merkt man: Wäre dieses Kriterium streng, würde der Welthandel aufhören, kaum, dass er angefangen hat. Denn dann würde das erste Ungleichgewicht zwischen den Nationen – aus dieser Ecke kommen die volkswirtschaftlichen Gleichgewichtsideale für den internationalen Handel – dazu führen, dass der Staat für die Austauschbarkeit des Geldes gerade stehen muss und gar keine Mittel dafür hat. Dass Staaten sich wechselseitig kreditieren, dass sie wirklich Kredit rausrücken, ist die Endstation dicht vor der Pleite eines Landes.

Der Staat muss als Urheber der eigenen Währung dafür gerade stehen, dass sie nicht nur formell als Weltgeld zugelassen und anerkannt ist, sondern auch als solches benutzbar. Deren Besitzer will damit etwas anfangen. Wenn er nur über einen Tausch damit etwas anfangen kann, dann muss er sie – letztlich bei dem Staat, der diese Währung geschaffen hat – abliefern können. Wenn man indische Rupien verdient, soll letztlich der indische Staat in der Lage sein, die in Dollars zu verwandeln.

   — Das ist die praktische Seite. Aber dass Schulden generell als Vermögen zwischen den Staaten gelten, als solche anerkannt und konvertibel sind, ist doch institutionalisiert in der Einrichtung des IWF.

Es ist letztlich egal, ob man von der letzten Station: Staaten kreditieren sich wechselseitig, also dem Endpunkt der Anerkennung zwischen den Staaten ausgeht, oder von der anderen Seite anfängt: Wie muss der Staat mit den Geschäftserfolgen, die sich als Zu- oder Abfluss von Geld bei seiner Nationalbank melden, umgehen? Bei letzterem gibt es die Forderung der Austauschbarkeit in Weltgeld, und wenn ein Staat bzw. seine Nationalbank dieses Geld nicht hat, dann ist in der Welt von heute nicht Schluss mit dem Welthandel. Dann gibt es erst mal – noch vor dem IWF und dem wechselseitigen Kredit der Nationen – die Lizenz fürs Finanzkapital, auch grenzüberschreitend in dieser Frage Kredit zu gewähren. Erst mal nicht unbedingt der Nationalbank, sondern jedem, der heimisches Geld verdient hat und anderes dafür will. Das ist eine Sache des Finanzkapitals, fremde Währung als Sicherheit zu akzeptieren und eigene dafür herzugeben, also die Abrechnung selbst zu einer Frage der Kreditierung des Geldes dieser Nation zu machen.

Wenn also im internationalen Handel heimisches Geld von auswärts verdient wird, fließt Geld ab, und wenn dann die Forderung kommt, dieses (Schrott-)Geld gegen gutes umzutauschen, ist der Staat mit seiner Verfügung über Devisen gefragt. Dann muss er einen Devisenschatz angesammelt haben, und wenn der so ansehnlich ist wie die Dollar-Schätze Chinas oder Indiens, kann er das allemal. Dann ist der Schatz dem locker gewachsen, weil der Staat vorher am Ausland massenhaft fremden Reichtum in Geldform an sich gezogen hat.

Heikel wird die Frage, wenn er diesem Anspruch nicht genügen kann. Es gibt viele Staaten, die da gleich ins Defizit geraten – was aber nichts machen soll, sonst wäre ja der Handel und das internationale Geschäft zu Ende. Da hat das Finanzgewerbe die Lizenz, dieses Geld, das eigentlich in besseres umgetauscht werden soll, als Sicherheit für das Herausgeben des nachgefragten Geldes zu nehmen. Vielleicht mit einem kleinen Aufschlag auf den Wechselkurs. Der so entstandene riesige Puffer für das Weltgeschäft, ist die Leistung des Finanzgewerbes; das am Austausch der Währungen verdient und nicht mit dem eingenommen Geldern gleich zur Nationalbank rennt, um sie wieder in Dollar vergütet zu bekommen. Es bewahrt sie vielmehr als Sicherheit bei sich auf und schöpft dafür das von ihm verlangte bessere Geld. Das löst den Schrecken der Bilanz erst mal, ermöglicht den Fortgang des Geschäfts und macht die Abrechnung zwischen den Nationen zu einer Frage des Kredits, den es – unter Inkaufnahme der eigentlich überschießend angebotenen Währung – vergibt. Dann sind die Schulden auch in der Hinsicht das Äquivalent für das Geld, das man bei einer weniger erfolgreichen Nation verdienen kann. Wenn man nicht an den Schulden der anderen Nation verdienen könnte, wäre der Welthandel klein.

Die genannte erste Bilanz bleibt – als Grundlage für den nächsten Akt, in dem sich das Kreditgewerbe um die Bilanzen kümmert. Das ist natürlich eine zeitliche Verschiebung der Abrechnung, die aber mit der Perspektive erfolgt, dass es mit dem als Sicherheit genommenen Geld dann wieder etwas Gescheites anfangen kann. Zum Beispiel bestehen chinesische Banken, die amerikanische Schulden annehmen, überhaupt nicht auf Ausgleich oder Umtausch der Dollar-Schulden in andere Währung. Sondern die werden entgegengenommen, aufgehoben, füllen die Bücher der Banken und werden dann auch mal wieder für den Aufkauf einer Firma in Brasilien, eine Investition in den USA oder fürs Bestechen afrikanischer Potentaten genutzt.

   — Es ist insofern nicht nur eine Prolongierung der eigentlichen Abrechnung, sondern es überführt das in ein eigenständiges und nicht auf Beendigung, sondern auf Dauerhaftigkeit und Ausweitung berechnetes Geschäft.

Wenn das Finanzkapital in Aktion tritt, verleiht es diesen weltgelduntauglichen Staaten Weltgeld. Dann hat dieser Staat nicht in seiner eigenen Währung Schulden (die hat er bei einheimischen Kapitalisten oder Käufern seiner Kreditpapiere), sondern wenn man ans grenzüberschreitende Geschäft denkt und da ein Staat ausweislich seiner normalen Bilanz, Ein- und Ausgang des Geldes, ein Defizit hat, dann verschuldet er sich – damit es weitergeht, obwohl die eigene Währung keiner will – in fremdem Weltgeld, dafür bietet er sein Geld als Sicherheit. Das ist für die Banken die Entscheidung in Bezug auf eine solche Nation: Geben wir ihr Kredit in ihrem eigenen Geld, also vertrauen wir darauf, dass vielleicht eine negative Bilanz sich mal wieder ausgleicht; oder geben wir ihr Kredit in einer Währung, hinter der eine ewige Überschussnation steht, mit deren Geld nichts schief gehen kann.

Man darf aber nicht immer gleich ans Ende einer drohenden Zahlungsunfähigkeit der Staaten denken, die solche Kredite dann in Weltgeld bedienen müssen. Der Punkt ist, dass hier aus Defiziten ein Geschäftsartikel wird. Das ist eine andere Kalkulation, die über einen Staat urteilt: der hat zwar nur Pesos, aber mit einem Risikoaufschlag von z. B. 10 % auf 2 Jahre hat man daran verdient. Die Rückzahlung wird vielleicht mal zum Problem, ist aber erst mal als Risiko kalkuliert und eingepreist.

Jetzt ist erst mal der Übergang, dass Staaten von der Bilanz zum Kredit übergehen, dass jetzt zwischen den Währungen Kreditverhältnisse herrschen, dass also ein Staat, dessen Bilanz seinem Geld keine Weltgeldqualität verleiht, das quasi überwinden kann durch das Kreditverhältnis. Der Staat kann so seinen Schatz behalten, muss nicht gleich Geld rausrücken, denn der Geschäftsverkehr wird durch Kreditlinien abgewickelt, die in Anspruch genommen werden. Der Staat ist kreditwürdig.

   — Damit können sich auch die Kapitale in ausländischer Währung verschulden und sind kreditwürdig.

Die Kreditwürdigkeit der Firmen ist eine andere Sache. Hier ist eine neue Etage, dass die Staaten diese Kreditverhältnisse in ihre Bilanzen mit einrechnen, dass deswegen das Rein und Raus von Reichtum gar nicht immer zu der Notlage führt, eine Bilanz ausgleichen zu müssen, sondern dass das in der Form passiert, dass Schulden eines Staates als Vermögenstitel gelten. So muss ein Staat dann aber auch als Staat für seine Bilanz gerade stehen, dadurch, dass aus seinem Land die Bedienung der Schulden raus fließt. Das ist die entwickeltere Form des Raus und Rein von verdientem Geld.

Das ist dann der Punkt, über den sich entscheidet, was für eine Währung von Kapitalisten für ihre grenzüberschreitenden Geschäfte überhaupt verlangt wird. In welcher Währung wird Kredit von den grenzüberschreitenden Banken geschöpft, geboten – da nähert man sich erst der Frage, welche Währung eigentlich dem Finanzkapital für seine Geschäfte taugt, um darin nicht die Bilanzen zwischen den Nationen auszugleichen, sondern um damit die Schulden, die sich bei den verschiedenen Nationen ansammeln, zu akzeptieren. In welcher Währung Nationen Schulden machen, da bahnen sich Generalunterschiede an: In welchem Umfang schafft es eine Nation, ihr nationales Wachstum in eigenem Geld zu finanzieren, auch fremdes Geld dafür in Anspruch zu nehmen, aber ohne dass das per Saldo eine Schuldenlast für die Nation macht? Das geht mit ein in eine Kapitalbilanz, da werden ausländische Kredite bedient und ans Ausland gegebene Kredite fließen auch zurück. Es gibt da keine strenge Scheidelinie – die einen können sich nur in fremder Währung verschulden und die anderen in eigener –, sondern es mischt sich alles. Aber per Saldo ist es die Frage, welches Geld ist für die Kreditagenturen des Weltgeschäfts ihr Geschäftsmittel.

Wenn Schulden der Nationen international für Zahlungsflüsse sorgen, Kredite vergeben werden, auf deren Bedienen geachtet werden muss, kompliziert das diese Außenbilanzen, in denen sich erst mal überhaupt so etwas abzeichnet wie: Welche Nation bereichert sich am Wachstum einer anderen Nation? Die Form, in der das passiert, sind die Schulden der weltweit tätigen Staaten, die bedient sein wollen. Da ist als erstes das Entscheidende: Je nach der Bilanz, die dem Schuldenmachen zugrunde liegt, sind die Kredite teurer oder billiger. Das ist die kapitalistische Gerechtigkeit: Wenn ein Staat schlechte Bilanzen hat, macht er Schulden, die er teurer bezahlen muss. Die Erleichterung, dass er im Weltgeschäft bleibt und seine Bilanz noch durch Schulden ausgleichen kann, wird dadurch vergütet, dass dafür noch mehr Geld aus ihm herausfließt. Er muss also seinen Standort darauf trimmen, dass in seinem Land am Ausland mehr verdient wird. Das fällt nicht einfach zusammen mit Wachstum im eigenen Land. Das eine ist, die Staaten unterscheiden sich nach dem, wie viel sie für ihre Kredite zahlen müssen, das andere ist: Die Finanzkapitalisten entscheiden, welcher Gelder sie sich mehr oder weniger bedienen.

   — Dass diese Entscheidung auf Exportausrichtung mit Wachstum zusammenhängt, aber nicht fällt, liegt daran, dass der Gesichtspunkt, unbedingt verkaufen zu müssen, um an Dollar zu kommen, ein anderer ist als der, was eine einheimische Kapitalakkumulation erforderlich macht, und bedeutet nicht unbedingt Entwicklung der Nation.

Es muss nicht zusammenfallen mit einer gewünschten, 'ökologisch verantwortlichen, nachhaltigen' Entwicklung, aber vielleicht mit einem Wirtschaftswachstum in der Nation, wenn Subsistenzbauern jetzt Waren anbauen. Umgekehrt gibt es negativ den Zusammenhang, dass ein Staat zwecks Ausgleichs seiner Außenbilanz seiner eigenen Ökonomie Sparsamkeit beim Einkauf von auswärts verordnet. Staaten kommen durchaus auf die Idee, oder werden vom IWF dazu angehalten, dass gerade nicht – wie normal bei Schulden – Wachstum das Rezept gegen Schulden ist, sondern dass bei Außenschulden durchaus auch Sparsamkeit geboten sein kann, die das Wachstum im Land vermindert, aber deswegen segensreiche Wirkungen für die Außenbilanzen der Nation haben kann. Es soll jedenfalls so sein, dass das Einsparen den Saldo zugunsten des Staates verändert, der weniger importiert. Letzteres ist natürlich eine schlechte Lösung, aber dass dafür, dass Schulden in Kraft bleiben, das Finanzkapital den realen Reichtum opfert, weiß man seit 1875 (vgl. Marx, K III, Das zinstragende Kapital).

Bei der Frage der Abwertung geht es um die Kreditverhältnisse zwischen den Staaten, die Unterschiede in den Bilanzen der Nationen. Ob sie Gewinner oder Verlierer des Weltgeschäfts sind, zeigt sich jetzt nicht einfach am Ausmaß ihrer Schulden, sondern daran, wie teuer sie die Schulden kommen. Schulden machen alle Staaten bei allen Finanzkapitalisten der Welt. Die Konkurrenz der Nationen – verdient die Nation per Saldo am Ausland oder fließt von ihr Reichtum ab? – entscheidet sich an so einer verrückten Größe: Wie teuer kommen ihr Devisenkredite? Dahinter lauert immer der qualitative Unterschied: Müssen sie sich auswärtiges Geld leihen, um international überhaupt zahlungsfähig zu bleiben, oder steht ihnen Kredit in eigener Währung für ihre Weltgeschäfte zur Verfügung?

Diese beiden Bestimmungsgrößen – wie teuer ist der Kredit in Weltwährung und ist ihre eigene Währung ihre Hauptverschuldungswährung oder eine fremde – sind erst mal die Bestimmungsgründe für die internationalen Bilanzen, des Gewinnens oder Verlierens am weltweiten Wachstum, also Gegenstand der Konkurrenz der Nationen; um die wird konkurriert. Dazu pflegen sie ihren Standort, sorgen für Wachstum im eigenen Land, besonders in Branchen, mit denen sie sich ausrechnen, am Rest der Welt verdienen zu können. Das sind in manchen Ländern die cash crops, in anderen ist es die Flugzeugindustrie.

Das alles ist das Werk des Finanzkapitals, das im Zuge seiner globalen Kreditschöpfung und -vergabe die Währungen praktisch vergleicht, Angebot und Nachfrage zueinander ins Verhältnis setzt und den Gleichgewichtspreis für die verschiedenen Währungen untereinander ermittelt. Wie zeigt sich das Konkurrieren der Nationen an der Bewertung ihrer Währungen überhaupt?

   — Bei einer Abwertung gesteht die Währung ein, dass sie der Reichtum, der sie beansprucht zu sein, nicht ist. Es ist der Offenbarungseid über die Untauglichkeit dieses Geldes, Reichtum an Land zu ziehen.

Wenn es ein Währungsregime der Staaten gibt, die darauf bestehen, meine Währung gilt allen anderen im folgenden Verhältnis gleich – z. B. 4 DM = 1 Dollar – und es wird eine Abwertung von Staats wegen vorgenommen, dann hat das die Qualität eines Eingeständnisses. So war es auch bis neulich. Inzwischen hat man Währungsverhältnisse zu erklären, da ist die Auf- oder Abwertung einer Währung nicht mehr der Beschluss der zuständigen Nation, sondern das Werk der Finanzkapitalisten, die damit handeln. Also kann da von Eingeständnis bestenfalls bildlich die Rede sein. Woraus ergibt sich da die Auf- oder Abwertung?

   — Das Finanzkapital vergleicht die Währungen nach dem Gesichtspunkt, wie solide diese Schulden sind, d. h. wie weit sie für es selbst als Geschäftsmittel taugen.

   — Damit ist diese Währung auf einer neuen Ebene der Beurteilung. Die Währung wird nicht mehr betrachtet als Zettel mit negativen oder positiven Bilanzen, sondern als ein Geschäftsmittel eigener Art. D. h. der Umgang damit emanzipiert sich ein Stück weit davon, wie es tatsächlich im täglichen Handel zwischen den Nationen aussieht. Und es gehen Bestimmungsgrößen mit ein, die darauf zielen, dass das Subjekt dieser Währung eine Staatsgewalt ist. Also geht auch die Frage mit ein, was man dieser Staatsgewalt zutraut.

Ja, das ist ein Untergesichtspunkt innerhalb der generellen Frage, was sind die Bestimmungsgründe für die Bewertung einer Währung im internationalen Währungsvergleich. Da ist das Gesagte – die ziehen die Stabilität einer Währung in Betracht – gewissermaßen das Moment, das wieder an den Anfang zurückgeht: Es kommt darauf an, wie sich die Währung einer Nation in der Nation als Hebel fürs Wachstum bewährt. Also in welchem Verhältnis Schulden, die des Staates und die der Geschäftswelt, zum Wachstum stehen (Finanzkapital, Kap. III, 1. Teil, GS 1-10), geht allemal in die Bewertung einer Währung ein, wenn sich das Finanzkapital international darüber hermacht: Taugt uns das als Denomination für Schulden für das Geschäft der Welt?

   — Die Währungen sind quasi das Derivat von den Geschäften, die das Finanzkapital macht und mit seinem Schuldenhandel überhaupt die Währungen in Wert setzt oder abwertet. Der Staat überantwortet seine Währung, den Reichtum, über den er verfügt, an das Finanzkapital. Was eine Währung taugt, ist eine Frage dessen, was dieses mit den Schulden für Geschäfte macht.

Das war die Überlegung, der Welthandel passiert gar nicht einfach durch Ware gegen Geld, Geld gegen Ware und dann werden die verschiedenen Gelder saldiert. Wenn das den Übergang macht, dass es eigentlich immer eine Transaktion Ware gegen Schulden ist, dann hat man jetzt die Frage der Bewertung der Währungen auf der Ebene der Schuldenwirtschaft. Die ergibt sich erstmal aus der Bilanz des Handelsverkehrs, pflanzt sich dann aber noch drauf und sagt: Es ist ja nicht nur Handel, sondern die Staaten sind auch Quelle von Kredit und Anlagesphäre von Kredit. Also gibt es eine Kreditversorgung der Wirtschaften der ganzen Welt und eine Geldversorgung, die alle beliebigen Weltwährungen, die konkurrierend unterwegs sind, benutzt.

Für die Schulden der verschiedenen Nationen gibt es als erstes das Kriterium, wie solide sind die Schulden, danach bemisst sich, wie teuer man ihnen den Kredit macht. Daran hängt aber noch die zweite Frage: Wenn man schon mit den vielen alternativen Weltgeldern den Kreditbedarf der Welt und der verschiedenen Staaten befriedigt, welches Weltgeld nehmen wir dafür her? Die Bestimmungsgründe für diese Unterscheidung waren jetzt in der Debatte: Welches Kreditgeld taugt am besten für die internationale Versorgung der Geschäftswelt mit Kredit? Da ist die Solidität, die ein Land für sein Geld intern erwirtschaftet, eine erste Bestimmungsgröße. Die zweite ist dann auf der Ebene der Verschuldung der Nationen: Wie sieht da die Solidität der Nationen in den Bilanzen zwischen ihnen, ihre wechselseitige Verschuldung aus? Das als der nächste Bestimmungsgrund für die Frage: Welche Währung eignet sich am besten für das globale Kreditgeschäft? Dann kommen noch alle möglichen Zusatzkriterien für die Würdigung der Solidität dieser Währungen, politische und sonstige Gesichtpunkte dazu. Aber man muss sich einmal die Logik dieser Bewertung klar machen, die dann die Finanzmärkte mit diesen Geldern vornehmen.

   — An welche Stelle gehört da das Argument der Masse? Die Tatsache, dass in einer Währung weltweit schon so viele Schulden zirkulieren, ist durchaus ein Argument für die Solidität dieser Schulden, weil sie weltweit als Schulden mit Kapitalqualität anerkannt sind.

Die Frage nach der Masse gehört als Teil zu der generelleren Frage: Nach welchen Gesichtspunkten bewerten die Finanzmärkte die verschiedenen Währungen? Wofür steht dann Masse? Wenn sie für Solidität steht, dann lässt das einen Rückschluss auf das kapitalistische Wachstum zu, das ein Land zustande gebracht und das ihm eine Position verschafft hat, in der das Kreditgewerbe dieses Landes, das mit dessen Geld ‚arbeitet’, als Geldverteilungsinstanz für einen Großteil des Globus etabliert ist. Andererseits ist das Finanzkapital mit der Würdigung der Währungen und der Schulden der Nationen in den verschiedenen Währungen nie fertig, ständig begutachtet es die Staatenwelt unter der Fragestellung: Wie können die Staaten für ihre Schulden gerade stehen und für den Wert des Geldes, in dem ihre Schulden und womöglich auch noch die Schulden anderer Nationen bilanziert sind?

   — Logisch ist das doch die Stelle, an der die Rating-Agenturen mit ihrem internationalen Vergleich hingehören. Mit ihren Buchstaben befinden sie darüber, wie groß die Verschuldungsfähigkeit eines Landes im Vergleich zu anderen Nationen ist.

Als erstes ist das eine Bewertung der Schulden dieses Landes, und zwar hauptsächlich der Devisenschulden, für die es gerade stehen muss. Es macht einen ziemlich großen Unterschied für die Bewertung aus, ob die Verschuldung in fremdem oder eigenem Geld stattgefunden hat. Japan hat große Schulden, aber in eigenem Geld bei seinen Landesbewohnern, eben bei sich – das ist ein wichtiges Kriterium für die Kreditwürdigkeit eines Landes. Die Begutachtung der Staaten durch das Finanzkapital erfolgt erstens nach dem Kriterium: Trauen wir dem Staat zu, für seine Verschuldung in eigener Währung gerade zu stehen? Wenn das Land international verschuldet ist, wie solide ist der Staatshaushalt? Danach bemisst sich, wie teuer die Kredite in fremder Währung für dieses Land sind. Und das andere Kriterium ist: Ist das, was an Wirtschaft in diesem Land geschieht, und wie diese international dasteht, eine verlässliche Quelle dafür, dass auf dieses Geld als international anwendbares Kreditgeld Verlass ist? Das muss korrekt sortiert werden.  

   — Wieso macht es einen Unterschied aus, ob ein Euro-Staat sich bei seinem eigenen Finanzmarkt verschuldet oder beim Ausland? Es scheint ein Unterschied zu sein, ob Griechenland bei seinen eigenen Banken verschuldet ist, weil die unter seiner Hoheit stehend, eine bessere Quelle für staatlichen Kredit abgeben, oder ob Griechenland als Staat darauf angewiesen ist, sich auf dem internationalen Kapitalmarkt Geld zu verschaffen.

Das eine ist: Wenn in einer Nation so viel Wachstum stattfindet, dass die nationale Akkumulation für einen großen Teil der Steuern sorgt, aus denen sich der Haushalt vor allem finanziert und das eigene Kreditgewerbe die staatlichen Schulden als Vermögen betrachtet, es sich also um Inlandsschulden handelt, dann ist das Urteil, dass Wachstum und Verschuldung dieses Landes in Ordnung sind, dass die Kredite, die da geschöpft werden, wachstumswirksam sind. Dazu gehört aber, dass diesem Land der internationale Kredit auch zufließt. Dagegen verschuldet sich z. B. Argentinien nur bei seinen eigenen Banken, weil es keinen internationalen Kredit hat, also pur auf seine Hoheit zurückgreifen muss, indem es seinen Banken die eigenen Staatsanleihen aufs Auge drückt.

Andersrum: Wenn das nationale Wachstum die Verschuldung der Nation rechtfertigt, dann sind dessen Schulden auch international gefragte Geldanlagen. Und das waren die griechischen Staatsanleihen bis vor kurzem, deswegen sind sie auch in ganz Europa zuhause. Erst, wenn anlässlich der Urteile der Rating-Agenturen die Skepsis überhand nimmt, ob die als Vermögensanlage überhaupt verlässlich sind, wird auseinandergerechnet, wo diese Papiere überhaupt liegen und wer wie viel davon hat. Dann gilt es auch als Großtat der deutschen Banken, wenn sie versprechen, nicht alle ihre Schuldpapiere an die griechische Regierung zurückzugeben und den griechischen Banken nicht ab sofort jede Kreditlinie zu streichen.

   — Kann man an der Stelle die Kurve zurückkriegen zu dem Konstruktionsfehler vom Euro? Die Euro-Staaten haben den Finanzmärkten ein Geld zur Würdigung angeboten, von dem sie behauptet haben: Sie sorgen für ein solides Wirtschaften durch Kriterien der Verschuldung im Verhältnis zur wirtschaftlichen Potenz, sie haben einen riesigen Wirtschaftsraum, auf dem eine entsprechende Masse an Geschäften in Euro zustande kommt – wo ist also der Haken?

Die Konkurrenz der Nationen vollzieht sich jetzt in einem einheitlichen Wirtschafts- und Währungsraum, alle Schranken für die Konkurrenz – die sonst noch im Austausch mit verschiedenen Währungen, eben im nicht gemeinsamen Markt liegen – existieren nicht mehr. Die einheitliche Währung bedeutet also eine Verschärfung der Konkurrenz. Nach wie vor wird in nationalen Bilanzen abgerechnet und jetzt sogar in derselben Währung und da ist die Frage, wie viele dieser Euros im Land verdient und akkumuliert werden und in welchem Umfang sich Euros in Gestalt von Schulden dieses Landes bei ausländischen Geldgebern akkumulieren. Denn auf diese Weise macht sich heutzutage ein negativer Saldo bemerkbar, also nicht mehr wie früher über Geldabfluss. Der griechische Staat und alle griechischen Kreditnehmer verschulden sich erst mal bei einheimischen Banken in Euro, ihnen steht aber die ganze Euro-Welt als Quelle für Kredite offen – den Banken wie dem Staat. Bei der Abrechnung: Wie viele Euros fließen ins Land und wie viele hinaus? fällt die Frage: Wie ist das Wachstum dieses Landes im Verhältnis zu seinen Schulden? zusammen mit der Frage: Wie viel von unserem Wachstum geht eigentlich auf unsere Rechnung und wie viel tragen wir mit unseren Schulden, also unseren Defiziten, zum Wachstum anderswo bei? Das ist die Bilanz, die den Griechen derzeit vor die Nase gehalten wird.

Es ist prinzipiell so, dass die Forderungen an das Wachstum eines Landes ein Mehrfaches dessen sind, was ein Land an Wachstum zustande bringt – ob das jetzt 60 oder 110% des BSP sind. Im Falle Griechenlands ist es gar nicht so, dass dieses Verhältnis so furchtbar wäre, sondern, dass jetzt so etwas wie eine Abrechnung veranstaltet wird: Das geht über die Begutachtung durch die Rating-Agenturen, die sich fragen, ob sich die Schulden des griechischen Staats überhaupt noch als Vermögenstitel betrachten lassen, bei denen - wie bei den Schulden anderer Euro-Nationen - sichergestellt ist, dass alte Schuldtitel durch neue ersetzt werden, man also bei Auslaufen eines Papiers gleich wieder ein neues Papier von dem ausgebenden Staat bekommt, das wieder Zinsen trägt. Wenn jetzt die Frage aufkommt: Können wir diesem Land die Bezahlung seiner Zinsen überhaupt noch zutrauen? und das zu der absurden Frage weiterführt: Kann es denn jemals seine Schulden zurückzahlen? (was so tut, als müsste ein Staat seine Schulden auch mal begleichen), dann ist das negative Urteil der Finanzwelt fertig.

   — Das Urteil „Ramschpapiere“ ist also einerseits ziemlich grundsätzlich, andererseits wird nicht gesagt, dass diese Papiere jetzt einzustampfen seien, sondern es wird daran festgehalten, dass sie einen Anspruch repräsentieren.

Und dann wird vom Finanzmarkt ausgetestet, ob es dafür eine verlässliche Garantie gibt. Warum wird denn das Finanzkapital gegenüber den griechischen Anleihen jetzt so gehässig?

   — Wenn das Finanzkapital bezüglich Griechenland die Frage aufmacht, ob dessen Staatsschulden überhaupt noch als Vermögenstitel zu verbuchen sind, dann ist diese Abrechnung mit Griechenland nicht zu trennen von einer Abrechnung mit dem Euro überhaupt.

Es wird schon getrennt: Das eine ist die Abrechnung mit Griechenland, dem zur Last gelegt wird, dass dessen Verschuldung in Euro in keinerlei Verhältnis mehr zu dem zu erwartenden Wachstum stünde. Nach allen Kriterien des Finanzkapitals ist dieses Land nur noch zu exorbitanten Zinsen kreditwürdig. Das andere ist die Spekulation gegen den Euro, dessen prinzipielle Tauglichkeit als Vermehrungsmittel derzeit vom Finanzmarkt getestet wird.

Nochmal zurück zu dem fiktiven Fall, wenn das Land in Drachmen rechnen würde: Dann würde das kritische Urteil über die Schulden Griechenlands mit dem kritischen Urteil über seine Währung zusammenfallen - dann ist die womöglich weniger wert und wenn es Drachmenschulden hat, dann sind die entwertet, wenn es Euro-Schulden hat, dann muss es ziemlich viele Drachmen aufwenden, um seine Euroschulden zu begleichen. Beim Euro ist das anders, für den bürgen alle Teilnehmerstaaten und die supranationale EZB, die ihn ausgibt, gründet ihr Geld auf das Wachstum aller Euro-Nationen. Wenn jetzt das Urteil über die Schulden Griechenlands so negativ ist, entfällt damit immerhin eine der Nationen, die mit ihren Wirtschaftswachstumsleistungen für den Kredit gerade stehen, auf den die EZB ihre Euro-Emissionen gründet. Da mag Griechenland alleine noch verschmerzbar sein, aber wenn das Urteil sich verallgemeinert, dass man dem Euro die Quellen wegschießen kann, stellt sich allmählich die Frage, wie viel Verlass auf den Euro noch ist, wenn auf die Euro-Schulden von einzelnen Staaten kein Verlass mehr ist. Nach dieser Logik der Skepsis gegen die Schulden einzelner Staaten werden die nächstschlechteren Kandidaten auch ins Visier genommen - das ist dann die berühmte Kettenreaktion.

   — Der Konstruktionsfehler ist mir immer noch nicht klar, denn für den Euro haftet der ganze EU-Wirtschaftsraum mitsamt seinen Staaten und dann hängt die Frage, was der Euro taugt, eben von dem Erfolg ab, den sie mit ihm hinkriegen.

Und wenn sie keinen hinkriegen, hat man den Widerspruch, dass dem Gewinner der Konkurrenz die Niederlage seines Konkurrenten zur Last fällt. Denn jetzt müssen die Gewinner der Konkurrenz (und einige Mitverlierer noch dazu, das ist ja das Schöne an so einem Kollektiv) statt Griechenland für die Solidität dieser Schulden bürgen, damit nicht gegen die Währung spekuliert wird. Was aber an der Oberfläche so aussieht – und auch so vorgetragen wird – wie eine Schwäche Griechenlands, die das Misstrauen des Finanzmarktes provoziert habe, hat seinen Ausgangspunkt in der Bankenkrise. Damals haben die Staaten die Banken gerettet, woraufhin die gerade gerettete Finanzmafia die Frage stellt, ob jetzt die Staaten, die sich verschuldet haben, überhaupt noch die Garanten ihres Kredits sind: Wie steht es denn bei denen inzwischen um das Verhältnis zwischen Schulden und Wachstum? Ist das nicht außerhalb all dessen, was uns bisher noch die Solidität von staatlichen Schulden und des darauf gegründeten Geldes gewährleistet hat? Bis neulich waren sie noch mit 60% ihres BSP verschuldet und jetzt mit 160% - können wir da noch Vertrauen in die Staaten haben? Ganz zu schweigen von den Stabilitätskriterien, die die Euro-Staaten sich gegeben haben und gegen die sie jetzt einhellig verstoßen.

Das ist eine Finanzkrise neuer Qualität, denn die erste Krise richtete sich gegen Finanzinstitute und ist durch die Staaten abgewendet worden. Das jetzige Misstrauen richtet sich gegen die damaligen Garanten, die Staaten. Und deren Mittel, die Spekulation abzuwenden, nämlich weitere Verschuldung, ist von demselben Kaliber wie das, wogegen und weswegen der Finanzmarkt spekuliert hat – eine missliche Lage für beide Seiten, denn wo kann diese Finanzfigur ihrem Beruf noch nachgehen, wenn sie alles in Grund und Boden spekuliert hat?

   — Woran wird den EU-Staaten bewusst, dass sie für die Schulden der anderen einstehen müssen? Was für ein Bewusstsein haben die Politiker darüber genau? Erst haben sie gesagt, dass die Griechen das selbst machen müssten, dann haben sie eine Spekulation gegen den Euro befürchtet und gemeint, dass man die abwenden müsse.

Wie die EU-Staaten darüber denken, zeigt sich an dem: Wir müssen den Griechen helfen. Das ‚müssen’ heißt: Wollen wir das überhaupt? Machen sie dann das, was wir meinen, was sie als Nation machen müssen, damit sie wieder glaubwürdig werden? Sind sie fähig, sich die Garantie zu verdienen, die wir ihnen geben? Der Versuch, die Krise an einem einzelnen EU-Staat festzumachen, hat nicht funktioniert und jetzt ist die Beschwerde, dass sie als Garantiemächte selber in Zweifel gezogen werden.

Ob die Staaten daran geglaubt haben oder nicht - praktisch wird die Ideologie widerlegt, dass Europa zusammenwachse und der Unterschied zwischen den einzelnen Nationen zwar nicht völlig weg sei, aber tendenziell bedeutungslos werde. Das Gegenteil ist der Fall. Jetzt sehen sich die anderen EU-Staaten gezwungen einzugreifen, und der Vorwurf, die Merkel zögere zu lange, ist die begriffslose Fassung dessen, dass Deutschland auf dem Standpunkt beharrt hat: Wenn wir Garantien geben, dann wollen wir sicher sein, dass sich die betroffenen Staaten einem Regime unterwerfen (Sanierung ihres Haushalts etc.). Da ringt sozusagen der Konkurrenzstandpunkt mit der Notwendigkeit der zu leistenden Garantie und das hat die Verlaufsform ‚zögern’, was wieder kontraproduktiv in Sachen Vertrauensbildung ist.

Derzeit ist zu bemerken, dass die Beschuldigung Griechenlands (Misswirtschaft!) und das Einfordern eines Regimes zwar nicht ad acta gelegt ist, aber doch sehr zurücktritt hinter dem neuen Ton: Unsolide Finanzkapitalisten führen einen ungerechtfertigten Angriff auf unser Geld und das lassen wir nicht zu!

   — Ist das oben erwähnte kontraproduktive Zögern von Merkel vielleicht auch dem zu verdanken, dass auch der IWF ins Boot geholt worden ist?

Der anfängliche Beschluss, dass man sich keine imperialistischen Konkurrenten ins Boot holen wollte, ist im Verlauf der Krise der Einsicht gewichen, dass man auf die Finanzmärkte nur dann Eindruck macht, wenn man zusammen mit den USA und Co. das Rettungsprojekt startet. Neben diesem Moment – größere Glaubwürdigkeit gegenüber den Finanzmärkten – wird das andere Moment schon auch mit gestärkt (so denken jedenfalls Politiker), dass das immer noch eine Frage ist, die zwischen den Euro-Nationen auszuhandeln ist, und dass nicht das Kollektiv der Euro-Nationen die letzte Adresse ist. Das berührt dann wieder die Frage der Wirtschaftsregierung und der Autonomie der einzelnen Mitglieder und wie es um die nationale Souveränität innerhalb der gemeinsamen Währung steht. Es ist nämlich nicht so (wie manchmal gemutmaßt worden ist), dass für Deutschland die gemeinsame Währung das Mittel ist, die anderen EU-Staaten quasi unter eine gemeinsame Regierung zu knechten. Es ist im Gegenteil so, dass die deutschen Regierungen dermaßen national denken, dass sie so etwas wie ein Kollektiv der Euro-Nationen, das die Hoheit über das nationale Geld aushebelt, fürchten. Es ist interessant, dass so eine grundsätzliche Frage aus diesem Anlass so richtig auf die Tagesordnung kommt. Sie ist ja auch erst einmal nur aufgerührt und es ist noch gar nicht entschieden, was aus dem Kollektivismus der Euro-Nationen noch wird.

Der Hauptwiderspruch hinsichtlich der Situation der EU-Staaten ist nicht, dass diese sich in Griechenland eine Art failing state in der Euro-Zone geschaffen hätten, sondern dass die Lebenslüge der Währung dieser Zone offenkundig geworden ist.


© GegenStandpunkt Verlag 2010