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Marburg
DIE POLITISCHE VIERTELJAHRESZEITSCHRIFT GEGENSTANDPUNKT LÄDT EIN:
Politischer Diskussionskreis
Für Interessierte, die offen gebliebene Fragen aus unseren Veranstaltungen diskutieren wollen, und für Leute, denen die in der Öffentlichkeit verbreiteten Argumente nicht (mehr) einleuchten, bieten wir diesen Diskussionstermin an.
Kapital-Lesekreis
Für Leute, die sich intensiver auf eine Beschäftigung mit dem „Kapital“ von Karl Marx einlassen wollen.
Vortrag und Diskussion
Was von Marx zu lernen wäre:
Alles Nötige über Arbeit und Reichtum im
Kapitalismus
Zeit: Dienstag, den 15. Mai 2012 um 20.30 Uhr
Ort: Marburg, Cafe Am Grün
An deutschen Universitäten gehört es sich, dass man sich gelegentlich
an den Theoretiker des 19. Jahrhunderts erinnert, dessen Gedanken
einmal die Welt bewegt haben, der heute aber ein „toter Hund“ ist und
allenfalls als „ein großer deutscher Denker“ vereinnahmt wird.
Marx selbst, der nichts großes Deutsches gedacht und vollbracht haben
wollte, hätte, wenn er gefragt würde, sich dieses Lob verbeten. Er
selbst sah seine Leistung einzig und allein in dem, was der Untertitel
seines theoretischen Hauptwerkes ankündigt, in der „Kritik der
politischen Ökonomie“ des Kapitalismus.
Marx war, wenn irgendetwas, Ökonom. Die Wirtschaftswissenschaften
allerdings haben keine gute Erinnerung an diesen Klassiker.
Schließlich hat er mit seiner Kritik der politischen Ökonomie nicht
nur die menschenfeindliche und absurde Rationalität des
Wirtschaftssystems aufs Korn genommen, er hat auch ihre
verständnisvollen Theorien darüber widerlegt.
Als vor ein paar Jahren die Finanzmärkte zusammenbrachen und die
sogenannte Realwirtschaft in bis dahin ungekanntem Tempo schrumpfte,
kam der Kapitalismus ins Gerede und blieb es seitdem. Leider sehr
verkehrt. Auf die Diagnose der kritischen Öffentlichkeit: „Der
Kapitalismus funktioniert nicht mehr“, antworteten Elite und Volk mit
dem dringenden Wunsch: „Er möge schleunigst wieder funktionieren.“ Mit
dem Hauptwerk von Marx kann man sich etwas anderes klar machen: Die
Finanz- und Weltwirtschaftskrise hat nichts weiter als die – für die
normale Menschheit schädlichen – regulären Rechnungsweisen der
marktwirtschaftlichen Geschäftemacherei und deren verheerende
Wirkungen in ein grelles Licht gerückt.
Wegen dieser Aktualität, und nur wegen ihr, verdient es der längst
verblichene Denker, dass man sich seiner erinnert. Seine Bücher
helfen, die ökonomische Wirklichkeit heute zu erklären. Das will der
Vortrag anhand von Zitaten aus dem ersten Kapitel von „Das Kapital“,
Band 1, „Die Ware“ demonstrieren. Angeboten werden ungewohnte Gedanken
über Gebrauchswert und Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit, Geld
und Nutzen, Arbeit und Reichtum – Begriffspaare, die unsere moderne
Welt nicht mehr auseinander halten kann, während sie tatsächlich die
härtesten Gegensätze enthalten.
Die Menschenrechte:
Heiligenschein und diplomatische
Waffe der Staatsgewalt
Zeit: 24.5., 20 Uhr
Ort: Kulturladen KFZ, Marburg
Referent: Rolf Röhrig
Keine Woche vergeht, ohne dass private Vereine wie Human Rights Watch, Journalisten oder Politiker Menschenrechtsverletzungen anprangern. Die Liste reicht von Folter und Wahlbetrug bis zu gesperrten Internetseiten. Auf der Anklagebank sitzen in der Regel auswärtige Regierungen oder "selbsternannte" Diktatoren, und das zumeist ideelle Gericht setzt sich aus Freunden und Vertretern der westlichen Wertegemeinschaft zusammen. Die zitierten Übergriffe sind an der Tagesordnung, weil der Globus von Staaten bedeckt ist, die sich ihr mehr oder weniger benutzbares Fußvolk mit Gewalt gefügig machen. Der Vorwurf der Verletzung von Menschenrechten will freilich gar keinen positiven Grund für die Brutalitäten der Politik entdecken. Fehlende Rechte, schlechtes Regieren lautet die Kritik, die ein einziges Plädoyer ist für gutes Regieren, Herrschaft also.
Und das soll nur durch die Beachtung der Menschenrechte zu haben sein. Sie gelten nämlich als aus der Natur des Menschen entspringendes Recht auf Respekt durch die staatliche Obrigkeit, als Recht nicht durch, sondern gegen den Staat, als Regelwerk, das nicht wie sonst üblich die Bürger, sondern die Staatsmacht zu Wohlverhalten verpflichtet. Eine Paradoxie, weil der Staat selbst keiner Gewalt unterliegt, die ihn verpflichten könnte. Es ist umgekehrt, er als höchste Gewalt definiert selbst Rechte und Pflichten. Wenn Staaten sich dennoch in die Pose werfen, diesen famosen Rechten zu folgen, handelt es sich bestenfalls um eine Selbstverpflichtung, die in dem Versprechen besteht, auf solche Übergriffe zu verzichten, die sie nicht für nötig halten. Herrschaft light, diese Verklärung des einzig denkbaren Täters für politische Gewalt zur Schutzmacht ihrer Objekte, das gefällt Untertanen. Sie fürchten sich nämlich nicht zu Unrecht vor dem, was ihre Herrschaft alles könnte, wenn sie es denn wollte.
Dieselbe Staatsgewalt, die nach innen unbedingt durch den Menschenrechtskatolog von Grobheiten gegen ihre Bürger abgehalten werden muss, ist nach außen der erste Bündnispartner für die privaten Anhänger der human rights. Wo immer in der Welt sie die Einhaltung der Menschenrechte einklagen, die heimische Politik ist bevorzugte Ansprechadresse für die Durchsetzung menschenrechtlicher Standards. Denn nur die Gewalt vermag, wovon sie nur träumen können, nämlich ganze Regierungen auswärts unter Aufsicht zu stellen. Selbst Kriege wie der auf dem Balkan werden im Namen der Menschenrechte durchgefochten, ohne den Beifall der privaten Menschenrechtler zu verspielen. Im Gegenteil.
Nicht nur das muss nachdenklich stimmen.
© GegenStandpunkt Verlag 2012