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Diskussions-Veranstaltung


Gesundheit

- ein Gut und sein Preis

Mit einer Kritik am Gesundheitswesen und seinem Medizinbetrieb macht man sich leicht Freunde. Ärzte sind Geldschneider, Kurpfuscher oder beides. So etwas gibt es. Kassenbeiträge steigen, Versorgungsleistungen werden gestrichen. Auch das passiert. Und als Gipfel der Kritik: Gesundheit darf keine Ware sein!

Einwände dieser Art monieren die mangelhafte, fehlende oder gar vorenthaltene Leistung des Gesundheitsbetriebs und fordern Besserung. Diese Kritik ist unsere Sache und die der vorgestellten Broschüre nicht. Was ist, wenn der Skandal gar nicht in fehlender Leistung, sondern in der Leistung selbst und ihrem Zweck liegt, für den ein riesiger Gesundheitsapparat in dieser Gesellschaft unterhalten und massenhaft in Anspruch genommen wird? Was ist, wenn weniger eine halbherzige Bedienung der Patienten als deren massenhafter Bedarf an ärztlicher Hilfe ein böses Schlaglicht auf diese Gesellschaft wirft?

Millionen arbeiten sich neben ihrem Beruf an einer „gesunden Lebensführung" mit Fitness-Studio, Anti-Stress-Programmen und Bio-Kost ab, um Belastungen auszuhalten, die schwer aushaltbar sind. Gesundheit ist offenbar kein Zustand, sondern ein dauernd zu erkämpfendes, weil angegriffenes Gut. Von ein paar natürlichen Erregern geht der Angriff auf den Organismus schon lange nicht mehr aus. Die großen Volksseuchen sind in unseren Breiten ausgestorben. Die moderne Menschheit laboriert und stirbt an „Zivilisationskrankheiten". Was ist das für eine Sorte Zivilisation, die Kreuzzüge gegen das Rauchen und für ihren Atommüll den Begriff des „Restrisikos" erfunden hat?

Der Staat stellt neben die Erwerbswelt seiner Gesellschaft einen Gesundheitsapparat, der in großem Stil in Anspruch genommen wird. Die kapitalistische Wirtschaft mit ihren Leistungsanforderungen und Umeltbelastungen sowie die aufreibende Lebensform von Erwerbsbürgern sind Großverbraucher von Gesundheit. Deswegen soll der staatliche Gesundheitsbetrieb den Verschleiß reparieren, weil sonst die Belastungen nicht auszuhalten und die Anforderungen nicht zu erfüllen sind, die die Welt der Konkurrenz ihren Insassen abverlangt. Ist das mit staatlicher Fürsorge und Güte zu verwechseln, nur weil auch Arbeitslose und Rentner in den Genuss medizinischer Versorgung kommen?

Der Arzt kann – im Großen und Ganzen – nichts dafür, dass ihm seine Geschäftsbedingung, der Nachschub an Krankenmaterial, nicht ausgeht. Er will einfach nur helfen und heilen. Er steht felsenfest auf dem Standpunkt der Zuständigkeit für die organischen Wirkungen, die die gesellschaftlichen Ursachen an der Physis anrichten. Und genauso fest geht er von seiner Unzuständigkeit für eben diese Welt der „zivilisatorischen" Ursachen aus. Er hält es ganz mit Hippokrates: „Dem Menschen helfen!" Wem dient er damit eigentlich alles?


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